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Nr. 245

Donnerstag. Pen 18. Oktober 1906

15. Jahrgang

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Gießener

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Rr Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; ZokalSKzei-sr für Gießen und Uwhmr.

^mMt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des l^yyßh. Polizeiamtes Gießen imb anderer Befifirbm unn CfrerMnn

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Das neueste.

Die rheinhessischen Mitglieder der Landwirt­schafskammer beschlossen einstimmig, als eisten Präsidenten Geheimrat Haas, als zweiten Oekonomierat Lichten­stein, den Vorsitzenden des Landwirtschastl. Provinzial­vereins zu wählen.

Hinter dem Räuber ber Stadtkosse in Köpenik wurde ein Stlckbries mit genauer Personalbeschreibung erlassen.

Im LandesverratSprozetz vor dem Leipziger Strafsenat des Reichsgerichts wurde Artillerie- Depotarbeiter Manteufel aus St. Avold zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Zwei Monate Untersuchungshaft werden angerechnet.

Cuxhaven, 17. Oft. Der DampferKönig Friedrich August" ist heute Nachmittag 4 Uhr mit Dem König von Sachen an Bord von Helgoland aus der hiesigen Reede eingetrcffen. Als der Kömq an Land qing, feuerten die Forts den Könipsalut. Der König schritt die in zwei Gliedern ausgestellten Mannschaften von der gestern aus Südwestafrika zurückgekehrten Schutztruppe ab und begrüßte die Offiziere derselben. Ec unterhielt sich mit einzelnem« Kriegern. Abends reift? her König nach Hamburg.

Sollen die Grenzen geöffnet werden ?

Die zunehmende Fleischteuerung wächst nachgerade zu einer Frage an, die gebieterisch nach der Lösung verlangt. Daß etwas geschehen muß, darüber ist man sich fast überall klar. Zweifel herrschen nur darüber, wo der Hebel an­zusetzen ist, um in gleicher Weise die Interessen der Vieh- züchtenden Landwirtschaft wie des fleischkonsumierenden Publikums zu schonen. Auf der einen Seite hält man die von der andern lebhaft empfohlene Oeffnung der Grenzen zur Einfuhr ausländischen Schlachtviehs nicht allein für schädlich wegen der Seuchengefahr, sondern spricht ihr auch jede Ein­wirkung auf die Preisgestaltung ab. Die Befürworter der Grenzöffnung sind entgegengesetzter Ansicht. DieDeutsche Reform-Korrespondenz" hat nun nach dem Grundsätze »Audiatur et altera pars« aus beiden Lagern Meinungs­äußerungen eingeholt, die wir nachfolgend wiedergeben:

I.

Es ist wahr, die Fleischpreise haben eine ungewöhnliche Höhe erreicht. Gewiß, ganze Bevölkerungsschichten müssen ihren Fleischkonsum einschränken. An sich ist das noch kein allzugroßes Unglück, denn schließlich braucht der Ernährungs­zustand noch nicht zu leiden, auch wenn man auf Fleischnahrung teilweise verzichtet. Es gibt billige Gemüse und Hülsen-

DerStaatsstreich" in Köpenick.

Sin genialer Hochstapler in der Uniform eines Haupr- Manns der Garde hat den Bürgermeister von Köpenick und den Stadtteudante« verhaften lassen und unter Militär-Eskorte nach der Neuen Wache geschickt. Der Gauner ließ sich dann den Barbestand der Kasse avslieferv und verschwand mit seinem Raube (ca. 4000 Mk.) nach Kietz-Rummelsburg. So ge­schehen in Deutschland im Jahre des Heils 1906.

Die Sonne war eben aufgegangen und überstrahlte mit olles verklärendem Glanze das so anmutig gelegene Spree­städtchen Köpenick, dessen Bewohner um diese Zeit, es war erst 5 Uhr, noch bestrebt waren, sich für die Strapazen des kommenden Tages in erquickendem Schlafe zu stärken. Und sie taten wahrlich gut daran, denn Schreckliches, Unerhörtes sollte sich ereignen, ehe noch das Tagesgestirn zur Rüste ge­gangen war. Als Allmutter Sonne gerade den Rathausplatz besonders zärtlich bestrahlte, zogen sich ihre Augenbrauen erstaunt in die Höhe, denn, man höre und staune, vor dem hotel de ville" von Köpenick stand ein gar Martialisch aus­sehendes Menschenkind, dessen Hals funkelnde Gardelitzen schmückten, dessen Leib eine Feldbinde vorschriftsmäßig um- gürtete. Mit prüfendem Blick bettachtete er das Rathaus, und als er alle die Sehens- und Merkwürdigkeiten des stattlichen Gebäudes in sich aufgesogen hatte, verließ er eilenden Schrittes den Platz und ging Frau Sonne traute ihren Augen kaum in eine Destillatton. Bald erwachte nun auch Köpenick zu neuem Leben, Hausfrauen eilten Ein­käufe machen, Bäcker- und Fleischerjungen keuchten daher unter schweren Paketen, kurzum es entwickelte sich das so oft ge­sehene, stets unverändert bleibende Bild des Alltagslebens.

Das Exekutions-Kommando.

Es waren schon drei Stunden vergangen, seit eszu Mittag" geläutet hatte da geschah etwas Unerhörtes: Köpenick bekam Garnison bezw. Einquartierung. Mit strammem Schritt marschierte eine Rotte von Soldaten, teils Garde- Füsiliere, teils Mannschaften des 4. Garderegiments, voran ein schnauzbärtiger Hauptmann vom 1. Garderegiment zu Luß, jüor dem .Rathause auf. Scharfe Kommandorufe er­

früchte, deren Nährwert hinter dem des Fleisches nicht zurück­steht. Aber bei dem Küchenzettel spielt die Gewohnheit eine große Rolle. Man empfindet es als eine ärgerliche Störung, wenn man in seiner Ernährungsweise eine Aenderung ein­treten lassen muß. Namentlich der Verzicht auf die Fleisch­nahrung erweckt die Vorstellung eines Rückganges in der Lebenshaltung. Es dauert eine geraume Zeit, ehe man sich in die wirtschaftliche Notwendigkeit schickt, und selbst dann fügt man sich dem Zwang nur mit Murren. Das ist be­greiflich und nicht einmal ganz unberechtigt. Ebenso ist es begreiflich, daß man den Versicherungen derer gern glaubt, die von einer Oeffnung der Grenzen für die Fleischeinfuhr als von einem unfehlbaren und handlichen Mittel zur Herab­setzung der Fleischpreise sprechen. Es gehört schon eine gewisse Sachkunde dazu, um zu erkennen, daß die Wirkung dieses Mittels nicht so zweifellos ist, wie behauptet wird. Der Laie weiß nicht, daß unsere gewöhnlichen Einfuhrländer Rußland, Oesterreich-Ungarn, Frankreich in demselben Notstand sind wie wir, genau den gleichen Fleischmangel haben wie wir, und deshalb auch über die geöffnete Grenze nichts liefern könnten. Das ist keine theoretische Berechnung, sondern eine durch Erfahrung erhärtete Tatsache. Bekanntlich darf aus Rußland ein Kontingent von 130 000 Stück Schweinen nach Deutschland eingeführt werden. Seit dem 1. März d. I. aber ist das russische Einfuhrrecht nur zu zwei Dritteln aus­genutzt worden. Oesterreich hätte vom 1. März bis 1. August 40 000 Stück einführen dürfen und sich mit einer Einfuhr von 1524 Stück begnügt. Rußland und Oesterreich brauchen eben ihre Fleischproduktion selbst und haben keinen nennenswerten Ueberschuß. Machen sie von der gewährten Einfuhrfreiheit keinen Gebrauch, so können sie auch bei völlig geöffneter Grenze nicht mehr an uns abgeben. Oesterreich geht sogar mit der Absicht um, ein Viehausfuhrverbot zu erlassen. Frankreich wieder ist von Viehseuchen heüngesucht und hätte auch sonst zur Zeit keinen Ueberschuß. Rußland, Oesterreich und Frankreich scheiden somit für die Fleischversorgung Deutschlands völlig aus. Die Oeffnung der Grenzen für die Fleischeinfuhr würde bloß die Gefahr einer Seucheneinschleppung und nicht die Fleischzusuhr erhöhen, wenigstens nicht in solchem Maße, daß dadurch die Fleischpreise gedrückt würden. Bleibt also nur der Ausweg, daß man unsere Landwirtschaft durch dauernde Sicherung des heimischen Absatzmarktes anspornen soll, der Fleischproduktion angespannte Sorge zuzuwenden. Hat die heimische Fleischproduktton sich gehoben, so kehren die Fleischpreise zu normalem Maß zurück. Die Möglichkeit der Selbstversorgung Deutschlands mit Fleisch ist wünschenswert, nicht bloß im Interesse unserer Landwirtschaft, sondern in noch höherem Maße im Interesse des Reichs selbst, im Jntereffe der Bedarfsbereitschaft in einem Kriegsfall. Zur Zeit ist kein Krieg in Sicht, hoffentlich wird auch kein Krieg kommen. Doch aus den Memoiren des Fürsten Hohenlohe hat man erfahren, wie oft eine Kriegseventualität uns nahe war, ohne daß die ' ntlichkeit davon auch nur eine Ahnung hatte. Verkitschn-« ^feit für die Kriegsintendantur ist

schollen, dann besetzten Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr sämtliche Ausgänge des Rathauses. Der Hauptmann, der sonderbarer Weise keinen Helm, sondern nur eine Feldmütze trug, betrat mit einer Suite von zwei Mann das Rats­gebäude. Laut hallten die Schritte der Soldateska in den sonst so stillen Gängen wieder. Vor dem Zimmer des Bürger­meisters Dr. Langerhans machte die Eskorte Halt, mit energischem Ruck riß der Hauptmann die Tür zu dem Amts- gimmer des gestrenge« Stadtoberhauptes auf und :Sind Sie der Bürgermeister von Köpenick?" erschollin dienstlichem Ton" seine Frage. Als hierauf eine Bejahung erfolgte, erklärte der Hauptmann:S i e s 5n d auf Allerhöchsten Befehl mein Arre st ant !" r Der Bürgermeister fügte sich in das anscheinend Unvermeidliche, gab sein Ehrenwort als Reserve­offizier, daß er auf dem Transport nach der Neuen Wache in Berlin keinen Fluchtversuch wagen wolle, holte seine Frau ab, und bestieg den vomHerrn Harcptmann" requirierten Wagen, auf dessen Bock sich ein Grenadier schwang, und fort gings im Galopp nach derNeuen Wache" in Berlin.

Unvermutete Kassen-Rcvision.

Als derArretierungs-Befehl" vollzogen, betrat der Hauptmann das Amtszimmer des Stadtkassen-Rendanten von Wiltberg und herrschte diesen an, sofort die Bücher abzu­schließen, da er den Befehl habe, ibn zu verhaften. Bald war auch diese Arbeit geschehen und das Bargeld ordnungs­mäßig auf dem Tisch aufgezählt. Der Hauptmann schüttete das Geld, 4002 Mark in einen Beutel, versiegelte diesen und trug in das Hauptbuch den Vermerk ein: Soll Bestand sein 4003,00 Mark, beschlagnahmtes Geld 4002,00 Mark. Als Unterschrift wurde der Rang des Beschlagnehmenden und ein vorschriftsmäßig" unleserlicher Schnörkel beigefügt Dann bestieg auch der Rendant den Wagen, und zwischen zwei Grenadieren mit aufgepflanztem Seitengewehr trat er die Fahrt nach Berlin an. Nun hatte der Hauptmann seine Befehle" ausgeführt, die Wachen wurden eingezogen, und bald hatten die Soldaten das friedliche Städtchen, das jetzt aber mehr einem aufgeregten Bienenschwarm glich, im Rücken.

Des Rätsels Lösung.

Als dieArrestanten" auf derNeuen Wache" ankamen, wurden sie durch den telephonisch herbeizitierten Komman­

somit eine Forderung oer Reichssicherheit, genau so wie irgend eine andere militärische Vorkehrung auch. Daher ist es be­greiflich, daß die Reichsregierung das Ziel der Selbstversorgung des Reichs mit Fleisch im Auge behält und von den Bürgern das patriotische Opfer verlangt, sich in die vorübergehende Fleischteuerung um des Reiches willen zu schicken. Es handelt sich hier nicht um die Bereicherung Einzelner oder Vieler oder eines ganzen Standes, sondern um ein großes und uns allen gemeinsames und heiliges Interesse.

n.

Als eine der hauptsächlichsten Ursachen für die bedroh, liche Bewegung unter den deutschen Kohlenarbeitern wird ir­den Agitationsversammlungen offen die Fleischteuerunc bezeichnet: In den Vereinigungen der Bergwerksbesitzer wird gegenüber den Forderungen der Arbeiter die Meinung ver­treten, die herrschende Verteuerung des Lebensunterhaltes sei eine Folge der verkehrten Zollpolitik der letzten Jahre, vor allen Dingen der unbegründeten Schließung der Grenzen gegen die ausländische Fleischeinfuhr. Die Kommunal­verwaltungen fast aller großen und vieler Mittelstädte betonen die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände und wenden sich an die Regierungen um Maßnahmen gegen die Fleisch­kalamität, da bei längerer Dauer schlimme wirtschaftliche, soziale und hygienische Schäden entständen. Bei diesen Zeichen der Zeit geht es nicht mehr an, die tatsächlich vor­handene Erbitterung auf das hetzerische Gerede einiger weniger Interessenten zurückzuführen. Die Fleischteuerung ist unbestreitbar, bei den rasend gestiegenen Preisen ist sie all- mählich zu einer Fleischnot geworden. In den unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung hat die Erhöhung der Ein­nahmen keineswegs Schritt gehalten mit der Aufwärtsbewe­gung der für eines der notwendigsten Lebensmittel zu zahlen­den Summen. Die überwälttgende Mehrzahl der deutschen Bürger leidet schwer und ist gezwungen, den Etat für den Küchenzettel nach unten hin zu beschneiden. Wie aber eine anhaltende Unterernährung der breiten Massen auf das Wohlergehen und die Schlagfertigkeit einer ganzen Nation im Kampfe um die wirtschaftliche und politische Existenzfähig­keit wirken muß, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Das ist von wissenschaftlicher Seite längst bis zur Evidenz geschehen.

Daß etwas geschehen muß, ist klar, wo es zu geschehen hat, muß Gegenstand aufmerksamster Prüfung der maßgeben­den Faktoren sein. Und unvorzügliche Abhilfe ist geboten, sollen die angedeuteten üblen Folgeerscheinungen eingedämmt werden, ehe sie zu unheilvollen Zerstörungen im Bolkskörper geführt haben.

Die so heftig verteidigte Fiktion, nach welcher die deutsche Viehzucht gegen den Einbruch von Seuchen aus dem Aus­lande durch Grenzabsperrung geschützt werden müsse, hat augenblicklich einen schweren Schlag erlitten. Zm städtischen Viehhof zu Berlin erkrankten in dieser Woche plötzlich Hunderte von Ochsen und Schweinen an der gefürchteten Maul- und

danten Graf von Moltke Darüber aufgeklärt, daß sie von einem Verbrechergenasführt" wurden. Auch Prinz Joachim Albrecht, als Offizier vom Tagesdienst, konnte den beiden so schnöde hinters Licht Geführten, keinen tröst» kicheren Bescheid geben.

Die Aufbietung des Militärkommandos hat dergroße Unbekannte" mit ebenso großer, fast genialer Frechheit ins Werk gesetzt, wie alle übrigen Einzelheiten seines verwegenen Handstreiches. Der Herr Hauptmann erschien auf der Wache der Militärschwimmanstalt am Plötzensee und erteilte in sehr energischer Weise den Befehl: Die abgelöste Wache hat sofort meinem Befehl zu folgen, um auf Allerhöchste Anordnung des Kaisers eine Verhaftung vorzunehmen. Das war ein dienstlicher Befehl,da war nichts zu machen" der wacht­habende Unteroffizier wurde entlassen und die Wache rückte unter Befehl desHauptmanns" ab. Eine Schießstandswache des

4. Garderegiments ließ der Hauptmann heranrufen und befahl ihnen, sich den Füsilieren anzuschließen. Nun ließ der Hauptmann scharf" laden und Seitengewehr aufpflanzen, marschierte zum Bahnhof Putlitzstraße und fuhr per Eisenbahn mit den Soldaten nach Köpenick. Auf Bahnhof Köpenick ließ, vom Gefreiten darauf aufmerksam gemacht, der Herr Kommandeur seine Leute beköstigen, und instruierte sie nach dem Essen dahin, daß niemand das Rathaus verlassen oder betreten dürfe, und daß sie nötigenfalls sogar von der Waffe Gebrauch zu machen hätten. Der Gauner soll in seiner schier unglaub­lichen Verwegenheit sogar so weit gegangen sein, daß er das Postamt Köpenick auf eine Stunde für telephonische Gespräche nach Berlin sperren ließ.

In der städtischen Sparkasse befanden sich 300 000 M., diese fielen demHerrn Hauptmann" jedoch nicht in die Hände, denn der Rendant, der im Besitz des Schlüssels ist, war nicht anwesend. Der Gauner soll von dem Beamten die Heraus­gabe von zwei Millionen gefordert haben; aber, so viel Geldjiebt's ja jarnich" in Köpenick. Köpenick' ist durch diesen tatsächlich einzig dastehenden Fall über Nacht zu einerBerühmtheit" gelangt, um dle es t ohl keine Stadt beneiden dürfte.