Nr. 191
Donnerstag, Pen 16. An anst 190b
15. Jahrgang
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Weueke Nachrichten
(chießener Hagevkatt) Unabhängige Tageszeitung (Ateljett er Zeitung)
für OSerheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalairzeiger für Gießen und Umgebung.
SnthÄt alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Bebörden von 6^^'^
Die Mnarckenbegegnung.
Mr. Crouberg, 15. August, 10 Uhr vorm.^
Die Sonne machte ein recht verwundertes Gesicht, als sie heute früh über die Taunusberge auf das in anderen Zeiten so ruhige Städtchen schaute. Schier ein Ueberfluß von Flaggen in deutschen und englischen Farben, dunkelgrüne Tannen- auirlanden und Blumenschmuck in den Fenstern. Da war . auch das bescheidenste Häuschen nicht ohne festliches Gewand. Die ganze Einwohnerschaft fast ohne Ausnahme auf den Beinen, Wiesbadener Füsiliere und Ulanen aus Hanau marschierten in Zügen und Kolonnen durch die Straßen in ter Richtung zum Bahnhof, auf den sich alle Erwartung und alle Neugier konzentrierte. „Kurz vor neun Uhr wird er kommen", so riefen sich die am Wege vom Bahnhoj & Schloß Friedrichshof aufgestellten Schulbuben und en zu und schwenkten luftig ihre Fähnchen. Von Frankfurt wurde telegraphiert, daß König Eduard von England kurz nach 8 Uhr auf dem Hauptbahnhof eingetroffen jet Die Spannung stieg auf den Siedepunkt.
Kaiser Wilhelm stand mit einer glänzenden Suite auf dem Bahnsteig, bereit zum Empfang seines königlichen Oheims. Der Kaiser trug die grüne Interims-Uniform der Posenschen Jäger zu Pferde mit dem blanken Stahlhelm. Er sah munter und aufgeräumt aus und unterhielt sich lebhaft mit der Umgebung, vorzugsweise mit dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen. Die Spitzen der örtlichen und provinzialen Behörden waren ebenfalls anwesend.
Um 8 Uhr 45 Minuten erscholl das Kommando an die mlfmarschierten Truppen: „Achtung, präsentiert das Gewehr." Der Zug mit dem König lief ein. Kaiser Wilhelm trat sofort an den Salonwagen heran, streckte seinem Oheim beide Hände entgegen und half ihm beim Aussteigeu. König Eduard trug schwarzen Leibrock und Zylinder, seine kräftige, gedrungene Figur im bürgerlichen Kleide bildete einen bemerkenswerten Gegensatz zu der straffen militärischen Erscheinung Kaiser Wilhelms. Nachdem die Monarchen sich mehrmals um= armt und geküßt hatten, wandte sich König Eduard zu dem Prinzenpaar Friedrich Karl und der griechischen Kronprinzessin. Dann wurde das gegenseitige Gefolge vor- gefteüt. In Begleitung des englischen Herrschers befanden sich Sir Charles Hardinge, Generalmajor Stanley Clarke und Major F. L. G. Ponsonby, sowie der englische Botschafter in Berlin Sir Frank Lascelles.
Vor dem Bahnhof standen mehrere Automobile bereit. König Eduard, der Kaiser, Prinz und Prinzessin Karl bestiegen das erste, das Gefolge nahm in den anderen Platz.
Und nun erhob sich betäubender Jubelruf. Freundliche Grüße sandten die Monarchen bei der in mäßiger Geschwindigkeit erfolgenden Durchfahrt durch das schmucke Spalier der Schuljugend den Zuschauern zu, die ihrerseits mit Tücher- und Hutschwenken ihre Freude bekundeten. Unter der Menge bemerkte man zahlreiche Engländer, die sich zur Zeit in Deutschland, namentlich in Bädern und Sommerfrischen aufhalten und die aus ziemlicher Entfernung herbeigeeilt waren. Ohne Zwischenfall langte der Zug der Automobile deinem hohen Torbogen des Schlaffes an, die Ehrenkompagnie salutierte und die Herrschaften begaben sich in die inneren Gemächer zur ersten intimen Aussprache. Der Eröffnungsakt des bedeutsamen Ereigniffes war vorbei.
Grönberg wimmelt natürlich von Fremden, auf dem Telegraphenamte drängen sich die Berichterstatter der Zeitungen, und der alte Ruf König Eduards als Herrsch« auch im Reich der Mode hat sogar zahlreiche Vertreter von Modejournalen aus Berlin und aus anderen Orten herangeführt. Sie erwarten interessante Anregungen und Begeisterungen für ihre Auftraggeber und ihre Lesewelt.
Wie weit die Zeichendeuter Recht behalten werden, die entweder von dem Zusammentreffen der beiden Monarchen weittragende Entschließungen und Klärungen erwarten, oder aber steif und fest behaupten, es handele sich lediglich um einen familiären Besuch ohne jeden politischen Hintergrund, läßt sich zurzeit weder feststellen noch vermuten. Daß die Entrevue geeignet ist, manche Schwierigkeiten und Mißver- .jtänbniffe durch persönliche Aussprache der Fürsten hinwegzuräumen, kann ohne weiteres zugegeben werden. In der Anbahnung eines freundlichen Verhältnisses zwischen den beiden verwandten Nationen bedeutet die Zusammenkunft Jedenfalls einen beträchtlichen Schritt nach vorwärts. Deshalb hat das deutsche Volk alle Ursache, den Besuch König Eduards mit Freude und Genugtuung zu begrüßen.
Mr. Cronberg, 15. August, 2 Uhr nachm.
Die festliche Erregung im Orte hat noch zugenommen, da die einlaufenden Züge noch immer Schaulustige heranbringen. Nach der Ankunft der Fürstlichkeiten im Schlöffe fand ein Frühstück im engsten Familienkreise statt. Sodann zog man sich zu kurzer Nttche zurück. Die Zimmer, welche sonst für die griechischen Herrschaften bereit gehalten werden, find zur Verfügung König Eduards gestellt. Kaiser Wilhelm hat die von ihm stets benutzten Gemächer inne. Bereits um 11 Uhr machten die beiden Monarchen, begleitet ^on dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich Karl und der Kronprinzessin von Griechenland eine Ausfahrt in offenen Wagen. An Kaiser trug wiederum die Uniform der Jäger zu Pferde.
hatte aber den Helm mit der Mütze vertauscht. König Eduard hatte grauen Anzug angelegt und grauen Hut aufgesetzt. Er soll den Zivilanzug während der Dauer seines ganzen Aufenthalts tragen wollen und zwar auf einen Wunsch Kaiser Wilhelms, der seinem Oheim die mit der Anlegung der Uniform verbundenen Unbequemlichkeiten ersparen will, obwohl der König sich anfänglich dem in Deutschland bei solchen Gelegenheiten üblichen Brauch fügen wollte, in Uniform zu erscheinen. König Eduard sieht vor- ttefflich aus und bewegt sich in ungezwungener Weise.
Schon bei der Ausfahrt wurde der Wagen mit den Fürstlichkeiten vom Jubelruf der harrenden Menge empfangen. Kaiser und König dankten ununterbrochen mit Nicken und Handbewegungen. Die Fahrt ging zunächst zu dem von dem Berliner Bildhauer geschaffenen Denkmal Kaiser Friedrichs in den Anlagen, das eingehend besichtigt wurde. Dann fuhr man in die Stadt zur Johannis kirche, mit dem der Kaiserin Friedrich gewidmeten Relief mit der Grablegung. Schließlich fand eine Besichttgung der Burg Cronberg und der darin aufgestapelten Altertümer und Kunstschätze statt. Die Rundfahrt endete unter gleichen stürmischen Huldigungen des Publikums, wie sie begonnen hatte. Im weiteren Verlaufe des Nachmittags sollen nach einem Wunsche des Königs Homburg v. d. H. und die Saalburg besucht werden.
Die Abreise des Königs wird voraussichtlich morgen vormittags 9 Uhr 40 Minuten erfolgen, sein kaiserlicher Neffe wird ihn persönlich zum Bahnhof geleiten. Nach der Abfahrt begibt sich der Kaiser im Automobil zur Einweihung des Denkmals für die Landgrafen von Hessen.
Der Tar ohne Mmltèr.
Bisher sind die Bemühungen Stolypins, ein Ministerium zu bilden, erfolglos geblieben. Es findet sich keiner, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Rußland Minister sein will, und die Lage wird dadurch noch verschlimmert, daß der Zar keinen freiheitlichen Anregungen Gehör schenken will.
Ein Druck von oben.
Nach langem Suchen war es dem Ministerpräsidenten endlich geglückt, Nicht-Bureaukraten für eine Anzahl von Ministerposten zu gewinnen. Allerdings mußte er diesen verschiedene Bedingungen zugestehen, nur um sie zum Eintritt in das Kabinett zu bewegen. Aber ein Druck von oben hat alle Arbeit Stolypins vernichtet: Der Zar hat auf Betteiben der Hofpartei die Forderungen der Ministerkandidaten ab- gelehnt und so ist auch dieser Versuch gescheitert. Der Zar ist also noch immer ohne Minister. Statt ihrer herrscht
Panik und Terrorismus.
Ein geheimes Komitee will der Revolutton mit Mord begegnen und verteilt Listen, auf denen die Führer der Opposition mit dem Tode bedroht werden. In Libau aber wütet die berüchtigte schwarze Bande, der zahllose Bewohner zum Opfer fallen. Soldaten meutern gegen diese gedungenen Mörder und die Polizei ist gegenüber dem Bürgerttieg machtlos. Raub, Mord und Plünderung sind alltägliche Dinge geworden. In Warschau sind an einem Tage 20 Mordanschläge auf Polizeibeamte verübt, in Wlozlawsk der Polizeimeister Mirnowicz und der Landpolizeihauptmann Pietrow ermordet worden. So sieht es im Lande aus, das teilweise von Hungersnot entsetzlich heimgesucht wird. Aber auch di<> Armee ist nicht mehr zuverlässig.
Der Vorfall auf dem Manöverfelde
bei Krasnoje Sselo stellt sich bei näherer Bettachtung als ein wohlvorbereitetes Attentat gegen den Großfürsten Nicolai und schließlich auch gegen den Zaren heraus, da dieser anfänglich die Manöver besuchen wollte. Obwohl man in Petersburg bemüht ist, der Sache einen harmlosen Anstrich zu geben, steht bereits fest, daß vom ersten Bataillon des Leibgardeschützenregiments eine scharfe Salve nach der Richtung ab. gegeben wurde, wo sich der Großfürst befand und daß mehrere Soldaten in seiner Nähe verwundet worden sind. Der Großfürst ist wie durch ein Wunder unverletzt geblieben. Allerdings weiß man noch nicht, wer die blinden Pattonen durch scharfe ersetzt hat. Die Zersetzung scheint in der Armee bedenklich weit vorgeschritten zu sein.
Vor dem Kriegsgericht.
Wegen der Meutereien in Kronstadt sind über 2000 Mann vor ein Kriegsgericht gestellt worden, darunter auch Zivilisten. Die. Verhandlung findet unter strengstem Ausschluß der Oeffentlichkeit statt, auch werden keine Rechtsanwälte zugelassen. Der ersten Gruppe, der zur Last gelegt wird, einen bewaffneten Aufstand inszeniert zu haben, um die Festung und das Fort Konstantin der Regierung zu entreißen, gehören an 29 Soldaten und 18 Zivilpersonen. Ebenso schwer belastet find noch etwa 150 Angeklagte. Sie werden vermutlich alle zum Tode verurteilt werden. Berufung und Begnadigung sollen ausgeschlossen sein. Vor das Kriegsgericht wird auch der ehemalige Dumaabgeordnete Onipko gestellt, der in der Nacht zum 2. August verhaftet worden war. Man hat bei ihm eine Skizze der Festung Kronstadt aefunden.
Ferner liegen noch folgende Meldungen vor:
Petersburg, 15. August. Der Korrespondent eines süddeutschen Blattes erklärt: „Wie ich höre, dementierte die „Petersburger Telegraphen - Agentur" meine Nachricht, daß im September die Wahlen für die neue Duma ausgeschrieben werden würden. Ich halte meine Mitteilung, die aus zuverlässigster Quelle stammt, aufrecht.
Odessa, 15. August, Der Rat der Universität beschloß, bei dem Ministerium die Zulassung sämtlicher jüdischer Studenten zu beantragen, die zu Beginn des neuen Semesters um Zulassung zum ümversitätsstudium bitten.
Warschau, 15. August. Im hiesigen Distrikt wurden von den Revolutionären im Juli 99 Morde begangen.
Griechisch-bulgarische Kämpfe.
Aus Makedonien, besonders aber aus dem bulgarischen Rumelien kommen alltäglich betrübende Nachrichten über erbitterte Kämpfe zwischen Griechen und Bulgaren. Die Zusammenstöße nehmen allmählich die schlimmsten Formen an. Die Unruhen in dem Städtchen Anchialo am Schwarzen Meer haben zur vollständigen Niederbrennung des Ortes ge- fiihrt. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Griechenland und Bulgarien soll bevorstehen, ein Krieg zwischen den beiden Balkanstaaten ist also in den Bereich der Wahrscheinlichkeit gerückt. Vernahm man früher von „makedonischen Unruhen", so handelte es sich um den Freiheitskampf der Bulgaren Makedoniens. „Los vom Türken" war die Parole der Freischaren.
Längst hört man fast nichts mehr von Gefechten mit türkischen Truppen, immer mehr aber häufen sich die Nachrichten von wilden Kämpfen der christlichen Nationen untereinander. In erster Reihe sind es die Griechen, die zum Angriffe auf der ganzen Linie geschritten sind. Dem ferner Stehenden sind diese Kämpfe unverständlich; und doch haben sie sich natürlich genug aus den eigentümlichen Verhältnissen entwickelt.
Die Griechen hatten seit dem Falle von Konstantinopel neben den Türken das Land weiter beherrscht. Als der Kampf um die Hauptstädte am Bosporus entschieden war — das flache Land hatten die Türken bereits — da erschien es dem Sieger als ein Gebot der Klugheit, dem Besiegten seine früheren Vorrechte wesentlich wiederzugeben. Das geschah. Mit vielen Kirchen erhielten die griechischen Priester freie Verfügung über Kirche und Schule; ihre Beamten wurden vom türkischen Staate bezahlt. Der „Papst des Ostens", der orthodoxe Patriarch wurde als Oberhaupt aller Christen der Türkei anerkannt, seine Vorrechte sogar noch erweitert, denn, war er bisher vom Kaiser ernannt worden, so wählten ihn jetzt seine Bischöfe in voller Unabhängigkeit. Die griechische Geistlichkeit erwies sich dankbar, sie wurde dem Sieger gegenüber ein kriechender Sklave. Cs gab aber noch andere christliche Besiegte. Das waren die Slaven und Rumänen der europäischen Türkei, die Bulgaren, Serben und die romanischen Kutzo-Walachen. Die beiden Slavenstämme hatten im Mittelalter eine Zeit großer Plüte gehabt. Der Nachkomme des Serbenhelden Newanja, Dujchan der Große, hatte sich in Uesküb zum Kaiser frönen lassen, sein Reich umfaßte ganz Serbien, Albanien, Makedonien, Nordgriechenland, sein Einfluß ging bis vor die Tore von Konstantinopel. So hatten auch die Bulgaren ihr Kaiserreich gehabt und auch dieses hat zettweilig seine Macht vom Schwarzen Meere bis zur Adria und Aegaea ausgedehnt. Beide slavischen Reiche hatten sich schon früh losgerungen von der drückenden Gewalt des griechischen Patriarchen, der seine Geistlichkeit fast nur benützte, um aus den slavischen Völkern große Summen zu erpressen. Kirche und Schule sollten griechisch bleiben ; nun fiihrten die mächtigen Fürsten der Slavenreiche die slavische Kirchen spräche ein. serbische und bulgarische Geistliche wurden Bischöfe und fag.cn dem Patriarchen den Gehorsam auf. Natürlich verlor er die großen Einkünfte aus weiten Gebieten. Als aber die Kaiserreiche der Bulgaren und Serben nach kurzer Bliite zusammengebrochen waren, da begann der Rache- zug des Pattiarchates. Gift und Dolch räumten schnack auf mit den slavischen Priestern und Lehrern. In der alten Bulgaren-Residenz Tirnowa wurde sogar die gr;»^* prachtvolle bulgarische Bibliothek schmählich verbrannt, slan^he Schriften vernichtet, wo sie sich fanden. Der Bauer, ~vo n türkischen Großgrundbesitzer bedrückt, seiner geistigen Füdn^L beraubt, fügte sich stumpf. Im achtzehnten Jahrhundert wurden die letzten serbischen Bischofssitze in Ochrida und 3pc: zerstört. — Das orthodoxe Griechentum war wieder Alleinherrscher über alle Christen. Mit großen Geldopfern — das muß man zugeben — hat dann das Patriarchat überall wieder griechische Kirchen- und Schulsprache eingeführt, es lohnte sich freilich bald, denn abermals füllten sich die Kirchen- Kaffen des Patriarchen. So ging's 300 Jahre.
Die Neuzeit aber hat eine Wandlung herbeigeführt: das nationale Serbenreich befreite sich von der Türkei und in den fünfziger Jahren auch vom Pattiarchate. Wieder setzte der serbische Fürst serbische Bischöfe ein, aus Serbien verschwand die griechische Kirchensprache. Das Beispiel wirkte aufreibend auf die im Nachbarlande Makedonien wohnenden Serben, bis sie es denn vor wenigen Jahren durchgesetzt haben, daß in Uesküb nur ein Serbe als Bischof eiugesetzr wird, die Kirchensprache serbisch ist. Bald werden sie sich gana vom Pattiarchen losreißen. Die Bulgaren haben, seit