Nr. 168
Freitaq. -en 20. Juli 190b
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lieb Option u.Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83.
Fer»sprecha«schl»H Nr. 362.
•«eti»leileg«e: Ob—Hessisch« g«*UiMie«ttewg («NW und He »«eH—er CeifeabUfea (wöchentlich).
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(Gießener TageötE)
Nnaöhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gieszerr und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Groszh. Bürgermeistern Gietzeu, des ^ronh. Volizemmtes Giessen und anderer Nebärd^n van ^rM^n
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Gerüchte über bevorstehende Zusammenkünfte Kaiser Wilhelms mit seinem Onkel, dem König Eduard von England, oder dem Zaren laufen jetzt tagtäglich durch die Presse. Ob freilich etwas Tatsächliches diesen vielen Meldungen zu« gründe liegt, muß erst die Zukunst ergeben. Vorläufig liegen bestimmte amtliche Aeußerungen nicht vor.
Daß Staatsoberhäupter einander Besuche abstatten, ist skion in den ältesten Zeiten vorgekommen. Früher freilich n cht so oft wie in unseren Tagen. Das lag nicht blos an d r geringeren Reisebeguemlichkeit und im Zusammenhang damit an der geringeren Reiselust, sondern in weit höherem Maße an Rücksichten der Etikette. Es gab ehedem Monarchen, beten Hofte, moniell ihnen überhaupt nicht gestattete, mit einem anderen Souverain zusammenzukommen. Heute sind die Monarchen viel vorurteilsfreier. Sie behandeln einen fürstlichen Gast mit herzlicher Liebenswürdigkeit und erweisen ihm alle Ehren. Die Schwierigkeit beginnt eigentlich erst wenn mehr als zwei Staatsoberhäupter zugleich zusammen« kommen. Dann haben die Oberhofmarschälle saure Arbeit. Dann wird genau abgemessen und abgewogen, we> etwa nach Rang und Jahren und Verwandtschaft den Bortritt bcal'spruchen dürfe, ob etwa tageweise der Vortr.lt zu wechseln habe, wem der Vortritt zuerst zufafle, uno was dergleichen Dinge mehr sind, von deren Bedeutung sich ein gewöhnlicher Mensch kaum eine Vorstellung machen kann. Es wäre übrigens sehr leicht, aber ebenso irrig, wollte man annehmen, daß diese Dinge so ganz belanglos wären. Man braucht sich nur zu erinnern, daß vor jetzt fast dreißig Jahren Fürst Bismarck in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" förmliche Noten veröffentlichte, weil er sich dadurch zurückgesetzt glaubte, daß bei einem zu Ehren Alexanders HL von Kaiser Wilhelm dem Großen veranstalteten Mahl nicht ihm, sondern dem Oberhosmarschall der Platz zunächst dem sei er chen Gast angewiesen worden war. Wenn Fürst Bismarck dergleichen nicht kleinlich findet, so brauchen sich gewöhnliche Sterbliche nicht zu genieren, sich zu einer ähw lichen Auffassung zu bekennen.
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Monarchenbegegnungen sind, wie gesagt, häufiger ge« worden. Es gilt sogar als Regel, daß ein Für l, der neu ’ auf den Thron gekommen ist, sich persönlich zum mindesten ; h?n benachbarten Mitfücsten vorstellt, wobei der Begriff der i Nachbarschaft recht weit gegriffen wird. Manchmal freilich ' kommt es vor. dast einem Besucher abgewinkt wird. Selbst« . verständlich müssen hieriür ganz besondere Gründe vorliegen. ; Man wird das an einem Beispiel verstehen: König Peter V Karageorgewitsch von Serbien bat noch keinen Nachbarbesuch } abstatten können. Er wird wissen, warum — und ander« j wissen es auch.
r Die besondere Monarchenhöflichkeit hat noch andere l Regeln aufgestellt: Kommt ein Souverain der Landesgrenzs - eines anderen Souverains sehr nahe, so läßt dieser "jenen durch eine eigene Botschaft begrüßen oder kommt selbst zur - Bearüßung. Kommt ein Fürst in eines andern Fürsten Land, so sucht er Gelegenheit, dem Landesherrn zu begegnen.
Selbstverständlich gibt es hier auch Ausnahmen. Fürsten. Benennungen mit ihrem großen Zeremoniell und nicht blos kostspielig, sondern auch lästig und unbequem. Wer eine Bâreise macht, sieht sich gern der Mühseligkeit großer Empfänge überhoben. Da hilft dann zumeist eine kon- ventionelle Maskerade. Der reisende Fürst erklärt, daß er unerkannt sein wolle und legt sich einen beliebigen unsürst- lichen Warnen bei — was nicht hindert, daß die Spitzen der Behörden an Anknnfts- und Durchfahrtsorten ihm aufmarten und ihm den gebührenden Titel geben. Noch andere Ausnahmen kommen vor! Die Gesetze der Etikette, die Fürsten untereinander üben, sind nicht codifiziert, und so mancher setzt sich über die ungeschriebenen fort oder macht sich ein eigenes. Bon den seitherigen acht Präsidenten der dritten französischen Republik hat noch keiner dem deutschen Nachbar- Staatsoberhaupt seine Aufwartung gemacht. Stillschweigend galt hier .Comment suspendu-. Die politischen Akteurs an der Seme waren mit den Akteurs der Comédie francaise Der aufrichtigen Meinuna, daß der Frankfurter Friedens- Vertrag ihnen verbiete, über die Vogesengrenze zu gehen. Die Komödianten lachte man aus, die Politiker nahm man ernsthaft. Die Komödianten lachten schließlich über sich selbst und — kamen nach Berlin, wo man sie sehr freundlich empfing. In der Politik aber blieb es bei dem .Comment Buspendu* bis auf den heutigen Tag.; Auch das wird vorübergehen. _ Hat man erst angefangen, darüber zu lachen, so wird die lächerliche Rolle denen bald nicht behagen, die sie jetzt noch für notwendig halten. Die Ernsthaftigkeit, die in diesen Dingen geübt wird, ist ja eine Komödie, und nicht einmal eine schöne Komödie. Sie macht die höchsten Gefühle zur Farce, zum Schaustück, und das ist unwürdig. Von den Veieiligten wird es auch so empfunden. Die alte Komödie kann daher seine ewige Dauer haben, und eigentlich wäre es Zeil, baß man mit ihr ein Ende machte, Natürlich ist das ganz und gar Sache der Franzosen. Bei ihnen allein liegt .ob Ne sich von einer Fessel freimachen wollen, deren Lchiigteit sie selbst empfinden. Wir haben gar keine Eile. Wir wissen ohnehin, daß eS in Frankreich keinen M. c gibt, ver so populär wäre, wie Kaiser Wilhelm IL, n die an tosen zu ihrem Kaiser wählen würden, wenn sie nach Krem Lerzen handeln könnten.
Huflösung der Duma?
In Rußland treiben die Dinge zur Entscheidung. Der Zar ober die Duma — in diesen Ruf beginnen sich die Gegensätze zuzuspitzen. Die Unentschlossenheit des Kaisers Nikolaus und die dadurch bedingte Halbheit der Lage sind es, die eine ruhigere Entwicklung hindern.
Die Behandlung der für Rußland einschneidendsten Frage scheint für den weiteren Gang der Ereignisse verhängnisvoll werden zu sollen.
Die Agrarfrage als Wendepunkt.
In dem Moment, da die Duma die Agrarfrage in 9Tn* griff na i m, wurde der Gegensatz zwischen der Volksvertretung und der Regierung akut. In der Duma überwiegen die Stimmen, die eine scharfe Erklärung gegen das b.sherige Regime erlassen wollen. Angesichts dieses Vorhabens fliest sich d e Regierung zu einem entscheidenden Schritte an. Aus Petersburg wird darüber berichtet:
Die Regierung ist entschlossen, ein Manifest der Duma in der Agrarfrage als aufrühterischen Aufruf zu be- trachten und demgemäß die Veröffentlichung zu verhindern. In den Kreisen der „^adetten-Vartei" in der Duma geht das Gerücht, ein ge Minister hätten angesichts der Haltung der Duma in Pelerhof die Auflösung der Duma angeregt, indessen habe die Anregung vorläufig keinen Anklang gefunden.
Der Zar hat freilich guten Grund, den Bogen nicht zu straff zu spannen.
Die wankende Armee.
Immer weiter greift die Garung in der Armee um sich, die noch die einzige Stütze des Zarentums bildeten. Nach einer über die Haltung der einzelnen Truppenteile ausgestellten Statistik sind bereits, ganz offenkundiger Weise, nicht weniger d^nn 6 Garderegimenter, 29 andere Regimenter, fünf Sappeur- Bataillone und eine Anzahl Kosaken-Regimenter im Widerstand gegen die Staatsgewalt begriffen, von der Flotte gar nicht zu reden.
Die Dynastie gefährdet?
Selbst in den russensreundlichen Kreisen machen sich angesichts der ganzen Entwicklung die schlimmsten Befürchtungen geltend. Aus Paris wird darüber berichtet.
In den Kreisen der sranzofi chen Regierung wird vielfach der Befürchtung Ausdr ck gegeben, daß angesichts der wankelmütigen Haltung des Zaren der Untergang der Dynastie bevorstehe.
Der Zar sann sich eben nicht zu dem einzigen Mittel entschließen, das geeignet erscheint, Abhilfe zti schaffen. Der russische Minister deS Innern bat selber unumwunden darauf hingedeutet. Nach einer Petersburger Meldung erklärte der Minister Stolypin, da auf die Armee absolut kein Verlaß mehr fei, gebe es seinen andern Ausweg aus den Schwierigkeiten, als die Berufung eines Ministeriums aus den Reihen der Partei der Volksfreiheit. Indessen bislang ist es der Umgebung des Zaren noch immer gelungen, ihn von diesem Schritte zurückzuhalten.
Neue Attentate.
Unter diesen Verhältnissen greift auch das SchreckenS- regiment immer weiter um sich. Auch auf einen Flügeladjutanten des Zaren, den Grafen Totleben, wurde ein Revolverattentat verübt. Der Graf wurde von der Kugel nur leicht am Kopfe gestreift. Der Täter, ein junger Mensch, bestieg ein Boot, das auf der Newa auf ihn wartete, und entkam. In Sebastopol wurde gegen den Kommandeur des Brenschen Regiments in dem Augenblick, als er aus der Gerichtsverhandlung über die Flottenmeuterer kam, aus der Kaserne der Flotien-Eqaipage eine Bombe geschleudert, die ihn jedoch nicht verletzte. Wie ein Versuch zur Aufreizung des Militärs nimmt sich ein Vorgang aus, der sich in Warschau ereignete, wo auf ein vorbeimarschierendes Regiment aus Häusern geschossen wurde, worauf die Soldaten das Feuer erwiderten. An Stelle des wie bekannt ebenfalls einem Atteniat zum Opfer gefallenen Admirals Dubassow ist General Hörichelmann zum Generalgouverneur von Moskau ernannt worden.
Todesurteil gegen Stößel.
Der Verteidiger von Port Arthur, General Stößel, ist von der Unlersuchiingskommission zur Entkleidung seiner Orden und seines Ranges und zum Tode durch Erschießen berurietit. Der Bericht der Kommission wird dem Zaren vorgelegt.
Huf dem Kriegspfade!
Die Kampfhähne in Mittelamerika haben sich beruhigt müssen, der „große Bruder" aus Washington hat sich zwischen sie gestellt und ihnen das weitere Kämpfen untersagt. Der Waffenstillstand zwischen Salvador und Guatemala ist zustande gekommen, und zwar an Bord des amerikanischen Kreuzers „Marblehead".
Bei uns in Europa kümmert stch wohl niemand darum, ob die süd- oder mittelamerikanischen Staaten in Ruhe und Frieden leben oder ob sie sich gegenseitig etwas am Zeuge
liefen. Nur wenn durch solche Ruhestörungen das Leben sder das Eigentum deutscher Staatsangehöriger oder unsere Handelsintereffen gefährdet erscheinen, dann spricht man ein Machtwort oder begnügt sich mit einer höflich-energischen Mahnung. Im Mittelpunkt des Interesses stehen momentan die drei Republiken Guatemala, Honduras und Salvador. Dort kriselt es anscheinend immer, alle Augenblicke taucht ein neuer Abenteurer auf, der Gelüste auf die Präsidenten-' würde an den Tag legt. Man hört von einigen Kämpfen zwischen den Freischärlern und den „regulären" Truppen und dann ists wieder ruhig. Mit den „regulären" Truppen sieht es in allen drei Republiken noch recht trostlos aus, das Heerwesen steht immer noch auf sehr niedriger Stufe.
Guatemala zählt ca. 1675 000 Einwohner, von denen aber nur 14 auf den Quadratkilometer Land entfallen. Das reguläre Heer, dem alle wehrfähigen Weißen und Mischlinge vom 18. bis zum 25. Jahre angehören müssen, zählt 6000 Mann im Frieden, 80 000 Mann im Kriegsfälle.. Präsident Cabrera soll augenblicklich 40 000 Mann an der Südostgrenze seines Landes vereinigt haben. In keinem Heere der Welt gibt es wohl io viel Offiziere wie in Guatemala,, die letzte Rangliste wies deren nicht weniger als 2978 auf.
im Kriegssalle werden daraus 4000 Offiziere, sodaß auf je, 20 Mann ein Offizier kommt. Bewaffnung und Ausrüstung lassen sehr viel zu wünschen übrig. In Honduras, mit seinen 610 000 Einwohnern, von denen allerdings rund 70 000 sogenannte wilde Indianer sind, kommen nur 5 Personen auf einen Quadratkilometer Land. Hier ist zwar nominell auch bie allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden, doch werden zu viele Ausnahmen gemacht, sodaß also von einer allgemeinen Wehrpflicht nicht recht mehr die Rede sein kann. Das stehende Heer zählt 298 Offiziere und 1652 Mann, die im Kriegsfalle auf 3000 Offiziere und 47 000 Mann erhöht werden. In Salvador, das
sich auch
bat man
rühmt, allgemeine Wehrpflicht zu besitzen«
ein recht summarisches führt um Rekruten zu bekommen, werden^ die Rekruten aufgelesen, und militärärztlichen Kommission vorgeführt, des Heeres beträgt rund 3000, die 18 000 Mann. Auf dem Papier ist in _________ ____ .
bester Ordnung; das Heer ist nach europäischem Muster ein«
Verfahren emge-
Auf der Straße meist gefesselt der
Die Friedensstärke Kriegsstärke rund Salvador alles in
geteilt in Brigaden, Regimenter usw., als kommandierender General fungiert der Präsident, dem ein Kriegsminister und ein Generalstab untersteht. Aber mit dem militärischen Wissen und Können ist es nicht weit her. Die Bewaffnung ist bunt; so existieren fast ebensoviele Gesch'itzarten wie Geschütze. Nirgends sind die Kadres gefüllt; als Kavallerie dient die berittene Polizei, die sich meist gut hält, dagegen si'id dre aus „Leutnants", welche ein Pferd milbringen, geoilbeten beratenen Abteilungen ohne jeden inneren Halt und ohne Verlaß.
In den Kämpfen zwischen den Republiken haben sich die regulären Truppen lief* als unzuverlässig erwiesen; Verlaß war fast nur auf die Kriegsfreiwilligen, die ihren Führern anhänglich waren und dann meist mit Zähigkeit kämpften. Da ein Krieg unter solchen Verhällnissen nur zu leicht in Mord und Raub ausartet, und den Republiken statt polui stier Vorteile nur schwere wirtschaftliche Nachteile bringen wurde, kann man dem schnellen Eingreifen des Präsidenten Roosevelt bie Anerkennung nicht versagen.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
• Die deutsch-englische Grenzkommission für die Nord« stkevze von Deutsch-Ostafrika hat ihre Beratungen zum befriedigenden Abschluß gebracht. Es wurden nur geringfügige Abänderungen der Grenze mit Rücksicht auf das Gelände und die Handelsintereffen, sowie die Stammesver- teilung der Eingeborenen getroffen. Die wichtigste Abmachung für unser Schutzgebiet ist die, daß westlich vom Viktoriasee die Einführung natürlicher Grenzen zunächst unterlassen wird, daß mithin die Kageramnndung, nicht aber der sogenannte große Kagera-Bogen mit feinem Waldbestande nördlich des Kagerafluffes deutsch bleibt.
* Nach Berichten des Freiherrn von Wangenheim ist die Unterwerfung des Bezirks Mabenge in Deutsch Ostafcika vorläufig abgeschloffen und durch fünf militärische Posten g' sichert. Im Bezirk Jraku ist die Haltung der Bevölkerung noch nicht zu gewährleisten, da die Rebellenführer noch nicht ergriffen sind.
* Wegen der notwendigen umfangreichen Vorarbeiten zur Einführung ist das Jnklafureten deS Preußischen Schulgesetzes bis zum 1. April 1908 hinausgeschoben worden.
* Amtlich bekanntaegeben wird die Erhöhung der Ortsportosätze für ”aüem. Die Abänderung der Postordnung bestimmt analog der Erhöhung im Reichsvostgebier, daß das Brief- und Postkartenrorto im Orts- und Na-bbar- Ortsverkehr auf 5 Pfennig erhöht wird und bei Drucksachen, Geschäftspapieren und Warenproben die Sonderportos im Orts- und Nachbarortsverkehr fortfallen. Die Aenderung tritt am 1. Auoust in Kraft. Bei den im Auaust einaea
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