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Nr. 192

^reitnn, Pen 17. Auqust 190b

15. Jahrgang

haben bei: Ry ^ Semmler, k Weiler.

teiNn u-Hauptexvedition: Gieße», Seltertwe- 86.

Zsee»kprech»«schl«ß Nr. 368.

Bares GeW obiger Verdier iann! Kein Ka;.

Laden nöti» eicht! Offert.i tanoncenexpei: iland, Lindau b

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Friedber bei Frankfurt ü I nisches Instit: js? und Archiv

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Nnabhängige Tageszeitung

(Gießener Jeitnng)

Kr Oberhesseu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen nnb Umgebung.

Erhält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großli. Poli^eiamtes Gießen und anderer Beßftrd^n hnn ni^Mf

(Gießner Hagevtackt)

Der frieden zu Cronberg.

Zur festgesetzten'Zeit, gestern morgen um 9 Uhr 45 Min., ^at König Eduard seinen kaiserlichen Neffen wieder verlassen, Lm nach Marienbad zu fahren. Der Kaiser begleitete seinen Oheim im Automobil zur Bahn, umarmte ihn beim Abschied herzlich und ging noch neben dem abfahrenden Zuge her, um Dem König wiederholt die Hand zu drücken. Am Abend Vor­der hatte auf Friedrichshof eine Festtafel stattgefunden, an Der die Fürsten und hohen Würdenträger teilnahmen. Inwieweit politische Angelegenheiten zwischen den bei­den Herrschern aut Sprache kamen, darüber läßt sich zur St natürlich nichts Bestimmtes sagen. Daß aber ernstere emata behandelt wurden, ist zweifellos. Kaiser ui^ König konferierten in Gegenwart der beiderseitigen ministeriellen Vertreter längere Zeit, wie die folgende halbamtliche Ver- lffentlichung meldete:

Nach der Frühstückstafel verweilten Kaiser Wilhelm und König Eduard mit dem Staatssekretär v. Tschirschky und dem englischen Botschafter Lascelles etwa eine Stunde auf der Terrasse vor dem Schlöffe.

Ob und welche Schlußfolgerungen aus dieser Besprechung M ziehen sind, das wird vorläufig wohl ein Geheimnis bleiben. Englische maßgebende Blätter sagen, die Bedeutung der Zu- ammenkunft von Cronberg sei nicht zu unterschätzen, doch Dürfte angenommen werden, daß bindende Abmachungen nicht |inn Gegenstand der Erörterung gemacht worden seien.

Ueber die Auffassung in Berliner diplomatischen Kreisen schreibt unser dortiger ^.-Mitarbeiter:

Die Zusammenkunft des Deutschen Kaisers und des Königs von England in Cronberg ist, wie zu erwarten war, n chrer Bedeutung aus der einen Seite übertrieben, auf der Indern Sette unterschätzt worden. Politische Lragweite sollten ihr die einen völlig absprechen. Es handle sich um ünen lange hinausgezögerten verwandtschaftlichen, vielleicht sogar nur um einen konventionellen Besuch, der ar d^n tat­sächlichen Verhältnissen und an der Lage der Dinge nichts rndere, Wohl auch nichts ändern solle. Andere machten wieder darauf aufmerksam, das vielfach betonte Fern­bleiben der leitenden Staatsmänner beweije n chts, denn König Eduard und Kaiser Wilhelm seien selbst politisch io aktiv, daß sie bei ihren Besprechungen der Minister nicht bedürfen. Der Gegenstand der Besprechung aber sei ge. zeben : die Lage in Rußland. Kaiser Wilhelm wolle in Ruß- und intervenieren und gehe darauf aus, die Zustimmung eines Oheims hierzu zu gewinnen.

Das ist nun eine tendenziöse Ausstreuung, die übrigens ^icht zum er|ten Male erscheint. Sie ist durch die Wieder- bolung nicht zutreffender geworden. Kaiser Wilhelm denkt Glicht an eine Intervention in Rußland und würde sie ab­lehnen, wenn sie von irg^h einer Seite in Vorschlag käme.

hegt die besten Wünsche für die Wiederherstellung von unche, Ordnung und Frieden im Zarenreiche, aber diese Wiederherstellung hält er für eine von Rußland allein zu lösende Aufgabe. Ihm liegt vor allem die Erhaltung des ruropäischen Friedens am Herzen, und in diesem Bestreben weiß er sich mit dem König Eduard in voller Ueberein­stimmung. Die geheimnisvollen Jnlerventionspläne find die Erfindung müßiger und nicht eben wohlwollender Köpfe. Glücklicherweise darf man in Berlin überzeugt sein, daß wenigstens die maßgebenden Kreise Rußlands von der wirk­lichen Gesinnung der Berliner Regierung genau und zutreffend unterrichtet sind, und demgemäß die Bemühungen, Mißtrauen auszusäen, vergeblich sind.

. ^n viel wahrscheinlicheres Gebiet gemeinsamer Interessen siir Deutschland und England als Rußland bildet zur Zeit der nähere Orient. Nicht blos wegen der Erkrankung des Sultans Abdul Hamid. Die griechische Bevölkerung und mehr noch die bulgarische drängt nach einer Lösung der macedonischen Frage, d. i. nach einer Verabschiedung der türkischen Herrschaft aus Europa. Rußlands früher über­legender Einfluß ist so gut wie ausgeschaltet. Dafür sind die italienischen Ansprüche, die zuweilen in etwas intrigen- bafter Weise sich geregt haben, deutlicher hervorgetreten, ^n vorderster Reihe steht natürlich Oesterreich-Ungarn, das ohne seine inneren Streitigkeiten jetzt vielleicht in der Lage wäre, nach dem Rat des Fürsten Bismarck seinen Schwerpunkt nach Osten zu verlegen. Deutschland und England sind un­mittelbar kaum interessiert. Möglicherweise sind gerade des-

ihre Herrscher vorzüglich berufen, in gemeinsamen Vor­schlägen die Mittellinie zu gehen, die tunlichst alle An­forderungen befriedigt und dem allgemeinen Friedensinteresse am besten dient. Man spricht auch schon von weiteren Fürsten- zusammenkünften, an denen Kaiser Franz Josef und der König von Italien teilnehmen sollen. Doch so weit find wir noch nicht. Einstweilen haben wir es mit der Cronberger Begegnung zu tun. Mit aufrichtiger Beftiedigung hat man die Herzlichkeit wahrgenommen, mit der Oheim und Neffe einander begrüßten. Mit Befriedigung, weil diese Herzlichkeit der Gesinnung der Völker entspricht und dem allgemeinen Friedens- die beiden Monarchen in verschwiegener emstündiger Unterredung einander in Cronberg zu sagen hatten, darüber enthält man sich schicklicherweise selbst der Konjektur, die doch nur wertlos sein könnte. Die beiden mächtigen Fürsten find nicht zusammen gekommen, um Wahr- nehmunaen über das Wetter auszutauschen, auch nicht zu

Gießener

dem Zweck, Meinungsverschiedenheiten zu unterstreichen. Das sind negative Sätze, aber sie sagen genug und entbehren nicht des positiven Inhalts. Gerade weil Kaiser Wilhelm und König Eduard nichts als die Erhaltung des Friedens für sich und für andere wünschen, haben sie keine bestimmten, formu­lierten Vereinbarungen nötig, die nur dann erforderlich ge­wesen wären, wenn es sich darum gehandelt hätte, eine Willensmeinung als bindend für andere hinzustellen, nicht blos das Ziel, sondern auch den Weg zum Ziel der Wett vorzuschreiben. Das hat weder der deutsche noch der englische Herrscher im Sinne gehabt".

politische Rundschau.

Deutschee Reich*

* Die Untersuchungen in der Kolonialaffäre nehmen ihren Fortgang. Der Leiter des Kolonialamtes, Erbprinz zu Hohen­lohe-Langenburg ist unter Abkürzung seines Urlaubes nach Lerlin zurückgekehrt und hat seine Amtsgeschäfte wieder übernommen. Inzwischen hat der Geh. Legationsrat Dr. Hammann dem Reichskanzler in Norderney Bericht er, stattet und sich gestern nach Kassel zum Kaiser begeben. Diese Reisen stehen ohne Zweifel mit den bekannten Vorgängen im Kolonialamt in Verbindung.

* Wie in Berlin an gut unterrichteter Stelle bestimmt verlautet, hat der Kaiser den Landwirtschaftsminister v. Pod- bielski zur Einreichung seines Abschiedsgesuches aufgefordert. Die näheren Ermittelungen in der Tippelskirch-Affäre scheinen danach doch gravierender für den Minister ausgefallen zu sein, als man zuerst annahm. Aus der Beteiligung an der Firma, die der Minister zwar bei seinem Eintritt in den Staatsdienst aufgegeben hat, erwächst ihm nun ein schwerer Vorwurf, ob­wohl feststeht, daß er um etwa vorgekommene Bestechungen nicht gewußt hat. Als Nachfolger des Ministers kommt in erster Reihe der frühere Leiter der Reichskanzlei, jetziger Unter3 staatssekretär im Landwirtsch. Ministerium, Herr von Conrad, in Betracht, doch ist es natürlich müßig, derartige Fragen zu erwägen, da die Besetzung von Ministerposten in letzter Linie vom Kaiser abhängt. Vermutlich wird in der dem­nächst stattfindenden Konferenz des Kaisers mit dem Reichs­kanzler die Entscheidung fallen.

* Zur Vorberatung der Personeu-Tarifreform ist der deutsche Eisenbahnverkehrs-Verband in Saßnitz zusammen­getreten. Zu den noch strittigen Puntten, die zur Beratung anstehen, gehört namentlich die Frage der Rückfahrkarten, die bekanntlich abgeschafft und durch einfache Fahrkarten ersetzt werden sollen. Darüber, daß die Riickfahrtarte abgeschafft wird, herrscht Uebereinstimmung zwischen den Regierungen, nicht aber über die Frage des Aufdrucks der an ihre Stelle tretenden einfachen Fahrkarten, sowie darüber, ob man die zur Rückfahrt dienende Karte an demselben Schalter auflegen soll, an welchem die Karte zur Hinfahrt gelöst wird. Ein zweiter wichtiger Punkt, über den erst noch Einigkeit erzielt werden soll, betrifft die Schnellzugszuschläge. Gegenwärtig zahlt man für den Kilometer in Personenzügen 8, 6, 4 Pf., in Schnellzügen 9, 6,67, 4,67 Pf. für die erste bis dritte Wagenklasse; nach dem Regierungsvorschlage würden in Schnellzügen künftig erhoben werden: bei Entfernungen bis 75 Kilometer 50 Pf. für die beiden ersten Klassen, 25 Pf. für die dritte Klasse, be; Entfernungen von 76 bis 150 Kilometer eine Mark bezw. 50 Pf. (III. Klasse) und bei Entfernungen über 150 Kilometer zwei Mark für die I. und II., eine Mark für die III. Klasse. Als Termin für die Einführung der Tarifteform ist der 1. Juli 1907 in Aussicht genommen worden.

* Von der Einrichtung einer neuen deutschen Dampfer- linie nach Westaftika wird in Hamburger Börsenkreisen, besonders im Anschluß an die Affäre Woermann- Erzberger viel gesprochen Als Rhedereigesellschaften, die besonders für die Schaffung einer derartigen Linie sich interessieren, wurden die DampfschiffahrtsgesellschaftArgo" in Bremen und die DampfschiffahrtAgesellschaftTckton", eben­falls in Bremen, genannt.

Russland»

* * Der Kleinkrieg der Revolutton steht in vollster Blüte, Bombe und Revolver herrschen! In Warschau sind am Mitt­woch über 200 Personen getötet, beziehungsweise schwer ver- wundet worden, etwa vierzig davon sind Polizisten. In Plozk wurde eine Bombe geworfen, wodurch fünf Polizisten getötet wurden. Auch in Lodz fanden Unruhen statt. Im dritten Polizeibezirk wurden zwei Bomben geworfen, durch die ein Gebäude in Flammen geriet. Das herbeigeeilte Militär gab verschiedene Salven ab; viele Personen wurden getötet und viele verwundet. In dem Dorfe Iwanowka ver­suchten die Bauern die wegen Beteiligung an den Agrar­unruhen verhafteten Personen zu befreien. Die Kosaken waren gezwungen, zu feuern; fünf Bauern sind tot, zwei verwundet. Auch aus vielen anderen Orten werden fortgesetzt neue Bauernunruhen gemeldet. Besonders kritisch ist die Lage in Odessa und im Kaukasus, der sich in vollem Kriegszustände befindet. . . . . _ _

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Balhanstaatcn»

** Eine allgemeine Flucht der Griechen aus Bulgarien bat begonnen, da neue Gewalttätigkeiten von feiten der Bulgaren befürchtet werden. Die Flüchtlinge erzählen, der bulgarische Pöbel werde fortwährend von Agitatoren gegen die Griechen aufgereizt und drohe mit einer allgemeinen Niedermetzelung der Griechen.

Kleine politische Nachrichten.

Weimar, 16. August. Der Kaiser hat dem Karl-Alerander- Denkmalfonds 10 000 Mark überwiesen.

Hamburg, 16. August. Die Hamburg-Afrika-Gesellschaft halt die Nachricht von Angriffen deutscher gegen französische Händler in Gabun für aufgebauscht und parteiisch. Genauere Details liegen hier noch nicht vor.

Ncwyork, 16. August. Der Ministerrat von Columbien -rklärte den von seinem Gesandtschaftsposten bei den Ver­einigten Staaten abberufenen Mendoza Perez für einen Vaterlandsverräter, weil er über die zwischen den beiden Ländern schwebenden Verhandlungen Veröffentlichungen ae- macht hatte.

Rof und Gesellschaft.

* ** Der Bischof von Regensburg I a n a t i u 3 Don S e n e st r e y ist gestern ^üuhmittag gestorben.

* ** Am 18. August vollendet KaiserFranzJosepb Deutschlands Freund und treuer Verbündeter, sein 76. Lebens! mr- ..greisen Herrscher sind in seinem Leben schwere Schrcksalsschlage nicht erspart geblieben. Daß er troh dieser Heimsuchungen die schwere Last der österreichisch-ungarischen Kronen unentwegt getragen hat, verdient besondere Be- Wundwung. Dem Veteranen auf dem Throne werden in Deutschland reiche Sympathieen entgegengebracht und mit den Wünschen feiner Untertanen zum morgigen Geburtsfeste ver- di? des deutschen Volkes, die für den Freund Kaiser Wilhelms einen ungetrübten Lebensabend erflehen.

Deer und flotte.

Zielbrrllev für die Marine - Artillerie. Die ständige französische Arttlleriekonnnisfion hat auf Grund der von den Japanern im letzten Seekriege verzeichneten Zielerfolge und der bei den jüngsten Manövern des ftanzösischen Mittelmeer» geschwaders gemachten Versuche beschlossen, der Regierung das Anbringen sogenannter Zielbrillen an großen und mittleren Kriegsschiffen zu empfehlen.

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Sozialea Leben,

X Stillegung des HüttenwerkesRote Erde". In den Versammlungen der im Aachener Hüttenbezirke streikenden Arbeiter wurde mit 585 gegen 61 Stimmen die Aufrechter­haltung der Kündigung beschlossen. Gestern morgen ist dem­zufolge das WerkRote Erde", das erste Mal seit 45 Jahren, stillgelegt worden. Von den 4000 Arbeitern des Werkes werden vorläufig noch rund 1500 auf dem Lager und Versand­platz beschäftigt.

X Demonstration für Verkürzung deS Arbeitstages. In Brüssel veranstalteten die sozialdemokratischen Arbeiter ganz Belgiens eine großartige Demonsttation zugunsten des ver­kürzten Arbeitstages. Die Demonstranten, etwa 70 000 zogen in einem lS/4 Stunden langen Zuge, in dem Musikkapellen und mehrere rote Fahnen mitgeführt wurden, durch die Sttaßen der Stadt.

X Eintägiger Streik im Emdener Hafen. Weil eine Emdener Firma einen Hafenarbeiter wegen Beleidigung eines ihrer Beamten entlasten hatte, stellten am Mittwoch sämtliche Hafenarbeiter Emdens die Arbeit ein. Gestern wurde dieser aus so geringfügiger Ursache inszenierte Stteik wieder, nach nur eintägiger Dauer, beendet, weil nach dem Statut deS Ortsvcrbandes eine allgemeine Arbeitseinstellung wegen einer Privatsache nicht zulässig ist.

Der Kaiser in Romburg.

sr. Homburg, 16. August.

Alsbald nach der Abfahrt König Eduards von England fuhr Kaiser Wilhelm nebst dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Kavl von Hessen, sowie der Kronprinzessin von Griechenland und ihrem Sohne im Automobil von Schloß Friedrichshof ab. Gegen 11 Uhr liefen die Automobile mit den Fürstlichkeiten hier ein, um an der Enthüllung des Denkmals für das ausgestorbene Geschlecht der hesfischen Landgrafen teilzunehmen. Die Stadt prangte in reichem Flaggen- unt) Guirlanüenschmuck. An dem verhüllten Denkmal hatte sich eine auserlesene Fest- gesellschaft versammelt. Schulen und Vereine mit ihren Bannern bildeten Spalier. Das Füsilier-Regiment v. Gers- dorf hatte die Ehrenkompagnie gestellt. Unter Glockengeläute traf der Kaiser am Denkmal ein. Er trug die Uniform des 1. Garderegiments z. F. mit den Generalfeldmarschalls- -bzeichen. Der Kaiser schritt die Front der Ehrenkompagnie 16, begrüßte die Anwesenden und nahm, nachdem der von ünem Männergesangverein vorgetragene Choral Verklungen war. das Wort.