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Donnerstag, Pen 23. August 1906
15. Jahrgang
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Fer»sprrch«»schl»ß Nr. 368.
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(Gießener Uagevk«tt)
Mnabkängige Tageszeitung
richten
(Gießener Weitung)
fürDverheffm und die Kreise Marburg und Wètzlar; Lokalameiger für Gießen und llmgebung.
f rauen im Hmt.
Vor wenigen Tagen war die Nachricht verbreitet worden, eS sei eine Verfügung ergangen, die auf den Bahnhöfen tätigen weiblichen Schalterbeamten aus dem Dienst allmählich zu entfernen und sie fernerhin im Bureaudienst zu verwenden. Als Grund wurde angeführt: die Damen verständen im Verkehr mit dem Publikum nicht den rechten Ton zu finden und regten sich auch allzuleicht auf.
Die ganze Meldung war nicht wahr. Eine solche Verfügung sei weder erlassen noch beabsichtigt, die angeblichen Wahrnehmungen, die eine geringere Verwendbarkeit der weiblichen Beamten für den Schalterdienst dartun sollten, sind an keiner zuständigen Stelle gemacht oder zur Sprache gebracht worden. Und wenn es geschehen wäre, so läge immer noch kein Grund vor, sich aufzuregen. Es gibt ganz gewiß weibliche Beamte, die den rechten Ton für den Verkehr mit dem Publikum nicht immer zu treffen wissen, und die sich leichter aufregen als gut ist. Es wird ratsam sein, solche weibliche Beamte vom Schalterdienst zu befreien und sie dem ruhigeren Bureaudienf^ zuzuführen. Damit wird ihnen und dem Vorgesetzten und dem Publikum gleichmäßig gedient sein. Gegen die weiblichen Beamten überhaupt spricht das aber nicht und es würde niemals eine allgemeine Maßregel in der angedeuteten Richtung rechtfertigen. Denn was von den weiblichen Schalterbeamten gesagt ist, das trifft aufs Haar auch für einzelne männliche Schalterbeamte zu. Jeder von uns hat wohl schon einmal einen nervösen und in der Wahl seines geschäftlichen Verkehrstons nicht sehr glücklichen männlichen Schalterbeamten getroffen, hat wohl gar Beschwerden geführt und dann nach einiger Zeit wahrgenommen, daß der erregbare Herr vom Schalter verschwand, um in der geringeren Hast der Vureautättgkeit das gestörte Gleichgewicht wieder zu gewinnen. Wegen solcher Einzelvorfälle wird weder die gesamte weibliche noch die gesamte männliche Schalterbeamtenschaft ausgeschaltet.
Es ist nicht daran zu denken, daß auf irgend einem Gebiet die Beamtin, die einmal Platz gefunden hat, wieder verschwindet. Sie hat sich den Platz erobert, nicht im Sturm, sondern gegen vielfache Vorurteile, gegen hartnäckige Abneigung. Und nach der Eroberung, noch lange nachher, mußte sie ihn verteidigen. Denn nur versuchsweise wurde sie zugelassen, und eingehende, ausdauernde Prüfung hatte sie zu bestehen, ehe sie bestätigt wurde und in den Hafen der „Etatsmäßigkett" einlief. Wer solche Proben ausgehalten hat, der verschwindet nicht ohne weiteres von der Bildfläche, der wird nicht durch eine einfache Verfügung generell von dem eroberten Territorium ausgewiesen und verbannt.
Wir wollen damit nicht sagen, daß der weibliche Beamte überall sich zu zeigen hätte. Zu solchem Wunsch haben wir keine Veranlassung. Denn wir sind mit der männlichen Beamtenschaft im Großen und Ganzen recht gut ausgekommen. Aber wir möchten der weiblichen Beamttn, die sich bewährt hat, nichts in den Weg gelegt wissen, auch nicht darin, daß sie sich auf noch anderen Gebieten bewährt. Das Fortschreiten mag langsam sein, sehr langsam sogar, wenn man es durchaus nicht anders haben will; aber völlig unterbunden und ausgeschlossen sollte es nicht werden. Dazu haben wir vor der Frau viel zu viel Achtung, als daß wir ihr den Stempel der Minderwertigkeit unter allen Umständen aufgedrückt sehen möchten. Es heißt aber, die Frau für unbedingt minderwerttg erklären, wenn man ihr grundsätzlich die Fähigkeit abspricht, die Vorgesetzte eines männlichen Beamten zu sein. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß es viele Frauen gegeben hat und gibt, die nach Bildung und Verstand viele Männer weit überragten, die auch im praktischen Leben autoritative Stellungen bekleideten, musterhaft wahrnahmen und auch Männern gegenüber sich in voller Geltung erhielten. Jedes größere Geschäft kennt solche Frauen. Wenn nun eine solche tüchtige Frau Beamte geworden ist, so liegt unseres Erachtens kein ausreichender Grund vor, ihr eine Stellung nach ihrer Tüchttgkeit zu versagen und sie als Unterebene da zu halten, wo sie besser die Vorgesetzte wäre. Der männliche Beamte braucht sich, wofern er tüchtig ist, vor der weiblichen Konkurrenz nicht zu fürchten; und wenn er sich fürchtet, so taugt er nicht sehr viel. Er wird auch nicht verdrängt werden. Doch ein Plätzchen an der Sonne sollte man den Frauen gönnen.
Gin deutsch-französischer Konflikt.
Die Streitigkeiten zwischen Angestellten deutscher und französischer Gesellschaften i« Kougogebiet au der Grenze von Süd-Kamerun erhalten jetzt neue Beleuchtung durch ein- gegangene Berichte an die auf deutscher Seite Beteiligte Hamburg-Afrikagesellschaft.
Französische Blätter, vor allem der „Mattn" behaupteten, «die deutschen Händler hätten die Eingeborenen zum âutschukraub aus französischem Gebiet angehalten und zu diesem Zweck in den französischem Einfluß unterstehenden Dörfern heimliche Niederlassungen errichtet. Auch sollten die Deutschen trotz der Verbote Pulver rmd Waffen über die Grenzlinie gebracht haben. Englische Linnen hätten sich des gleichen Raubhandels schuldig gemacht.
Diesen scharfen Beschuldigungen tritt nun Die ^paniüüig« Afrikagesellschaft mit der Erklärung entgegen, daß der umstrittene Ort auf deutschem Gebiet liege. Die von französischer Seite aufgebauschten Vorkommnisse seien absolut harmloser Natur und, soweit sie ernsterer Art sein sollten, überhaupt erfunden. Einen Hauptpunkt der Beschuldigungen bildete die Tatarennachricht, mit der Hamburg-Afrikagesellschast in Verbindung stehende Schwarze hätten auf einen französischen Agenten geschossen. Selbst der die französische Grenzkommission befehligende Hauptmann Cottes messe diesem angeblichen Vorfälle keine Bedeutung bei und habe seine Regierung in befriedigender Weise aufgeklärt. Die Hamburg-Afrika-Gesellschaft ist der Meinung, daß die übertriebenen Gerüchte zurückzuführen sein werden auf das rücksichtslose Vorgehen der Angestellten der französischen Gesellschaften, welche glauben, verständnislose Schwarze vor sich zu haben. —
Im Großen und Ganzen scheinen sich die Streitigkeiten aus Konkurrenz Manövern entwickelt zu haben, wie sie überall Vorkommen. Weder auf deutscher noch auf französischer amtlicher Seite ist man deshalb geneigt, die Sache tragisch zu nehmen. Trotzdem ist die baldige Durchführung der begonnenen Grenzregulierung zu erhoffen, damit Unklarheiten in Zukunst vermieden werden können.
der Wunsch ausgesprochen, daß die Katholiken Frankreichs sich bald derselben Freiheit erfreuen möchten wie die Katholiken der Vereinigten Staaten, wo alle kirchlichen Eigentumsfragen von den Zivilbehörden unter Rücksichtnahme auf die Dogmen der Kirche zur allgemeinen Zufriedenheit geschlichtet werden.
Russland,
In Petersburg verlautet, daß Kuropatkin wieder Kriegsminister werden soll. Er sei bereits vom Zaren nach Petersburg berufen worden, um die geplante Armee- Reorganisation durchzuführen. Diese scheint allerdings sehr nötig zu sein, da sich die Militärrevolten täglich wiederholen. In Taschkent lieferten sich mehrere Regimenter gegenseitig eine zwölfstündige Schlacht. Zahlreiche Tote und Verwundete deckten das Feld, bevor die Ruhe wiederhergestellt werden konnte.
Die letzten Tage standen wieder unter dem Zeichen des Attentats. In Sjedletz wurde auf den Polizeimeister eine Bombe geworfen; der Täter ist unbekannt, der Polizeimeister ist den erhaltenen Verletzungen erlegen. Der Kommandeur des Borissowschen Regiments wurde in seiner Wohnung in Samara von einem Unbekannten ermordet; der Mörder übergoß den Körper mit Spiritus und zündete diesen an. Da-
gegen fand die Polizei
in Baschilowka bei Moskau eine
Politische Rundschau.
Deutsches Reich,
* Zu den Beratungen des Deutschen Katholikentages am Mittwoch war auch der Legat des Papstes, Kardinal Vanutelli erschienen. In der zweiten öffentlichen Generalversammlung sprach zunächst Abg. Oberlandesgerichtsrat Burlage-Oldenburg über die „römische Frage." Er forderte die volle Freiheit und Unabhängigkeit des Papstes. „Soll der Papst frei sein, so darf er nicht einer fremden Gesetzgebung unterworfen sein: Untertan oder Souverän. Ein Drittes gibt es nicht. Wie kann ein Staat sich befugt halten, den Papst seiner Gesetzgebung zu unterwerfen, das Oberhaupt der Religion, welche nicht die Religion eines Staates, sondern die Religion aller Staaten ist. Das Papsttum ist international oder richtiger gesagt übernational." Ritter von Kralik-Wien regte die Gründung einer katholischen Universität an. Prof. Dr. Zahn- Straßburg sprach u. a. gegen das Nackte in der Kunst. „Jede unbegründete Gewandlosigkeit ist unnatürlich. Der Körper trägt die Kleidung nicht bloß Lum hygienischen Schutz, sondern auch zum moralischen Schutz." In seinem Vortrag über die Frauenfrage geht Seminarpräses Lausberg-Köln auf die Entwickelung und Ziele der Frauenbewegung ein und erkennt deren Berechtigung nur soweit an, als sie sich auf christlicher Grundlage befinden.
Die Generalversammlung des katholischen Volksvereins war von etwa 6000 Personen besucht. Seine Einnahmen haben im verflossenen Jahre 440 800 M., die Ausgaben 329 000 M. betragen. Ein Vertreter der Katholiken Nordamerikas teilte mit, daß seine Glaubensbrüder drüben 90 Bischöfe, 12 000 Gemeinden und 6000 Pfarrschulen ohne einen Pfennig Staatshilfe geschaffen hätten. Der nächstjährige Katholikentag findet in Würzburg statt.
* Vom 5. bis 7. Oktober wird der „Deutsche Verein für das Forlbildungsschulwesen" seine Generalversammlung in München abhalten. — Gelegentlich des Fortbildungsschultages finden auch Ausstellungen der dortiger! fachlichen Fortbildungsschulen statt, welche die Neuorganisation dieser Schulen m anschaulicher Weise vor Augen führen werden.
* Die Schutztruppen im südwestasrikauischen Aufstands, gebiet werden unaufhörlich durch größere Hottentottenoander in Tätigkeit erhalten. Eine Abteilung von 150 Gewehren Bondelszwarts unter Johannes Christian wurde von Hauptmann Bach mit drei Kompagnien überrascht und nach dreistündigem Gefecht zersprengt. Der Gegner hatte größere Verluste und ließ eine Anzahl Toter auf dem Gefechtsfeld. Auf deutscher Seite fiel Leutnant von Heyden und ein Reiter. Ein Mann wurde schwer, ein anderer leicht verwundet. — Es wird bei den Truppenverbänden sehr über Mangel an Proviani geklagt, da die Etappenstraßen bei den über weite Gebiete sich erstreckenden Märschen versagen.
* Zur Erleichterung der Durchführung des Zigaretten- steuergesetzes ist bestimmt worden, daß Anträge von Kleinhändlern auf Verlängerung der Frist für den steuerfreier Verkauf von Zigarettenblättchen bis zum 1. Dezember 1906 von den Direktivbehörden zu erledigen und eventuell zu genehmigen sind. Kleinhändlern kann ferner gestattet werden, die Preisangabe der am 1. September 1906 in ihrem Besitze befindlichen Vorräte von Feinschnittabak im Verkaufspreis von 3M. und weniger für das Kilogramm mit Tinte zu bewirken. Endlich können Ausnahmen von der Vorschrift, wonach die Steuerzeichen nur in ganzen Bogen abzugeben sind, zu Gunsten kleiner Händler, wie Friseure, Kolonialwarenhändler, Gastwirte, bei der erstmaligen Versteuerung der Vorräte zugelassen werden, da diese Händler vielfach für ganze Bogen keine Verwendung finden werden.
frankreich.
Zu den Streitigkeiten wegen Trennung von Kirche und Staat ergreift der amerikanische Erzbischof Gibbons im Namen des amerikanischen Episkopats das Wort. In einem Schreiben an Kardinal Richard, Erzbischof von Paris, wird
Bombenfabrik und nahm 13 Personen fest. Nach offizieller Bekanntmachung wurden in der letzten Woche in Rußland 72 politische Morde an Amtspersonen verübt, 42 Beamte wurden schwer verwundet. Ferner wurden 120 Bomben gefunden, 12 Geheimdruckereien entdeckt, 13 Kron-Schnapsbuden und 18 Staatskassen beraubt, wobei 22 Angestellte getötet und verwundet wurden. Aus politischen Gründen wurden 276 Personen verhaftet.
Balkan staaten.
Das ökumenische Patriarchat hat beschlossen, ein drittes Memorandum an die Botschaften der Großmächte zu senden. In demselben wird eine eingehende Darstellung der Ereignisse in Anchialo nach den Erzählungen griechischer Flüchtlinge gegeben; es wird gegen diese Untaten protestiert, die bulgarische Regierung wird der Mitschuld an den Verfolgungen der Griechen angeklagt, und es wird um die tatkräftige Intervention der Signatarmächte des Berliner Ver- ttages behufs Wiederherstellung des Status quo in Bulgarien ersucht.
HHen,
** Nunmehr soll auch China Verfassungsstaat werden. Die Kaiserin-Witwe Beabsichtigt eine Konferenz von hohen Würdenträgern, darunter einige Vizekönige, einzuberufen, um über die Annahme einer Verfassung zu beraten. Kommissare, die vor kurzem von einer Auslandsreise heimgekehrt sind, sprechen sich für einen allmählichen Uebergang zu einer konstitutionellen Regierung aus und halten 10 bis 15 Jahre für notwendig, um das Volk durch Erziehung für ein neues Regierungssystem reif zu machen. Es wird also noch ein Weilchen dauern!
Kleine politische Nachrichten,
Berlin, 22. August. Der Reichskanzler hat das Generalkommando des Gardekorps um möglichste Beschleunigung der Untersuchung des Falles Fischer-Tippelskirch ersucht.
Straßburg, 22. August. Der gegenwärttg in Paris weilende Polizeikommissar Stephany hat ein Gesuch bei der Schweizer Behörde eingereicht, sich in Zürich niederlassen zu dürfen, woselbst er eine neue Broschüre herausgeben will.
Wien, 22. August. Die Unruhen wegen der Steuereintreibungen im Albanesengebiete dehnen sich aus. Die dort befindlichen Truppen sind zu schwach, Verstärkungen werden aus Uesküb erwartet.
Tokio, 22. August. Auf die vereinten Vorstellungen bei diplomatischen Vertreter Englands, Amerikas und Japans hat China das Versprechen gegeben, an der russisch-chinesischen Grenze Zollstattonen zu errichten.
Konstantinopel, 22. August. Zwischen Verna bei Bey Ghasi (Tripolis) und der Insel Rhodus ist eine fünfem telegraphische Verbindung eingerichtet worden, die ihrerseits funkentelegraphisch mit Konstantinopel verbunden werden soll Eine deutsch-österreichische Gesellschaft führt die Anlage aus,
Revolutions-fieber auf Kuba.
Newy ork, 22. August. Die Bevölkerung Kubas befindet sich in heftigster Erregung. General Gomez, der Führer des ausgebrocheuen Aufstandes, ist zwar festgeuommeu worden, mit ihm 610 Verdächtige, trotzdem zeigen sich überall Jnsurgenteubavdeu. Mehrere Gefechte haben stattgefunden.
So ist es also wieder zu einem ernsten bewaffneten Aufstand auf der „Perle der Antillen" gekommen.
Augenscheinlich mangelt es den jetzigen Machthabern an Truppen, um die bedrohten Provinzen Santa Clara, Matanzas und Havanna zu schützen, denn sie fordern die Bevölkerung zu freiwilligem Gendarmeriedienst auf. Das heißt, man sucht Soldaten zur Verteidigung. In eingeweihten amerikanischen Kreisen hat man die Krisis lange nahen sehen und es weichen die Vorwürfe gegen die führenden Leute in Washington nicht ausbleiben, Weil sie die Dinge so weit kommen ließen. Denn