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Nr. 248
Montag, Pen 22. Oktober 190b
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«nthAt alle amtlichen Betinntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großl). Poli^eiamtes Gießen und anderer BedSrden Nan ^s-
Das neueste.
Berlin, 21. Okt. Wegen Aufreizung verschiedener Be- völktrungSllasstn zu Gewalttätigkeiten wurde Graf Pückler- Kl.'TsÄirne von der hiksigen 9. Strafkammer zu 3 Mor-aten Gefä gniS verurteilt.
Tübingen, 21. Ott. Der Bauunternehmer Rückgauer, dem Die Schuld an Dem verhängnisvollen Hoteleinsturz in Nagold beigem'ss'N wird, wurde vom hiesigen Landgericht Wege» fahrlässiger Tötung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
Po'eu, 2i. Oktober. Nachdem zwischen dem KultuS- millisienum nnd dem Obe' Präsidenten der Provinz Posen eine K kerenz staltgesunden hat, steht eine Entscheidung der Regierung in Sachen deS SchulstreikS bevor.
Köpenick, 21. Okt. Die Stadtverordneten haben eine Sywpalhie'Kundgebung für Bürgermeister Langerhans einstimmig beschlossen.
Man kann es nicht unklug nr»w», daß die russische Regierung sich bemüht, vor allen Dingen auf dem flachen Lande die Gemüter zu beruhigen. Ob die Abschlagszahlung dazu ausreichen wird, bleibt abzuwarten.
fällt der Religionsunterricht für die raryoUscyen Schüler und
Schülerinnen für diese Woche ohne Angabe der Gründe aus.
Stuttgart, 20. Oktober. Die Kammer der Abgeordneten hat heute bei der Beratung einer Eingabe des Württembergischen Volksschullehrervereins betreffend die fakultative
Gin neues Zaren-pianifest.
K. Berlin, 20. Oktober.
In keinem Lande der Welt wird soviel gelogen, wie i n Rußland, und über kein Land der Welt wird so viel gelogen, wie über Rußland. Gleichwohl hat es beinahe den Anschein, als glaubten manche Leute, die russische Produktton an Lügen über Rußland bedürfe noch einer Nachhilfe, um den vorhandenen Bedarf zu decken. So wurde heute früh erst die Nachricht verbreitet, die von Ministerpräsident Stolypin aus- gearbeiteten Reformen seien so geringfügig, daß sie kaum Beachtung verdienten. Wenige Stunden später kam die amtliche telegraphische Meldung aus Petersburg, wonach ein kaiserlicher Ukas recht weitgehende Reformen verfügt, die sich allerdings nur auf Die Bauern beschränken. Diese Einschränkung ist vielleicht der größte Mangel des Erlasses, vorausgesetzt, daß der Ukas des Zaren bei den Behörden des Zaren Gehorsam findet, was durchaus nicht selbstverständlich ist. Sogar in ganz friedlichen, nicht revolutionären Zeiten ist es vorgekommen, daß zarische Befehle überhört und ignoriert wurden.
Das neue Zarenmanifest bestimmt zunächst, daß allen Angehörigen der bäuerischen Bevölkerung mit Ausnahme der sibirischen Fremdvölker gleiche Rechte hinsichtlich des Staats- Dienstes zustehen sollen. Weshalb die sibirischen Fremdvölker von dieser Wohltat der Rechtsgleichheit ausgeschlossen sein sollen^ um so toeniger verständlich, als die gedachten Fremd- Volker in Sibirien kaum den Ehrgeiz haben, in den russischen Staatsdienst zu treten und sicher diesen Wunsch kaum jemals vor erlangter Assimilation hegen werden.
...^^"d weitere Bestimmung besagt, daß die Bauern, die seither bei dem Eintritt in höhere Schulen und in den Staats- dienst aus den Bauerngemeinden ausgeschlossen wurden, ferner- hin das Recht haben sollen, in den Bauerngemeinden zu bleiben. Außerdem soll den Bauern das Recht zugebilliat werden, ihren Wohnsitz frei zu wählen. Zu dem Ende sollen ihnen auf chr Verlangen unbefristete Pässe ausgestellt werden.
An dieser Neuerung fällt auf, daß sie den Bauern allein kâ Wenn der Bauer die freie Wahl des ^^^^^ •È,a'nJ°r $ "’^ einzusehen, aus welchem Nâ^ JULÄ? Äl "gend einem anderen Teil des Volkes vorbchaltrn bleiben müsse. Wenn es von irgend S re ÄnH ^ ^ begreiflich ist, daß man der länd- ÄM*""*«?? wechsel des Wohnsitzes erschwert, um eirnttp0^1“^ u“ ^"bern, um dem Acker die bearbeitenden Kräfte zu erhalten, so ist es doch ganz unverständlich, daß """ 'rgend welche Städter an die Stadt fesseln teilt Was ^ ^BS™ ^Ä^' f° gleitet es den russischen Menschen von der Wie^ bis zum Grabe. Es gibt keinen russischen Polizeimann höherer oder niederer Ordnung, der seither den Gedanken gefaßt hatte, das staatliche Leben und die staatliche Ordnung semi auch möglich, wenn Bürger und Bauer ahne Paßbegleitmig durch das iü reifen dürsten war t« uns auch so. Erst in der zweiten Hälfte des oormen Jahrhunderts find wir in Deutschland von Vak und Paßkart, befreit worden. Die Russen hinken uns im Durch- !?-'?.!^-"""bestens sechzig Jahre , ^) Es D kein Grund we°halb fie gerade in der Paßfra-e uns schneller folgen
Bedeutungsvoller ist der dritte -il des Zarenmanifestes ?‘^ /*$. gleichfalls mit der Spezialgesetzgebung für die Bauern SÄ«*5 Dl° Kopfsteuer soll v- ginn des nächsten ^"^bs an aufgehoben werden — Seelensteuer nennt man sie tu Rußland — und die solidarische Haftbarkeit der Gemeinde ^ einzelnen Gemeindemitgliedes soll auf» Joren. DaS ch eine Neberleitung z. 'fhebung des Gemein- » 66 ^^6fiens fein. In Zusammenhang damit
wetteve Verfügung, ^ß die gellende Ordnung, , affend bw Tei.ung des Familiengutes, ebenso wie andere sollen" ”C~ bäuerlichen Sonderrechts aufgehoben werden »„ ^a^ Pe§t &öß das neue Zarenmanifest einen Teil der bäuerlichen Formungen, die in der Reichsduma vorgetragen worden sind, erfüllt. Allerdings nur einen Teil und nicht iem.nal den wesentlichste. Immerhin ist ein Anfang gemacht.
Ueber die neuesten Phasen der Revolution liegen noch folgende Meldungen vor:
Itzehoe, 20. Oktober. Auf dem im hiesigen Hafen liegenden russischen Schoner „Almo" ist gestern eine bewaffnete Meuterei Lusgebrochen. Die Matrosen schlugen den Kapitän nieder; der Steuermann entkam durch die Flucht. Die Meuterer demolierten hierauf die Kajüte, die Schiffseinrichtuna und die Schiffskaffe.
Abo, 20. Oktober. Das finnisch-russische Revolutionskomitee wurde gestern mittag durch Militär aufgehoben. Sämtliche 216 Mitglieder des Komitees, darunter 28 frühere finnische Offiziere, sind nach verzweifeltem Widerstände verhaftet worden.
Kischinew, 20. Oktober. ^eute überfielen neun Werst von der Stadt acht Bewaffnete, von denen drei Masken trugen, eine Gruppe von 50 Paffagieren, die sich auf Fuhrwerken zur Dampferhaltcstelle begaben, beraubten sie und verwundeten eine Anzahl von ihnen.
politische Rundschau.
Deutsches Reich,
* 5m Königreich Sachse» wird die Fleischtenerung be. sonders hart empfunden. Das Ministerium des Innern Hal deshalb den Landeskulturrat und die Kreishauptmannschasten angewiesen, sofort Erhebungen über die Gründe anzustellen und eine vergleichende Statisttk über die Zahl des Schlacht, vlehes jetzt und früher zu geben. — D^ Stadtrat von Karls- Nlhe beschloß einstimmig, sich an die Regierungen und den Reichskanzler mit nachdrücklichen Vorstellungen für die Beseitigung der herrschenden Fleischnot zu wenden.
* Die sächsische Landessynode hat nach mehrstündiger Beratung über den Toleranz-Eutwnrf der Regierung betr. die gegenseitige Zulassung der evangelisch-lutherischen und der mmisch-katholischen Geistlichen zu den Begräbnissen auf den Gottesäckern beider Konfessionen in erster Lesung den Entwurf mit allen gegen 15 Stimmen angenommen.
* In der seit dem Tode des Prinzregenten Albrechi schwebenden braunschweigischen Thronfolgefrage ist eine be achtenswerte Wendung eingetreten durch den dem Landtag zugegangenen Bericht der staatsrechtlichen Kommission, die fick mit der Regierungsvorlage zur Neuwahl eines Regentei befaßt hatte.
Die Kommission stellt den Antrag an den Landtag, folgendes zu beschließen: Die Landesversammlung spricht ihr, Ueberzeugung dahin aus, daß ohne einen endgülttgen uni vorbehaltlosen Verzicht der sämtlichen Agnaten des Herzog, lichen Hauses auf Hannover die im Interesse des Länder dringend wünschenswerte Verständigung zwischen der Krom Preußen und dem Herzog von Cumberland nicht zu erhoffev ist. Sie ersucht den Regentschaftsrat, diesen Beschluß zm Kenntnis des Herzogs von Cumberland sowie der königlick preußischen Regierung zu bringen. Sie gibt ferner den Regentschastsrat anheim, einstweilen den Landtag zu vertager und erst dann wieder zusammentreten zu lassen, wenn ent. weder eine die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischer dem ^Regentschastsrat und der Landesversammlung erfordernd, Erklärung des Herzogs von Cumberland eingegangen ifi oder, ohne daß solches geschehen, eine Frist von drei Monaten verstrichen sein wird.
Hmeriha,
** Einen aufsehenerregenden Eingriff des Staatsanwalts hat die amerikanische Wahlbewcgung gezeitigt. Der Großindustrielle Hearst kandidiert für den Präsidentschaftsposten des Staates Newyork. Die Hearst-Presse war in der Agitation nnvorsichttg genug, anzudeuten, Hearst würde als Gouverneur den Newyorker Staatsanwalt Jerome sofort absetzen. Letzterer hat nunmehr eine kriminelle Untersuchung eröffnet unter der Erklärung, Hearst habe feine Kandidatur erkauft, und die Hearst-Partei habe gegen viele Kandidaten Erpressungen Der»
^^ Zwischenfall erregt große Sensation, weil bisher roch keine Wahlbewegung durch einen Eingriff des Staats- mwalts alteriert wurde.
Afrika.
Die Verhältnisse in Marokko sind ernst geworden. Zwischen den Truppen des Thronprätendenten und denen des Sultans hat bei Mazagan eine Schlacht stattgefunden, welche üe ganze Nacht durch andauerte. Die Truppen des Sultans vurden in die Flucht getrieben, nachdem sie mehr als einhundert Mann verloren hatten. Die Verluste Oer Aufständischen sollen ebenfalls schwer gewesen sein.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 21. Oktober. Die unterbrochene Disziplinar. Untersuchung gegen den ehemaligen Gouverneur Jesko vor stuttkamer wird demnächst wieder ausgenommen werden.
Poscu, 20. Oktober. Der polnische Schulstreik hat fick juf den ganzen Bromberaer Bezirk ausg-^ehnt.. In Posen
Zulassung sichtigung gelehnt.
Rom,
Volksschullehrervereins betreffend die fakultative der Simultanschulen einen Antrag auf Berückdieser Petition mit 41 gegen 16 Stimmer, ab.
20. Oktober. Der Staatsrat hat einen Kontrakt
mit der Firma Krupp auf Lieferung neuer 75-mm-Batterien für acht Millionen Lir« genehmigt.
Tanger, 20. Oktooer. Eine Abteilung Sultanstruppen erlitt zwischen Azemur und Mazagan in der Nähe der Miste im Kampfe mit rebellischen Stämmen, sehr empfindliche Verluste. Der französische General Lyautey fährt fort, in Oran alle Militärposten erheblich zu verstärken.
Dos und 6erelircbaft.
*% Sonntag früh ist der Kaiser von seinem Bonner Aufenthalt in Potsdam auf der Wildparkstatton wieder un» getroffen.
*** Nach einem Besuch oes Prinzen Rupprecht von Bayern ist das deutsche Kronprinzenpaar über Starnberg und München gestern nach Berlin zurückgekehrt.
*% Die Gesundheit des Schahs von Persien ruft schwere Bedenken wach. Einige fürchten eine Katastrophe in wenigen Tagen, andere hoffnungsvollere in einigen Wochen. Muzaffer Eddins Nachfolger würde Mohammed Ali sein.
*** Bedenklich erkrankt ist Casimier Pèrier, der frühere Präsident der französischen Republik. Pèrier wurde nach der Ermordung Sadi Carnots am 27. Juni 1894 zum Präsidenten gewählt, legte das Amt jedoch am 15. Januar 1895 freiwillig nieder.
*** In Teheran ist der persische General a. D. und Generaldirektor der persischen Posten Max von Wedel im 57. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war früher preußischer Offizier, machte den Feldzug von 1870/71 mit und trat 1876 in österreichische Dienste. Von dort ging er nach Persien.
Öser und flotte,
Ehrung für den Fcldmarschall u. Deck. Graf Hülsen, Häseler überreichte in Wien Dem Freiherrn v. Beck ein eigen, händiges Glückwunschschreiben Kaiser Wilhelms.
Das untergegangene Unterseeboot „Luttu" wird nunmehr gehoben werden. Es ist dänischen Tauchern gelungen, zwei Hebeketten an dem auf dem Meeresgrunde liegenden Boor zu befestigen. Um die Ketten unter dem Fahrzeug hindurchzubekommen, mußten Löcher gegraben werden, was eine ziemlich schwierige Arbeit war, da das Hinterreil 86 Zentimeter tief im Grunde steckt. Ein Taucher stellte fest, daß die Hauptluke des Bootes halb geöffnet ist, und daß an der Öffnung zwei Leichen liegen. Danach ist keine Hoffnung auf Rettung irgend eines Ueberlebenden mehr.
Soziales Leben,
X Jubilaumsgeschenke. Aus Anlaß der Feier ihres hundertjährigen Bestehens stiftete die Firma Urbahn & Kotthaus in Burscheid ihren Arbeitern 15 000 Mark in Sparkassenbüchern ; je nach dem Dienstalter erhielten die Arbeiter bis 1000 Mark.
X Drohender Kohlenarbeiterstreik ? In der letzten Sitzung der Siebenerkommission wurde festgestellt, daß, abgesehen von einigen Braunkohlenwerken, von den bergbaulichen Vereinen noch keine Antwort auf die bekannten Forderungen der Bergarbeiter eingegangen sei und eine solche auch schwerlich vor dem 25. Oktober eintreffen dürfte. Nach Eingang der Antwort Der bergbaulichen Vereine werden die Organisationsleiter und die Siebenerkommission zur Beschlußfassung zusammentreten,
X Vom Bergarbciterftreik in Oberschlesien. Keller Streik unter den Schleppern der „Neuen Vit'toria-Zimerzgruoe^ bei Beuthen ist nach Einschreiten des Kgl. Bergrevierbei .utter Bergrat Hohnhorst-Tarnowitz und des Bergwerks?.,. ttorâ Menzel beseitigt und sind die Ausständigen, t .m einen Tag streikten, wieder angefahren.
Sturmkatastrophe in Zentralamerika.
Ein zyklonartiger Sturm, der mit einer Geschwindigkeit von 120 Meilen in der Stunde einherraste, hat in ganz Zentralamerika und besonders auf Kuba furchtbare Der- Vüstuugen angerichtet. Man schätzt die Zahl bu f
mehrere Hundert, den Materialschaden auf viele Milln c Dollar. Mehrere Schiffe, die in den Häfen verankert lagen, fingen mit Mann und Maus unter.
Die aus Havana eingelaufenen Nachrichten lassen erkennen, daß der Orkan vom Mittwoch der furchtbarste war.
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