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Nr. 196

Mittwoch, Pen 22. August 190b

15. Jahrgang

«ktiou u-Hauptervedition: Gieße«, Selter «weg 88» 8FemfDte***f*l*N Nr. 868.

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Neueste Nachrichten

':^ (èieH^n er 'gageSMf) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

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@r Dterheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle mntliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Mroßh. Polirnamtes Gießen und anderer Behörden von Ökerhenen

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Gefängnisarbeit.

Handwerksmeister verschiedener Gewerbe haben neuer­dings, wie schon früher oft genug bei der Regierung darüber Klage geführt, daß die Gefängnisarbeit ihnen schädigende Konkurrenz bereitet. Die Regierung hat die Klagen gehört, die übrigens auch in den gesetzgebenden Körperschaften Wider­hall und Unterstützung fanden, und ist in mannigfacher Art bestrebt gewesen, die von ihr selbst erkannten Mißstände zu beseitigen. Aber die beste Absicht ist bisher nicht imstande gewesen, eine befriedigende allgemeine Regelung zu schaffen. Das zeigt sich in der steten Wiederkehr der Klagen, die zwar immer neue Form und neuen Anlaß haben, aber im Grunde doch nur verraten, daß das Problem der Beschäftigung von Gefangenen noch ungelöst ist. So haben sich jüngst der in Leipzig domizilierende deutsche Buchdruckerverein und der Bund deutscher Buchbinder-Innungen in Berlin sowie die Hand­werkskammer zu Danzig mit einer Beschwerde an das preußische Abgeordnetenhaus gewandt. Den Anlaß dazu hatte die Gefängnisdirektion in Anrath, Regierungsbezirk Düsseldorf, gegeben, von der an zahlreiche Behörden ein Rundschreiben verschickt worden war, das die Druck- und Buchbinderarbeiten des Gefängnisses zu Preisen anbot, mit denen kein privater Betrieb sich hätte begnügen können.

Diese Petition wurde, soweit sie sich gegen die Erweiterung des Druckereibetriebes in den Strafanstalten richtete, der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. In den voraWs- gegangenen Kommissionsberatungen war regierungsseitig darauf aufmerksam gemacht worden, daß das Parlament wiederholt ausdrücklich gewünscht hatte, die Beschäftigung von Gefangenen für Staatsbetriebe möchte erweitert werden, weil man auf diese Weise am besten die Konkurrenz der Gefängnis­arbeit am offenen Markt vermeide. Dieser Hinweis be­stimmte auch die Kommission, dem Plenum den Uebergang zur Tagesordnung hinsichtlich aller oben erwähnten Eingaben zu empfehlen. Das Plenum folgte der Empfehlung und machte,. wie angegeben, nur die eine Ausnahme, daß es sich gegen die Erweiterung des Druckereibetriebes in den Straf­anstalten erklärte.

Die Gefängnisse kosten Geld, viel Geld. Es ist begreiflich, daß man darauf hält, die Gefangenen wenigstens einen Teil der von ihnen verursachten Kosten wieder einbringen zu lassen. Es wäre auch nichts weniger denn ratsam, die Gefangenen müßig­gehen zu lassen. Sie sollen im Gegenteil zur Arbeit angehalten werden, damit sie sich an regelmäßige Arbeit gewöhnen, oder damit sie diese Gewöhnung nicht verlieren. Selbstverständlich will man diese Arbeit auch verwerten. Hier beginnen eben die Schwierigkeiten. Gefangenenarbeit hat nicht entfernt den Wert von freien Mannes Arbeit. Die Gefangenen müssen häufig erst angelernt werden, und auf die Ausbildung wird nicht eben lange Zeit verwendet. Man bringt dem Gefangenen ein paar Handgriffe bei, so daß er etwa ein Stuhlbein machen kann, dann ist seine Lehrzeit beendet. Er macht eben, was er kann, er macht Stuhlbeine. Was soll nun der Unter­nehmer, der die Arbeitskraft des Gefangenen gewissermaßen pachtet, für diese minderwertige Kraft zahlen? Natürlich : noch weniger als sie wert ist, denn an ihr soll noch verdient werden. Auch kann man nicht jeden Unternehmer als Pächter der Arbeitskraft in den Gefängnissen zulassen, und die Ver­ringerung in der Zahl der Erwerber, verringert das Angebot noch mehr. Die weitere Folge ist, daß der Unternehmer, der seine Produktion der Eigenart der Gefangenenarbeit angepaßt hat, einen großen Vorsprung vor den Konkurrenten gewinnt; er bezieht gewissermaßen eine Staatsprämie, ein Teil der Gefangniskosten fließt ihm als Gewinn zu. Selbstverständlich wollen die Konkurrenten das nicht leiden. Sie beschweren sich, ihre Beschwerde wird als gerechtfertigt anerkannt; der private Unternehmer verschwindet aus den Gefängnissen und die Gefängnisverwaltungen richten selbständige Be­triebe ein. Was ist nun gebessert? Der Fiskus der in den Gefängnissen repräsentiert wird, mag ein schlechter Kaufmann sein ein bedenklicher Konärrent bleibt er doch. Er kann den Wert der Gefangenenarbeit so niedrig einschätzen als er will, noch so tief unter den Kosten die der Gefangene durch seinen Unterhalt verursacht, für ihn existiert nach unten Seine Grenze. So ist der Gefängnisfiskus ein noch schlimmerer Konkurrent, als der zur Ausnützung der Gefangenenarbeit zugelassene Privatunternehmer es gewesen. Bleibt noch der letzte Ausweg: daß der Gefängnisfiskus nur für den Staatsfiskus arbeitet. Bedeutet nun das eine Ab­hilfe ? Ebensowenig. Denn ob der Staatsfiskus, der ein großer Auftraggeber ist, durch den Gefängnisfiskus dem Privatbetrieb als Kunde verloren geht, oder ob der gleiche Verlust durch einen Privatunternehmer verursacht wird, der in den Gefängnissen arbeiten lassen darf, kommt ganz auf das nämliche heraus. Der Verlust ist in dem einen Falle so groß wie in dem andern, und als unbillig wird er hier wie dort empfunden.

Man wird darauf bedacht sein müssen, einen andern Ausweg zu finden. Leicht wird das nicht sein, da uns die englische Auffassung widerstrebt, nach der der Gefangene nicht würdig ist, ehrliche, schaffende Arbeit zu leisten und deshalb ungehalten wird, nutzlose, harte Arbeit in der Tretmühle zu Herrichten.

politische Rundschau.

Deutscher Reich.

* Der Abgeordnete Erzberger veröffentlicht eine scharfe Erklärung zu den Angriffen, die ihm wegen seiner Tätigkeit ln den Kolonialfragen zu Teil geworden. Was seine Person anbetreffe, so ließen ihn die Angriffe in der Preffe, wie die zahl­reichen Zuschriften vollständig kalt. Sie bewiesen nur, daß die Schritte zur Aenderung der Kolonialpolitik vollauf berechtigt gewesen. Wenn aber die Interessenten an möglichst hohen Reichsausgaben für die Kolonien zu Schmähungen des Reichstags übergingen, würden sie eine Antwort erhalten, die deutlich g^nug ausfallen würde. Man werde noch schonungs­loser und rücksichtsloser vorgehen, um die eingerissenen Miß­stände auszumerzen. Diese Erklärung wird sicherlich wiederum heftige Polemiken in der Frage zur Folge haben.

* Einer großen Anzahl von Beamten wurden durch den Kaiser Auszeichnungen für die Verdienste bei Einführung des neuen Zolltarifs verliehen. Außerdem wird eine Kundgebung des preußischen Finauzministers Frhr. von Rheinbaben ver­öffentlicht, in der es heißt:

Es ist mir persönlich ein Bedürfnis, allen im Zolldienste langen Beamten auszusprechen, daß sie durch ihre unermüdliche und verständnisvolle Arbeit dazu beigetragen haben, die unge* Ähnlichen Schwierigkeiten, die mit der Einführung des neuen ZoUtarits verbunden waren, zu überwinden. Nur dadurch, daß iamtllche Zollbeamten die großen Anstrengungen, die von ihnen gefordert werden mußten, gern auf sich genommen haben, ist es erreicht worden, daß die Ueberleitung in die neuen Verhältnisse sich ohne Störung von Handel und Gewerbe vollzogen hat.

* In Breslau hielt der Verband deutscher Kriegs- vctcranen seine diesjährige Generalversammlung ab. Der Geschäftsbericht des Verbandes, der über 70 000 Mitglieder umfasst, erwähnt, daß im Laufe des Berichtsjahres 234 ^.eteranen verstorben und 1905 Veteranen neu eingetreten nud. Dem Reichstaasabgeordneten Graf Oriola wurde für sein entschiedenes Eintreten zugunsten der Veteranen der wärmste Dank des Verbandes abgestattet. An den Denk- malern Kaiser Wilhelms I., Friedrichs III. und des Fürsten Bismarck wurden prachtvolle Kränze niedergelegt.

^ Die erste nichtöffentliche Versammlung des 53. deutschen Katholikentages beschäftigt sich zunächst und in der Hauptsache mit der Pap st frage. Den dahingehenden Antrag be­gründete Justizrat Dr. Porsch-Breslau, der die Forderung erhob, die deutschen Katholiken sollten eine erhöhte Beisteuer zum Peterspfennig leisten, um die sich immer deutlicher be­merkbar machende schwierige finanzielle Lage des Heiligen Stuhles zu bessern. Die deutschen Katholiken müssen mit den Katholiken der ganzen Welt den Anspruch aufrecht erhalten, daß der Papst volle und wirkliche Unabhängigkeit und Freihei- genieße. In der ersten öffentlichen Versammlung referiertt Landtagsabgeordneter Dr. Porsch-Breslau über die Schule frage. Mit jubelndem Beifall wurde die Verlesung nach­stehenden Antworttelegramms des Kaisers aus­genommen. Der Kaiser dankt für die freundlichen Grüße und gibt seiner Befriedigung Ausdruck,daß die Generalversamm­lung der Versöhnung der Konsessionen und sozialen Gegen­sätze zu dienen bestrebt sein wird." Der Volksverein für das katholische Deutschland, dessen Mitgliederzahl um 40 000 ge­stiegen ist und jetzt ca. 507 000 Mitglieder beträgt, hielt gestern früh eine Sitzung ab, in welcher Kardinalerzbischof Dr. Fischer den Erschienenen den Segen spendete. Im Stadt­saalbau tagte gegen Mittag die 2. geschlossene Versamm­lung, in welcher Anträge des Frauen-Missions-Vereins, des Vereins katholischer Jugendfreunde, sowie Anträge betreffend Gründung von Seemannsheimen angenommen wurden. Nachmittags tagten die akademischen Bonifatius- Vereine, und um 3 Uhr fand eine geschäftliche Versammlung der Verbände katholischer kaufmännischer Vereinigungen statt.

Das Zentralkomitee des Katholikentages hat beschlossen, davon Abstand zu nehmen, den nächsten Katholikentag in Berlin abzuhalten, und zwar soll dies infolge der Ablehnung der Berliner Mitglieder des Komitees geschehen sein, die Berlin für diesen Zweck noch nicht für geeignet erachteten.

frankreich.

Im Generalrat äußerte sich der Ministerpräsident Sarrien über die Beziehungen zu den auswärtigen Mächten dahin, daß die Regierung den festen Willen habe, die guten Beziehungen, die sie bis dahin mit allen Mächten unterhalten habe, und die für den Weltfrieden unerläßlich seien, weiter zu erhalten und zu festigen. Das Trennungsgesetz werde die Regierung in vollem Umfange durchführen.

Rusöland.

** Die Revolution hat sich wieder in einer Reihe von Gewalttaten bemerkbar gemacht. Es liegen darüber folgende Meldungen vor:

Chori za, 21. August. In der deutschen Kolonie find der Millionär Niebuhr und seine Frau erschlagen und beraubt worden.

Jekaterinoslaw, 21. August. Revolutionäre warfen in das Krankenhaus eine Bombe, weil ein dort in Pflege befindlicher Revolutionär nicht ausgeliefert wurde. Mehrere Aerzte, Wärter und zahlreiche Kranke wurden ver­letzt, das Gebäude stark.beschädiat. __

Riga, 21. Auguff. Im nahen Walde wurde eine Rommtifion von einer größeren revolutionären Bande über, fallen, wobei der Gutsadministrator Kraus, zwei Landpoliristen und ein Deutscher schwer verwundet wurden.

. ®? Stimmung unter den Marineoffizieren ist sehr gedruckt, da man an der baldigen Wiederherstellung von Ordnung und Manneszucht unter den Matrosen zweifelt In Kronstadt reichten infolgedessen 37 Offiziere den Abschied ein Die Kriegsgerichte wegen der Kronstadter Meuterei tagen noch Gestern sind in der Batterie Litta sieben Soldaten und drei Zivilisten wegen Teilnahme an den Aufständen er- ichossen worden.

Türkei.

** Ueber die Gesundheit des Sultans wird offiziell ver­sichert, daß der Herrscher vollkommen wiederhergestellt sei. Nach vertraulichen Angaben bedarf sein veraltetes Blasenleiden Mierengries) noch ernster ärztlicher Behandlung; der Sultan bedürfe einer gewissen Schonung, doch sei sein Zustand gefahr­los. Dagegen behauptet ein Balkanblatt, der Zustand des Sultans sei lebensgefährlich und die Grenzbesatzungen ver­stärkt worden, um Komplikationen bei einem Thronwechsel zu verhindern.

HmeHka.

** In einem Schreiben an das Kongreßmitglied für Indiana, Watson, spricht sich Präsident Roosevelt über die nationalen Interessen und die Trusts aus. Der Kongreß werde Gesetze erlassen, durch die verhindert werden solle, daß dieTrusts zu politischen Zwecken mißbraucht werden. Der Präsident steht unerschütterlich auf dem Boden des Schutz« zolles, da er der Ansicht ist, daß das außerordentliche Ge« deihen, dessen sich die Industrie gegenwärtig erfreut, nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Das Land sei unwiderruflich verpflichtet, die Monroe-Doktrin und das iRrinaib hpr Verteidiauna und Ueberwacbuna der Kanalüraßt aufrechtzuerhalten. Seine Vorrampserfcyast in Der Hrage oer Monroedoktrin würde absurd sein, wenn das Volt es unter­lasse, eine starke Flotte aus der höchstmöglichsten Stufe der Vollendung zu unterhalten.

Kleine politische Nachrichten.

Ems, 21. August. Graf Witte, Rußlands ehemaliger Ministerpräsident, ist zur Kur in Bad Ems eingetroffen.

Athen, 20. August. Es verlautet hier bestimmt, daß Prinz Georg von Kreta abberufen und der frühere Minister­präsident Zaimis zum Gouverneur von Kreta ernannt werden solle.

Sofia, 21. August. Der Ministerrat bewilligte 500 000 Franks für die durch griechische Banden geschädigten bulgarischen Familien in Macedonien sowie 200 000 Franks für provisorische Wohnungen Der in Anchialo Abgebrannten.

Newyork, 20. August. Die chilenische Regierung be* abfichtigt vom Kongreß die Bewilligung von 100 Millionen Dollars zum Wiederaufbau von Valparaiso zu fordern.

Trinidad, 21. August. Das Befinden des Präsidenten Castro von Venezuela soll besorgniserregend sein. Anderer­seits verlautet, daß ein Staatsstteich bevorstehe.

Dos und Gesellschaft.

*** Der Kaiser hat im Schlöffe zu Wilhelmshöhs dem Berliner Maler Alfred Schwarz mehrere Sitzungen zu einem Bildnis gewährt, welches ihn in Admiralsuniform darstellt. Dieses Porträt wird ein Geschenk des Bezirks­verbandes Lothringen für das neue Panzerschiff Loth­ringen sein.

Deer und flotte.

Neue Fahnen für das schlesische Armeekorps. Die Nagelung und Weihe von 28 Fahnen und Standarten für die Truppen­teile des Schlesischen Armeekorps wird in Gegenwart des Kaisers am 30. d. M. im Lichthofe des Berliner Zeughauses stattfinden.

Der englische Kriegsminister bei den deutschen MauSveru. Der englische Kriegsminister Haldane trifft am 29. August in Berlin ein. Er wird als Gast des Kaisers verschiedenen militärischen Festlichkeiten, darunter am 1. September der Herbstparade, und später den großen Kaisermanövern bei­wohnen. _

Soziales Leben»

X Kohlenarbeiterstreik in Berlin. Auf den Kohlenplätzen des Verbandes der Berliner Kohlengroßhändler haben die Arbeiter und Kutscher die Arbeit infolge von Lohnstreitig­keiten niedergelegt. Polizei bewacht die Kohlenplätze, vor denen hier und da Ansammlungen Streikender stattfanden, doch ist die Ruhe bisher nicht gestört worden.

X Im spanischen Grubengebiet von Bilbao sind 600 Bergarbeiter in den Ausstand getreten. Die Truppen der Garnisonen von Burgas und Vittoria wurden zusammen­gezogen, um die Ordnuna im Ausstandsgebiete aufrecht zu erhalten. Der Ausstand droht sich auf das ganze Gruben- gebiet auszudehnen. Die Reise des Königs nach Bilbao wird voraussichtlich infolge des- Ausstandes verschoben werden.