«r. 302.
Montaq, bei 24 Dezember 1906
15. Jähring
•MHmw *wlq»e8iitee: Gieße», Seckter-we- 88.
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(£«#♦«« Hâzâ*«r Auavhängige L«grs;-itu«s (Lietzener Ieit»«M für DkerHeffs« mck die Keeffe Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und llmgebung.
Enttzâtt aLe nmtkch-n $dw*WH^M88<tt der 6hro^. Bârgernreistsrei Gießen, des Gr-oßh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von OberheMn.
Vie Rekbstagswabkii.
Hessen und Hessen Nassau.
Ter vaiionalliberale Verein Gießen h!elt cm gestrigen Nachmittag im Case Ebel eine Vertrauensmännerversammlung ab, die namentlich auS den ländlichen Bezirken des Wahlkreises äußerst zahlreich besucht war. Dec derzeitige Vorsitzende des nationalliberalen Vereins, Stadtverordneter Kirch, leitete die Versammlung und erstattete nach begrüßenden Worten an die Erschienenen Bericht über die bis jetzt eingeleiteten Schritte und Verhandlungen mit den dem nationalliberalen Verein nahestehenden politischen Parteien. Alsdann berichtete der Schriftführer Dr. Krausmüller über die leider resultatlos verlaufenen Einigungsversuche dec liberalen Parteien in Darmstadt, betonend, daß der Bericht in der Frankfurter Zeitung sich nicht mit den wirklichen Vorgängen decken würde. Nach längerer eingehender Aussprache, an der sich u. a. die Herren Prof. Dr. Birmer, Pros. Dr. Biermann, Lehrer Wa gn e r' Großen- Buseck. Jöckel-Grünbergbeteiligten, wurde beschlossen, den seitherigen Reichstagsabgeordneten Kommerzienrat He yUgeuftaeVt zur Wiederwahl zu empfehlen und dementsprechend nachstehende Resolution einstimmig gefaßt:
Die Versammlung erkennt die ersprießliche Tätigkeit des seitherigen, von den liberalen Parteien im Jahre 1903 aufgestellten und gewählten bewährten Reichstagsabgeordneten Kommerzienrat Heyligenstaedt dankend an und beschließt, ihn für die bevorstehende Reichstagswahl kräftig und energisch zu unterstützen.
Die Versammlung bedauert aufrichtig, daß eine Einigung dec liberalen Parteien in Darmstadt nicht zustande gekommen ist und gibt dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, daß die mit den hiesigen politischen Vereinen eingeleiteten Verhandluugen zu einem befriedigenden Abschluß gelangen möchten. Ter tatsächliche Erfolg bei der letzten Stadtverordneten-, Landtags- und Reichstagswahl dürfte ein gemeinsames Vorgehen rechtfertigen, um hierdurch dem Wahlkreise eine würdige vaterlandsgetreue Vertretung im deutschen Reichstage zu e» halten.
Der zweite Vorsitzende, Rechtsanwalt Kaufmann, richtete alsdann an die Anwesenden einen warmen Appell zur tatkräftigen Mitarbeit in dem bevorstehenden Wahlkampf und brachte zum Schluß der gut verlaufenen Versammlung ein Hoch auf das Vaterland aus, das begeisterten Widerfall fand.
Die Eilliguagsverhandlungen zwischen der national- liberalen Partei und der Freisinnigen Volkspartei über die Ausstellung eines gemeinschaftlichen Kandidaten im Wahlkreise Darmstadt sind gescheitert. — Die Nationalliberalen stellen deshalb Landtagsabgeordneten Rechtsanwalt Dr. Osann als Kandidaten auf.
Alsfeld. Die sozialdemokratische Partei stellt den Stadtv. Orbig in Gießen als Kandidaten auf.
Bad Nauheim. Die Freisinnigen wollen die Kandidatur des Grafen Orrola nicht unterstützen, sondern selbständig vorgehen.
Die Sozialdemokratie des 4. nassauischen Wahlkreises (Ober- und Unterlahnkceis) stellt als Kandidaten den Gewerkschastssekcetäc Habicht aus Frankfurt a. M. auf. Die christlich organisierte Arbeiterschaft hat den Gewerk- schaftsfekcetär Schmidt-Dillenburg in Aussicht genommen.
Mas soll ich schreiben?!
— Gedanken eines Leitartiklers am Heiligabend. —
Es ist wirklich ein ganz netter Junge, der Lehrling aus der Druckerei. Ich hatte mir schon vorgenommen, ihm auf sein frisches Gesicht hin einen blanken Taler zum Fest zu schenken. Er würde zwar nichts Vernünftiges damit ansangen, sondern hingehen und seine vierzehnjährige Seele mit. unendlichen Zigarettendämpfen vergiften — aber immerbin. Doch jetzt bin ich zweifelhaft geworden, ob ich ihm nicht besser ein Paket Pfefferkuchen und einige Zuckerstangen versetze. Auf die Gefahr hin, das jugendliche Herrenbewußtsein tödlich zu kränken. Kommt der Bengel doch nun schon zum drittenmal und ruft die stets energischer klingende Forderung nach dem „Weihnachtsartikel" ins Zimmer.
Nun ja, der Bursche trägt eigentlich keine Schuld. Unmöglich darf man es ihn entgelten lassen, daß sein Gebieter, der Herr Faktor, die Zeitung fertig stellen und nicht mehr langer auf den Festhymnus warten will. Habe doch selbst neulich in einer schwachen Stunde die Arbeit zugesagt. Und nun soll das Blatt in die Presse, die Setzer und Drucker
wollen heimgehen zu ihren Frauen und Kindern. Ich aber zermartere vergeblich das Denkerhirn, um schöne und gediegene Worte zu finden, der Bedeutung des Tages und der Weihe der Stunde angemessen. Gleich nach Tisch legte ich ein Dutzend Blätter auf den Schreibtisch, nahm eine neue Feder, tunkte sie vorsorglich ins Tintenfaß und begann: „Mit ehrfürchtigem Schauer feiern wir wieder das schönste Fest---"
Nein, das ging nicht. Mußte ich doch schon irgendwie gelesen haben. Also etwas anderes, ©mut nach und sann nach, bis mir kribblig in den Fingerspitzen und wirr im Kopfe wurde. Nicht allein die „ehrfürchtigen Schauer" und „das schönste Fest" waren bekannt. Es gab ja gar nichts mehr, was nicht schon ein anderer besser und schöner gesagt hätte. Die ausschweifendsten Episoden, die überschwenglichsten Wortbildungen — alles dagewesen. Der kurze Winternachmittag verging, die Dämmerung brach aus den Ecken und schaute neugierig zum Fenster herein und immer noch lagen die weißen Folioseiten unberührt da, keines geistreichen Gedankens Schnörkelzüge verunzierten sie. Wenn das Zitieren nicht ganz in Verruf gekommen wäre, hätte ich mit dem seligen Faust verzweifelnd gerufen:
„Da sitz ich nun, ich armer Tor Und bin so klug als wie zuvor."
So ging ich nur heran ans Fenster und sah auf die Straße. Hurtig eilten in der Winterkälte die Menschen dahin, beladen mit Päckchen und Packen und Kasten und Düten. Die Läden senden breite Lichtgarben auf die Gassen — ich könnte vielleicht reden über die Selbstlosigkeit und die Liebe, die heute Blüten treiben trotz Frost und Schnee. Ueber die prächtige Sitte, den Nebenmenschen, geliebte Angehörige und bedürftige Arme mit Gaben zu überraschen nnb zu erfreuen. Doch wenn ich nicht irre, beschäftigte ich mich im vorigen Jahre mit ähnlichen Sachen — das kann ich der Zeitung unb ihren Lesern nicht zumuten.
Ob es mit einer politischen Exkursion etwas wäre? Wie die versöhnende heilige Nacht gleich einem Friedensengel sich herabsenken soll, Gegensätze mildernd und feindliche Interessen ausgleichend, wie sie die Menschen anfeuern soll, ihre Kräfte hinzulenken auf das eine große und würdige Ziel, auf die Wohlfahrt des gesamten Volkes und des Vaterlandes, statt sich zu zersplittern und zu erschöpfen in nichtigen Kämpfen um Nebensächlichkeiten! — Doch ein politisch Lied, ein garstig Lied — ich höre bereits, wie mir ein eingefleischter Parteifex auseinanderfetzt, daß ich gar feine Ahnung davon habe, tune eine Nebensächlichkeit und was die Hauptsache sei. Er wolle mir ganz genau und haarklein beweisen, daß einzig und allein bei ihm und seinen politischen Freunden die Rettung aus allen Nöten der Zeit gefunden werden könnte. Würde mir rechtzeitig einen Wahlzettel zuschicken. — Danke sehr, will überhaupt nichts wissen von der Politik. Es ist Weihnachten.
Oder soll ich schreiben über den Wert und Unwert der Geschenke, über die Heuchelei und die konventionelle Hand, die gibt, weil sie muß und weil es so Sitte ist; über die Schwäche des menschlichen Herzens, das sich zum Christtage schier erschöpfen will in überquellenden Liebesbeweisen, sich berauscht an klingenden Worten der Empfindelei und vierundzwanzig Stunden später zurückkehrt zu den Pfaden, auf denen der Neid, die Bosheit und die Unverträglichkeit gedeiht? — Könnte mir schlecht bekommen. —
Doch, was ist das? Drüben beim Nachbar wird ja schon der Baum angezündet. Der Vater ist gekommen, hat das Jüngste auf den Arm gehoben und die andern — es find wahrhaftig noch vier — tanzen Um die im Kerzenschein sttahlende Tanne. Wie die Gesichter glühen, die Augen glänzen. Jetzt singen sie. Was ist es denn nur gleich. Richtig — „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit."
Mit den innigen Tönen schwebt die Erinnerung leise herbei, leise. Sprang auch einst um den gabengefüllten Tisch mit dem leuchtenden Stämmchen. Weihnacht, heilige Nacht, wie viel Glück brachtest du dem kindlichen Herzen! Süße Geheimnisse bargst du und schillernde Märchen. Ueber weite Schneefelder hob die Sehnsucht ihre bunten Flügel und trug meine suchende Phantasie bis an die Pforten der Unendlichkeit. Und schier will mich bedüuken, daß auch jetzt noch die alte Sehn'ucht lebt, daß auch diese W^i' nacht des Jahres 19i»6 uns emporheben wird aus den Nied^ n der Alltäglichkeit und dem grauen Sorgenstaub widriger Geschicke.
„Welt ging verloren, Christ ward geboren,
Freue dich, freue dich, o Christenheit" fingen die Kleinen drüben. Ja, freuen wir uns allesamt über das Heil, das aus reineren Höhen uns gegeben wird.--
Da naht auch^der Setzerjüngling wieder . . . Hier ist der Tialer, und ich lasse die ganze Druckerei vom Herrn Prinzipal bis zum Ausläufer und alle Leser der Zeitung schön grüßen und jedem ein fröhliches, zuftiedenes Weibnachtsfest wünschen. Allein schreiben — schreiben mag ich heute nicht!
H. G-s.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Eine ziemlich beträchtliche Herabsetzung der Gebühre« für vom Auslande eingeführtes Fleisch ist geplant. Der Bundesrat wird sich in allernächster Zeit mit der Angelegenheit befassen. Die Herabsetzung soll zunächst für einen be
grenzten Zeitraum erfolgen und zwar deshalb, weil schon bei Erlaß der Gebührenordnung eine Revision der Gebührensätze in Aussicht genommen war.
* Der Königsberger Professor R. Siegfried richtete einen offenen Brief an den Reichskanzler um erhöhten Schutz des Wahlgeheimnisses bei den bevorstehenden Reichslagswahlen. In dem Briefe wird verlangt, daß in den Wahlausschreiben der Regierung den Wahlvorstehern und Wahlbeifitzern streng untersagt wird, Gegenlisten zu ftihren. Sollten Personen, auf die sie keinen Einfluß auszuüben vermögen, Aufzeichnungen über die zur Wahl Erschienenen machen, so haben die Wahlvorsteher die Pflicht, die Urnen vor ihrer Entleerung einer energischen Durchschüttelung zu unterziehen. Der Weitergebrauch als mangelhaft erkannter Wahlurnen ist zu untersagen. Wie man hört, gedenkt die Regierung diesen Anregungen Folge zu geben.
Russland,
** Ein kaiserlicher Ukas setzt als Termin für die Duma- Zahlen den 19. Februar 1907 an. Dieser Ukas gilt nicht hu den Nordkaukasus, für 'den Transkaukasus, Mittelasien und ^^öftien, für welche Gebiete der Wahltermin noch nicht sest-
** In Lodz hat ein Uebcrfnn ans einen Verleger stattgefunden. Drei Leute drangen in das Papiermagâzin d s Verlegers der Lodzer Zeitung und verwundeten ihn durch Revolverschüsse. Auf dem Transport nach dem Krankenhaus starb der Verwundete. Als ®ri!nb für den Mordanschlag wird angeführt, daß sich der Verleger geweigert haben soll, eine Proklamation der Sozialisten und Demokraten zu brusfeu.
Balkanstaaten,
** Der Nachfolger des Sorbeten Alexanders, König Peter von Serbien wird fehlt . ones nicht froh. Es wuk letzt bekannt, daß zweimal im letzten Jahre Abgesandte aus Belgrad zum serbiichen Gesandten in London gekoinnien sind, um seine Sympathie für die Einsetzung des Prinzen Arthur von Connaught auf den serbischen Thron zu gewinnen; er sei sogar ersucht worden, die Sache dem Herzog von Connanghi oorzulegen und dessen Zustimnlting zu bewirken. Der Gesandte machte den Auftraggebern klar, daß nicht die geringer Aussicht bestehe, daß ein englischer Prinz den serbischen Thron annehme. König Eduard würde nie seine Zustimmung zi einem solchen Plane geben, ferner verlautet, eine Partei in Serbien r den Prinzen Mirko von Montenegro, eint Oldere inzen Georg Wilhelm, ältesten Sohn : s Herzogs vun Cumberland, atu den serbischen Thron fe^cn.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 22. Dezember. Durch königliche Verordnung werden beide Häuser des preußischen Landtages zum 8. Jar.r ar 1907 einberufen.
Berlin, 22. Dezember. Die mehrfach angeregte Revision der Geheimmittellisten wird, wie verlautet, in kurzer Zeit erfolgen, nachdem die auf dem Gesundheitsamte über diese Materie gepflogenen Sachverständigenbcratungen sich ihrem Ende nähern.
Berlin, 22. Dezember. Der Reichstagsabgeordnete Roeren hat wegen des „Offenen Briefes" von dem früheren Bezirks- leiter Geo A. Schmidt Strafantrag gestellt.
München, 22. Dezember. Wie der Kgl. bayerische Oberst, kämmererstab bekannt givt, nimmt der Prinzregent Luitpolt alle aus Anlaß des bevorstehende:! Jahreswechsels ihur zu« gedachten Glückwünsche dankend für empfangen an, wünstül also keinerlei Zusendungen >>.
Wien, 22. Tezen-b i hlreform ist durch die fehlen Beschlüsse des Herren! n i: Dach und Fach gebracht. Das Gesetz übe .e l der Mitglieder des Reichsrats und die Reichsratswuylordnung wurde in dritter Lesung an, genommen.
Paris, 22. Dezember. Nach siebenstündiger Debatte wurde das Gesetz über die Kultusfi elheit mit unwesentlichen Zusätzen mit 413 gegen 166 Stimmen angenommen.
Christiani», 23. Dezember. Der deutsche Gesandte Dr. Stübel reiste auf Urlaub nach Deutschland ab. Er sei d aicht mehr auf seinen Po^ zurück.
Konstantinopel, 22. mber. Die Pforte hat gegen die Absicht Englands Protest eingelegt, das Sinaigebiet als ein anabhängiges Departement unter einen englischen Funktionär ju stellen. Aegypten sei ein unabtrennbarer Teil der Türkei.
Heer und flotte.
Drahtlose Telephons bei der deutschen Marine. Den neuesten Fortschritten in der Uebermittelung von Nachrichten durch Telefunken wird auch seitens der Marine besonderes Interesse entgegengebracht, da es bei den, namentlich auch an Bord des Kreuzers „Nymphe", angestellten Versuchen mittels des Ruhmerschen Apparates nur möglich war, bis auf höchstens 15 Kilometer Entfernung eine telephonische Verständigung ohne Draht zwischen den Schiffen herzustellen. Kürzlich gelang der Teleftrnkengesellschaft bekanntlich die Verständiglmg zwischen Berlin und Nauen, also auf eine Entfernung von 10 Kilometern. Nunmehr wird die drahtlose Tehephonie üj