Kr. 241 Erstes Blatt.
Samstag, pen 13. Oktober 190b
15. Jahrgang
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Gedenke!
sPolitische Wochenschau.)
Die Zeit hundertjähriger Gedenktage ist gekommen, Ermahnungen bringend zur Einkehr und zur Selbstprüfung. Der Kaiser selbst wohnte der Erinnerungsfeier bei, die dem Heldentod des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld gewidmet war. In kurzer Zeit schließt sich der Säkulartag Der Schlacht bei Jena an, die das Erbe des großen Friedrich zertrümmerte und eine Periode schwersten Unheils für Preußen und ganz Deutschland einleiten. Längst ist gesühnt und ausgeglichen, was damals geschehen. Auf die schwere Niederlage find glorreiche Siege gefolgt, das zerrissene und aufgelöste Reich hat eine neue und bessere Einigung gefunden — aber der Tag von Jena ist unvergessen. Man denkt an ihn, auch wenn man nicht von ihm spricht. Nicht aus irgend einem Rechtsgefühl, nein, um der Lehre willen, die jener Tag uns gegeben: daß wir auf Lorbeeren nicht ruhen dürfen, sondern unausgesetzt bemüht bleiben, uns des Errungenen wert zu halten, damit wir das Errungene behalten. Gedenke! — so ruft uns der Tag von Jena zu, nicht bloß an seinem Säkulartage, sondern Tag für Tag. Wir müssen das Vätererbe in andauernder Arbeit erwerben, um es zu besitzen. Nur Kurzsichtigkeit verkennt solche Pflicht. Nicht erobern wollen wir, nur wahren; und damit wir das in Frieden können, müssen wir stark sein, müssen wir dafür sorgen, daß unser bestes Friedensinstrument, das Kriegsheer, dauernd im besten Stande sei. Die aufmerksame Heeresleitung hat die Erfahrungen der jüngsten fremden Kriege schnell und still genützt. Keinen Fortschritt der Technik hat sie unbeachtet gelassen. Wie vordem das Zweirad, so hat sie jetzt das Automobil in den Dienst der Kriegskunst gestellt und das lenkbare Luftschiff zu einem Aufklärungsmittel ersten Ranges für den Kriegsfall gemacht. Das geschieht nicht bloß bei uns, das geschieht überall. Gedenke! — ruft der Tag von Jena, und die Heeresverwaltung horcht auf die Mahnung. Schon im nächsten Militüretat werden wir die Beweise in mancherlei Mehrforderungen bekommen. Es handelt sich dabei nicht um eine merkliche Erhöhung der Kombattantenzahl, sondern in der Hauptsache um die Anschaffung neuer Kriegswerkzeuge. Es hat wirklich beinahe den Anschein, als ob in der Kriegskunst der Gelehrte eine größere Rolle denn je in Zukunft spielen solle. Gewiß tritt er mehr in den Vordergrund, als es in den voraufgegangenen kriegereichen Jahrhunderten der Fall war. Und doch liegt darin keine vollständige Neuerung. Man muß in ferne Jahrhunderte blicken, um den Gelehrten Archi- medes zu finden, der von seiner Studierstube aus Syrakus verteidigte und die wirksamsten Maschinen zur Abwehr des Feindes ersann. Die Telefunkenkonferenz, die gegenwärtig in Berlin tagt, erinnert besonders lebhaft an den Gelehrten, der ein praktischer Kriegsmann von furchtbarer Phantasie gewesen ist.
Die erneute Abweisung der Ansprüche des Herzogs von Cumberland hat das Gedenken an die Entscheidungen des Jahres 1866 wachgerufen. Es hat beinahe den Anschein, als habe der Sohn des weiland Königs Georg von Hannover den seltsamen Ehrgeiz, dem Grafen Chambord nachzueifern, den seine Anhänger Heinrich V. nannten, und der lieber auf den Thron von Frankreich als auf seine weiße Fahne verzichtete. Graf Chambord starb als „homme-principe", als fleischgewordener Grundsatz, und die Geschichte Frankreichs ist über ihn zur Tagesordnung übergegangen.
Die Veröffentlichung der Memoiren des Fürsten Hohenlohe haben in etwas anderer Art dem lebenden Geschlecht ein „Gedenke!" zugerufen. Man liest die Memoiren nur mit geteiltem Interesse; statt der historischen Aufklärungen bringen sie Klatsch und ergehen sich in der Aufspeicherung von Nichtigkeiten, die für die Gegenwart absolut bedeutungslos sind, dafür aber Erbitterung und Verstimmung hervorrufen. Die beste Stelle in den Veröffentlichungen, sagt selbst ein freisinniges Blatt, spielt Fürst Bismarck, dessen säkulare Persönlichkeit ungehindert hervortritt, obwohl die Memoiren des Fürsten Hohenlohe eigentlich so eine Art von Anklage- material für den eisernen Kanzler darstellen sollten.
Der Bergarbeiterftreik steht noch immer bedrohlich in Sicht. Die Bergwerksbesitzer sind es, die die Verständigung erschweren, indem sie sich weigern, über die Forderungen der Ber- rbeiter mit deren Vertretern überhauptzu diskutieren. Jeder Berg.^rksbesitzer willnurmit seinen Arbeitern unterhandeln und lehnt ab, das Recht der Arbeiter zur Wahl von Berufsvertretern anzuerkennen. Ein solcher patriarchalischer Standpunkt war früher allgemein — daß er sich jetzt noch wird aufrecht erhalten lassen, ist wenig wahrscheinlich. Vielleicht übernimmt die Regierung abermals die Vermittelung und ruft beiden Parteien ein dringliches „Gedenke!" zu. Es hat durch Bergarbeiterstreiks Elend genug geben, es ist Zeit, daß man durch friedliches Uebereinkommen eine Wiederholung des Elends verhütet.
Die Bahn Lüderitzbucht-Kubub ist fertig gestellt und in Betrieb genommen. ~ Die Nachricht ist für den Reichstag eine Erinnerung an versäumte Gelegenheit. Wer etwa dieser Erinnerung sein Ohr verschließt, dem wird wenigstens die Mel- Lung von erneuter kriegerischer Regsamkeit der Hottentotten ein weckender Gedenkruf sein.
Die Unruhen in Marol^o nehmen jm Die Regierung des Scberifs bat nicht Lie Kraft oder den Willen, Ordnung
zu schaffen. Die Beschlüsse von Algeciras werden bald in Vollzug gesetzt werden müssen, eine nachträgliche Rechtfertigung dieser Konferenz, die die Anerkennung ihrer Bedeutsamkeit nun der Welt aufzwingt.
Der Kongreß der russischen Kadettenpartei in Helsingfors hat klugerweise beschlossen, den passiven Widerstand aufzugeben. Wer auf des Landes Geschicke Einfluß üben will, der muß mit tätig sein und darf nicht schmollend zur Seite stehen.
Das persische Parlament ist zusammenberufen und wird ein lebendiges Zeugnis von der Gewalt des Schlagworts sein. In ganz Persien gibt es nicht zwei Dutzend Menschen, die wissen, was ein Parlament ist. Aber ganz Persien hält sich überzeugt, daß es eines Parlaments dringend bedarf.
Das englisch-russische Abkommen über Tibet ist von der übrigen Welt mit heiterer Gleichgiltigkeit ausgenommen worden. Und doch ist das Abkommen recht gut. Man hat gar so oft einen Streit um des Kaisers Bart gesehen — hier erlebt man einmal einen Vertrag um des Kaisers Bart. Das ist unter allen Umständen eine freundliche Abwechselung.
politische Rundschau.
Deutsches Reich,
* In politischen Kreisen verlautet, daß das Vorverfahren gegen Major Fischer in nächster Zeit abgeschlossen werden wird. Man vermutet, daß genügendes Belastungsmaterial zu kriegsgerichtlichem Prozeß gegen Fischer nicht vorliegt, so daß es nur zu einer ehrengerichtlichen Entscheidung kommt. Die Untersuchung gegen den Bezirksamtmann Kersting von Togo soll Belastendes nicht ergeben haben. Man wird gut tun, beide Meldungen vorläufig mit einem Fragezeichen zu versehen.
* Der Großherzog von Hessen hat die Wahl des sozial- demokratischen Stadtverordneten Leonhard Eißnert zum Beigeordneten der Stadt Offenbach genehmigt. Es ist das der erste sozialdemokratische Beigeordnete Hessens.
Russland,
* * Auch die neuesten Nachrichten lassen erkennen, daß die Lage unverändert ist. Eine Beruhigung ist noch nicht eingetreten.
Petersburg, 12. Oktober. Im Kreise Starodub des Gouvernements Tschernigow sind große Bauernunruhen ausgebrochen. Militär ist dahin abgegangen.
Moskau, 12. Oktober. Auf dem hiesigen Hauptbahnhofe wurde der gefährliche Anarchist Rosnatowski verhaftet. In seinem Gepäck befanden sich 50 Revolver und mehrere Bomben.
Lodz, 12. Oktober. Der Generalausstand dauert fort. Fabriken, Läden und Schulen sind geschlossen, die Zeitungen erscheinen nicht.
Kasan, 12. Oktober. Im ganzen Gouvernement herrscht Hungersnot und Hungertyphus. Die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Hunderte Bauern sterben täglich.
Helsingfors, 11. Oktober. Der Kongreß der Kadettenpartei ist heute abend geschlossen worden.
Paris, 11. Oktober. Major Dreyfus ist von seinem Urlaub zurückgekehrt und wurde bei der Artilleriedirektion in Vincennes der Abteilung für Mobilisierung zugeteilt.
Snglanâ.
* Der Unterstaatssekretär Winston Churchill hat in einer Rede, die ^r in Glasgow hielt, jede Abneigung der englischen Politik gegen Deutschland bestritten. Es sei absurd, anzunehmen, daß die Freundschaft zwischen England und Frankreich eine Drohung für Deutschland bedeute. Die Beziehungen des Ministeriums zur Arbe terpartei, sagte Churchill weiter, seien gut, und nur ein kleiner Teil derselben stehe ihm unüberlegt, ja beinahe unverständlich feindlich gegenüber. Die Interessen und das Geschick des Liberalismus und der Arbeiterpartei seien miteinander verknüpft.
Afrika.
* * Der deutsche Gesandte Dr. Rosen ist in Fez vom Sultan von Marokko zur Ucberrcichuug der Geschenke Kaiser Wilhelms in Privataudienz empfangen worden. Der Empfang war sehr herzlich und fand unter großem Gepränge statt. Auf dem Wege vom Palast des Sultans bis zur Wohnung des Gesandten bildeten marokkanische Soldaten Spalier.
Kleine politische Nachrichten.
Magdeburg, 12. Oktober. Wegen der Fleischnot werden Magistrat und Stadtverordnete beim Reichskanzler vorstellig werden.
Beuchen, 12. Oktober. Stadrrat Hakuba hat fünfzig- ta«fend Mark für die Errichtung eines Denkmals Kaiser Wilhelm U. gestiftet.
Karlsruhe, 12. Oktober. Finanzminister Becker wird in knitzem aus seinem Amte scheiden. Als sein Nachfolger wird Sei). Oberfinan^rat Nicolai genannt.
Moskau, 12. Oktober. Die Monarchistenpartei sandte ein Telegramm an den König von England, in welchem sie Einspruch erhebt gegen die Entsendung einer englischen Deputatton nach Rußland zur Begrüßung der Duma-Mitglieder.
Budapest, 12. Oktober. Im Laufe der Budgetrrde er- ' klärte heute Ministerpräsident Dr. Wekerle, es fei begründete Aussicht vorhanden, daß zwischen Oesterreich und Ungarn ein Ausgleich zustande kommen werde, der auf beiden Seiten Befriedigung hervorrufen werde.
Konstantinopel, 12. Oktober. Die Prinzessin Seniha, Tochter des Sultans, sowie die Frau des verbannten Duma Pascha sind ins Ausland geflüchtet.
Hof und GeleUlckaft.
*♦* Ein Besuch des Kaisers in München zur Grundsteinlegung des Deutschen Museums für Meisterwerke der Technik ist für den 12. und 13. November vorgesehen worden. Der Kaiser trifft am 12. November m München ein, am Zentralbahnhof findet großer Empfang statt.. Am Abend findet im Königl. Hof- und Nationaltheater eine Festaufführung statt. Die Grundsteinlegung findet am kommenden Tage statt und zwar auf dem Kohlentwiel in ber. Isar. Abends ist eine große Galatafel geplant, zu der üben 400 Teilnehmer erscheinen werden. Zu der Feier kommen, eine ganze Anzahl hoher Reichsbeamter und Vertreter der Bundesstaaten nach München, an ihrer Spitze der Reichskanzler Fürst von Bülow und der Staatssekretär Graf von Posadowsky sowie zahlreiche Vertreter der technischen Wissenschaften und Judustrie.
Zu der am kommenden Montag stattfindenden V ermä h lungs feier im Hause Krupp-Essen trifft der Kaiser, von Schloß Friedrichshof bei Cronberg kommend, gegen Mittag in Villa Hügel ein. Die Trauung findet in einer eigens zu diesem Zweck errichteten Kapelle auf der Terrasse vor Villa Hügel statt. Der Kaiser reist 5 Uhr nachmittags nach Bonn ab. Kurz zuvor verlassen die Neuvermählten Villa Hügel und reisen im Salonwagen der Essener Eisenbahndirektion nach Schloß Reineck ab, wo sie die Flitterwochen zu verbringen gedenken.
*** Der Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabes, Generalfeldzeugmeister Graf Beck begeht am 20. Oktober sein 60 jähriges Dienstjubiläum. Im Anschluß hieran wird sich Graf Beck von Wien nach Berlin begeben, um Kaiser Wilhelm für die Verleihung des in Görlitz garnisonierenden Infanterieregiments Courbière persönlich seinen Dank abzustatten.
Sozialer Leben,
X Rote Erde gibt nach. Die Leitung der Hütte Rotq Erde weist die sich zur Arbeit meldenden Ausständigen nich^ mehr zurück. Gestern sind vierzehn Mann, zumeist Maschinisten, angenommen worden.
X Gegen den Buchdrucker-Tarif. Eine in Karlsruhe abgehaltene von 400 Buchdrucker-Gehilfen besuchte Mitgliederversammlung des Bezirksvereins Karlsruhe des Verbandes der deutschen Buchdrucker erklärte nach längerer Debatte den Buchdruckertarif einstimmig für unannehmbar.
X Verschärfung der Lage im Ruhrgebiet. In Unter- p-hmerkreisen wird versichert, daß an die Gewährung einer lüprozentigen Lohnerhöhung nicht zu denken sei und daß man mit der Siebenerkommission nicht verhandeln werde. In den am nächsten Sonntag stattfindenden Versanunlungen soll erwogen werden, ob ein bestimmter Termin zur Erfüllung der Forderungen der Bergarbeiter gestellt werde« soll. Die Agitation wird bereits schärfer angesichts der aus England ein gelaufenen Mitteilungen, daß den deutschen Kollege« bedeutende Geldunterstützungen zugewiesen werden sollen.
X Teuerungszulagen. Die Stettiner Stadtverordneten beschlossen infolge der anhaltenden Teuerung die Besoldung aller städtischen Beamten- und Arbeitergruppen neu zu regeln. Für dieses Jahr ist außerdem wieder eine Teuerungszulage für die städtischen Beamten und Arbeiter, wie im Vorjahre, beschlossen worden. Auch die Stuttgarter bürgerlichen Kollegien bewilligten den städtischen Arbeitern eine Teuerungszulage von 30 Pf. pro Tag. Das macht für den städtischen Etat auf das Jahr eine Mehrbelastung von ISO 0&0 bis 135 000 Mark aus. v
ffab und fern.
f Zum neuen Pensionsgesetz. Infolge der Neuordnung der Pensionsgesetze konnten bisher noch nicht alle neuen Pensionen für Offiziere und Mannschaften angewiesen werden. Sollte einzelnen Offizieren usw. über ihre Umpensionierung noch keine Benachrichttgung zugegangen sein, so haben sie sich unmittelbar an die Pensionsabreilung des Kriegsministeriums zu wenden, Angehörige der Unterklassen hingegen an das Bezirkskommando.
t Der tägliche Eisenbahnunfall. Der Güterzug 8560, von Graudenz kommend, überfuhr auf Bahnhof Marienburg in Westpreußen daS auf Halt stehende Einfahrtssignal und stieß mit einem Rangierzuge zusammen. 16 Wagen sind entgleist, einige beschädigt. Der Führer des Rangierzuges hat unerhebliche Verletzungen erhalten. Der Betrieb ist nicht gestört.
t Vulkanausbruch. Ein heftiger Ausbruch des Mont Pelèe hat einen Al'cüenreaen über den aanren Südokte« der