Nr. 220
Mittwoch, ben 19. September 190b
15. Jahrgang
remMca u.^:u»t<n>ebfrt0n: Gieße», ©eitere*eg W» ^"-r»fyyr*«*fd>l»N Nr. 364.
Gießener
e^WleSM«, CImMMh fMOIn«fttn( WWW ”*> Ht etre«« «HftaklaM (wMortM).
Weiteste Wachrichten
(Aidkner AageötEtt) Nnakhängige Tageszeitung tchiekener Weitung)
für Oberhesten und die Kreise Marönng und Wetzlav; LökKLMzâgev für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grohh. Bürgermeisterei Gießeu, des OZroßh. Pulir^amr"? G»»^en ^h 0^^* <n^^n hn« r\^^^ - 1'—' ^»^^'^ ^™.?<?rrw-sMt^^ - in^^-T^OK^^ Vkw«nwi v^HimmsKsgt^^
französisch-englische Hllianz.
Aus Paris wird der „Deutschen Reform-Korrespondenz^ ton einem deutschen Politiker geschrieben:
Unter Leitung des Generals Michel finden gegenwärtig im Frankreich große Uebungsmanöver statt, denen, wie üblich, fremdländische militärische Abordnungen beiwobnen. Auch eine englische Abordnung unter Führung des Generals French ist erschienen. Diese aus Grund besonderer Einladung. Die besondere Einladung hat eine besondere auszeichnende Be- ^nnbliing zur Folge. Als Gäste erster Klasse wurden die englischen Offiziere von den übrigen fremdherrlichen Offizieren getrennt und stets in der unmittelbaren Umgebung des Höchstkommandierenden gehalten. Die spanische Abordnung, an deren Spitze gleichfalls ein General stand, hatte sich ähnlichen Vorzuges nicht zu erfreuen. Selbstverständlich suchte Man nach einer Erklärung für die jedenfalls auffällige Erscheinung. Die bloße Tatsache der englisch-französischen Entente reichte nich t aus, die Seltsamkeit einer differenzierten Gast- fi eundschaft zu begründen. Man hat auch nicht gezögert, der L effentlichkeit befriedigenden Aufschluß zu geben. General French, so erzählte die „Libertè", die sich dabei offiziös geerdete, sei nach Frankreich überhaupt nicht gekommen, um den französischen Manövern beizuwohnen, sondern um eine Llwt Militärkonvention mit Frankreich mehr noch zur Aus- sthrung zu bringen als zu verabreden. Um es mit kurzen Worten zu sagen: General French sollte in Frankreich ver- tuauliche Mitteilungen über die Frage der Truppentransporte, über Einschiffung und Ausschiffung des Kriegsmaterials entgegen- nehmen. Selbstervcrständlich konnte es sich dabei nicht darum hondeln, das theoretische und praktische Wissen des Generals French und seiner zur Kriegerzunft gehörigen Landsleute zu erweitern. Wel mehr soll dabei die Absicht zu Grunde liegen, daß Eng» land die Erweiterung seiner Kenntnisse benutzt, um im Bünd- nisfall dem französischen Alliierten neben dem Schutz zur See such positive Hilfe zu Lande zu gewähren. England hat den Seeweg immer offen, kann ihn sich immer sichern und wäre r^bl imstande, ein ganz stattliches Armeekorps da zu landen, es dem gemeinschaftlichen Gegner recht unbequem werden ü-Ute. Selbstverständlich ist auch der umgekehrte Weg gang- «r, daß Frankreich seine Landstrettkräfte England zur Ver- suLUNg stellt. Selbstverständlich fehlt es auch nicht an Hin- icn darauf, daß Rußland für absehbare Zeit zu der Rolle, m^auglich geworden sei, die ihm nach dem russisch-französischen Bündnis hatte zufallen sollen, während England recht wohl . Mittel besäße, die es ermöglichen würden, in jenem Bünd- mè die Stelle Rußlands ein^unehmen.
Täi Hondsdoag in däi Gork^zeit
Däi wehrn nu iwwerwunne, Es kemmt de Herbst im bonde Kleid, — Bahl eß aach der verschwunne.
Dann kemmt de Minder oagereckt, Doa gibbts väil Langeweile, Doaß se Euch net so sorchtboar dreckt ßiSt immer nor däi Zeile.
Merr brenge Jedem mancherlei; Prosa unn aach Gedichte, Doa drei kemmt alles an die Reih; — Eß wärrn verzehlt Geschichte.
Vom „ahle Gäiße" kenne merr Aach manches von ons gewwe; . . . Nm-Giessen ze erowern, schnell Iß unser ganz Beschdrewe!
Mett de Ladern, doa leuchde merr Blß enn die klahnste Ecke, Un gucke iwwerall ons omm Wo erjend woaß dhut schdecke,
Woas für die Leser indressand Unn foftia is zem Lese;
Wär däi Ladern nemmt enn die Hand Säht: Doas woar schih gewrse!
Einstweilen sind alle diese Darlegungen noch nicht ver, bürgt. Ihre Glaubwürdigkeit beruht einzig auf dem Kredit den man der „Liberte" einräumen mag und dem „Gaulols" der seine Nachrichten aus der Umgebung des Generals French erhalten haben will. Und wenn alle diese Angaben zuverlässig sind, so bleiben noch die Fragen offen, ob General French nur seine privaten Ansichten zum Ausdruck gebracht oder im Auftrag seiner Regierung gehandelt hat, ferner wie man die englischen Eröffnungen auf amtlicher französischer Sette ausgenommen hat.
Wir glauben ohne weiteres, daß man in Frankreich wenigstens in den Kreisen, von denen die Bildung der öffent« ließen Meinung und damit das Ministerium abhängt, nicht abgeneigt sein wird, auf das englische Anerbieten einzugehen das, wenn es überhaupt jemals eine aktuelle Bedeutung gewinnen kann, Frankreich — um eine französische Redewendung
Öe . u^cn ~ la merci Englands, d. h. Frankreich- Politik in den Dienst der englischen Politik stellt. Doch diese (Erwägung ist für den Durchschnitt der französischen Gemüter gegenwärtig ohne Gewicht. Der Franzose unserer Tage hat ein außerordentliches Schutzbedürfnis. Er muß einen Protektor haben. Rußland kann es nicht mehr, kann es wenigstens nicht mehr allein sein, und so mag denn England in die Lücke ergänzend eintreten, sei es an Stelle Rußlands sei es neben Rußland.
Deutschland kann der Entwickelung der Dinge ohne Besorgnis entgegensehen. Ob die englisch-französische Militär- konventton formal zustande kommt oder nicht, ist gänzlich gleichgiltig. Denn sobald die Sache aktuell wird, besteht jene Konvention für Deutschland, sie mag formal vorher abae- schloßen )em oder nicht. * ö
J- ^> politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Neuerdings verlautet in diplomatischen Kreisen zur Reform der Kolonialverwaltung, das Oberkommando der Schutzttuppe solle von der Kolonialabteilung abgetrennt und dem Kriegsministerium unterstellt werden. Man sei von dem Plane, das Oberkommando der Schutztruppe zu einer selbständigen obersten Reichsbehörde aufrücken zu lassen, abgegangen. Der jetzige Kolonialdirektor habe sich auf einen entgegengesetzten Standpunkt gestellt.
* Aus Anlaß der Feier seines 80. Geburtstages hat der Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg eine teilweise Amnestie erlassen. Einer größeren Anzahl von Personen werden voll-
Unn böllig eß däi Noachricht etz:
Blus fünf unn verrzig Fennig!
För fobäil Unnerhahlingèschdoff
Eß doas, waas Gott! doch wenig.
Doas biffi Geld dhut merr net frisiern, Merr hott woaß zum zerschdreue, — Drom dhut däi „Noachricht" abonniern, Es werd Euch nett gereue!!
* *
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So, do hätte merr itz unser vollschdennig Programm in Bersche niddergelegt unn e verehrllch Bubligum uff deß fimfbige Erscheine von d- Ladern geziemend uffmecksam gemacht. Wirsche unu hoffe merr, daß fe iwwerall unn in alle Kreise Anklang sinne wrrrd unn daß unser gud Absicht, ze erheidern unn zu unnerhahle, mit de Tbatsach von räächt väile Bestellungen uff die „Gießener Neueste Nachrichten" unnerftützr werrd.
So scheene Däg merr aach in de letzte Woche harre, so schdill unn langweilig sein se awwer aach verlaafe. Alle Meld uff Reise, Niemand dehaam, kaa Sturrend-, kaa Soldare; korz en langweilige Kroam. Uff de Gaffe kaa bische Läwe; ei, wammer net häi unn doa alsemol die Köpp von denn Kanoalarweider aus 'm Erdreich Herausgucke ptf ß hätt, däi ewe ganz Gäiße unner unn dorchweuhle, so hätr' merr glaawe kenne, die Schladt wer vollschdennig ausgrftorwe. De Gäulsmahd woar aach grad net besonnersch geeigend, väil Läwe in die Bud ze bringe unn ob's de nächstsonndägliche Hondsausstellung gelinge werd, eß ewesalls noch sehr froagltch. Die ahnzrg Abwechslung en däi sörcht^rlich Monodonie brachte seidher blos däi Kirmcff', däi ze besuche de meiste Gießener als heechste Flicht ersch int unn uff aller Lippe woar Sonndags die ehcscht unn Wichdiast Froag: Uff woaß for e Kirmes gißt ehr dann? Doa flöge dee Antworde nor so en de Lost erim: Noack Wissig, noach Lmnes, noach Loller, noach Heuchelheim, uff die Anneröder Blatt, uff die Mockèw.ss' unn so weirer, booß ihm werkl'ch die Woahl laad dhod. Awer däi scheene Doage der Kirmesse sein joa aach gezehlt unn in de scheene Wmtersch- zeid hippt merr dann zu annern Feste. An sonstige welo- dewegnede Ereigniße war im Jwwrige unser Vadderschdadt
Itanoiger oDer teilweiser Straferlaß oder Umwandlung in eine mildere ©träfe oder vorzeitige vorläufige Entlastung, oder Strafaufschub mit Aussicht auf Begnadigung bei Wohlverhalten zuteil. Ferner hat der Herzog unter dem Namen Herzog Ernst-Medaille" eine Auszeichnung geschaffen, die bestimmt ist zur Anerkennung von Verdiensten jeder Art, insbesondere um das Herzogliche Haus und um das öffentliche Leben.
* Der Vorstand der braunschweigischen Welfenpartei beschloß zur Thronfolgefrage in Braunschweig, eine Immediateingabe an den Kaiser, Die deutschen Fürsten und den Bundes» rat zu richten, um die Regentschaft Georg Wilhelms von Cumberland herbeizuführen.
* Um eine größere Sicherheit des Eisenbahnbetriebes zu erzielen, hat der preußische Minister Breitenbach den Aushang von Merkblättern für den Block- und Signaldienst vorgeschrieben. Die Merkblätter enthalten die zehn wichtigsten Vorschriften des Block- und Signal-Dienstes; sie sollen dem Strecken-Blockwärter in auffallender Schrift stets vor Augen sein. Die ersten vier Nummern betreffen den Fall, daß die Kuppelung eines Zuges gerissen und ein Teil des Zuges auf der ©treefe liegen geblieben ist. In allen zweifelhaften Fällen dient der Fernsprecher und Morseschreiber zwischen den Blockstellen und Stationen zur schleunigen Verständigung.
r Russland*
** Von amtlicher Stelle in Petersburg wird erklärt, daß es sich bei der Seereise des Zaren um eine Erholungsreise handele, wie sie der Kaiser alljährlich unternehme und wie Kaiser Alexander III. sie zu unternehmen Pflegte; während dieses Ausfluges liege der Kaiser gewöhnlich der Jagd ob. Alle politischen Schlüsse, die an diese Reise geknüpft wurden, seien völlig unbegründet.
^* Es verlautet, daß neue Gewalttaten in Siedlce bevorständen, und daß 200 Verhaftete dem Feldkriegsgericht übergeben werden sollten. Demgegenüber erklärte Ministerpräsident Stolypin dem Baron Günzburg und Rechtsanwalt Sliosberg, die bei ihm erschienen waren, daß ihm von der Absicht, die in Siedlce verhafteten Juden dem Feldgericht zu übergeben, nichts bekannt sei. Er halte eine derartige Maßnahme auch nicht für wünschenswert und werde in diesem Sinne dem Generalgouverneur von Siedlce Anweisungen geben.
Oesterreich-Ungarn.
** Im Abgeordnetenhaus, das seine Sitzungen wieder ausgenommen hat, ist eine Russenintcrpcllation eingebracht worden. Die Regierung wird darin gefragt, ob sie bereit sei, auf das Ministerium des Auswärtigen einzuwirken, da-
in d e m Sommer zicmlich oarm, daß ahnzige, woaß einiger- maaße von Wrchdigkeit unn wördig war, uffgezeichend ze wärm, doas will äich ctz besinge:
Zwülfuhr La^euschlutz.
Woaß gibbt's för Sorde Mensche all! —
Doa hählt sich uff ganz Gieße,
W^il'S de Herrn Metzger Sonndoags mal
E fiel um zwölf ze schließe.
Und Alles läuft unn rennt unn frehkt:
Woaß soll nor doas bedeude? —
En Auèfluhk! Woaß? nach Dilleborg? —
Bei dene schläachte Zeide!!!
So geng derr doas wäi net gescheid,
Es Word ahm beinoaß iwwd;
U in^ woar jo blos de pure Neid
Vom Kopp biß uff die Stiwwel;
Woaß iß doa FöcchterlicheS draa
Per Extrazug ze reife ? —
Wärsch iwenS nor e biffi kann
Der dhuts de Welt aach weife 1
Und däi Herrn Metzger kenne doas!
Unn doaS bewies die Innung,
's fehlt Kaaner von de ganze Bloos, —
Doas haaßt merr noch Gesinnung!
Wäi kann merr noch so kleinlich sei
Unn kann's de Herrn verdenke^
doaß se noach oarweidèvolle Däg
Sich Rouh aach emoal schenke?
Nadierlich fäßt gleich's Bubligum: Guckt nur, däi kenne's moache, Doa iß kann Nothschtand net zu seh' Doa dhuts ganz annerscht krache!-- Dreehst Euch, Ehr Herrn, unn lacht se aus Unn gißt nor schee uff Reise, Woaß leiht Euch ann dem ganze Schmus: Ihr moacht joa doch die Preise!!