Nr. 272
Montag, den 19. November 1906
15. Jahrgang
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RMmv. Hnuptexpedittzm: Gieße«, SelterSweg 83. frtt*f|Mrt*<*W** Nr. »68.
Gießener
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Sin €rlaß des Kaisers.
Die Wiederkehr des Tages, an dem vor 25 Jahren Kaste Wilhelm I. die Botschaft erließ, mit der die sozialpolitisch Gesetzgebung des deutschen Reiches eingeleitet wurde, ho seinem kaiserlichen Enkel und Nachfolger an der Krone, Kaise Wilhelm II., zu einer Proklamation Veranlassung gegeber deren Veröffentlichung dem Reichskanzler anbefohlen wirè Der Erlaß ist vom Reichskanzler Fürsten Bülow gegen gezeichnet.
Die kaiserliche Kundgebung.
„Der heutige Tag, an welchem vor 25 Jahren der h Gott ruhende Kaiser und König Wilhelm der Große Sein unvergeßliche Botschaft erließ, gibt Mir willkommenen Anlaß mit dem deutschen Volke in ehrfurchtsvoller Dankbarkeit dieser Friedenswerkes zu gedenken, durch welches Mein erlauchter Ahnherr zum Schutze der wirtschaftlich Schwachen der Gesetz gebung neue Bahnen wies.
Nach Seinem erhabenen Willen ist es unter freudigen Zustimmung der verbündeten Regierungen und der Verständnis vollen Mitwirkung des Reichstags gelungen, den schwieriger und weitverzweigten Ausbau der staatlichen Arbeiterfürsorg, auf dem Gebiete der Kranken-, Unfall- und Jnvalidenversiche ninq so zu fördern, daß dieHilfsbedürftigen in den Tagen der Noi einen Rechtsanspruch auf gesetzlich geregelte Bezüge besitzen Die Arbeiter haben damit, dank den umfassenden Leistungen des Reichs und ihrer Arbeitgeber sowie auf Grund ihrer eigenen Beiträge eine erhöhte Sicherheit für ihren notwendiger Lebensunterhalt und für den Bestand ihrer Familien erreicht Die großen und werbenden Gedanken der Kaiserlichen Botschafi Vaben diesen Erfolg aber nicht nur in unserem eigenen Vater, lande gezeitigt, sondern wirken auch wert über dessen Grenzer hinaus vorbildlich und bahnbrechend. Leider wird die Erreichung des höchsten Zieles der Kaiserlichen Botschaft gehemmt und verzögert durch den andauernden Widerstand gerade von der Seite, welche glaubt, die Vertretung der Arbeiterinteressen vorzugsweise für sich in Anspruch nehmen zu können. Gleich, wohl vertraue Ich auf den endlichen Sieg gerechter Erkenntnis des Geleisteten und auf wachsendes Verständnis für die Grenzen des wirtschaftlich Möglichen in allen Kreisen des deutschen Volkes. Dann wird sich auch die Hoffnung Kaiser Wilhelms erfüllen, daß sich die Arbeiterversicherung als dauernde Bürgschaft inneren Friedens für das Vaterland erweisen möge. In dieser Zuversicht ist es Mein fester Wille, daß die Gesetz- gebung auf dem Gebiete der sozialpolitischen Fürsorge nicht ruhe und in Erfüllung der vornehmsten Christenpflicht aus den Schutz und das Wohl der Schwachen und Bedürftigen fortgesetzt bedacht sei.
Durch gesetzliche Vorschriften und Leistungen allein M indes die Aufgabe im Geiste der Kaiserlichen Botschaft und ihres erlauchten Schöpfers nicht zu lösen. Ich erkenne es an dem heutigen Tage gerne an, daß es im deutschen Volke nie an Männern und Frauen gefehlt hat, die freiwillig und fteudig chre Kraft in den Liebesdienst am Wohle des Nächsten stellten, und sage allen, die sich dem großen sozialen Werke unserer Zâ feldstloS und opferwillig widmen, Meinen Kaiserlichen Dank.
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Nach der Synode.
Pfarrer Korell sendet uns folgendes:
Die Beratung des Falles Korell in der hessischen Landessynode ist so ausgegangen, wie es nach der politischen und kirchenpolitischen Gruppierung nicht anders zu erwarten war. Das Recht meines Verhaltens sieht mir ebenso wie nach dem Entscheid des Oberkonsistoriums auch jetzt, nachdem die Synode gesprochen, fest; ich bin gewiß, richtig gehandelt zu haben und werde nicht anders handeln können. Es ist mir herzlich leid, wie ich schon dem Oberkonsistsrium sagte, daß ilch manchem guten Menschen Schmerz bereitet habe; ^aß auch ich in meinem Gewisse» ernste Kämpfe zu gestehen hatte, davon scheinen wenige Redner der Synode eine Ahnung gehabt zu haben. Ich darf denen, die für die Freiheit der Pfarrer eingetreten sind, nicht danken, den sie haben nicht für mich, sondern für ^ie Kirche gekämpft. Daß andere aus ernsten, sachlichen »Erwägungen gegen mich waren, ist ihr gutes, von mir fireudig anerkanntes Recht. Auch daß Herr v. Heyl Mich in der Synode ausschließlich politisch bekämpfte, finde ich bei ihm verständlich. Daß aber die Herren Pfarrer Bernbeck und Wahl-Langen mich persönlich
Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntnis
p bringen.
Gegeben Donaueschingen, den 17. November 1906.
Wilhelm, l. k. ’
' Gin Jubiläum sozialer fürforge.
Deutschlands Sozialpolitik konnte in diesen Tagen ein Jubiläum begehen. Am 17. November 1881 hat Kaiser Wilhelm I. die Proklamation erlassen, das die Sozialgesetzgebung des deutschen Reiches einleitete, ein Riesenwerk von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Fünfundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Nicht eines von diesen fünfundzwanzig Jahren ist ein Jahr des Ausruhens und Zuwartens gewesen. Unaufhörlich wurde der Bau, dessen Ausdehnung von vornherein nicht gering gewesen, erweitert und höher geführt, und auch die nächste Zukunft verspricht keine Pause. Von Anbeginn hatte Fürst Bismarck, Wilhelms I. erster Ratgeber, die Erweiterung der Grundlinien in Aussicht genommen. Ihm hatte der Gedanke vorgeschwebt, in die Altersversicherung „jeden Deutschen" einzubegreifen. Die Neuheit des Werkes, die für manchen etwas erschreckendes hatte, bestimmte ihn zu vorsichtiger Selbstbeschränkung. Doch die Beschränkung sollte nicht von Dauer sein. Immer weiter dehnte sich der Kreis derer, denen die Wohltaten der Sozialgesetzgebung, der Zwangsversicherung unter Beihilfe des Reichs und der Arbeitgeber, zuteil werden sollte und auch tatsächlich zuteil wurde. Nur ganz langsam ließ der Widerspruch nach, nur ganz langsam wurde erkannt, daß der eingeschlagene Weg ein Weg der Gerechtigkeit sei, der zum Frieden, zum sozialen Frieden führe, Die anaebahnte Sozialgesetzgebung war aus der Hinsicht entsprungen, daß der Staat sich nicht begnügen dürfe, durch Regressivmaßnahmen die Ausschreitungen derer niederzuhalten, die unter Bekämpfung der bei stehenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung diq öffentliche Sicherheit bedrohten, sondern gleichzeitig daran! bedacht sein müsse, die berechtigten Wünsche und Forderungen der arbeitenden Bevölkerung zu befriebigen und dadurch bei Unzufriedenheit die Unterlage, die Nahrung zu entziehen, Die Sozialgesetzgebung sollte sein und war eine Ergänzung der Sozialistengesetzgebung. Diese war gegen die destruktiven Tendenzen gerichtet und im wesentlichen negierend, jene wa^ schöpferisch und wirkte in positiver Richtung. Das war fein zufälliges Nebeneinander, vielmehr bestand ein innerer im sächlicher Zusammenhang. Weder der Kaiser noeb sein Kanzler gaben sich der Hoffnung hin, daß die positive Arbeij schnelle Erfolge zeitigen werde. Sie wußten, daß der Bau, dessen Aufführung sie beinahe erzwingen mußten, keinen plötzlichen Umschlag in der Stimmung der Massen bringen würde, daß sie für ein späteres Geschlecht und oessen Anerkennung sich mühten. Eine teilweise Anerkennung ist eingetreten. Die Sozialgesetzgebung hat kaum noch grundsätzlich, Gegner. Zwar an Einzelheiten wird Kritik geübt, das Tempo der Ausgestaltung wird hier und da als allzu heftig angesehen; aber niemand ist, der das Geschehene ungeschehen machen möchte. Seit sechzehn Jahren gibt es kein Sozialisten, ausnahmegesetz mehr. Es ist erloschen, ohne vermißt zu werden. Und gerade darin offenbart sich die Wirkung bei Sozialgesetzgebung, daß sie der Aufwendung besonderer Machtmittel und Repressivmaßregeln entraten konnte.
Deutschlands Sozialgesetzgebung ist sirr die ganze zivile sterte Welt vorbildlich geworden. Mit Staunen hat m^
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beschimpft und sich zu Verbreitern von Klatsch gemacht | ich aber in dieser Kirche bleiben will, um an meinem habe», kann ich lebhaft bedauern.
Ich armer Mensch! Dem einen Synodalen bin ich zu gesund, dem anderen bin ich es zu wenig; dem einen bin ich ein raffinierter Taktiker, dem andern zu wenig vorsichtig; dem einen ist meine politische Liebe ganz klar; dem andern bin ich unklar. Ja, wer nicht verstehen will, dem kann ich nicht helfen! Der morsche Baum war und bleibt der Scheinliberalismus nach Darmstädter Muster. Das habe ich deutlich gesagt und ebenso deutlich, daß nicht die Sozialdemokratie, sondern der wirkliche Liberalismus ihn beseitigen soll. Da mir unser Vaterland mit seiner Geschichte, Sprache, Macht, Wirtschaft und Frömmigkeit eine wahrhaftige, .tiefe Liebe ist, so bekämpfe ich die Sozialdemokratie jnicht minder wie die Reaktion. Wenn ich zwischen beiden als Privatmann zu wählen habe, entscheide ich mich persönlich nach der politischen Lage für das kleinere Uebel. Als Kandidat hatte ich so energisch gearbeitet, daß ich heute noch der Ansicht bin, ich durste es meinen Wählern überlassen, für sich die richtige Entscheidung zu treffen. Das Wahlkomitee hatte andere Aufgaben und gab eine Parole. Ich wußte, daß meine Heimat- kirche nicht frei genug ist, um mehr von mir zu ertragen, als ich tat und für genügend und richtig hielt. Da
gelegen, Daß Die deutsche Industrie unter den Lasten, bis dre Arbeiterfürsorge ihr auferlegte, nicht niedergedrückt wurde, daß sie kräftig erblühte. Mail sah mit Bewunderung uns genau das wohlverstandene Interesse des Arbeitgebers m-s dem wohlverstandenen Interesse des Arbeiters Hand in Hand ging, wie ausgezeichnet sich beide mit dem Geist der Gerechtigkeit und Billigkeit vertrugen. Die deutsche Jnduswie büßte nicht ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt ein nicht einmal vorübergehend, sie gewann vielmehr aus der erprobten Solidarität mit der Arbeiterschaft neue Kraft
Die Sozialgesetzgebung umfaßt die Arbeiter-Alters- und Invaliden-, die Unfall- und Krankenversicherung. Die Ver. 1 sicherung für Witwen und Waisen steht noch aus, aber nicht S mef)r m unabsehbarer Ferne. Die Zahl der von der gesetz- i bchen Krankenversicherung umfaßten Personen betrug im - Jahre 1885 schon 4 294 000, im Jahre 1902 aber 10 319 000 ! Personen. Gegenwärtig werden im Reich über 11 Millionen Ü Arbeiter für sich und ihre Angehörigen in Krankheitsfällen ) berjoegt, zwischen 3 und 4 Millionen Kranke erhalten jährlich I
^Mionen Mark Unterstützung. Die Unfallversicherung erstreckt sich auf 20 Millionen Personen und bedingt jährlich 150 Millionen Mark Aufwendungen. Die Jnvaliditätè- und Altersversicherung hat 14 Millionen beteiligte Personen Die Zahl ihrer Rentner ist 650 000, die über 70 Millionen Marl ehrlich beziehen. In der Zeit von 1885 bis 1903 haben Kranken-. Unfall- und Invalidenversicherung 2233 — 931 und 854, zusammen 4018 Millionen Mark an 60 Millionen Personen gezahlt, über IV2 Milliarden mehr, als die Arbeiter dazu beigesteuert haben. Täglich tnerben für diesen Zweck ber Arbeiterfürsorge in Deutschland FA Millionen Mark ausgewendet.
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Es ist nicht leicht, diese Riesenzahlen zu begreifen. Man ^ennt unsere Zeit die Zeit der Epigonen. Wenn man aus das Werk der Sozialgesetzgebung blickt, erkennt man, daß die Bezeichnung unverdient ist. Wir dürfen auf dieses Wer) stolz sein und haben Ursache, mit Lant und Stolz seiner irrheber zu gedenken.
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Die Kriegslage in Südwst-Hfrika.
Amtliche Mitteilungen des Oberkommandierenden in Südwest-Afrika melden von neuen Kämpfen und Zusammenstößen im südwestafrikanischen Aufstandsgebiet. Der bedauerliche Umstand, daß bei einem Ueberfall fünf deutsche Reiter getötet und mehrere andere schwer verwundet werden konnten, zeigt deutlich, daß die Sicherheit in unseren südwestafrikanischen Kolonien noch sehr zu wünschen übrig läßt.
Eine Hottentottenbande unter dem Befehl Stuermanns überfiel die deutsche Besatzung von Uchanaris in der Nähe des Stationsgebäudes. Fünf Reiter sind gefallen, zwei wurden schwer, einer leicht verwundet. Oberleutnant Frhr. von Fürstenberg übernahm mit der 9. Kompagnie 2. Feldregiments und dem Maschinengewehrzug Müller die Verfolgung in Richtung über Wasserfall in die großen Karasberge. Der Feind wurde nach fünf Tagen östlich der großen Karasberge gestellt und nach kurzem Kampfe auseinandergejagt. Fünf Mann der zersprengten Bande stellten sich später freiwillig bei dem deutschen Truppenteil in Lifdod. Ein zweiter Hottentottentrupp zeigte sich östlich von Keetmannshoop bei Naioms. Bei der unternommenen Verfolgung liefen die Aufständischen auseinander. Schon seit den letzten Tagen des Oktober
Teile der evangelischen Frömmigkeit und Freiheit zu helfen, so war es mir im Gewissen verwehrt, mehr zu tun. Hierbei spricht keine Brotrücksicht, sondern nur dm
Liebe zur evangelischen Kirche mit.
Das Problem, daß ich ducchzukämpfen hatte, wird in den nächsten Jahren für viele meiner jetzigen Gegner auch noch einmal brennend werden, nämlich für alle die, welche noch nicht rettungslos dem Mißtcanen gegen das Volk und der Anbetung äußerer Autorität verfallen sind.
Ich lasse mich nicht abdrängen von der Frömmigkeit, von der Kirche und vom Vaterlande, mag mir auch noch größeres Unrecht geschehen als 1906. Das ist die Bitte, die ich meinen Freunden in Darmstadt— Groß-Gerau und im Hessenlande aussprechen möchte: Soweit sie zur Kirche gehören, dürfen siè sich wegen der Pharisäer und Sadduzäer in ihr nicht von ihr abwenden. Je mehr die Liberalen Verständnis und selbstloses Interesse ihr entgegenbringen, um so eher wird sie duldsam und steter werden. Allen aber wünsche ich eine noch stärkere und opferfreudigere Liebe für den Liberalismus und unser Volk.
Königstädten. ^Adolf Korell.