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Freitag, Pen 21. September 190b
15. Jahrgang
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kWbi R^mpttr-edititm: Gieße», Seltersve, », &trefN»t*<*f*l** Nr. 333.
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Deuefle Nachrichten
IchirtzEr IngevtaEt)
für Overhefim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthalt all« amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen
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Die GnfaUrenteii.
Wenn der Arbeiter einen Unfall bei der Arbeit erleidet, so hai er Anspruch auf eine Rente, die sich nach dem Unfalls- fdxiben, nach der Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit bemißt. [ 1 c 5 ist eine wunderschöne Einrichtung, deren Bestimmungen ■ all^m Anschein nach sehr klar und einleuchtend sind. In der Pioris aber zeigen sich die Dinge etwas anders und weit weniger schön. Die Unfallrentenkaffe und der von einem UâU betroffene Arbeiter haben nicht das nämliche Interesse. ? Dic.' Rentenkasse sieht ihren Vorteil darin, möglichst kleine Renten möglichst kurze Zeit zu zahlen, während der Arbeiter bei begreiflichen Wunsch hat, die Rente recht hoch bemessen zu sehen und ihren Genuß möglichst lange Zeit sich zu sichern. Die Folge davon ist zunächst, daß die Unfallrenten kaffe bis Arbeiterrente drückt, sie „quetscht" — wie der Kunst, «lsdruck lautet — dem geschädigten Arbeiter mißtraut, Simu- ^atnon bei ihm voraussetzt, in mehrfach wiederholter ärztlicher Untersuchung ihn mürbe zu machen sucht, nach dem Ergebnis der späteren ärztlichen Ermittelungen ihm die Rente kürzt über gar entzieht. Auf der anderen Seite lernt der unfall- Hei chädigte Arbeiter, in der Verwaltung der Rentenkaffe feinten Feind zu sehen, der ihn beeinträchtigen will und in de cn Abwehr er sich aller Mittel der List, der Verschlagenheit, der Täuschung, der Vorspiegelung bedienen darf. Selbst- ver stündlich bleibt es dabei nicht. Mancher Arbeiter wird durch bis chikanöse Art, mit der die Unfallrentenkaffe zuweilen vor- ge: t, wirklich zum Simulanten, und die Simulation ist eS
wiederum, die die Kaffenverwaltung in ihrem unbilligen, in der Lkrallgemeinerung ganz gewiß ungerechtfertigten Vorurteil bestärkt. Der Arbeiter, dem sein Recht nicht wird, — eS sei das wirkliche oder das vermeintliche Recht — der sich benach- teiligt und um seinen Anspruch gebracht glaubt, der wird in ber Verdrossenheit seines Herzens wenig Verständnis für die Wohlfahrt der Sozialgesetzgebung behalten, vielmehr in ihr ei nie Vorspiegelung erblicken, auf die er in gleicher Weise zu ar 'Worten das Recht besäße. Andererseits liegt für einen Sir heiler, der durch einen Unfall einen Teil seiner Arbeits- Listigkeit eingebüßt hat und eine Unfallrente bezieht, darin eine 1 Mi were Versuchung. Zunächst wenigstens wivd der Arbeiter gor nicht arbeiten. Das bringt sein Zustand mit sich. Dann w cd er weniger arbeiten als er könnte, vielleicht gar nicht ? arbeiten, obwohl er noch die halbe Arbeitsttaft besitzt, um n Mi eine höhere Unfallrente zu erlisten. Da er oft kontrolliert I und immer neu untersucht wird, so enthält er sich auch der leichteren Arbeit, um nur ja nicht die ihm zugebilligte Rente zu verlieren oder gekürzt zu sehen. Dabei haben wir von Lein schlimmsten Feind noch garnicht gesprochen: vom Trunk. Der Arbeiter, der nicht arbeitet und im nicht erzwungenen Müßiggang eine Rente bezieht, ist immer in der Gefahr, ein Trinker zu werden. Geschieht das, so ist das Unglück fertig.
Wir sagten eben, daß man in dem Arbeiter nicht das Gefühl aufkommen lassen dürfe, als werde fein wirkliches oder vermeintliches Recht géfränft. Soll das vermieden werden, so muß die Sprache deS Gesetzes von großer Klarheit sein. D«as ist die Sprache unserer Sozialgesetze nicht. Der Laie versteht sie kaum, d. h. er versteht sie falsch. Und aus dem falschen Verständnis leitet er seine Ansprüche her. Das würde sich am Ende noch einrenken und zurechtbiegen lassen, wenn in der Praxis dafür gesorgt würde, daß die Theorien zur lLirklichkeit sich gestalteten. Man sagt einem Arbeiter, daß ; er 20 oder 30 oder 40 Prozent seiner Arbeits- und : Lerdienstfähigkeit behalten habe, und bemißt chm danach seine Rente. Wie er aber sein Fünftel oder Viertel oder Drittel , Arbeitskraft, das ihm geblieben, verwerten könne, davon wird ihm nichts gesagt, das überläßt man ihm. Das sollte nicht sein, vielmehr sollten die Unfallrentenkassen für a Unfallërentner einen Arbeitsnachweis einrichten. Dann wäre I Mion viel geholfen, für beiö^ wit Denn im Grunde will |pa Arbeiter arbeiten und man müßig geheiu
’i „' politische Rundschau. 11
Deutsch co Reich.
* Recht beruhigend und erfreulich lauten die letzten Mchrichten über die Verhältnisse in Deutsch-Südwestafrika. • Tas Vorgehen der deutschen Truppen und namentlich der Abteilungen Bech und Wobrieg läßt die Hottentotten nicht Ehr geschloffen auftreten. In kleinen Banden durchstreifen die Berge und verstecken sich in den Schluchten, nachdem uu>ch am 13. September Hauptmann Bech in den östlichen K.irras-Bergen eine größere Hottentottenbande zersprengt und zum Teil getötet oder gefangen genommen hat. Nach Aus- Mge Gefangener leidet der Feind unter Nahrungsnot, da er i E der steten Hetze durch unsere Truppen fast alles Vieh । verloren hat.
* Bei Schwedt a. O. wurde am Mittwoch der erste Spatenstich zu dem Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin getan, -tter Feier dieses Beginnes des Riesenwerkes wohnten Ver- Meter der staatlichen und städtischen Behörden bei.
* Kaum vor Mitte nächster Woche wird die Wahl eines i Minen Regenten in Braunschweig vorgenommen werden. Der
Hlnaöyängige Tageszeitung
Landtag wird am 22. ds. zur ersten Sitzung zusammentteten und zunächst eine Kommission zur Vorbereitung der Regentenwahl ernennen.
* Einen öffentlichen Protest gegen die neuen Verkehrs- steuern, in denen sie eine schwere bedauerliche Störung der gesunden Verkehrsentwicklungen erblicken, erhoben die Teilnehmer an der 35. Generalversammlung des internationalen Hotelbesitzervereins in Köln. Gleichzeitig wendet sich die Ver- sammlung an alle berufenen Körperschaften und Vereinigungen mit dem dringenden Ersuchen, auf baldige Beseitigung dieser Verkehrserschwerungen hinzuwirken.
* Die Genossin Rosa Luxemburg ist wieder im Lande. Nachdem sie in Warschau lange Zeit in Haft gehalten worden war, wurde sie gegen Stellung von 3000 R. vorläufig in Freiheit gesetzt. Man erfährt nicht, ob das Verfahren in Warschau gegen Frau Rosa Luxemburg eingestellt wurde oder ob sie die Kaution im Stich gelassen hat. In Deutschland hat sie zunächst ein Verfahren in Weimar wegen Aufreizung zu Gelvalttätiqkeiten auf dem Parteitag zu Jena zu erwarten.
Russland.'
' Unter den Beamten und Dienstboten des Palastes kn Beterhof wurde eine neue Verschwörung gegen das Leben des garen entdeckt. Die Verschwörer hatten bereits 6 Bomben in den Palast geschmuggelt. Ein Gärtner und 6 Diener wurden verhaftet, ein Offizier, der den Verschwörern Hülfe geleistet hatte, beging Selbstmord.
** In Sewastopol find mehrere Kriegsschiffe ohne Besatzung, da die Mattosen gruppenweise desertierten und in großer Zahl nach Rumänien geflüchtet sind. Admiral Sttydlow soll dem Treiben der Mattosen gegenüber machtlos sein. Er wurde gewaltsam in Sewastopol zurückgehalten, als er vor einiger Zeit nach Petersburg fahren wollte. — Um dem Geist der Meuterei, der sich neuerdings wieder stärker in der Alniee bemerkbar macht, entgegenzuwirken, hat der Kriegsminister die Gründung eines patriotischen Geheimbundes innerhalb des Heeres gebilligt, um die Revoluttonäre zu überwachen und an Gewalttaten zu verhindern.
Zur Abwehr der revolutionären Banden wird in Riga die deutsche Handelsjugend zum Zusammenschluß und zum Selbstschutz aufgerufen.
Hmertha.
** Das Eingreifen Amerikas in den Aufstand auf Kuba, um den Frieden zwischen den Parteien zu vermitteln, scheint von gutem Erfolg zu sein. Die amerikanischen Gesandten, der Kriegssettetär Taft und der Unterstaatssettetär Bacon sind in Havanna eingetroffen und haben sich überzeugt, daß die Aufständischen der Regierung weit überlegen sind. Ver- tteter aller Parteien haben den amerikanischen Gesandten ihre Ansichten über die Lage unterbreitet und werden ihre Friedensbedingungen vorlegen. Vor Ablauf von 10 Tagen wird ein Ergebnis der Unterhandlungen kaum zu erwarten sein. Für den Fall des Scheiterns rüstet sich Amerika, um nötigenfalls sofort 5000 Mann nach Kuba senden zu können.
Hfrika.
Ziemlich pessimistische Schilderungen über die Lage in Marokko gehen einem großen rheinischen Blatt von einem der besten Kenner des Landes zu. Jeden Augenblick könnten an irgend einem Punkte Ereignisse eintreten, welche das Leben und das Eigenttim der Europäer auf das Schlimmste gefährden. Der Vizekönig von Marakesch, Mulei Hafid, scheint alles vorzubereiten, um sich gegebenenfalls selbst zum Sultan nusrufen zu lassen. Er hält alle Geldsendungen nach der Wüste in Marakesch zurück. In den Oasenlandschaften rüstet man zum heiligen Krieg gegen die immer mehr vorrückenden Franzosen.
Kleine politische Nachrichten.
Brüssel, 20. September. König Leopold erhielt vom Negus Menelik anläßlich des Abschlusses des belgisch-abessinischen Handelsverttages zwei junge Löwen zum Geschenk. Die Tiere wurden dem Antwerpener Tiergarten überwiesen.
Barcelona, 20. September. Die Manöver wurden aufgehoben, um die Unterdrückung der karlistischen Agitation zu erleichtern.
Daressalam, 20. September. Durch das persönliche Eingreifen des Sultans von Sansibar wurde dort ein Ausstand sämtlicher Soldaten und Polizisten wegen höherer Sold- sorderungen beigelegt.
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(chießener Weitung)
Ziveile Kammer der Landesstände überreichte dem Großherzoa eine Adreffe, in der sie den Dank des Landes auSspricht für die Forderung der Verfassungsreform und die Erhaltung deS Landes in den Bahnen eines gefunden politischen, kulturellen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts. In der Adresse wird auch deS wohltätigen Wirkens der Großherzogin und des vorbildlichen Familienlebens des Groß- Herzogspaares gedacht. — Der Hauptfesttag (20. Sept.) führte auS dem ganzen Lande ungeheure Massen feiernder Landes- kinder in die festlich geschmückte Residenz. Feierliches Glockengeläute, die Abgabe von 101 Salutschüssen und Choral- musik vom Turm des Rathauses leitete den Tag ein Alle Geschäfte und Schulen sind geschlossen. Im Laufe deS Vormittags traf das Kaiserpaar und zahlreiche Festlichkeiten ein, für die im Schlosse eine Familientafel stattfand. An diese schlossen sich um 2 Uhr Gesangsvorttäge der Vereinigten Männergesangvereine auf dem Platze vor dem Schlosse, denen die Fürstlichkeiten vom Balkon aus zuhörten.
Soziales Leben.
X Der Hafer tlieiter-Ausü r, in Stettin beendet. Die Einigungsverhandlungen in dem nun vier Wochen dauernder Stteik haben endlich zum Ziel geführt. Der Ausstand ist beendet und die Arbeit wird heute bereits ausgenommen.
X Generalausstand in Grenoble. In Grenoble dem Mittelpunkt der französischen Handschuhindusttie waren di, Handschuhmacher in den AuSstand getreten. Nunmehr Haber bie Vorstände sämtlicher Arbeitersyndikate den Generalausstand beschloßen. Auch die Setzer der Druckereien verließen sofort ihre Arbeitsplätze.
Der Breslauer Hufrubrprozeß.
(Dritter Tag.)
§ Breslau, 20. September.
Heute machte die Verteidigung den ersten Vorstoß gegen die Belastungszeugen aus der Schutzmannschaft wie gegen die anderen, die das Verhalten der hiesigen Polizei in freundlichem Lichte darsteüen.
Ein neuer Beweisantrag der Verteidigung.
Vert. Simon nimmt nämlich nach der Vernehmung einiger neuer Belastungszeugen das Wort zu der Erklärung: Nachdem wir nunmehr eine so große Anzahl von Leumundszeugen für die Polizei gehört haben, muß ich einen neuen Beweisantrag stellen. Ich behauptete, daß auf dem Strie- gauer Platz, wenn einer der Beteiligten sich entfernen und ruhig nach Hause gehen wollte, die Schutzmannschaft sofort auf ihn losstürzte und einhieb. Eine große Anzahl von Personen hat Verletzungen auf dem Rücken erhalten, woraus hervorgeht, daß sie auf der Flucht von den Schutzleuten verletzt wurden. Staatsanw. Dr. Hensel erwidert: Es wird ohne weiteres zugegeben, daß einzelne Personen auf dem Rücken Verletzungen davongetragen. Die Verletzungen auf dem Rücken rühren daher, daß die meisten Schutzleute beritten waren und deshalb von obenher schlugen, sodaß die Hiebe meist Schulter und Rücken trafen. Das Gericht beschließt eine größere Anzahl von im Rücken verletzten Personen zu laden.
Nach längeren Auseinandersetzungen über die Bedeutung der Hirsch-Dunckerschen Vereine werden weitere Belastungszeugen vernommen.
Arbeitswillige als Zeugen.
Der Arbeitswillige Zeeh, der unorganisiert ist und infolgedessen von der Aussperrung verschont blieb, bekundet, daß ihn ein Angeklagter „Blausack" geschimpft habe. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich beleidigt gefühlt habe, antwortet er verneinend. Er habe dem Rufer erwidert, er sei ein „Ruppsack", das sei in Breslau so üblich. Die Nichtorganisierten würden „Blausäck, die Mitglieder des Metallarbeiterverbandes „Ruppsäcke" und die Gewerkvereinler „Hirsche" genannt. (Große Heiterkeit.)
Der nächste Zeuge, der Nichtorganisierte Arbeiter Ka- Putke ist von dem Angeklagten Franke an gespuckt worden« Ein Verteidiger fragt ihn: „Wäre es nicht möglich, daß der Angeklagte nur zufällig ^"-gespuckt hat?" Zeuge: Das kann sein. — Vorsitzender: \ hat denn Franke eigentlich gespuckt? Machen Sie es dou, einmal vor. (Große Heiterkeit). Der Zeuge spuckt drei- bis biennal kräftig aus uni ruft laut „Pfui 1" dazu. Auch einige Arbeiter, die den Zeuger an dem Tage begleitet haben, sagen aus, daß Franke vor ihm ausgespuckt und ihm zugerufen habe: Pfui, Du gemeineâ Schwein 1 — Bors. : Nun wird wohl vom „zufälligen" Ausspucken nicht mehr die Rede sein. (Erneute Heiterkeit.)
Der Zeuge Arbeitswilliger Schulz will ebenfalls beschimpft worden sein. Die Frage, ob ihm etwas an der Be. ftrafung der Angeklagten liege, verneint er. — Vert. R. A. Weizmann regt an, er möchte den gestellten Strafanttag zurückziehen. — Zeuge: Dazu bin ich bereit j — Vors. : Danr müssen sie auch die Kosten zahlens — Zeuge: Dann zieh ich den Strafantrag nicht zurück.