Nr. 199
Zweites Blatt
Samstaa, ven 25 Auaust 1906
15. Jahrgang
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(Hießener Weitung)
für Oöerhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für (Siegen und Umgebung.
K^thält alle arntlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des Großb. Voli^eiamtes Gießen und anderer Nesiärd^n non ^h^^^ L<JMWw«WB.OMg1g£^d«^a«g\£^^sat^aagkrfMMa^.^yBggaKig^Ai^Mn<Mt^ 11 wnm
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Gin Opfer des Korsen.
— Zum 100. Todestage J. Philipp Palms. —
Die Stadt Nürnberg hat ihre große Landesausstellung zur Erinnerung an die vor 100 Jahren erfolgte Einverleibung der vormaligen freien Reichsstadt in die bayerischen Länder veranstaltet.
Mitten in diese Jubiläumsfeier fällt der hundertste Lrauergedenktag um einen der besten Söhne Nürnbergs, den Buchhändler I. PH. Palm, der am 26. August 1806 ein Opfer tyrannischer Willkür wurde. Es war die traurige Zeit, in der Deutschland zu Boden lag. Mißtrauisch verfolgte der erste Napoleon jede Regung nationalen Gefühls in 6em unterjochten Lande. Ein besonders wachsames Auge richteten seine Häscher auf die Flugschriften, die das Unglück und namentlich die Wehrlosigkeit des Vaterlandes scharfer Beleuchtung unterzogen. Da erschien im Jahre 1806 in Nürnberg eine kleine Schrift ohne Angabe des Verfassers, Verlegers oder Druckers unter dem Titel: „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung." Die Schrift geißelt das Verhalten der französischen Truppen in Bayern, die das Land „durch Fressen und Saufen aussogen" und wandte sich in energischer Weise gegen Napoleon selbst. Die ftanzösische Regierung erhielt Kenntnis von der Flugschrift.
Strengste Untersuchung wurde durch Marschall Berthier in München angeordnet. Als Verbreiter wurde bald Palm ermittelt. Am 28. Juli erschienen vier schwarzgekleieete Herren in der Steinschen Buchhandlung zu Nürnberg, deren Besitzer Palm war, und nahmen eine eingehende Haussuchung vor. Die Nachforschungen blieben jedoch resultatlos, da der Gehilfe rechtzeitig einen Ballen mit den gesuchten Broschüren in einem Brunnen versenkt hatte. Der auf einer Geschäftsreise befindliche Palm wurde brieflich unterrichtet. Er reiste trotzdem getrojt am 8. August nach Hause, da er annahm, ihm drohe keine Gefahr. Etwaigen Nachfragen glaubte er durch die Behauptung entgegentreten zu können, die Flugschriften seien ihm nur zur Weiterspedition in verschlossenen Paketen übergeben worden. Napoleon hatte aber in einem Briefe an Berthier vom 5. August bereits geschrieben: Es ist mein Wille, daß die Buchhändler von Augsburg und Nürnberg vor ein Kriegsgericht gezogen und in 24 S t u n d e n erschossen werden."
Als Palm bei seiner Rückkehr die Verhaftung seines Augsburger Kollegen vernahm, begab er sich auf den Rat seiner Angehörigen nach Erlangen; das unter preußischem Schutze stand. Sorge um Familie und Geschäft trieben ihn wieder heim, doch verbarg er sich. Am 14. August kam ein ärndicfj gekleideter Junge ins Geschäft und wünschte den Buchhändler Palm selbst zu sprechen, da es sich um Unterstützung einer alten Soldatenwitwe handele. Der ahnungslose Gehilfe führte den Burschen mit seinem Gesuch zu Palm der diesem 24 Kreuzer schenkte. Kurz darauf kam der Junge mit zwei Gensdarmen zurück. Palm wurde im Auftrage dès Generals Frère verhaftet. Herzzerreißend war der Abschied von den Seinigen; der unglückliche Buchhändler wurde sofort ins ftanzösische Hauptquartier nach Ansbach nach der österreichischen Grenzfestung Braunau gebracht. Vergeblich waren die Schritte, die zu seiner Geltung unternommen wurden. Das Bittschreiben seiner Gattin an Marschall Berthier blieb unbeantwortet, das Vorstellungsschreiben des Nürnberger Rats erhielt abschlägigen Bescheid, ein Handschreiben des Bayernkönigs Max Joseph an den Generalkommissär Grafen von Thürheim erreichte erst seine Adresse, als das Urteil schon vollzogen war.
Die Verhandlung des Kriegsgerichts begann am 24. August, hatte schon beim Abschiede von seiner Frau dieser ge- jagt: „Ich kann dir den Verfasser nicht neunen, er ist Familien- lüic i^* und es kostet ihn sein Sehen, wenn ihn verrate. Dabei blieb er. Spätere Feststellungen ergaben, daß das Büchlein den Kammerassessor Konrad von gellin zum Autor hatte. Das Kriegsgericht erklärte Palm «chiildig des Hochverrats als Verbreiter der gegen S M den Kaiser gerichteten Schandschrift. Das verhängte Todesurteil «ollte innerhalb dreier Stunden vollstreckt werden. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich bei der Urteilsverkündigung der Brust des Unglücklichen. Im Gefängnis gewann er bald 'eine Selbstbeherrschung wieder. Kurz vor der Erschießung ächtete er noch einen Abschiedsbrief an seine Familie: „Ich ^at mir vor Gericht einen Defensor aus, der aber nicht erschien: indessen vor Gott wird er mir erscheinen." Ein katbolischer
Geistlicher gab ihm Trost in seiner letzten Lebensstunde. Dieser schrieb darüber später au Palms Gattin: „Er trug mir auf, Ihnen seine Lieblingslieder, nämlich: „Alles ist an Gottes Segen" und „Gott Lob, nun ist wieder Morgen", welche er noch mehrmals betete, zu notifizieren, daß Sie selbe Ihren Kindern lehren möchten." Am 26. August, mittags 2 Uhr, wurde Palm zur Richtstätte geführt. Das gesamte französische Militär war aufgeboten, auf den Wällen der Festung die Kanonen gerichtet, zur Unterdrückung etwaiger Unruhen. Auf eine Entfernung von zehn Schritten feuerten sechs Soldaten auf den Verurteilten. Palm war schlecht getroffen, er sank auf das Angesicht und stöhnte laut. Wieder feuerten sechs Soldaten auf ihn. Trotzdem atmete er noch. „Da ich bemerkte, daß er noch atme", sagt der Geistliche in seinem Brief, „so zeigte ich dies mit lauter Stimme an, worauf wieder andere Soldaten herbeieilten, das Gewehr auf den Kopf hielten und so abfeuerten, daß die Hirnschale in Stücke zersprang."
Auf Veranlassung des Magistrats von Braunau wurde der Leichnam auf dem katholischen Gottesacker bestattet. 1823 errichteten Palms Kinder ihrem Vater dort ein Grabdenkmal, 1842 ließ König Ludwig I. von Bayern an dem Wohnhause in Nürnberg eine Marmortafel mit der Inschrift anbringen: „Johann Palm wohnte hier, der als ein Opfer fiel napoleonscher Tyrannei." Ein größeres Denkmal wurde nach 60 Jahren in Braunau auf der Promenade errichtet. Ein bleibendes Denkmal ist ihm in den Herzen aller Deutschen gesichert.
A. B.
His ich wiederkam ....
— Betrachtungen eines beimgekehrten Sommerfrischlers. — Die Reisemode. — Daheim und draußen. — Unter dem Laubdach — Friedliche Leute. — Baukünstlerische Entgleisungen. — Besucher« Kolonien. — Der Garten am Hause. — In der Mietswohnung. — Schmuck für den Hof. — Ein Plätzchen zur Erholung.
Nach aller Welt Brauch packte ich vor einigen Wachest auch meinen Koffer, um die für einen Menschen bei 20. Jahrhunderts nun einmal unerläßliche sommerliche Erholungsreise zu unternehmen. Unerläßlich — der Ausdruck ist natürlich so zu verstehen, daß er erst in sein Recht tritt, wenn die Begriffe „Zeit" und „Geld" ihn genügend unterstützen. In der Regel empfindet man draußen schon nach ganz kurzer Zeit, daß man sich daheim zum mindesten behaglicher fühlt und daß eigentlich das so wichttg als „Ausspannung" bezeichnete Reisebedürfnis nur eine Modesache ist. Das ging mir auch so, obwohl ich keines der vielgenannten Modebäder aufgesucht habe. Ich bin in einigen Großstädten gewesen und habe Gelegenheit genug gefunden, Vergleiche zwischen ihnen und unserem, im Verhältnis zu den von hunderttausenden Zeitgenossen bevölkerten Zenttalpunkten, ziemlich bescheidenen Heimatsort zu ziehen. Und ttotzdem — der Vergleich fiel wahrhaftig nicht immer zu unseren Ungunsten aus. Zum Beispiel vermißte ich fast überall in den stolzen Straßenfluchten zur Abendzeit die gemütliche Versammlung der Hausgenossen vor der Türe zu freundlicher Zwiesprache, zum Genuß der frischen Lust nach des Tages Last.
Es ist merkwürdig, wie heimisch auf unser Gemüt ein Sitzplatz unter einem Laubdache oder schatttgen Bäumen vor dem Hause wirken kann — auch auf den Fremden, der vielleicht tausende von Meilen von seiner Heimat entfernt ist.
Warum wirkt denn nun der Sitzplatz vor dem Hause so einladend? Weil er uns da von ftiedlichen Leuten berichtet, die noch Rast und Ruhe nach der Arbeit kennen, die nicht aufgerieben werden von der ständigen geschäftlichen Hast der Neuzeit und die noch Fühlung haben mit den Nachbarn, deren Schicksale sie fast ebenso gut kennen, wie die eigenen. Und so ist der Sitzplatz vor dem Hause schließlich zum architektonischen Ausdrucksmittel der Wohnlichkeit eines Wohnhauses geworden. Aus der vor die Tür gesetzten Bank haben sich die Hallen, Veranden, Terrassen und Balköne entwickelt, welche die Architektur der Wohn- und Landhäuser so abwechslungsreich gestalten.
Einen Sitzplatz vor dem Hause begehrt eigentlich heute schon jeder Inhaber einer Wohnung — selbst derjenige, der sehr wenig daheim sitzt und dem Ruhe und Behaglichkeit sehr ftemde Begriffe sind. Aber wenn man die einzelnen Räume und die Einrichtungen einer gemieteten Wohnung oder eines gepachteten Hauses herzählt, dann gehört auch ein Balkon, eine Laube oder eine Loggia dazu. So ist der Sitzplatz vor dem Hause vielfach zu einem bloßen Vrunkmittel aeworden
— leider. Die Architekten haben sich daran gewöhnt, Balköne inzulegen, die eigentlich gar keine Balköne sind, die nur aus ?inem schmalen Vorsprung bestehen, auf dem kaum ein Stuhl Platz finden kann. Es ist eine erbärmliche Scheinarchitektur ohne praktischen Zweck.
Wo die Balköne und Terrassen nicht wirklich den Zweck zu erfüllen haben, für den sie im Grunde bestimmt sind, da soll man sie denn doch schon lieber ganz wrtlassen. Vor allen Dingen müssen sie geräumig sein, um nner Familie und einer beschränkten Zahl von Gästen Platz ;u bieten. In der mittleren Stadt kann sich vielfach eine zanze Kolonie von Besuchern vor dem Hause ansammeln, Ihne eine Verkehrsstörung zu verursachen. Und wenn die Veranda oder Terrasse auch zwei oder drei Meter vor das Haus vorspringt, so ist das auch nicht weiter störend. In Der Großstadt läßt leider die Baupolizei so etwas nicht zu.
Verständige Baumeister haben Aushilfe bei Raummangel gefunden; sie vereinigten den Balkon mit einer Loggia; was nfolge der beschränkten Auskragung an Tiefe fehlt, das geben 'ie durch Bildung einer Nische in der Frontwand hinzu. Loggien sind hinter der Frontwand im Innern des Hauses iegende kleine Hallen, die nur nach einer Seite freien Ausblick gestatten, sonst aber allseitig geschlossen sind. Wird nun Dor eine Loggia, die man auch nicht gern zu tief in das Haus hineinbaut, noch ein Balkon von zulässiger Tiefe ge= laut, so kann man durch die Vereinigung von Balkon und Loggia schon recht schöne Räume gewinnen, die einem größeren Familienkreise Platz bieten. Die Loggia gewährt dann auch Den Vorteil, daß man bei minder günstigem Wetter durch )ie Ueberdeckung und die Seitenwandungen gegen Wind unb Kegen geschützt ist.
Am vorteilhaftesten gestaltet sich natürlich die Anlage Don Sitzplätzen im Freien bei fteistehenden Landhäusern und Villen. Die Entwicklung großer Kolonien mit villenartiger Bebauung in der Nähe der großen, bevölkerten Städte wird 'chon dadurch hinlänglich erklärt. Wer etwas Liebe zur Natur besitzt, wird auf einen Garten am Hause, auf Sitzplätze im Freien und auf eine freundliche Umgebung bei der Wahl seiner Wohnung ein Hauptgewicht ^egen.
Bei fteistehenden Gebäuden, die nur ein- bis zweistöckig ingelegt werden, erhält der Sitzplatz vor dem Hause in der Regel nicht die balkonartige Ausbildung. Hier ist man ja u der Anordnung großer vorspringender Hallen und Terrassen, Die unmittelbar mit dem Erdgeschoß in Verbindung gebracht werden können, nicht beschränkt. Außerdem genießt man hier Den Vorteil, Sitzplätze auf allen Seiten des Hauses anordnen and mit dem Garten durch kleine Freitreppen in Verbindung bringen zu können.
Eine Mietswohnung wird allerdings selten so bedeutende Vorzüge besitzen. Aber auf einen bequemen Balkon, eine kleine Terrasse oder Laube an der Gartenseite sollte Jeder Gewicht legen und sich dieses Plätzchen mit bequemen Sitz- möbeln ausstatten und mit Pflanzen schmücken. Denn der ruhige Genuß der arbeitsfreien Stunden im Freien vor dem hause vermag die Lebensfteude ungemein zu steigern.
In weniger bebauten Städten sollte man auch auf den gärtnerischen Schmuck der Höfe mehr Gewicht legen und Die Grundrisse möglichst so durchbilden, daß die nach dem Hofgarten hinaussehenden Zimmer, namentlich die Schlafzimmer mit schönen weiten Balkönen versehen werden können. Das wären Ruheplätze für erholungsbedürftige Leute, und di« Balkons an den Straßen könnten darum doch bestehen bleibe«
Vermischtes.
= Neue Steuern und neue Wertzeicheu. In der Reichs- jruckerei in Berlin wird z. Z. fieberhaft gearbeitet, 126 Sorten von Wertreicben für die Ziaarettensteuer, Fracht- stempelsteuer und Perj onen-Fayrkartenlteuer, jowre oret dorten Don Steuerkarten für Kraftfahrzeuge müssen hergestelll werden. Bis Mitte Juli sind ungefähr 119 Millioner Zigaretten-Steuerzeichen, 29 Millionen Frachtstempelmarker und 120 000 Steuerkarten, zusammen 148120 000 Stück, versandt worden. Allein die Zigaretten- und Frachtstempelzeichen stellen einen Nennwert von ungefähr 42 Millioner Mark dar.
= Gin hartnäckiger Selbstmordkaudidat ist der Jnfanteriji des 37. Infanterie-Regiments Johann Kirstan aus Groß, wardein. Kaum in die Kaserne eingerückt, schnitt er sich mit
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