Nr. 244
Mittwoch, Pen 17. Oktober 190b
15. Jahrgang
^5
2 £
?! 's w^t
5_M c«§'
K%S«|r Z8z^°ZA.L3 n3^^^2S^Q^
8a - LZ Z ^ ? -S 3 L -s5©»§©= r«AZ^Z°^ ^3 n «™ P?_ ~-3 S^ffw^ »Z? 3” = § = 8!3 st »ri!»t|ft sS«SgS_^ä® ’ »Is »^ °§
3 cpÄR! n 3 Cöft’ 51
; ^^
n 2 s ^' ^ * V®
-^N»» - a.<vJB<fi«r|>^tti^ Gfe 1» e 1, E <!»« rsN;? W'
MAaöHangige Tageszeitung
(stetester Psgââ)
IGretzenev Weitung)
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anberrr ^Mr^n ^n^ mg.^ i»<i»»«M ll«iTC^g^t,<»WU*aE*M».y^***8i*ft**fajft^^^ .-^MWiXgB&# 7^»«^M^^IN««LlÜS»«««»»«LL«M«?vM^^t^ÄM»W»?«^S«7?»1 H rWMIWMI MWSWWM—»TW.W «^ ■ Wâ-Laagr-tfcSllMlg' »MM l»^L0«0MMM^^^»7rS!«.^
; VLww 2^w hsshts
O 0:0
4^2.2 Z 2^» 2
6 R
ff
Das neueste.
Der Kaiser wohnte gestern der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Bonn bei.
Dem Reichstag wird eine Novelle zur Krankenversicherung zugehen.
Fürst Bülow ist wieder in Berlin eingetroffen.
Der Statthalter von Elsaß-Lothringen genehmigte die vom Prinzen Hohenlohe eingereichte Demission.
In Lodz streiken 17 000 Arbeiter.
Darmstadt. Das Kriegsgericht der 25. Division verurteilte den Musketier Peter Müller 7. Komp. 168 3ns.» Reg. aus Hähnlein, welcher am 9. Sept, in Seeherm den Musketier Faust aus Ingelheim in der Nähe von Eberstadt erstach, zu 12 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus und Entfernung aus dem Heere.
Kassel. Der Kassierer des Transportarbeiterverbandes Bohnert wurde wegen Unterschlagung von Berbandsgeldern
8
9 $
ff D
zu sechs Wochen Gefängnis und Tragung der Kosten urteilt.
Berlin. Auf dem Zentral-Viehhof brach unter großen Beständen inländischer Schweine die Maul- Klauenseuche aus.________________________________________
Papiernes Gift
ver-
den und
[ es
r " *30
~ s^^ ,2- Joss . ^ rt 2-o^ia 5 ’
- K^SsAS «ROO" 2 7?
4 ^0.3 rf* 3 H^ «W-i
! o§^ ° ^"oyc !<3»^zL-L , Stf^Us.^o^?
tf« 7^ ^o öv *•
5 P ro *1 .s' rf ^-L-K-"^-
f^ f^ _ Q rr' ^
Was ist Schundliteratur? — Papiernes Gift.
Die Frage der Schundliteratur ist gegenwärtig wieder auf dem Kongreß deutscher Sittlichkeitsvereine angeschnitten worden. Es gibt eine Literatur, die verwüstende, vergiftende Wirkungen ausübt, deren Verfasser und Verleger das auch wissen. Die Literatur der Unzucht, die darauf ausgeht, Leser zu gewinnen, auf die Gefahr hin, diese Leser zu verderben. Nicht einmal vor der Heiligkeit der Jugend — heilig, weil Lie Jugend die Zukunft des Menschengeschlechts ist — macht sie Halt. Unreifen Knaben werden schlüpfrige Schilderungen und Bilder vor Augen geführt, die die Phantasie gefangen nehmen und auf Abwege leiten. Kinder werden mit Dingen bekannt gemacht und in ihren Gedanken damit beschäftigt, die sie noch garnicht kennen und jedenfalls so nicht kennen lernen sollten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine solche Literatur schmählich ist, daß Schande und Strafe verdient, wer an ihrer Hervorbringung und Verbreitung sich beteiligt. Damit ist noch nicht gesagt, daß man gegen die Teilnehmer an diesem schimpflichen Unfug auch den Strafrichter anrufen soll. Diese Frage ist gco zu schwierig. Literarische Gaben, die in den rechten Händerr unschädlich, vielleicht sogar belehrend und nicht ohne inneren Wert sind, werden zum Gift erst dadurch, daß sie in die Hände von Personen kommen, die nur für das Ueble Empfänglichkeit und Verständnis besitzen. Was der reife Mann mit Nutzen lesen maa. ist für
Giessener * < * * * Lâlèm
I^rt^^P'5 2-9 ,2g v P
• Ä2-p Sw p &1 W'TÂ ■^' ^^^^
EZLA-S «;.« a«»è? 2 22-’ a £09^2 Si^drr-jOreQ.**
3^5,—." s L? o^S-.8K
rs. İLos .^^
sM ’M
Nachdruck verboten
Verschiedene Geschmäcker.
Doa hätte merr etzt endlich emol e Schtick von unserm neue Bahnhofsgebäude feierlichst eme geehcde Bubligum zur gefällige Benutzung von ere tiddelierte Eiseboahverwaldung iwwecgewwe! Allerdings e Schtick Qarweit, awwer da deför isses aach en Bahnhof im romanische Schdiel unn der kost' Gäld unn net ze wink. Awwer der Eiseboahfissegus Hotts joa dezzu unn Wersch lang hott, läßts lang henge. Doa konnt merr letzthin e wonnerüac Beschreiwung von dem neue Bahnhofsgebäude lese, wodrin« iwwerzeugend doargedha« versucht worde is, dem Bubligum die Aage zu effne, wär malerisch, wäi schee, wäi zweckmeeßig doas All eingericht wer un» wammersch net met eigene Aage geseh' so glaubt mersch aach. Doadrenn sinn die Geschmäcker ganz Herschiede; der ahne behaabt so wäi doa geschriwwe flaun, der anner maant, doas Bahnhofsgebäude wer weider gonr nix, als wäi e schdark vergreeßerd Ausgoab von dem groad gejeiwrner errichtete Mausoleum, 's moag awwer xu sei wäi's will, e schdark Endänschung woarsch awwer doch fersch liewe Bubligum, als es eidrede wollt en die „dheuere Halle" unn aach emol de Woardsaal besichdige wollt unn konnt net, ewe so wenig
den Heranwachsenden Knaoen eine übel bekömmliche geistige Speise. Das Gift ist also nicht immer in der Darbietung selbst enthalten, sondern es wird erst wirksam gemacht durch die Person dessen, der die Gabe entgegennimmt. Andererseits ist auch nicht zu verkennen, daß es literarische Erzeugnisse gibt, die von vornherein auf Vergiftung au^jen, die gar keinen anderen Daseinszweck haben, als den, Vergiftung zu verbreiten. Ließe sich eine gesetzgeberische Formel finden, nach der man nur diese Buben treffen würde, die von dem Mißbrauch der Schreibfähigkett und der Erfindung Gutenbergs leben, so würde nicht der geringste Widerspruch gegen den Erlaß eines Gesetzes mit schwersten Strafandrohungen laut werden. Nicht selten kommt es auch vor, daß eine literarische Produktion wesentlich dadurch schlimmere Wirkungen ausübt, daß sie nicht gelesen wird. Wir getrauen uns zu behaupten, daß Nietzsche nicht entfernt so viele Verwirrung in so vielen Köpfen angerichtet hätte, wenn nicht die große Zahl der hohlschädligen Schwätzer gewesen wäre, die Nietzsche förmlich „ausschlachteten", ohne ihn zu verstehen, die Nietzsches Schlagworte in Entstellung ihres Sinnes — den richtigen Sinn hatten sie selbst nicht erfaßt — verbreiteten. Wenn der Philosoph, um einen ihm eigenen Gedanken deutlicher hervorzuheben und stärker zu betonen, ein übertreibendes Wort im Bild gebraucht, so ist die Uebertreibung nur Mittel zu dem Zweck, die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt zu lenken. Der Kundige versteht das und macht die nötigen Abzüge, um auf die wahre Meinung und Absicht des Denkers zu kommen. Der oberflächliche Schwätzer aber, der weder Willen noch Fähigkeit hat, ein ernstes Gedankenwerk zu ergründen, nimmt die Uebertreibung buchstäblich, sieht in ihr den Zweck, und spitzt in der Verbreitung die Uebertreibung noch mehr zu. Er gibt einen Auszug, und dieser Auszug besteht, seiner Charakter- und Verstandesanlage gemäß, nach seinem Sensationshunger, im besten Fall in einer getreuen Sammlung aller übertreibenden Worte und Bilder. Es kommt manchmal auch noch schlimmer: er übertreibt die Uebertreibungen, er überherodest den Herodes, um mit Hamlet zu reden. Hier wird das Gift, das nicht in der ursprünglichen literarischen Gabe lag, gewissermaßen erst durch den Mittelsmann bereitet und eingeschmuggelt. Hier ist der Mittelsmann, der literarische Makler, der eigentliche Giftmischer. Ob und wie man dem entgegentreten könnte, ist eine überaus schwierige Frage. Der Rat, daß man überall selbst an die Quellen gehen soll, ist unausführbar. Dazu haben die wenigsten unter uns Zeit und Neigung, auch nicht die nötige Vorbildung. Man kann ein sehr braver und sogar ein sehr gebildeter Mann sein, ohne daß man die Werke der Tagesphilosophen gelesen hat. Die literarischen Makler aber, auf die wir angewiesen find, haben durchaus nicht alle gerechten Anspriach darauf, „ehrliche Makler" zu heißen!
Die Literatur kann übrigens herzlich schlecht und ge- schmackverdecbertd, verflachend, direkt verblödend sein, ohne
wäi die Herrn Schdammgäst, bat seid Joahr unn Doag gewehnt woarn, do owe ehrn Dämmerschoppe ze drinke; es sei dann, daß se en Nickel an de heilige Eiseboahnfissegus vorher entrichd hätte. Die Schdamm- gäft hawwe ehrm Schmerz iwwer doas unvermudhede Woardesaalverschbercniß in eme elegische Gedicht Ausdruck gegewe, doas iwwrige, woardsaalbesuchende Bubligum verhält sich bis jetz noch ziemlich reserviert unn schweihd schdill. Bedauernswerdh isses awwer doch, doaß es etz so schwer gemacht is, eme liewe Freund oder eme dHeure Angehörige des Geleid an die Bahn zwar net, awwer bis en Woardsaal, allwo merr für gewehnlich sich noch e Dippche odder mehrere gewwe ließ. Der neue Bahnhofsrestauradhör Word von dere Neuerung in dem neu erbaute Bahnhof net sehr erbaut sei, dann err würd bei dem hohe Pacht unn de niedrige Preise schon e Hoar drinn sinne.
Verschiede sein aach die Geschmäcker in de Behanne- lungsweis der Zeidunge. Doas hott merr do erscht kerzlich gesehe, wäi e exdra MagistradSsitzung eiberufe worde is. An annere Blätz dhud merr die Press noch ebbes estimiern, wäi's sich's von Wege ehre große Bedeudung forsch öffentliche Lawe aach geheert, awwer häi, doa braach merr de Zeidunge net von so ere Extrasitzung Kenntniß ze gewwe. Unn doch hainmer e Masse schdädtische Bedienstete, däi immer unnerwegs sinn und kennte rächt gud so e Dagesordnung in e Druckerei brenge, se dheede sich, Waas Gott! faan Buckel droa schleppe, — unn doch scheint merr uff'm Scbdadthaus goar net ze wisse, doaß aach die Zeidungsredaktione Telefonanschluß besitze dhun; — also, Enschuldigunge werrn faa aagenomme ! Awer halt! ahner von de Press' wll joa doch bei dere exdraane Sitzung zegege gewese sei unn sollt der vielleicht e ganz besonnersch Huld von owe genieße? Wer kann's wisse!
•MMfBu«« t et w^^WK Wewötatyltewt «E mü Ht aitknin Ge^e«»l»^« (BMcxtfUK
Laß sie gerade m der oben erwähnten Richtung schädlich wirkte. Gerade in neuerer Zeit haben kundige Männer wahr- genommen, daß sich jetzt erwachsene Menschen an Geschichten erfreuen, bie früher einem reiferen Knaben kaum genügt haben würden. Oede Detektivgeschichten ohne Witz, billige Witzblätter ohne Geist, seichter Abhub verschollener Indianer- erzählungen machen die geistige Nahrung ungezählter Tausende aus. Wie kann hier geholfen werden? Das Mittel ist unschwer anzugeben — nur gibt es keine Apotheke, ’m der man das Mittel bestellen könnte: Man schaffe gute Bücher, die auch billig zu kaufen sind, und die schlechten werden die Konkurrenz nicht aushalten können.
Der Kaiser im Rheinland.
Di? Festtage in der Rheinprovinz haben am Dienstag mit der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Bonn ihren Höhepunkt erreicht. Die Anwesenheit des Kaisers und des Prinzen August, der nunmehr die Universität Bonn bezieht, gab der Feier ein besonderes Gepräge, und veranlaßte einen womöglich noch stärkeren Andrang des Publikums aus Bonn und den umliegenden Orten nach dem Festplatze.
Der Kaiser war bereits Montag abend in Bonn ein- gâoffen und im Palais des Prinzen zu Schaumburg ab- gestiegen. Auf dem Bahnhöfe hatten sich Prinz und Prinzessin zu Schaumburg, Prinz August Wilhelm von Preußen und Prinz Moritz zu Schaumburg, Oberbürgermeister Sviritus und das Korps Borussia in corpore eingefunden. den mit Fahren festlich geschmückten Straßen wogte eine große Menschenmenge auf und ab. Einen besonderen Schmuck hatte der Kaiserplatz erhalten, auf dem Dienstag die Ent- hüllung des vom Bildhauer Harro Magnussen modellierten Kaiser Wilhelm-Denkmals stattfand. Das Denkmal wird von einer Gruppe ehemaliger Bonner Studenten geschenkt Am Platz zum Eingang erhoben sich zwei in Weiß gehaltene Obelisken. Durch Verbindung derselben mit Girlanden wurde eine wirkungsvolle Ehrenpforte geschaffen. Von dieser bis zu den am Denkmal errichteten beiden Tribünen und dem Kaiserpavillon erhoben sich zu beiden Seiten des Platzes große und kleine Flaggenstangen, die durch Girlanden mit einander verbunden waren. Ein hervorragendes Stück der Dekorationskunst war der Kaiserpavillon, ein Rundbau, dessen Kuppel von acht mächtigen Säulen getragen wird. Der Enthüllung des Denkmals wohnten der Kaiser, Prinz August und die übrigen Fürstlichkeiten sowie die Spitzen der Garnison und Behörden bei. Nach dem Vortrag des Rebbertscher Ehors: „Heil Kaiser und Reich" durch die vereinigter Männergesangvereine hielt Oberbürgermeister Spiritus eine Ansprache, die mit einem Hoch aus Seine Majestät den Kaiser endigte. Die Musik spielte die Nationalhymne, Währenddessen siel die Hülle des Denkmals, das den Kaisei Wilhelm I. zu Fuß in Marmor auf einem rötlich abgetönter
KM
Weil die Geschmäcker so oarg verschiede fin», deshalb hawwe merr aach in Gieße so ziemlich alles woaß merr unner die Rubrik „Verschiedenes" nenne kann. Doa woar neulich emol en Mann, der in aller Herrgottsfrih verreise mußt, unn zwar en ricksichtsvoller unn liewenswördiger Mann, dec sei Frau abselud net schdörn wollte wegen em bische Kakao unn deshalb dhad er sich enschließe, sich selbst e Daß von dem Zeuck in die Reih ze moache. Wäi errn dann glick.lich im Koche hatt, do wollt errn aach e bisst ver- sieße unu doa die Zuckerdos leer woar, so holt err sich aus de nor meeßig vom Gang aus erleuchde Kich die Dutt mit'm gestoßene Zucker und schmeißt so zwaa Leffelcher davon en den Kakao. Beim Erumcihrn Word awwer das Zeuck so dicklich unn wäi ersch versucht, dann schmeckt errsch ehrscht, daß statt'm Schdreuzucker, deß Griesmähl errverwischt hatt. Der Mann hott sich vorge- nomme, morgens frih xet mer ze verreise, dann in Folge von dem Verkommniß mußt er sich frische Kakao koche unn dann glicklich de Zug versäume. Der Griesmehlkakao iß awwer noch e besser Fudder, wäi doas, woas gejewärdig verwendt wird bei dec von de Schdadt Gieße arraschierde großardige Rattevergifdung. Wann se nor gud ausfällt unn wann's nor net so giht, wäi seinerzeit im Kreis Offebach mit de Roawevergifdung; doa iß e Masse Geld für doas mit Strichnien dorch- drängde Flaasch ausgewwe worde unn deß iwwer- raschende Resuldoad woar: Siwwe dode Roawe unn drei werdhvolle Joagdhond, sowie en Bernhar- diener! — Doa woarn ewe aach die Geschmäcker ganz verschiede.
BrLefkafte« der „LKter«."
Willi H. hier Nicht Osmus sondern Asmus hieß der s. Zt. von Gießen nach Amerika ausgewanderte Verfasser des „Skizze-Bichelche."