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«r. 250

Mittwoch, Pen 24. Oktober 190b

15. Jahrgang

«Maliua *^eeHer*e>ittMt: Siet«», Sl»«««»e, W.

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Neueste Nachrichten (*i*wr t^eeeMirfO Knaöyâugig« Tageszeitung _ < lHi-ßener Weitung)

Kr O-erhefie« und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Metzen und Umgebung.

Enthält alle amtlicheu Bekanntmachungen der Grohh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Beßürd->n von Pf^rf»,.'".-,

Kabinettskrisen.

Es kriselt hier, es kriselt dort, eS kriselt beinahe bt der ganzen Welt, und wo es etwa noch nicht kriselt, da steht »an kleinen Krisen erwartungsvoll entgegen. Wir mache» keine Ausnahme. Nur haben wir unsere kleine Krise bereits hinter uns: den Wechsel in der Leitung der Kolonialverwaltung. Der Nachhall der Krise wird in den Reichstagsvcrhandlungeir noch kommen. Doch der Sturm wird sich aller Wahrscheinlich­keit »ach nicht mehr gegen das Kolonialamt richten. Im Gegenteil ist dir Vermutung gestattet, daß von der Kolonial­verwaltung aus den maßlosen Uebertreibungen ein Ende be­reitet werden wird, in denen ein Teil der Presse sich ge- fallen hat. An den internationalen Kabinettskrisen aber, wenn man so sagen darf, sind wir recht sehr beteiligt. Nicht überall gleichmäßig. Die Krisis in der Leitung der Aus­wärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns geht uns nahe genug an. Zwar wußte man schon seit Monaten, daß Graf Goluchowskiè Ministerherrlichkeit sich dem Ende zuncige. Zwar weiß man jetzt schon, daß der kommende Mann, welchen Namen er haben, welche Parteistellung ix t>en inneren Fragen er einnehmen werde, ganz unbedingt an dem Bündnis mit Deutschland in Treue festhalten wird. Hat es Gras Goluchowski getan, der als Pole und auch sonst keine Vorliebe für Deutschland h"h so wird es für absehbare Zeit jeder spätere Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns nicht minder tun. Doch es gibt Unterschiede, die merfbar sind, wenn sie auch nicht deutlich nach außen hervortreten. Daß Graf Goluchowski bei dem Handelsvertragèstrctt mit Serbien keine sehr glückliche Hand gehabt hat, würde ihm seine Stellung nicht verdorben haben. Oesterreichischc Minister sind nicht zu Erfolgen ver­pflichtet. In diesem Falle waren dem leitenden Staatsmann übrigens die eigenen Leute in den Rücken gefallen. Die Ungarn sind cs gewesen, die die Geschäfte der Serben gegen Oesterreich-Ungarns Interesse versahen. Es geschah nicht aus Liebe zu den Serben, sondern aus Haß gegen Goluchowski. Und dieser ungarische Haß galt dem Grafen Goluchowski einzig deshalb, weil er den Handelsvertrag mit Deutschland seiner Pflicht gemäß im Namen Oesterreich-Ungarns ab- gelchlossen hatte und nicht darein Willigen mochte, anläßlich der Handelsvertrags, Verhandlungen die Wirt- lchaftlichc Loslösung Ungarns von Oesterreich hcrbci- zufuhren. Der ungarische Haß gilt ein ganz klein wenig auch Deutschland, weil Deutschland es abgclehnt hatte, mit der ungarischen parlamentarischen Opposition gegen die ungarische Regierung zu paktieren. £ 'yt ist diese Opposition

Regierung gekommen und will es Deutschland Nachträgen, daß dies korrekt verfahren ist. Sogar der ungarische Minister- pragdent Wekerle, der für einen staatsmännischen Kops von mehr als gewöhnlicher Begabung gilt, hat Gelegenheit ge. nommen, sich in recht kleinlicher Weise unfreundlich gegenüber Deutschland zu äußern und zu Verhalten. Zu einer Rakoczy- feicr, tue in Budapest stattfinden sollte, hatten einige unparteiische Kaufleute Säbel aus Deutschland bestellt. Die nebc Konkurrenz beschwerte sich bei bem Ministerpräsidenten.

erklärte nicht etwa, daß sie ebenso gute Säbel ebenso billig liefern könne, sondern behauptete, die Verwendung deutscher Sabel würde die ungarische Nationalfeier schänden. Und Herr Wekerle teilte diese Auffassung. Lieber sollten die Banderien mit Knütteln und mit Stöcken als mit deutschen Sabeln ausrücken I Törichter kann sich der Chauvinismus wohl Nicht geberden. Da nun Graf Goluchowski über die Ungarn gefallen ist, so ist anzunehmen, daß die Ungarn bei öer Bestimmung des Nachfolgers für den Grafen Goluchowski von maßgebendem Einfluß sein werden. Die Wahl wird somit nicht gerade auf einen begeisterten Freund Deutschlands fallen. Trotzdem darf mit Sicherheit angenommen werden, daß auch der neue Mann die alten Bahnen nicht verlassen imrd. Oesterreich-Ungarn ist auf das Bündnis mit Deutsch- lanb angewiesen, von dem beide Teile stets Vorteil aebabt haben. °

Auch in Italien hat man mehr als einmal versucht, au einer Lockerung des Dreibundes zu arbeiten. Es war ver- ' Üblich Nach jederExtratour" kehrte Italien reumütig und beschämt zu den vorigen Beziehungen zurück, denen cs die ' ^Msltung seiner Großmachtèstcllung verdankt. Staatssekretär ' " Tschirschkh verweilt seit einiger Zeit in Rom. Seine Aus- ist es, Gewissen und Verstand der italienischen Machthabn etwas zu schärfen.

iOn Frankreich hat Herr Clemenceau die oberste Ekung der Geschäfte übernommen. Er hat in früherer Zeit, ; <er noch journalistisch tätig war, keine überschwängliche Liebe für Deutschland an den Tag gelegt. Dazu war er nicht verpflichtet und niemand hat es von ihm verlangt.

in seiner Abneigung nicht unbesonnen. Er ^l-cd ein kühler Beurteiler der tatsächlichen Verhältnisse, ein «eins waghalsiger Experimente und ein Freund des Friedens. 8ur unsere Wunsche reicht das vollkommen aus.

"^m : es kriselt, doch die Krisen find nicht be» nklich. Der europäische Frieden hat schwerere Proben über» ^^ K wird auch aus der jetzigen ungefährdet hervor-

Oie ßener

Die Forderungen der Bergleute

im Rubrrevier zurückgewiesen.

Nunmehr hat der Bergbaulich« Verein des Ruhrreviers zu den durch die Siebener-Kommission übermittelten Wünschen der Bergarbeiter Stellung genommen. Das Resultat ist die Abweisung der Arbciter-Forderungcn, wenigstens insoweit, als der Bergbauliche Verein es ablehnt, mit der Siebener- Kommission in Verhandlungen einzutreten. Aber auch die etwa von den Arbeiter-Ausschüssen geltend zu machenden Ansprüche haben wenig Aussicht auf Annahme, da der Berg­bauliche Verein aus dem Standpunkt steht, weder die Lohn- Verhältnisse noch die sog. Sperre rechtfertigten ein Vorgehen in der beabsichtigte« Form.

Die Vollsitzung des Bergbaulichen Vereins tagte in Essen. Die Versammlung wurde sich dahin einig, daß als Vertreter der Belegschaften nicht die Verbände, sondern nur die durch Gesetz gefchaffencn Arbeiterausschüsse anzuschen seien, und daß andererseits der Bergbauliche Verein nicht zuständig sei, über die Lohnfcstsetzungen Erklärungen abzugeben. Es wurde beschlossen, den Bergwerksbefitzern zu empfehlen, mit den Arbeiterausschüssen zu den eingereichten Forderungen Stellung zu nehmen, wobei nachgewiesen werden soll, daß seit Jahres­frist die Löhne bereits in rapider, sprunghafter Weise um 10 bis 15 v. H. gestiegen seien und sich noch in fortgesetzter Steigerung beenden. Insbesondere in der letzten Zeit habe die Lohnerhöhung ganz besonders zugenommen, was daraus hervorgche, daß die Durchschnittslöhne im September dieses Jahres sich um mehr als 7 v. H. höher stellten als die Löhne im Durchschnitte des zweiten Quartals dieses Jahres. Die Kohlenpreissteigerung, die in den letzten Jahren durch­schnittlich nur 4 v. H. betragen habe, werde daher von der Steigerung der Löhne bei weitem überholt. Was die Forderung der Aufhebung der sogenannten Sperre betreffe, so könne angesichts eines Belegschaftswcchselè von 27 000 Mann im September von einer Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit der Arbeiter Wohl nicht die Rede sein. Dieser Wechsel sei so bedeutend, daß er geradezu als eine Gefahr für das Leben und die Gesundheit der Arbeiter an. grseheu werden müsse; eine Beschränkung des fortwährenden Wechsels der Arbeitsstätten seitens der Arbeiter sei dringend erforderlich. Die Bergwerksbesitzer würden sich auch nicht das Recht nehmen lassen, geeignet erscheinende Bergarbeiter an» zunehmen oder abzulehnen.

Es muß abgewartet werden, was diesen Beschlüssen gegenüber die Arbeiterschaft tun wird. Jedenfalls ist die Lage absolut nicht geklärt und die Gefahr eines allgemeinen Aus­standes nicht ausgehoben.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Bei der Reichstags-Ersatzwahl im 10. sächsischen Wahl­kreise wurde der sozialdemokratische Kandidat Photograph Pinckau gegen den Nationalliberalen Professor Hasse und den Freisinnigen Lehrer Beck gewählt. Die Ersatzwahl war not­wendig geworden infolge des Todes des sozialdemokratischen Abgeordneten Grünberg. Bei der jetzigen Wahl vereinigten sich Antisemiten und Nationalliberalc aus den rechtsnational­liberalen Hasse, der bis 1903 bekanntlich Leipzig im Reichs­tage vertrat.

Der braunschweigische Landtag nahm in den Be­ratungen zur Throufolgefragc die Anträge der staatsrecht­lichen Kommission an. Jedoch wurde auf Antrag des Staats- Ministers von Otto der Passus gestrichen, nach dem Abschriften des Berichts der Kommission dem Herzog von Cumberland und der preußischen Regierung übersandt werden sollen.

Nach diesem Beschluß wird dem Herzog von Cumberland eine breimonatige Frist gewährt, um sich endgiltig bez. der vollständigen Verzichtleistung auf Hannover durch sämtliche Agnaten zu entscheiden. In seiner Rede betonte Minister von Otto ausdrücklich und wiederholt, daß das Ministerium auf dem Standpunkt stehe, daß ein unbedingter Verzicht des Hauses Braunschweig auf Hannover notwendig sei, bevor an eine Thronfolge in Braunschweig gedacht werden könnte, und führte an der Hand der Akten aus, daß auch seit 30 und tneijr Jahren der Landtag und die Regierung in Braunschweig stets auf diesem Standpunkte gestanden hätten.

* Der in Kassel tagende 11. Parteitag der Deutschen Reformpartei wurde gestern geschloffen. Abg. Zimmermann epebtete zunächst über das Parteiprogramm. Hierauf wurde beschlossen, die allgemeinen Leitsätze unverändert bestehen zu lassen.

Russland.

** Den Behörden find mehrere wichtige Schläge gegen bte Revolution gelungen. Es hat den Anschein, als ob die Bewegung langsam abnimmt. Folgende Meldungen liegen vort

Moskau, 22. Oktober. Heute sanden hier viele Haussuchungen und Verhaftungen statt, welche das Be­stehen eines neuen Bundes der Lost- und Tclearavben-

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beamten aufdeckten. Nach Len erfolgten Verhaftungen, können die Angelegenheiten des Verbandes als liquidiert angesehen werden.

Moskau, 23. Oktober. In einem hiesigen Gefäng­nisse hat man gestern den seit Wochen gesuchten Bankräuber Belenzow entdeckt. Belenzow befand sich in Untersuchungs­haft wegen eines Einbruchsdiebstahls in einer Dorslirche und nannte sich Prokoficw.

Petersburg, 22. Oktober. In der Gendarmerie- verwaltung fand während der Entladung von Bomben eine Explosion statt, bei welcher der die Entladung vollziehende Beamte schwer und ein Gendarmeric-Oberst leicht verwundet wurden.

Petersburg, 23. Oktober. In der Taubstummen­anstalt in St. Petersburg brach in der vergangenen Woche plötzlich ein Aufruhr aus. Die Taubstummen demolierten das Mobiliar, die Fenster und die Türen. Bei der Ver­nehmung sagten sie aus, daß sie ihrerseits keinerlei Be­schwerden und Forderungen vorzubringen hätten, es wäre ihnen lediglich darum zu tun gewesen, ihrer Sympathie für die Freiheitsbewegung Ausdruck zu geben.

Irkutsk, 23. Oftober. In der vorigen Nachtj fand eine Mâssenflucht der Arrestanten aus dem hiesigen, Gefängnisse statt. 17 Arrestanten gelang es zu entkommen,, 9 andere wurden getötet, ebenso ein Gefängnisaufseher, 2 Wärter wurden verwundet.

franhreicb. . /

** Aus dem in Paris eröffneten internationalen Kongreß gegen den Mädchenhandel sind 300 Delegierte anwesend, die 17 Regierungen vertreten. Aus den Bericht des deutschen Delegierten hin nahm der Kongreß mehrere Beschlüsse an, in denen die Nützlichkeit des Einvernehmens zwischen den »er. schiedenen internationalen Komitees zum Zweck der gegen­seitigen Mitteilung über die eingeleiteten Strafverfahren und die erfolgten Verurteilungen wegen Mädchenhandels aus- gedruckt wird. Auch sollen Beziehungen zwischen Behörden und Komitees hergestellt werden, um die Aus fünfte über den Mädchenhandel zu zentralisieren.

Norwegen. - -

König Haakon nahm in feierlicher Wesse zum ersten«? male die Eröffnung des StorthiugS vor. Die Thronrede hob? hervor, sie könne ein lichtes Bild von Norwegens cwgenblick-i lichen Verhältnissen geben. Norwegen flndc seit der Durch­führung seiner Selbständigkeit überall Sympathie. Steuer-i erleichtcrungeu seien für die nächste Zukunft in Aussicht.

Hfrtlu.

* Eine eigentümliche Meldung zu den Kämpfen iw Marokko kommt aus Tanger. Der Magmen hat sich ent­schlossen, keine Regierungstruppen nach dem von den Auf- ständischen eingenommenen Arzila zu entsenden, weil dadurch unnötiges Blutvergießen verursacht werden könnte.

Hfien.

** Das neue persische Parlament hält jede Woche vier Sitzungen ab, die vorläufig der Ausarbeitung von Reglements gewidmet find. Das Parlament findet sich nur schwer in den Regierungsangelegenheiten zurecht; die wichtigster Regierungs- Vorlagen sollen dem Parlamente noch vor seiner Vervoll» ständigung durch die Abgeordneten der Provinz unterbreiled werden. - -

Kleine politische Nachrichten.

Berlin, 23. Oktober. Der italienische Botschafter in Berlin, Graf Lanza, hat sein Abschiedsgesuch eingereicht.

Berlin, 23. Oktober. Kaiser Wilhelm ließ dem Bürger­meister von Venedig Grafen Grimani seine Absicht mitteilen der Stadt Venedig eine Büste Wagners zu schenken. Grimani erklärte mit verbindlichem Dank die Annahme des Geschenkes.

Stuttgart, 23. Oktober. Der Rücktritt des württem- bergischen Ministerpräsidenten Dr. v. Breitling erfolgt nach Auslösung des gegenwärtigen Landtags Ende dieses Monats. Sein Nachfolger wird der Minister des Auswärtigen Dr. V. Weizsäcker.

Köln, 23. Oktober. Die Bezirksversammlung der Arbeiter» Vereine von Köln und Mülheim am Rhein beschloß in Sachen her Fleischnot die Absendung einer Petition an den Reichs­kanzler sowie an sämtliche Zentrumsabgeordnete.

D

stab und fern.

f DaS Resultat der Ballonwettsahr» wird nunmehr offiziell bekannt gegeben. Den Ehrenpreis des Kaisers erhielt Ballon Ernst" (Führer Dr. Brökelmann^, während der Ehrenpreis des Berliner Vereins für Luftschiffahrt dem BallonSohnke" sFüh^r Dr. Emden), zuerkannt wurde. Es gelangten ferner noch fünf weitere Preise zur Verteilung, die den Ballons »Helios" (Führer Dr. Schleia),Helmholtz" (Führer Dr. Elias), Coblenz" (Führer Leutnant Zimmermann),Graudenz" Wührer Hauptmauu Wehrle) undBezold" (Führer Haupt­mann d. R. von Kehler) zugesprochen wurde.

st Au der Grenze. Auf Veranlassung des Amtsgerichts Wittenberg wirb der russische Grenzjäger Franz Malinowski aus Schorzellen (Rußland) gesucht. Er hat auf preußischem Gebiet den russischen Grenzjäger Olczak erschlagen. Der etwa 1,62 Meter große Mann, der ein hageres Gesicht und einen