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Nr. 247
Erstes Blatt
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Samstag, per 20. Oktober 190b
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Hlnsöstängige Tageszeitung
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(Gießener Weitung)
für Oberhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzsiger für Giessen und Umgebung.
Antbâtt alle amtlichen Bekanntmachungen der Kroßh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeinmtes Gießen imb anderer ^ehörhpn nn« O^f^n
Das neueste.
** Das Hessische Ministerium des Innern hat den Ständen eine Vorlage betr. Einführung der Magistratsverfassuug in Städten von mindestens 10000 Einwohnern zugthen lösten.
Zum zweiten Präsidenten der Landwirtschafts- kawmer will Freiherr v. Heyl nicht gewählt sein, mit Rücksicht aus seine Reichstagspflichten.
Der vom „Räuberhauptmann" überrumpelte Bürgermeister Dr. Langenhans von Köpenick legte sein Amt nieder.
\ > Bluff! - /
(Politisch e Wochenschau.)
Beim edlen Whist oder im weniger vornehmen Drei- Männerskat gewinnt in der Regel die Partei, welche die meisten Trümpfe in der Hand hat. Anders ist es, wenn die Kartenblätter zu dem im Lande der Yankees beliebten und auch leider bei uns nicht unbekannten „Pokerspiel" gemischt werden. Hier kommt es darauf an, den Gegner zu „bluffen", ihm die Ueberzeugung beizubringen, man sei stark wie ein Riese. Da die Karten erst vor der Entscheidung oder überhaupt nicht aufgedeckt werden, läßt sich der unsichere und schwach- gütige Spieler oft genug durch den einen hohen Einsatz riskierenden Waghalsigen einschüchtern, geht mit dem Hasenpanier ängstlich aus dem Kampfe und überläßt dem andern die Beute, obwohl dieser vielleicht nur eine minderwertige Auslese der zweiunddreißig bunten Blätter besaß. Die Dreistigkeit triumphiert und lächelt Hohn. Diese Methode des Abschreckens, diese Spekulation auf psychologische Eigentümlichsten des menschlichen Charakters bezeichnet man mit dem schönen Namen „Bluff". Das Wort zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit unserem sprachgebräuchlichen „Verblüffen", erweitert aber den Begriff der einfachen Ueberraschung nach der Seite der beabsichtigten und raffinierten Täuschung.
Ein größerer „Bluff" als die am letzten Dienstag von einem genialen und verwegenen Gauner in Szene gesetzte Ueberrumpelung des Ratshauses zu Köpenick ist wohl in deutschen Landen kaum dagewesen. Die Gefangennahme des Bürgermeisters der alten Wendenresidenz, die Beschlagnahme der Stadtkasse mit Hilfe preußischer Gardisten wird in der kriminalistischen Chronik für Jahrhunderte hinaus einen hervorragenden Platz einnehmen. Mundus vult decipi — die Welt will bewogen sein und unaufhörlich wissen unter dieser Devise findige Köpfe ihren Vorteil zu wahren. Wer den Schaden hat, braucht nachher für den Spott nicht zu sorgen — so geht es den Köpe- mckern, die sich bei dem falschen „Herrn Hauptmann" für die unwillkommene Berühmtheit bedanken müssen. Ob an anderen Orten und bei anderen Leuten der tollkühne Streich nicht ebenso gelungen wäre — wer will den pharisäerhaften Mut haben, sich selbst als unüberwindlich darzustellen ? Witzeln über den Fehler des anderen ist ungeheuer leicht, kinder-
J«C schwer die Kunst, es besser zu machen. Der „Bluff wird stets ein Haupthandwerkszeug gerissener Gauner blelben und immer werden sich im übrigen sehr ehrenwerte Leute finden, die sich „bluffen" lassen.
Mit einem munteren „Bluff" quiekten dieser Taae die 5vau^= ""^ Klauenseuche erkrankten Schweine des Berliner Biehhofes in die Diskussionen über die Fleischteuerunq
hinein. Bisher war fast widerspruchlos das Attsland verantwortlich gemacht worden, wenn die gefürchtete Krankheit sich im heimischen Viehbestand zeigte. Nun brach sie plötzlich aus, ohne daß die Einschleppung von jenseits der streng abgesperrten Grenzen festzustellen war. Freilich ist mit dem Vorfall nichts gesagt gegen die Notwendigkeit, unserer Viehzucht den aufmerksamsten Schutz auch fernerhin zu widmen. Das kann die Landwirtschaft mit gutem Recht verlangen. Wie der das Maß des Erträglichen allmählich übersteigenden Steigerung der Fleischpreise zu begegnen ist, muß allerdings der Gegenstand genauester Prüfung sein. Ein „Bluff" — mag er von dieser oder jener Seite kommen — kann hierbei nichts nutzen.
Dunkel sehen die Verhältnisse im deutschen Kohlenbergbau aus. Mit verblüffender Schnelligkeit hat sich ein Konflikt zwischen der Arbeiterschaft und den Bergwerksbesitzern entwickelt, der die schlimmsten Bedenken rechtfertigt. Beide Teile stehen sich gerüstet gegenüber, ein Zusammenprall der widerstrebenden Interessen würde schwere Folgen nach sich ziehen. Ausgleichung der Gegensätze, Entgegenkommen bei den Bergherren, Nachgiebigkeit bei den Arbeitern — das muß der Warnruf fein, den die Oeffentlichkeit und die Behörden mit aller Eindringlichkeit den aufgeregten Gemütern vorhalten sollen. Ein Generalausstaud im Kohlenbergbau, gegen den der immerhin bedauerliche Streik der Elbschiffer geringfügig erschiene, würde ein tragischer „Bluff" sein, bei dem beide Spieler wie die gesamte Nation nur verlieren müßten.
In dem ernsten Spiel, das um Rußlands Zukunft ausgefochten wird, ist der „Bluff" an der Tagesordnung. In dem Kommunique des russischen Finanzministers Kokoszew wurden die nicht ohne Grund mißtrauisch angesehenen Finanzen des Zarenreiches als geradezu glänzende geschildert. Schleunigst machte sich daraufhin der Minister des Aeußern Iswolsky auf die Beine, reiste nach Paris und will auch Berlin besuchen. Daß der Würdenträger dabei nicht an einen Erholungsurlaub denkt, darf man ohne weiteres annehmen. Gerüchte von Anleiheplänen verfolgen ihn — man wird sich vor „Bluffs" zu hüten haben. Die fortwütende Revolution bietet keine besondere Sicherstellung für nach Rußland gesandtes Geld.
Die berühmte Diplomatenkrankheit hat den früheren Präsidentschaftskandidaten und jetzigen Ministerpräsidenten Sarrien in Frankreich zur Einreichung seines Entlassungè- gesuches veranlaßt. Clemenceau, der Minister des Innern, schon vorher die eigentliche Seele des Kabinetts, soll sein Nachfolger werden. Mit Sarrien gehen alle übrigen Minister — man regt sich in Frankreich nicht besonders auf, an Kabinettswechsel ist man drüben gewöhnt. Wir in Deutschland können die Sache ebenso ruhig ansehen, die Zeiten, wo ganz Europa von Paris airs beherrscht und mitunter „gö- blufft" wurde, sind lange vorbei.
Eine unangenehme Ueberraschung bereitete die Bank von England der Welt zum Schluffe der Woche nock durch die Erhöhung ihres Diskonts auf sechs Prozent. Der „Bluff" bedeutet eine Aktion ^.gen die Amerikaner, welche seit einiger Zeit große Mengen flüssigen Geldes aus dem Königreich der drei Inseln ziehen. Leider werden auch unsere Geldverhältnisse ungünstig durch die Erhöhung der englischen Bankrate beeinflusst — das Geld wird teurer. „Wo nehmen" ist eine Frage, die der Hauptmann von Köpenick zwar schnell beantwortete, die aber unserer Geschäftswelt böse Sorgen zu bereiten imstande ist, da für jeden ehrlichen Menschen der Nachsatz „und nicht stehlen" selbstverständlich bleibt.
politische Rundschau.
Deutsches Reich»
* Die auf der Studienreise befindlichen Reichstag-- nigeorbneten haben ihre Fahrt in Japan beendet. Unter anderem wurden noch unter freundlichstem Entgegenkommen des Kriegs- und des Marineministers Armee- und Marineeinrichtungen besichtigt Die Abgeordneten sind von der all- seittg freundlichen Aufnahme hochbefriedigt und bezeichnen Tokio als den Glanzpuntt der Reise.
* Das Entlaffungsgesuch deS Prinzen Alexander zu Hohenlohe, bisherigen Bezirkspräsidenten von Kolmar, ist vom Statthalter von Elsaß-Lothringen genehmigt worden.
* Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung trat in Breslau der erste Freikonservative Parteitag zusammen, dessen Vorsitz der Herzog von Ratibor führte. Reichstagsabgeordneter v. Kardorff ergriff nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden das Wort, um zunächst die Abhalttrng des Parteitages zu rechtfertigen und die Zwecke und Ziele der Partei klarzulegen. Abg. v. Kardorff führte u. a. aus: Unsere Partei hatte sich die Aufgabe gestellt, die nationale Politik des Reichskanzlers Fürsten Bismarck zu unterstützen und eine Verständigung herbeizusühren zwischen den gemäßigten liberalen Elementen und den konservativen Anschauungen im Lande." An zweiter Stelle referierte der Abg. Frhr. V. Zedlitz und Neukirch über die Tätigkeit der freikonservativen Fraktion im Abgeordnetenhause. In der gestern stattgehabten, nichtöffentlichen Versammlung des Freikonservattven Parteitages ist bezüglich der Organisation der Partei beschlossen worden, daß eine provinzielle Organisation für Schlesien mit einem Vorstande und einem Bureau in Breslau geschaffen, sowie ein Ausschuß zur Durchführung dieser Organisation eingesetzt werden soll. Des weiteren beschäftigte sich die Versammlung ausführlichst mit der Polenfrage in Oberschlesien, und nahm eine diesbezügliche Resolution an, welche Landtagsabgeordneter Reznicek begründete. Ueber den Zeitpunkt und Ort des nächsten Parteitages wurden keine Beschlüsse gefaßt.
Russland»
Ueber die Vorgänge im Reiche ist wenig neues in die Oeffentlichkeit gedrungen. Wir geben hier die vorliegenden Meldungen:
Kronstadt, 18. Oktober. In dem Gebäude des Militärgerichtes war ein Bombenattentat geplant, welches durch Verhafttlng mehrerer Personen, darunter einige Untermilitärs, vereitelt wurde. Das Attentat war gegen die Richter geplant; die Bombe sollte einem Angeklagten zu- gesteckt werden, der sie unter die Richtertische schleudern sollte.
L o m s ch a, 18. Oktober. Die Zollbehörde in Grajewo hat 19 von Berlin nach Tiflis expedierte Kisten beschlagnahmt, die 74 000 Patronen enthielten.
Petersburg, 19. Oktober. Zahlreiche politische Gefangene, darunter ein verhaftetes Dumamitglied, wurden im Gefängnis in die Abteilung der Aussätzigen gesteckt. Viele Gefangene zogen sich infolgedessen schwere ansteckende Krankheiten zu. (Sin gewisser Luga, der Urheber dieser teuflischen Maßnahme, soll zur Verantwortung gezogen werden.
Petersburg, 19. Oktober. Die Untersuchung in der Angelegenheit der Explosion in der Villa des Premier. Ministers Stolypin kommt nicht von der Stelle. Trotz eifrigster Anstrengungen sind die Attentäter nicht festzustellen.
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^0 ist der „Hauptmann"?
-cè. Berlin, 19. Oktober.
„nx? » rings erhob sich schallendes Gelächter" — wer ver.
«iSchte es auch ernst zu bleiben, wenn man ihm die .Tragikomödie von KSp cnick " erzählt. DerHauvt- S ^1. 0 «ebenfalls durch seine geniale Tat zu einer SS?* ^bracht, die langer als von Tageèdaucr sein durfte. Ach Hauptmann, lieber Hauptmann, warum hast du Vir denn gerade Köpenick ausgesucht, eine Stadt, die so dickte bei der Zentrale aller Intelligenz liegt, warum hast du denn kein Provinzstädtchen „erstürmt"? — So seufzt mancher Berliner dem das Wort: „Nee, Kinder, bei uns kann so m "^^ämmen!" — sonst so geläufig ist. Wenn feister Wilhelm Busch nicht schon vom Pegasus ge- lttegen wäre und seinen Zeichenstift aus der Hand ge- ^ch' köstliche Knüttelverse, welch'' humorvolle Bilder hätten die Köpenicker verewigt. Wenn man dem „Herrn Hauptmann" schmählicherweise nachsagt, er habe eine logen. //Adlernche" und einen „wehmütigen Zug" um die löeme, so geschieht das nur, damit das Bild des „Pizarros von Kopemck nicht als eine Idealfigur vor unserem geistigen Auge emporwachse. — Gerecht empfindende Menschen werden, nach dem Grundsatz „dem Verdienst seine Krone" darüber der berühmte Zeitgenosse für seinen Genie- ZU kleines Honorar erhalten hat, lumpige Mark bekommt ja schon heutzutage mancher Variöte- Komiker, und dessen Darbietungen find doch nie und nimmer so ^
als
gut
die
erfunden und so hochkomisch durchgeführt durchaus neuen Tricks" des Hauptmanns von
Köpenick. — Wenn hier und da behauptet wird, man würde den Hauptmann zum Major vom Genie-Korps ernennen, so ist diese Nachricht, bei der wohl der Wunsch der Vater des Gedankens war, nicht genügend verbürgt. Doch wir wollen die Schellenkappe Till Eulenspiegels abnehmen, wollen rmer freudig-glänzendes Gesicht in würdevolle Falten legen 1 uns mit der nüchternen Wirklichkeit befassen. — Eines zunächst klar: Köpenick und seine Magistratsbeamten müssen an der Seite des Pseudo-Hauptmanns dessen Siegeszug durch alle Witzblätter des In- und Auslandes mitmachen, davor rettet sie nichts. Was die Juristen zu dem „Falle Köpenick" sagen werden, ist noch nicht ganz heraus, man wird das Verhalten des Köpenicker Stadtoberhauptes menschlich und deshalb begreiflich finden, — komisch, urkomisch bleibl die Sache doch und selbst der ernsteste Richter wird schmunzelnd sein Verdikt fällen. 9
. Die „heilige Hermandad" ist seit jenem „denkwürdigen" Ereignis mit einem lobenswerten Eifer auf der Suche nach dem Gauner. Des Rätsels Lösung liegt auch nicht mehr m weiter Ferne, man glaubt zu wissen wer der Täter war. Adolf Milner soll er heißen, und die Hamburger Polizei über sein Vorleben genügend orientiert. Milner soll ge« oorener Amerikaner sein, — das wollen wir gern glauben, e^ncrrv ari" genug war sein Vorgehen. In Hannover soll sich Milner vor kurzem eine Offiziers-Uniform für Garde- Infanterie haben machen lassen. — Ob das wohl die richtige Spur ist? Es scheint jedoch nicht, denn alle Beteiligten, denen man die Photographie Millners vorlegte, erklärten: das ist der Hauptmann nicht 1 Aus Frankfurt a. M. kommt di, Kunde, daß dort ein Friseur vermißt wird, der vor einigen Jahren in verschiedenen größeren Städten Bayerns Genie, taten â la Kövenick verübt bat. Eine - ruverlässiae"
Persönlichkeit aus Berlin will wissen, daß der Täter ein ehemaliger Zahlmeister von den „Maikäfern" (Garde- Füsilier-Regiment) ist, der vor 15 Jahren entlassen wurde. Die Personalbesi eibung paßt auf den Verdächtigten, und man traut ihm auch eine solche Tat zu. Der Aufenthalt des Zahlmeisters a. D., der mit militärischen Gepflogenheiten und auch mit den Kassengeschäften genügend vertraut ist, konnte bis jetzt nicht 6 estellt werden. Andere kluge „Detektivs aus Leidenschaft" chaupten sogar, der Täter sei ein ehemaliger Offizier g: ae'en. — Der Fährten sind also genug. Die Zahl der Denunziationen, die bis jetzt bei den Polizeibehörden einliefen, sst sehr groß, dcch immer war es „nicht der Richtige." — ^ nn wird den Hauptmann von Köperuck sein Schicksal ereilen ? "
Köpenick, 19. Oktober. Infolge der vielen anonymen Droh- und Schmähbriefe, die ihm in den letzten Tagen zugingen, hat Bürgermeister Dr. Langerhans sein Amt niedergelegt.
Hamburg, 19. Ottober. Die hiesige Polizei vermutet, daß ein internationaler Gauner, der unter dem Namen des Grafen Schliessen sich eine Uniform in Hannover hat machen lassen, den Köpenicker Ueberfall verübt hat. Wahrscheinlich ist es ein bekannter Hochstapler namens Bernhard Millar, ein früherer Fabrikbesitzer.
Berlin, 19. Oktober. Heute morgen weilte im Auftrage des Regierungspräsidenten von Potsdam Regierungsrat Schuhmann in Köpenick, um die bereits angekündigte» Vernehmungen zu leiten.