bMtai «.Hmrpter-editto«: Gieße», Selter»»e, W. Fer»fprech«»fchl»ß Nr. 368.
Gießener
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(Gießener T«gevlÄtt)
Vnakyängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Ob erhellen und die Kreise Marburg Mld Wehlar; Lokalauzsigsr für Siegen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, be§ ^roßh PelneiamteS Gießen und anderer Behörden von Obrr'V"?-
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Gin Wort zur rechten Zeit.
(Politische Wochenschau.)
„Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun." Aber nicht nur wenn die Könige bauen, auch wenn sie reden. Reifer Wilhelm hat schon manchesmal durch sein Wort die lebhaftesten Erörterungen hervorgerufen, selten so starke, wie I durch seine schlesische Rede gegen die Schwarzseherei. Es ■ fühlten sich gar so viele getroffen, die dann lauten Wider- ^ sprach erhoben. Erst später erkannten sie, daß sie über- enipfindlich gewesen, daß sie auf sich bezogen hatten, was nicht auf sie gemünzt war. Die nachträgliche Einsicht schuf die ; Beruhigung, daß der Kaiser nicht die auf Besserung zielende offene und männliche Kritik hat treffen wollen, sondern einzig j bis in das Gewand der Kritik sich hüllende, auf Entmutigung geuic^tete Schmähsucht. Man war mit dem Urteil über die Worte des Kaisers vorschnell gewesen, was sich nicht ohne j einige Beschämung konstatieren ließ.
Daß Worte allein nicht genügen, braucht nicht erst be- . wiesen zu werden. Erst nach der stillen Arbeit, die zweckvoll £ auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, hat das Wort der Kritik r seinen rechten Platz; und wenn die Kritik anerkennend sein ; darf, so schafft es gerechte Freude. Die Kaisermanöver in Schlesien haben dargetan, daß an der Wehrkraft des Landes und ihrer Erhaltung mit unermüdlichem Eifer und mit Erfolg gearbeitet wird. Der Kaiser konnte den Erfolg rühmen, und d«s ist der Mühen Lohn.
Das deutsche Kaiserhaus hat einen schweren Verlust erlitten. Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braun- sHweig, ist im 70. Lebensjahre gestorben. Die Thronfolge- fnage in Braunschweig ist damit wieder aufgerollt und es ist nioch nicht abzusehen, ob das erlösende Wort in dieser nun schon - so lange in der Schwebe befindlichen Angelegenheit gesprochen wird.
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Der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg hat bei seinem , Abschied von der Leitung des Kolonialamts eine rückwärts pcridjtete Programmrede gehalten. Er tonnte nicht sagen, was er getan, und mußte sich mit der Darlegung dessen be- • adligen, was er gewollt. In würdigster Weise führte er I seinen Amtsnachfolger ein, den seitherigen Bankdirektor Dern- | b irg, der in seinen neuen Beruf mit einer fast übergroßen Last von an seine Person geknüpften Erwartungen eintritt. Ihm mag das Wort des Kaisers helfen, daß nicht die übertriebenen Erwartungen zum Maßstab für die Taten des kommenden Leiters der deutschen Kolonialgeschäfte gemacht werden.
Em rückschauendes Programm hat auch der hochbetagte Großherzog von Baden verlautbart, als er die zu seinem goldenen Jubiläum ihm dargebrachten Glückwünsche dankend beantwortete. Es war kein neues Programm, sondern vom Großvater überliefert: „Das Glück des Regenten und die Wohlfahrt des Landes sind unzertrennlich." Das ist ein schönes Wort, und ganz besonders schön ist die Verwirklichung, die es durch den Oheim unseres Kaisers ge» funben hat.
Noch ein anderes schönes Fürstenwort haben wir im Lauf der vergangenen Woche vernommen: König Friedrich Don Dänemark, dessen zweiter Sohn an König ^Oskar von Schwedens Stelle König von Norwegen geworden, hat seinen -ersten Auslandsbesuch in Stockholm gemacht. Der Gruß, den König Oskar dem Nachbarmonarchen brachte, war so herzlich und so ritterlich, daß er den Grüßenden fast noch mehr ehrt als den Begrüßten und dem Herrscher von Schweden gewiß die reichsten Sympathien gewinnt.
Für die Kongresse bildet das Wort das eigentliche Be- tätigungsmittel. Die Kongresse, die in der abgelaufenen Woche geredet und Beschlüsse gefaßt haben, dürfen das Zeugnis beanspruchen, daß es in ihrem Verlauf an Worten zur rechten Zeit nicht gefehlt hat. Die deutschen Kriminalisten haben in Frankfurt am Main für die Reform des Strafprozesses manche schätzenswerte Anregung gegeben. In Kiel hat der Juristen- tag die Frage des gewerblichen Arbeitsvertrags in hellere Beleuchtung gerückt und dadurch der Lösung nähergebracht In Nürnberg, das einst die schönste Blüte des deutschen Handwerks und Kunsthandwerks gesehen, haben die Jnnungsmeister viel Gründe für die Forderung des Befähigungsnachweises namentlich im Baugewerbe gefunden.
Die Balkanwirren dauern fort. Tatsächlich herrscht Kriegszustand. Es gibt Scharmützel, in deren Folge Noten gewechselt werden. Die Befürchtung scheint nicht ungerecht, fertigt, daß man bald den Notenwechsel einstellen und nur noch die Stugeln sprechen lassen wird.
In Rußland wetteifert die Regierung mit den Nihilisten rn Mordtaten. Wenn diese einzelne Beamte und Offiziere umbringen, so arbeitet jene im Großen. Dieselben Soldaten, die in Japan nicht einen einzigen Sieg zu erringen wußten^ beweisen in Polen einen ungefährlichen Heroismus gegenüber Wehrlosen. Die Ueberlebenden werden dann vor die neu- Selchaffenen Feldgerichte gestellt und schuldig befunden, dem behördlich angeordneten Blutbad entronnen zu sein. Dafür werden sie erschossen. Von Feldrechtswegen. Das ist die neueste russische Justizübung, die Illustration zu der Stolhptnschen Versicherung, daß er nach dem Willen des Zaren auf dem Weg der Reformen unerschütte...ch ausharren wolle. — Wann wird ein Retter kommen dwjem Lande j
Der Zar auf der flucht?
Aus dem Lande, in dem man an Ueberraschungen jeder Art bereits gewöhnt ist, kommt eine Nachricht, die nicht verfehlen wird überall das größte Aufsehen zu erregen. Während die Revolution allenthalben ihre Gewalttaten verübt und die Henker der Kriegsgerichte blutige Arbeit tun, während also in Rußland das größte Durcheinander herrscht und keine Ordnung mehr gilt, hat sich der Zar mit seiner Familie auf eine „Spazierfahrt" in See begeben. Amtlich wird gemeldet:
Petersburg, 14. September. Der Kaiser und die Kaiserin haben gestern nachmittag mit dem Großfürst-Thronfolger und den übrigen kaiserlichen Kindern an Bord der kaiserlichen Jacht „Standard" einen für mehrere Tage berechneten Ausflug nach dem Finnländischen Meerbusen unternommen. In ihrer Begleitung befinden sich der Hof und der Marincminister.
Man wird unter gegenwärtigen Verhältnissen nicht recht
an
die Spazierfahrt glauben wollen; der Ausflug schmeckt zu sehr nach Flucht. Für die Revolution würde das allerdings einen unerwarteten Erfolg bedeuten.
Die Lage im Reiche
ist im übrigen nicht verändert. Die Bevölkerung in den Städten ist ebenso in Gefahr wie die auf dem flachen Lande, denn die Emissäre der Revolution ziehen überall umher und predigen Mord und Brand. In Warschau scheint ein neuer Pogrom geplant zu sein. Das Judenviertel wurde stark mit Truppen besetzt und durch eine Kette von Schildwachen von anderen Teilen der Stadt abgeschnitten. Niemand gelangt in dieses Viertel und niemand wird herausgelassen — ebenso wie in Siedlce. Es wurden auf Befehl des Kriegsgouverneurs zahlreiche Untersuchungen in Häusern und Arretierungen von Passanten vorgenommen. Die Zahl der Verhaftungen beträgt 600. In Odessa und Siedlce herrscht große Erregung. In letzter Stadt wurde der Leiter des letzten Pogroms Oberst Tichanowski von Revolutionären durch Revolverschüsse schwer verletzt. Die Ostseeprovinzen sind von Räuberbanden Heim- gesucht, gegen die die Behörden anscheinend machtlos sind. 100 Kilometer von Petersburg entfernt, wurde ein Zug der baltischen Bahn von 20 Räubern überfallen. Nur durch Zufall entrannen die Fahrgäste dem Verderben. Aus den Wolgagegenden fliehen die Kolonisten, darunter zahllose Deutsche, in Scharen, um der russischen „Ordnung" zu entgehen.
Behördliche Maßnahmen gegen die Ruhestörer helfen wenig, vermutlich sind es nicht die richtigen, die angewandt werden. In Moskau hat das erste Feldkriegsgericht getagt. Es verurteilte den Revolutionär Masurin wegen bewaffneten Widerstandes bei seiner Verhaftung in einem Straßenbahnwagen zum Tode durch den Strang. Masurin gilt als der Hauptleiter der Kampforganisation; er soll auch den Ueberfall auf die Moskauer Bank geleitet haben, woran unter anderen der von der Schweiz ausgelieferte und auf der Fahrt nach Rußland entkommene Bjelenzow beteiligt war. Masurin gilt auch als der Mörder des im Dezember getöteten Chefs' der Geheimpolizei Woloschnikow und anderer Persönlichkeiten. Ein anderer Revolutionär namens Andrejew wurde freigesprochen. Die beiden wegen der Beraubung der Filiale der Diskontobank in Bjelaja Zerkow verhafteten Personen sind zum Tode verurteilt worden ; sie haben eingestanden, an der Ermordung des Wächters beteiligt gewesen zu sein. Außerdem hat man wieder eine Reihe von Zeitungen verboten. Das ist alles. Aber die Revolution geht weiter.
Es liegen noch folgende Meldungen vor:
Petersburg, 13. September. Ein Ukas des Zaren verbietet die Einfuhr von Gewehren mit gezogenem Lauf und von allen Arten Revolvern nach Finnland. Gewehre mit glattem Lauf dürfen eingeführt werden.
Interlaken, 13. September. Der Polizei gelang es, zu ermitteln, daß die Mörderin des Rentiers Müller Tatjana Leontiew heißt, gebürtig aus Petersburg, wo ihr Vater angeblich eine hohe Stelle in der Armee bekleidet. Die Leontiew
soll bereits vor einem Jahre in eine Affäre wegen Versuche! der Vergiftung der Kaiserin-Mutter b er! riefelt gewesen “ Sie glaubt noch immer, Durnowo getötet zu haben.
sein.
politische Rundschau.
Deutschem Reich.
* Nach Beendigung der großen Manöver hat der Mfrr m eurem Erlaß der Provinz Schlesien seinen Dank für die zahlreichen Beweise der Liebe und Anhänglichkeit ausgesprochen, bie ihm und seiner Gemahlin von allen Seiten entgegengebracht worden seien. Insbesondere gedenkt der Kaiser der Empfänge in Breslau und Liegnitz und der Abordnungen der Kriegervereine am 7. September bei der Parade. Auch die vortreffliche Aufnahme der Truppen trotz der erheblich gesteigerten Einquartierungslast wird dankbar anerkannt.
In einer gemeinsamen Sitzung der internationalen Kongresse für Versicherungswissenschaft und Versicherungs- Medizin wurde die Frage erörtert, ob die Versicherungsnehmer, die sich des Alkoholgenußes enthalten, Anspruch auf billigere Bedingungen erheben können, weil sie in der Regel länger
leucn. Die deuljcyeii GeseUjchaslcn lehnen diese Ansprüche vorläufig noch ab. Teurere Bedingungen waren für $ln» gehörige der „Alkoholberufc" (Wirte, Kellner, Weinreisende usw.) gefordert worden, doch wurde auch dieser Vorschlag infolge der Schwierigkeit der Feststellung, ob jemand Alkoholiker ist als nicht annehmbar abgelehnt.
* Die freie Stadt Bremen will Pensionsberechtigung für alle bremischen Staatsarbcitcr einführen. Der Bürgerschaft ist ein von einer gemeinsamen Deputation des Senates und der Bürgerschaft ausgearbeiteter entsprechender Gesetzentwurf zugegangen.
Curven
** Die Pforte macht mit ihren Kriegsdrohungen Ernst. In Adrianopel sind bereits 800 Geschütze und viel Munition angekommen und zum Teil nach Saloniki, weiterbefördert worden. Die Straßen nach der bulgarischen Grenze werden ausgebessert. In Uamboli herrscht große Aufregung; viele Einwohner fliehen aus Furcht vor einem Kriege aus der Stadt.
Hmertka.
** Aeußerst bedrohlich für die jetzige Regierung wird der Aufstand auf Kuba. Die Insurgenten bedrohen bereits die Hauptstadt Havanna. Von den vor der Stadt eingetroffenen amerikanischen Kriegsschiffen wurden Matrosen gelandet, in kurzer Zeit jedoch wieder zurückgezogen und nur eine kleine Wache zum Schutze des amerikanischen Gesandt- schaftshotcls zurückgelassen. In der Stadt Cienfuegos sind ebenfalls amerikanische Soldaten an Land gegangen. Cienfuegos ist von den Insurgenten belagert. Das Eingreifen Amerikas in die Wirren wird zwar in Washington noch immer abge- leugnet, aber doch allgemein erwartet.
Kleine politische Nachrichten.
London, 14. September. Die chinesischen Häfen Antung und Tatungkau sind für den Außenhandel geöffnet worden.
Peking, 14. September. Die japanischen Truppen sind aus der seit dèm russisch-japanischen Kriege besetzten chinesischen Provinz Mukden zurückgezogen worden.
Dos und Gesellschaft.
*** Die Ueberführung der Leiche des Prinzen Albrecht nach der Kirche erfolgt Sonntag abend. Die Beisetzung im Mausoleum im Park des Schlosses Camenz ist für Dienstag abend vorgesehen. Der Kaiser weilte, aus dem Manöver kommend, kurze Zeit am Sterbelager und kehrte dann nach Breslau zurück.
*** In Konstantinopel macht man sich ernste Sorgen um die G e s u n d h e i r des Sultans. Seine Kräfte sollen in den letzten Tagen wiederholt versagt baüen.
*** Der Vorsitzende der Zentrumsftaktion im deutschen Reichstage, Graf Hompesch, begeht am Sonntag, 16. September, seinen 80. Geburtstag.
Deer und flotte.
- .. Pcrsonalvcrändcrnngcn in der deutschen Marine. Diwch kaiserliche Kabinettsorder ist der Großadmiral v. Koester Generalinspekteur der Marine und Chef der aktiven Schlachtflotte von letztgenannter Stellung enthoben. Derselbe tritt auf weiteres zur Verfügung des Kaisers. Prinz Heinrich von Preußen, Chef der Marinestation der Ostsee ist zum
der aktiven (Sdjlachtflotte ernannt, v. Prittwitz und Gaffron, Vizeadmiral, zum Chef der Marinestation der Ostsee. Jlbmiral v. Koester verabschiedete sich nach Beendigung der Herbstmanöver der Flotte von den Offizieren und verlas dabei folgendes ihm zugegangene kaiserliche Handschreiben:
„Indem Hch Sie hiermit Ihrem Wunsche gemäß von der Stellung als Chef der aktiven Schlachtflotte enthebe, drängt es Mich, Ihnen Mein von Herzen kommendes Bedauern darüber auszudrücken, daß Ihr vorgeschrittenes Lebensalter und die Folgen Ihrer langjährigen körperlichen und seelischen Anstrengungen als Flottenführer Mich zwingen, auf Ihre weiteren Dienste in dieser Stellung zu verzichten. Sie wissen, wie hoch Ich Ihr persönliches Wirken in der Flotte stets eingeschätzt habe, und wenn Sie demnächst Ihre Flagge niederholcu, so können Sie es mit dem stolzen Bewußtsein tun, daß Sie diese Flagge immer der Marine zu Nutzen und Ihrem Kriegsherrn zu Dank geführt haben, Sie haben diese Ordre der aktiven Schlachtflotte bekannt zu geben. Wilhelm!"
Prinz Heinrich sprach darauf im Namen des Seeoffizierkorps und brachte drei Hurras auf den Flottenchef aus.
Früchte des Kaisermanövers. Die Kaiser-manöver haben noch eine Reihe von Beförderungen und Versetzungen veranlaßt. General von Stülpnagel wird aus dem Kommando des 5. Korps ausscheiden; an seiner Stelle ist Generalleutnant Kluck mit der Führung des Korps beauftragt. General bc” Infanterie von Lindequist und General der Kavallerie Edler von der Planitz sind unter Belassung in ihren Stellungen zu Generalobersten befördert worden. Der Komniandenr de- 8.^Jnfanteriebrigade, v. d. Lippe, ist zum Kommandanten von Königsberg in Preußen ernannt.
Verminderung des englischen Heeres. Einem Slrmeeßen-ts Zufolge hat der König von England die vom Krie^minL am 12. Juli d. I. im Unterhause Vorgeschiagene & Z « der Jnsantcriebataillone genehmigt. a ^-ermiiwerung