Dienstag, den 18. Dezember 1906
15. Jahrgang
GrattSbeUage»: Ltertzeffifche Fa«Ute»zett«»g (ÜßW und die •ieltiet CeifmbUfe« (wöchentlich).
WtiNirn*. NettertMtitiwi: Gieße», SelterSweg 88. Re**ftet**f<H*fr Mr. L«r.
AuaMngige -«geszeitung
(Gießener getfwm)
für LârhsWm Mè Ne Seche MaekMS und WMlAx; Lskklsmeiger für Gießen und Umgebung.
Die Rekhstagswabkn.
Wahlvorbereitungen.
Im La«dcSausschuß bet nationalliberalen Partei Hessens, bei Sonntag an Darmftadt zusammentrat, herrschte eine srohe und lebhafte Stimmung. Man beschloß, den sLahlkampf mit ganzer Kraft zu führen.
Der LandeèauSschuß der Hesfischeo fteifivmgen Partei, der Sonntag in Frankfurt tagte, war von der Notwendigkeit freisinniger bezw. liberaler Kandidaturen überzeugt in den Wahlkreisen Gießen, Alzey-Bimgen, Darmstadt Groß-Gerau, AlSfeld- Lauterbach, WormS- Heppenheim und Bensheim-Elbach. Man will verfluchen, mit den Nationalliberalen eine Verständigung zm erzielen. Die Stimmung ist zuversichtlich.
Die EimguagSverbandlungtu zwischen dec freisinnigen rüalk: Partei und der Nationalliberalen Partei in unserem Großherzogtum sind um ein gutes Stück weiter ge. riehen Der Landesausschuß der freisinnigen Volkspartet für daS Großherzogtum Hessen richtete gestern an inen Landesvoistand der Nationalliberalen Partei Partei rin Schreiben, in welchem er anfragt, ob die National- liiberale Partei bereit sei, mit der Freisinnigen Volks- martei über die Kandidatenfrage bezw. über ein ge- meinschaftliches Vorgehen in den einzelnen Wahlkreisen M verhandeln, was in bejahendem Sinne beantwortet wurde Die Verhandlungen hierüber dürften bereits in den nächsten Tagen beginnen. Diese EtnigungSver- Handlungen, denen wir von ganzem Herzen einen gc- deihlichen Und allgemein befriedigenden AuSgang wünschen, sind nur zu begrüßen.
Hessen und Hessen-Nassau.
In unserem Wahlkreis GießemGriinberg-Nidda wird derselbe Wahlkampf vor sich gehen wie 1903. Die Ver- tinigten Liberalen (Freisinn und Nationalliberalen) nominieren den bisherigen Reichstagsabgeordneten Kommerzienrat Hcyligenstaedt; der Bauernbund, Bund der Landwirte und die Deutsch-Sozialen treten für den Altbürgermetstec Köhler-LangSdorf ein und von den Sozialdemokraten wird Kaufmann Krumm-Gießen ohne Zweifel wieder kandidieren.
In den benachbarten Wahlkreisen: Biidi,gei wird Gras Ori-la (n.-L) kandidieren; in Marburg für die Reformpartei Dr. Böhme. Die National-Sozialen treten für den bisherige« Abgeordneten Gerlach ein.
Alsseld. Im Wahlkreise AlSfeld-Lauterbach-Schotten ist man auf Bindewald zurückgekommen. Von nationalliberaler Seite ist Dr. Wallau wieder aufgestellt worden.
Offenbach. Kandidatenliste: Becker (natl), Ulrich (Soz.), Nobel-Dieburg (Ztr.)
Im Wahlkreis Mainz-Oppenheim wurde Dr. Pagen- stecher in Aussicht genommen.
Da mstabt. Für den Wahlkreis Darmstadt-Groß- Gerau wird wieder Pfarrer Korell-Königstädten als Kandidat präsentiert werden. Da die freisinnigen Parteien in verschiedenen hessischen Wahlkreisen, die augenblicklich nationalliberal vertreten sind, über ansehnliche Minoritäten verfügen, die in einzelnen Kreisen sogar von ausschlaggebender Bedeutung sind, wird sich, lote die „Frkf. Ztg." meint, mit den Rationalliberalen eine Verständigung erreichen lassen. — Die Deutsch- Sozialen stellen Amtsrichter Dr. Mahr auf.
Die wirtschaftliche Vereinigung hat für den Wahl- 8ceis BenSheim-Erbach den Buchhändler Rippel-Hagen aufgestellt. ,
Die vereinigten liberalen Parteien zu Worms be- ßchlossen, für den Kandidaten der nahonautberalen Partei, Freiherrn von Heyl zu stimmen.
In Hessen-Nossau wurden mit auffallender SchneMg. leit bereits 24 Stunden nach der Auslosung beS Reichstages die Namen der sozialdcmokratl'chrn Kandiditen für Lie Wahl bekanntgegeben. Danach kandidieren tm Wahlkreise Kassel-Melsungen Hüttmann Franksurt, in Rinteln-HofgkiSmar.WolfhagcnLetterlein-Helmershausen — im Wahlkreise Homberg-Fritzlar-Ziegenham Jordan- iKassel, im Wahlkreise Eschwege. Witzenhausen Eckhardt- 'Salzuugen, für das Fürstentum Waldeck-Pyrmont Müller-Kassel.
Kassel. Der Vorstand des nationalliberalen Wahl- vereinS Kassel designierte für die bevorstehende Reichstagsneuwahl den seitherigen Landtagsabgeordneten Landrat Dr Schroeder. Von den Sozialdemokraten ist Hüttmann nominiert.
Wetzlar. Die christlich soziale Partei hat hier und in benachbarten Wahlkreisen die Wahlbewegung ausgenommen. — Die Kv»serva1rven halten Donnerstag eine Sitzung ab.
Norddeutschland.
Elberfeld-Darmeu. Die freis. Volkspartei und die Nationalliberalen beschlossen, gemeinsam vorzugehen.
Essen. Das Zentrum hält an seinem Vertreter GieSbertS fest. Die Sozialdemokraten designieren Gewehr- Elberfeld. m M r
In Anuaberg Eibeustock präsentieren die National- liberalen Dr Stresemann-Dresden, die Sozialdemokraten Hrevz-Leipzig.
Coburg. Die Nationalliberalen stellen Patzig, die Freisinnigen Sander auf.
Der „Köln. Volksztg." zufolge tritt in den nächsten Tagen der Provinzialausschuß dec rheinischen Zentrumspartei zusammen, um über die Lage zu beraten. Das Blatt meint, daß auf alle Fälle nach den Wahlen mit
einem Kanzlerwechstl zu rechnen sei.
Die Sozialdemokraten stellen in Berlin die bisherigen Abgeordneten Fischer, Heine, Singer, Robert Schmidt und Ledebour auf. Im 1. Berliner Reichstagswahlkreis wird wieder der ehemalige Privatdozent Dr. Leo AronS für die Partei kandidieren. In den beiden großen Vorortkreisen, die zu Groß-Berlin gehören, wird in Niederbarnim der bisherige Abgeordnete Stadthagen aufgestellt, während der jetzige sozialdemokratische Vertreter
Teltow, Zubeil, mandatsmüde sein soll.
Der bisherige Reichstagspräsident Ballestrem der Abg. Szmula wollen nicht mehr kandidieren.
Von
und
Süddeutschland.
* Nürnberg Die Nationalliberalen und freisinnigen Gruppen werden in allen vom Zentrum und den Sozialdemokraten gefährdeten Wahlkreisen gemeinsame liberale Kandidaten aufstellen.
Berliner Blätter wissen über die Reichstagsauflösung folgendes zu berichten: Fürst Bülow hat nicht nur Verhandlungen hinter den Kulissen nicht mehr gesucht, sondern sogar abgewiesen. Sollten die Neuwahlen eine Aenderung der bisherigen Mehcheitsvechältnisse nicht herbeiführen, so sei, wie kundige Leute wissen wollen, der Kanzler entschlossen, den Kampf durch wiederholten Appell an die Wähler foctzufühcen.
Warum rüstet Japan?
Japan rüstet. Nicht eine Mobilmachung in unserem Sinne ist im Werke. Es handelt sich nicht um einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch von Feindseligkeiten, sondern um Vorbereitungen mit längerer Sicht. Allerdings keiner sehr langen. Im japanischen Volk ist noch genug von dem „Elan" vorhanden, mit dem der vorige Krieg geführt wurde, um zu ermöglichen, daß die Opferwilligkeit zum Kriege sich schnell erneuert. Seit dem Friedensschluß haben die Arbeiten zur Ausfüllung der Lücken im Mannschaftsbestand und in den Waffenvorräten nicht aufgehört. Auch ist der Kriegswille aus der japanischen Nation keinen Augenblick verschwunden. Man erinnert sich, daß der Frieden von Portsmouth die Japaner nicht befriedigt bat. Weder der Gewinn an Territorium genügte ihnen, noch die Einräumungen, die ihnen auf dem Festland des ostasiatischen Ostens gemacht worden sind. Der Verzicht auf eine Kriegskostenentschädigung war ihnen besonders schmerzlich; einmal um des Geldes selbst willen, das sie sehr gut hätten brauchen können, sondern um des moralischen Eindrucks willen, den eine Rußland abgezwungene Geldleistung gemacht hätte, und auf den sie nur ungern verzichteten. Sie waren von den Kriegsanstrengungen ermattet und bedurften der Ruhe, um friste Kräfte sammeln zu können. „Für das nächste Mal", sagten sie sich in ihrem Herzen, und das nächste Mal sollte nicht in ferner Zukunft liegen. Den Russen war das kein Geheimnis, nicht einen Augenblick. Sie wußten beim Friedensschluß schon, daß Japan den Frieden nur als Waffenstillstand betrachte. Darum hat man auch von einer Heimsendung des russischen Heeres so wenig gehört. Anfänglich konnte man sich das damit erklären, daß die russische Regierung besorgte, die entlassenen
Soldaten würden in ihren heimischen Dörfern ebenso vieles Emissäre der Unzufriedenheit sein und waffengeübte Elementei für das Revolntionsheer stellen. Später vergaß man über! den inneren russischen Wirren das ganze Kriegsheer im Osten. Die russische Regierung freilich wußte, was sie tat und die japanische Regierung auch. Auf beiden Seiten also gab es bewußt nur einen Waffenstillstand.
Nun darf man nicht glauben, daß die Japaner geradezu kriegsmutig wären. Sie haben erfahren, was ein Ä\ieg bedeutet und welche ungeheueren Opfer er fordert. Wenn sie gleich wohl über den Friedensschluß von Portsmouth sich nur beruhigten, weil sie darin bloß einen Waffenstillstand sahen, so ist daraus erkennbar, daß die Ueberzeugung, dem Krieg sei eine 9c o tuten big feit, dem japanischen Volk in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß tatsächlich eine Kriegsnotwendigkeit vorliegt. Das ist, vom japanischen Standpunkt betrachtet, auch wirklich der Fall. Japan ist übervölkert und seine Bevölkerung vermehrt sich schnell. Die 300 japanischen Inseln bieten der wachsenden Zahl nicht mehr hinreichenden Raum. Japan braucht Land, und seine Ausdehnung kann nur auf dem asiatischen Festland stattfinden. Hätte man ihm bei Zeiten Korea eingeräumt, hätte man ihm gestattet einen Teil von China sich anzueignen, es wäre nicht zum russischen Kriege gekommen. Jetzt sind die Japaner als von einer unerläßlichen Notwendigkeit durchdrungen, daß sie größeren festländischen Besitz in Asien haben müssen und der Erreichung dieses Zieles, gelten ihre Kriegsvorbereitungen. Daß Rußlands derzeitige Schwäche, daß die inneren russischen Wirren für Japan eine Versuchung mehr bilden, ist begreiflich. Vielleicht wäre die Zeit für einen abermaligen Kriegsausbruch schon gekommen- wenn die Japaner nicht eingesehen hätten, daß sie außer dem Waffenretablissement auch eine diplomatische Vorbereitung brauchten. Sie haben nämlich nicht mehr bloß mit Rußland zu tun. Sie ff^en vor der Möglichkeit einer amerikanischen Einmischung, ^ie wirtschaftlichen Interessen Amerikas in Ostasien sind sehr groß und noch außerordentlich ausdehnungsfähig. Graf Witte wäre der Staatsmann nicht, für den es gilt, wenn er seinen Aufenthalt in Amerika nicht benutzt hätte, die dortigen Staatsmänner überzeugend auf die „gelbe Gefahr" aufmerksam zu machen, die ihren Interessen von Japan aus droht. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß Amerika zwar nicht einem zweiten japanisch-russischen Kriege widerstreben, wohl aber darauf bedacht sein würde, die Japaner nach einem etwaigen Siege die Erfahrungen von Schimonoseki erneuern zu lassen. Im Frieden von Schimonoseki kamen Lie Japaner um die Früchte der Siege, die sie über China davon- getragen hatten. Die intervenierenden Mächte bewirkten das. Jetzt könnte wiederum neben Amerika auch Frankreich intervenieren. Ob dagegen das Bündnis Englands mit Japan ein hinreichendes Gegengewicht wäre, ist seit der Herstellung der englisch-französischen Entente mindestens zweifelhaft. Jedenfalls ist der ostasiattsche Himmel dicht und dunkel bewölkt.
politische Rundschau.
Deutsche» Reich,
♦ In Vertretung des Kaisers nahm der deutsche Kronq Prinz die Einweihung des Kaiser Friedrich-Denkmals und deS Kaiser Friedrich-Museums in Magdeburg vor. An der Feier nahm auch der preußische Kultusminister von Studt teil. Die Bevölkerung war in riesigen Massen herbeigeströmt. Am Denkmal hielt Oberbürgermeister Dr. Lenze die Weihe» rede. Dann betrat der Kronprinz das Museum und unternahm unter Führung des Museumsdirektors Dr. Volbehr einen Rundgang. Nach dem Besuch des Museums begab sich der Kronprinz mit dem Gefolge nach dem Dom und besichtige dort die Kaisergräber. Der Kronprinz beantwortete beim Frühstück die Ansprache Oberbürgermeisters Lenze mit einem Hoch auf die Stadt Magdeburg. Um 2 V2 Uhr erfolgte die Abfahrt.
* Der Herzog von Cumberland hat zu der 6rfmn- schweigischen Thronfolgefrage Stellung genommen, ehe noch die vom braunschweigischen Landtage angesetzte dreimonatige Frist abgelaufen war. In seinem Manifest hält der Herzog feine Ansprüche auf Hannover mit der Anerkennung der deutschen Reichsversaffung für durchaus vereinbar. Er würde nie feindliche Unternehmungen gegen den König von Preußen oder den preußischen Staat gutheißen. Einen Verzicht auf Hannover dürfe er nie aussprechen, dadurch würde er sich dem Vorwurf der Selbsterniedrigung und des Verrates an Treu und Glauben aussetzen. Der Herzog gibt anheim, die streitige Rechtsfrage, ob Prinz Ernst August die rechtlichen Voraussetzungen zur Thronbesteigung in Braunschweig erfülle, der Entscheidung des Reichsgerichts als Schiedsgericht zu unterbreiten.
* Auch die sächsische Staatseifenbahnverwaltung hat Frachtermäßigungen für Fleisch von frischgeschlachtetem Bich eingeführt. Es ist angeordnet, daß vom 15. Dezember 1906 an bis einschließlich 31. Dezember 1909 Fleisch von krisch-