Nr. 163
Erstes Blatt
Samstag, Pen 14. Juli 1906
15. Jahrgang
Vdedattion u.Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83, Fer»sprecha«schl»ß Nr. 362.
Gießener
Gratisbeilage» : Lberhesfische Aa»M1e«-att«»O (LgGW und die GieKe»er «eife»blasO» (wöchentlich).
Yeueile Yachrichlen
EGießM-r Gagevtatt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
@r Oberheffea und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzèiger für Gießen unb Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Bessörd^n von P^v^^
Prozesse.
sPolitiiche Wochenschau.^
Nichts ist so beständig wie der Wechsel, unaufhaltsam pebt der Prozeß der Entwickelung der menschlichen Dinge und Verhältnisse vor sich. Ob in jedem Falle die Richtlinie zu besseren Zielen festgehalten wird oder werden sann, ist eine andere nicht so schnell beantwortende Frage. Aber Entwicklung ist zweifellos ein Zeichen für vorwärtsdrängendes Leben und Gestalten. Neberwuchert auch manchmal der Irrtum und gewinnen die hemmenden und zurückwerfenden Mächte übergroßen Einfluß, auf die Dauer farm die Wahr* best nicht mit Fesseln gehalten werden, sie tritt gewappnet auf den Man und zerstört die Burgen, in denen die Schwäche und die Unzulänglichkeit unseres Geschlechts sich verschanzten oegen den befreienden Zug neuer Erkenntnis und neuer Aufgaben.
Unter der Einwirkung der sommerlichen Erhol, niszeit ist der nicht ruhende Prozeß der innervoliti scheu Fragen in ein langsameres Stadium getreten. Erfreulich tlingt die Kunde, daß die Einführung der langumstrsttenen Per'onentarif-Reform auf den deut'chen Eisenbahnen für den 1. April oder den 1. Mai des kommenden Jahres vorgeschtn ist. Der preußische Landtag hat die Schulgeetzvorlage end- giltig zum Gesetz erhoben und der Kultusminister Dr. von Studt zu dem adelnden Schwarzen Adlerorden ein persönliches Handschreiben des in der Nähe des Nordkaps weilenden Kaisers erhalten, in dem der Monarch seinen Dank ausspricht für die seit einem halben Jahrhundert in der Schwebe befindliche nunmehr zustande gekommene Regelung der Volks- schulfrage. Württemberg hat seine Verfaffungsrevision durch- geführt, beide Häuser des Landtages haben durch Entgegenkommen auf der mittleren Linie den Reformprozeß beendet. Der Ausbau der inneren Verhältnisse des Schwabenlandes kann unter den Bestimmungen der neuen Verfassung seinen ruhigen Fortgang finden.
Zu welchen Folgen der vielfach weit vorgeschrittene Zcr- setzunnsvro;eß zwischen den bürgerlichen Pa-leien führt, bat die Reich.^agswahl in Altena-Iserlohn gezeigt. Ein seit der Reichâgründung im Besitze des bürgerlichen Liberalismus befindliches Mandat fällt an die Sozialdemokratie, obwohl die bürgerlich gesinnten Wahler in großer Neberzahl sind. Eben weil diesem Vorgang eine so große symptomatische Bedeutung innewohnte, regte er das Interesse in allen politischen Lagern aus das Aeußerfle an. Von Rechts nach Links lucht mm das Verschulden bei dem jedesmaligen Nachbarn, ohne überall zu der Erkenntnis zu kommen, daß Einigkeit die stärkste Waffe bei allen folgenschweren Entscheidungen ist. Die praktische Polstik erfordert kü^le Berechnung aller Imponderabilien, Schlagworte verfangen auf die Dauer nicht, nur klares Ernennen der im Volkswillen unbewußt sich formenden Notwendigkeiten und zielbewußte Arbeit in dieser Richtuna können zu gedeihlichen Reuckwten führen. Für die Zutun t gibt de Wahl von Altena-Iserlohn deutliche Fingerzeige, wo und wie der Hebel anzuseden ist, um im Kampfe nicht als ohnmächtige Größe an die Seite geschoben zu werden.
Ein langes Jahrzehnt hindurch hat in Frankreich der aufregende Kampf um die Dreyfus-'-Ifäre getobt, der sitzt endlich durch den vordem Kassationshof zugunsten des Opfers nationalistischer Gegner der republikanischen Staatsform beendeten Prozeß entickneden worden ist. Der Rattenkönig von an- klagenden, rehabilitierenden und Beleidigungsprozessen ist durch diese letzte Entscheidung als merkwürdiges und erschütterndes Denkmal politischen Hasses der Geschichtsschreibung überwiesen worden. Die Historiker werden bei der Betrachtung der um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts bestehenden Konstellation Europas nicht vorbe gehen können an Vierer stark in die internationalen Beziehungen eingreifenden Zeiterscheinung. Das seit den Ereignissen von 1870 gegen Deutschland genährte gallische Mißtrauen machte es möglich, einen Un'cbuldigen trotz aller von deutscher Seite erfolgten bündigen Erkiä-.ungen martern und quälen zu lassen. Doch das gekränkte Rcchts- gefübl ruhte nicht, konnte nicht e' stickt werden trotz aller Machinationen der Mercier, Boisdessre, Gonse, Esterhazy und Genossen. Zola 'chleuderle seine monumentale Anklage- schrick „J'accuse" in das Volk, die geknechtete Wahrheit er ob ihr Haupt, mutige Verteidiger erstanden ihr. Wohl besetzte die Clique noch einmal die verlorenen Schanzen mit rückäcbts- losen Parteigängern, die selbst vor dem Mordanfall auf den beredten Anwalt Labori nicht zurück,chrecklen. Doch der eherne Schritt der Aufklärung ließ sich nicht aushalten, die letzten Bastionen fielen und die Gerechtigkeit triumphierte. Ob Dreyfus und sein Nebenmann P'quart wieder in ihre Offizierscharge, der Form nach für eine wahrscheinlich schnell vorübergehende Zeit eingesetzt werden, ob hon der _ Amnestie für die ungererfren und meineidigen Ankläger eine Strafe gefunden wird, ist gleichgültig. Sie sind gerichtet. Recht ist Recht geblieben und in Deutschland sann man mit voller Genugtuung die Tatsache verzeichnen, daß alle schnöden Anschuldigungen, mit der man seiner Zeit selbst vor der Person Kaiser Wilhelms II. nicht Halt machte, in Nichts zerstoben sind als das, was sie waren: Ein elendes erbärmliches Lügengewebe.
In Rußland treibt der Prozeß dec Auflösung, der Eccuna in allen Schichten, das Land immer schneller der
unausbleiblichen Katastrophe zu. ^ Treuesten der Treuen, die Kosaken, folgen dem Beispiele der Garden und lehnen sich auf gegen die Politik der leitenden Männer. Finster und dräuend erhebt der Agrar-Aufruhr fein unheildro^endes Haupt. Revoltiert die bäuerliche Bevölkerung in Massen, werden diese lange latent gebliebenen Kräfte losgelassen, so wächst der Schrecken ins Riesengroße. Schon rückt die Neigung der Duma eine Miliz einzurichten, die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Gouvernement näher, wie sie einst in England unter den Eisenseiten Olivier Cromwells unter unzähligen Opfern an Gut und Blut die vollständige Neugestaltung brachte. Wird sich die Erkrankung, die Mütterchen Rußlands Körper durchtcbt, zum Guten wenden? Der Prozeß steht in den Anfangsstadien, der Angeklagten find viele, der Ankläger Millionen und der verhöhnende SchlußaU steht in weiter Ferne.
Dreyfus in der 6brenkgion.
(Sonder-Gericht.)
Paris, 13. Juli.
Der Eindruck der völligen Wiedereinsetzung des ehe- maligen Hauptmanns Alfred Dreyfus in alle Rechte eines unbescholtenen Menschen und Staatsbürgers ist gewaltig. Mit gleicher Eindringlichkeit, wie man einst den Ruf „Kreuzige ihn" ausstieß, findet man heute nicht Worte der Verachtung genug für die Männer und Gesellschaften, die ihn wie das flüchtige Wild ins Verderben jagen wollten. Nicht daß der Mann gerettet ist — allzu große persönliche Sympathien hat er sich nicht erwerben können. Aber daß die Wahrheit endlich gesiegt, das Lügengewebe offenbar und zerrissen vor aller Welt dahegt, das ruft die allgemeine Genugtuung wach,
Die gesamte Presse bespricht die Entscheidung des Kassationshofes an leitender Stelle. Einzelne nationalistische und konservative Blätter greifen den Kassationshof in schärsster Weise an. Eclair schreibt, das Urteil sei ein poltscher Gewaltstreich gegen die Kriegsgerichte. Autoritè äußert, man irre sehr, wenn man glaube, daß durch die gestrige Entscheidung aller Groll beseitigt worden sei. Es sei zu befürchten, daß Dreyfus an seinem wiedereroberten Säbel im ganzen Lande wenig Freude haben werdch es würde Ohrfeigen auf ibn regnen, wenn er eine Kaserne betreten wollte. Die radikalen und sozialistischen Blätter feiern die Entscheidung des Kassationshofes als einen Triumph der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Lanterne schreibt: Die ganze Nation ist rein» gewaschen ton der Schmach, welche die verbrecherischen Generale auf das Land geladen hatten. Wir sind stolz darauf, daß unter allen zivilisierten Nationen allein die französische einer solchen Tat der Gerechtigkeit ist."
Die leitenden Männer sind e-u schlossen, den gieb gesprochenen zu der Freude über die Befreiung von dem Alp der ungerechten Verurteilung auch eine gewisse Genugtuung in moralischer Beziehung zu geben. In der Deputierten- kammer brachte Kriegsminister Etienne unter dem Bei all des Hauses zwei Gesetzentwürfe ein, wonach Dreyfus und Picquart wieder ins Heer eingestellt werden sollen, und zwar Dreysus als Major und P'.cquart als General, und wonach derde Offixere in die Liste der Anwärter auf den Orden d e r Ehrenlegion eingetragen werben sollen. — Oberst Picquart, der aufrechte und mutige Verteidiger der Wahrheit, hat sich allerdmgs geweigert, in die Armee einzutreten und das Bändchen der Ehrenlegion anzunehmen, ehe nicht Mercier, der unermüdliche Verleumder, aus der Generalität entfernt wäre. Aber das sind nur Formalitäten, denn sowohl Picquart wie Dreyfus werden schwerlich wieder Lust verspüren, in der Armee wirklichen Dienst zu tun. Stimmt die Kammer den Vorschlägen des Kriegsministers zu, so folgt zweifellos der Rehabilitierung und Rangerhöhung der beiden Offiziere ihr Dispositions-Gesuch auf dem Fuße. General Mercier droht indessen wie ein Fuchs, der selbst in der Falle noch wütend um sich beißt, mit weiteren Indiskretionen und Enthüllungen. Doch er erweckt kein Echo mehr leibst m der ihm früher blinölingâ folgenden Presse. Selbst die an i, jinitifche „Libre Parole" fällt von ihm ah.
Der Redakteur des Blattes Gaston Mery hatte schon vor einer Woche den General Niercier ausgefordert, nun endlich alles zu sagen, was er wisse und feine Schonung mehr zu üben. Mercier hatte darauf zwei inhaltlos offene Briefe an die Zeitungen gesandt, in denen er nur immer wieder Dreyfus für schuldig erklärte. Heute läüt Mery zornig über ihn her und ruft ihm zu:
„Herr General, Sie haben Ihr Versprechen nicht ge- halten, Ihre beiden Briefe waren Spi gelsechterei 1 Ich bitte Sie, nochmals zu sprechen. Die öffentliche Meinung läßt Ihnen noch einen Tag Bedenkzeit — morgen wäre es zu spät!"
Es ist zu spät — die Bataille ist rettungslos verloren. Daran ändert auch ein spielerisches Deaenduell nichts, daß der dreyfusfemdliche Journalist Guy Cassagnac gegen den Leutnant Anlwè, den Sohn des früheren von den Nationalisten geschmähten Kriegsminister ausfocht und bei dem der Verteidiger der angegriffenen Ehre seines Vaters eine leichte Armwunde erhielt. Kriegsminister Andre hat bekanntlich im ^ahre 1903 die zweite Revision des Dreyfus-Prozesses ver- iniaât
Es ist zu spät, die blosgestellten Leute vom Schlage der Mercier und Gon,e sind rettungslos in den Abgrund ihrer ngenen Schande versunken — das ist das große Fazit der zehn- übrigen Tragödie. Wie sich die Abgeordneten bei der heutigen Verhandlung zu den Anträgen des Kriegsministers t llen, ist dabei ziemlich unerheblich. Mit aller Wahlschein- achten werden sie der Reaktivierung Dreyfus' wie Piquarts n ihrer großen Mehrheit zustimmen und so zu dem impo. lauten Akt der Gerechtigkeit das versöhnende Moment rittet, licher Kour lotste fügen. J.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
° Gouvcrncnr Graf Zech hat auf die Kunde von Gold' tnben in Lv' v energische Nach oischuugen aufkUen laßen, ic fineuiicU Resultate zu Wege biaclleii. Durch Prusung i ber ceologischcn Laudesanstati in Berlin wurde das zur Jioöe euige, chlckle Geilein als goldhaltig erkannt.
* Die kaplandische Regierung zeigt in der Behandlung er auf engu,ches Gebiet ub.rgeiretenen Hottentotten tzl größeres Entgegenkommen gegen Deutschland. In den; ^ten Tagen sind von Steinkopf 1000 Hotientotlen, alle1 Männer, Frauen und Kinder, nach Springfontein gebracht worden. Steinkopf liegt zieinlich nahe unserer Südgrenze, in | Hier Entfernung von etwa 60 Kilometer. Die Dort bett, inerten Eingeborenen find nunmehr also um etwa ICO Kilo- 'U n-c .vi reit) i :i. < nein v r/bv: t normen und bar • j 5 r B ; r rr f "" - r )!.'. - urg cnßprochcn tvorce, .
M ^m vrrutztfchen Finanzmlnlster Freiherrn bon Rhein. beiS ihm aVö?’?^ Handschreiben zugegangen, mitteti »Jaus Anlaß der Verabschiedung der Steuerreform m Reich und der Abänderung des preußischen Einkommen. I uer- und Erganzungssteuer-Gesetzes das Kreuz und bei lern der Komture des Königlichen Hausordens von Hohen- Zollern verliehen wird.
. ’ Der 'N Annaberg lügende sâchbsche GaslwIrtslag 6al N ^" ^"Leipzig gestellten Antrag den Austritt aus bei seutfdien Mittelstandsdereinigung mit 56 gegen 45 ki ”<rou,l ^schlössen.. Der Antrag war damit begründet, daß die Mittelstandsvereinigung leine rein wirtschastliche Ber. Richtung" sei ^^^a ^ine Partei konservativ-agrarische,
* Der diesjährige sozialdemokratische Parteitag Wiri im 23. September in Mannheim eröffnet werden. Der be»
baswerteste Gegenstand der Verhandlungen wird die Debatte über den Generalstreik bilden, für die Bebel Dad Referat übernommen hat.
Russland*
., Aus verschiedenen Städten werden schwere AuS» jchreitungeu und Zusammenstöße gemeldet. In PeterS« jurg überfiel die Volksmenge eine Anzahl Lastfubren bei Vranntwem-Monopol-Verwaltung, leerte die Flaschen uni türkte die Wagen um. Polizeimannschaftcn und Kosaken vurden mit Steinen beworfen. Erft am späten Abend gelang ks, den Ruhestörungen ein Ende zu wachen. Dmck die ^teinwürfe wurden der Polizeimeister, einige Polizeiosfiziere inb Schutzleute schwer verletzt. In Kamyschin im Gouvernement saratnm kam es aus Anlaß der Verabfolgung faulen Fleisches ms einem sioMvcben Laden zu Ausschreitungen. Eine große Volksmenge nahm den Stadihauptmann und den Kreis- »olizeichef gefangen und erzwang die Freilassung zweie, >oMischer Gefangener. Nur die Ermahnungen der letzteren verhinderten eine Mißhandlung der beiden Beamten.
** Als Verüber des Attentates auf den Admiral Lschuluin ist ein Gärtner aus der von dem Admiral be. oohnten Villa verdächtig geworden. Er ist seit dem Attentat verschwunden. Die Tat wurde verübt, als Tschuknin tu barten der Villa seinen Svcuieraana machte.
England»
•• Im englischen Unterlaufe kündigte der Krtegèminmer Haldane eine Verminderung der Frieoeusarmee an. Die Reduktion soll erreicht werden durch die Abschaffung von zehn Jnsanteriebatarllonen, einschließlich zweier Gardebatallloi.e und durch die Benutzung der Miliz für Hilfsdienste. Dw Kavallerie solle unverändert bleiben, während Vorkehrungen getroffen werden für Die Mobilisation von 63 Batterien zur Vervollständigung der Exveditionsstreltmacht, die bestehen würde aus 50 000 aktiven Regulären. 70 000 Regulären der Reserve und 30000 Mann Miliz. Der Kriegsminister sagte, der -Woi wendig seit einer Herabsetzung der Heeresausgaben stimme er zu. Die Demokraten verkangten Erleichterung der euiütfcnben Heereslasten und die Regierung habe geglaubt, in Dieser Bewegung die Führung üb^t nehmen zu sollen. — Die konservativen Zeitungen greifen den Minister und die Regierung scharf an wegen dieser Ankündiaunaen.
Alien.
Nach Meldungen aus Pernen ist die Lage in Teheran beunruhigend. E-n wegen Aufreizung verhafteter Professor der Theologie wurde von feinen Studenken gewalt am befreit wobei ein Student von der Wache getötet, zwei andere beJ mundet wurden. Darauf sammelte sich die Geisttichkeit in der großen Moschee. Truppen durchstreiften die Stadt. Die Läden waren meist geschlossen