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Mittwoch, Pen 12. September 190b

15. Jahrgang

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Nnaöhängige Tageszeitung

(Gießener Weitung)

für Oberhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält all« amtlichen Bekanntmachungen der Grotzh. Bürgermeisterei Giehen, des Wrcftf). Peli Samtes Messen und anderer Behörden von Oberdenen

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Prinz Albrecht schwer erkrankt.

Der greife Regent des Herzogtums Braunschweig ist Montag plötzlich schwer erkrankt. Der Prinz wurde von innern Schlaganfall getroffen, der die ernstesten Befürchtungen erweckte. Die Erkrankung wurde anfänglich geheim gehalten, bis gestern nachmittag ein amtlicher Krankheitsbericht folgen­den Wortlauts ausgegeben wurde:

Braunschweig, 11. September. Se. Kgl. Hoheit haben am 10. September einen leichten Schlaganfall mit teilweiser Lähmung bet rechten Körperseite gehabt. Das Bewußtsein ist heute morgen Bit 8 Uhr zurückgekehrt, seit 11 Uhr vormittags indessen wieder «rsgehoben. Die rechte Gesichts- und Zungenhälfte sowie die Sprache sind gelähmt.

Nach der Veröffentlichung dieses Krankheitsberichtes ent­stand allgemeine Erregung in Braunschweig, zumal man sich llicht verhehlen konnte, daß die ernstesten Besorgnisse gerecht­fertigt waren.

Prinz Albrecht ist am 8. Mai 1837 geboren und ein Knlcl König Friedrich Wilhelms 111. von Preußen. Er trat 1847 als Sekondeleutnant in die preußische Armee, wurde 1861 Oberst, 1865 Generalmajor und befehligte im Kriege 1866 die erste schwere Kavallerie - Brigade der zweiten Unriee, deren Kommando er auch nach seiner 1870 erfolgten Beförderung zum Generalleutnant und im Kriege gegen Frankreich beibehielt. Er nahm mit seiner Brigade an den Schlachten von Gravelotte, St. Privat, keüan und der Belagerung von Paris teil, ferner als Be- fkhl-.'haber des 8. Armeekorps an den Kämpfen bei Bapaume uni) Amiens. Nach dem Frieden wurde er Kommandeur der 2h. Division (Hannover), 1874 kommandierender General des 1". Armeekorps, 1875 General der Kavallerie. Am 21. Ok­tober 1885 wurde Prinz Albrecht von der braunschweigischen Lnidcsversammlung einstimmig zum Regenten von Braun- fchweig erwählt. Er übernahm die Regentschaft am 2. November als Nachfolger des 1884 verstorbenen Herzogs Wilhelm. 1888 wurde der Prinz zum Generalfeldmarschall befördert, seit 1891 ist er als Nachfolger Moltkes Präsident der Landes-

vcrteidigungskommission. Das hannoversche Füsilierregiment 3tr. 73 führt seinen Namen. Prinz Albrecht, der Ritter der höchsten Orden und Herrenmeister des preußischen Johanniter­ordens ist, war seit 1873 mit Marie, Prinzessin von Sachsen- Sltcnburg vermählt, einer Tochter des Herzogs Ernst, die 1898 starb. Von seinen Kindern ist der zweite Sohn, Prinz Joachim Albrecht, Major im Kaiser-Alexander-Grenadierregiment, in musikalischen Kreisen sehr bekannt. Der älteste Sohn, Friedrich beinrich, ist Kommandeur des Schwedter Dragonerregiments, der dritte, Friedrich Wilhelm, Harchtmann im 1. Garde- regiment. Eine Schwester des Prinzen Albrecht war

1879 verstorbene Herzogin Alexandrine zu Mecklenburg.

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feuer auf dem Balkan.

Noch ist das Kriegsfeuer aus der Balkanhalbinsel nicht emporgelodert, die Lunte glimmt langsam weiter, und bald lvird sie den Zünder erreicht haben. Bulgarien und die Türkei haben einander diplomatische Noten von steigender Heftigkeit geschickt, haben in ähnlichen Noten an die Mächte HH übereinander beschwert. Bulgarien hat dann militärische Vorkehrungen getroffen, die kaum anders denn als unmittel- bare Kriegsvorbereitungen und Kriegsrüstungen angesehen werden können, die Türkei war ebenfalls in der Zwangslage, uni ähnlichen Maßnahmen zu antworten. Jetzt steht die Vahl nur noch zwischen Abrüstung und Kriegsausbruch. Zu (iner dieser beiden Lösungen muß es jetzt kommen, die Fort- truer der gegenwärtigen Spannung ist unmöglich.

Ueber den gegenwärtigen Stand der Dinge wird der P entlegen Reform - Korrespondenz" aus gutunterrichteten diplomatischen Kreisen noch geschrieben:

Fürst Ferdinand von Bulgarien hat kürzlich in Marien- bld Gelegenheit gehabt, die weisen Ratschläge seines hohen Lerwandten, des Königs Eduard von England, zu hören Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Ratschläge auf Erhaltung Les Friedens gerichtet gewesen sind. Ebenso darf als sicher angenommen werden, daß die Empfehlung des Friedens bei «rn pursten Ferdinand auf Syn^athie rechnen kann. Denn Mst Ferdinand ist keine militärische Natur. Seine fürstlichen und Regierungstugenden liegen auf einem andern, als deni rrregcriidjen Gebiet. Die Ziele, die ihm vorschweven und die Wermann kennt, will er lieber auf dem unblutigen Weae ttwger Verhandlungen erreichen. Es ist gewiß, daß Fürst ^e^dmand aus eigenem Antrieb nicht zum Kriege als einem Mittel $mr Erreichung seiner Absichten greift. Auch geht es nicht an, er den Krieg etwa in seiner Abwesenheit ausbrechen läßt, während er in Ungarn bei den Manövern der Truppen weilt, er in seinen schlichten, prinzlichen Tagen angehört hat, oder während er in Koburg bei den Tauffeierlichkeiten als Mte funttioniert. Zwar hat er in Sofia manches geschehen lassen, wahrend er sich in Marienbad aufhielt, manches sogar, vlvs nicht unblutig war aber mit dem Krieg ist es doch â ander Ding. rsürst Ferdmand wird sich zum Kriea nur

entschließen, wenn Die Vermeidung des Krieges ihm den'Ver­lust seiner Fürstenkrone und des seiner Meinung nach doch so ausbildungs- und entwicklungsfähigen Thrones bringen würde, solcher Gefahr gegenüber gäbe es eben keine Wahl mehr In diesem Falle aber dürfte Fürst Ferdinand auch nicht in absema Krieg führen. Er müßte zur bulgarischen Armee, lind deren Schicksal teilen.

Wie steht es nun mit den Chancen des Krieges? Es gehört Verwegenheit dazu, Voraussagen zu wollen wie der Ausgang eines bulgarisch-türkischen Feldzuges sein würde. Obwohl Bulgarien ein modern ausgerüstetes und gut ge­schultes Heer hat, darf man doch höchstens von der Mög­lichkeit sprechen, daß die bulgarischen Truppen die türkischen überrennen, sie einfach auftollen und bis hinter Adrianopel treiben. Setzen wir diesen Fall und nehmen wir weiter an dag die Türkei nicht in der Lage ist, das anfängliche Miß­geschick auszugleichen, daß sie sich begnügen muß, das mögliche weitere Vordringen der Bulgaren abzuwehren. Was ist bann? Dann hat Bulgarien tatsächlich Macedonien im Besitz, d. h. es hat Makedonien besetzt. Ob es aber Macdonien auch behalten wird? Das glauben wir nicht das halten wir für ausgeschloffen. Unter keinen Umständen würde es Macedonien für sich allein behalten dürfen. Dann wäre ihm und das erschiene noch als der beste Fall gegenüber dem schlimmeren, daß es auf Europas Jnlcrvention Macedonien ganz wieder herausaeben müßte der tiefe Schmerz bereitet, das es bulgarisches Blut und bulgarisches Geld geopfert hätte, um Griechenland, das nichts getan und keine Opfer gebracht hat, in gleichem Maße zu bereichern.

Diese Möglichkeit, die beinahe den Rang einer Wahr­scheinlichkeit hat, wenn nicht im Schicksalsbuche noch bösere Folgen verzeichnet sind, ist für des Fürsten Ferdinand Herz »Ü^ ®^ feinet âHaren von so erschütternder Betrublichkeit, daß Furst und Volk von Bulgarien sich am Ende noch den Entschluß einer Abrüstung abringen. Dime Erwägung und des Fürsten Ferdinand natürliche Friedens, l^be sind die stärksten Pfeiler der Hoffnung auf Erhaltung des Balkanfriedens. Verlagen diese, s» bricht das Krieas. feuer aus der Ballanhalbinsel aus". ®

politische Rundschau.

Deutsches Reich»

* Zu den Mißhelligkeiten im Kolonialamt will ein Kölner Blatt von gut unterrichteter Seite erfahren haben, Die meisten Eingaben seien dem früheren Kolonialdirektor überhaupt nicht vorgelegt worden. Die Eingaben hätten vielmehr durch den Referenten eigenmächtig Erledigung gefunden. Sei ein besonders starker Eindruck bei dem Empfänger der Beant­wortung beabsichtigt, so werde die Wendungim Auftrage des Reichskanzlers" angewandt. Der Chef der Kolonial­abteilung könne in allen Schutztruppen-Angelegenheiten die Unterschriftder Reichskanzler, in Vertretung" anwenden.

* Eine bedeutsame Rede hielt der Erbprinz zu Hohenlohe- Langenburg bei einem Abschiedsmahl im Kreise der Beamten der Kolonialabteilung und der Offiziere des Oberkommandos der Schutztruppe. Ohne eine alsbaldige durchgreifende Reform der Zentrale sei ein fruchtbares Wirken ausgeschlossen. Auf der vorhandenen Grundlage sei er nicht in der Lage gewesen, die Verantwortung für die Weiterentwicklung unserer kolonialen Interessen länger zu tragen. Nicht der Aèangel an Unter­stützung durch seine Beamten habe ihn, wie behauptet worden war, zum Rücktritt veranlaßt. Er Hoffe, daß das Ausscheiden seiner Person einer Reorganisation die Wege ebnen werde und der jetzigen Krisis eine Zeit glücklicher Entwicklung folge.

* Die Verabschiedung des Erbprinzen zu Hohenlohe- Langenburg und die Ernennung des Direktors Bernhard Dernburg, zum stellvertretenden Direktor der Kolonial­abteilung des Auswärtigen Amts, sowie für den Fall der Behinderung des Reichskanzlers als dessen Vertreter in den Kommandoangelegenheiten der Schutztruppen in den aftika- nischen Schutzgebieten wird jetzt amtlich bekannt gegeben. Dem Erbprinzen sind gleichzeitig vom Kaiser die Brillanten zum Roten Adlerorden erster Klasse verliehen worden.

* Die Zeitungsmeldungen, nach denen Oberst Deimling bei den Versuchen zum Bau der vom Reichstag abgelehnten Feldbahn Kubub-.^ectmannshoop Unterstützung beim Erb­prinzen Hohenlohe-Langenburg gefunden habe, werden von einem Frankfurter Blatt als vollständig unrichtig bezeichnet. Das Dementi verdient insofern größere Beachtung, als dem Blatt engere Beziehungen zur Reichskanzlei nachgesagt werden.

* Nachrichten aus Dar-es-Salaam zufolge ist dort der Mörder des Dolmetschers Osman sowie die Nebellenführer Kibasserer und Mdosse zum Tode durch den Strang verurteilt worden. In Lukuliro ist der gefangene Nebellenführer Jumbe Amiri bei einem Fluchtversuch erschossen worden.

* Zu seiner 14. Hauptversammlung trat in Nürnberg der Verband deutscher Gcwcrbevereine zusammen. Das Inter­esse, das man den Bestrebungen des 146 000 Mitglieder um­fassenden Verbandes entgegenbringt, kommt in der starken Beteiligung auch der Behörden und verwandter Verbände des benachbarten Auslands deutlich zum Ausdruck. AuS dem Bericht des Vorstandes ging hervor, daß die Tätigkeit des Verbandes mit bestem Erfolg für die Hebung und Förderung

des Gewerbe- und Handwerrspanoes sorgt und auf eine lüer» bcsserung der Gesetzgebung hinwirkt. Die Wünsche zur Sicherung der Forderungen der Bauhandwerker, mit denen sich die Verbündeten Regierungen seit langem beschäftigen, standen daher auch im Mittelpunkt der Verhandlungen dieser Versammlung und fanden in einer Resolution ihren Ausdruck.

* Die in Stuttgart tagende Versammlung des JnnunqS- Verbandes deutscher Bangcwcrksmcistcr hat sich einstimmig für die Einführung des Befähigungsnachweises im Baugewerbe ausgesprochen; der von der Regierung dem Reichstage vor­gelegte Entwurf zur Sicherung der Bauforderungen wurde als wertvolles Mittel zur Beseitigung der jetzigen Verhält­nisse begrüßt. Die Versammlung^bes'chloß ferner einstimmig, die Reichsregierung zu ersuchen, die Führung der Titel Bau- meister und Baugcwerksmeister von der Ablegung einer be­sonderen staatlichen Prüfung abhängig zu machen.

Amerika.

** Eine schnelle und friedliche Lösung der Schwierig­keiten, die zum Ausstand auf Kuba führten, verspricht man sich von einem Schiedsgericht, mit dem sich auch die Auf­ständischen durch Oberst Aguirre in Newyork einverstanden erklärt haben. Präsident Palma hat eine Verordnung er- lassen, durch die die Verfassung in den Provinzen Pinar del Rio, Havana und Santa C'ara außer Kraft gesetzt und in diesen Provinzen ein Zustand geschaffen wird, der dem Kriegs­recht gleichkommt. Einstweilen nehmen aber die Feindselig­keiten ihren Fortgang. So griff General Guerra mit Auf­ständischen bei Consolacion del Sur einen Panzerzug an. Regierungstruppen schlugen ihn in die Flucht. 200 Auf­ständische sollen beim Kampfe gefallen sein.

Kleine politische Nachrichten.

Paris, 11. September. Der Gouverneur von Französisch- Kongo, Gentil, erlitt auf einer Besichtigungsreise im Norden des Landes durch einen Sturz vom Pferde eine schwere Ver­letzung. Gentil dürfte demnächst nach Frankreich zurückkehren. Er wurde s. Zeit bei dem Skandal über die Mißhandlungen Eingeborener ziemlich kompromittiert.

Rom, 11. September. Der italienische Konsul in Leip- zig ist von seinem Amte enthoben worden, weil er am Sedan- tage das italienische Konsulat beflaggt hatte. Dies soll der italienischen Regierung durch Vermittelung des französischen auswärtigen Amtes mitgeteilt worden sein.

Teheran, 11. September. Der Schah hat die Verord­nung über die Staatsreformen unterzeichnet und den früheren Großwesier vom Hofe verbannt. Die Geschäftstätigkeit ist allenthalben wieder aufgenommen worden.

Dof und Gesellschaft.

*** In einem Erlaß an das badische Volk gibt der Großherzog von Baden seinen Dank für die zahlreichen Kundgebungen und Glückwünsche zu seinem Jubiläum beredten Ausdruck. Die unvergeßlichen Worte seines Großvaters:Es muß ein unumstößlicher Grundsatz bei unseren späteren Nach­kommen bleiben, daß das Glück des Regenten von der Wohl- fahrt seines Landes unzertrennlich sei" wären der Grundsatz gewesen, dem er als Regent stets nachgestrebt habe. Mit aller Hingebung wolle er auch in Zukunft allezeit die ihm auf­erlegten Pflichten treu zu erfüllen bemüht sein.

*** Kaiser Franz Joseph ist zur Herstellung seiner Heftmdheit von Wien nach Ischl abgereist.

Der neueste pogrom.

Die Vorgänge in Siedlce sind, wie sich jetzt heraussteklt, weit entsetzlicher, als die ersten Meldungen vermuten ließen. In der Stadt sind furchtbare Greuel vorgekommen, die kaum zu beschreiben sind; die Truppen sind mit bestialischer Grau­samkeit gegen die Einwohner des Ortes vorgegangen und das Zerstörungswerk, das die Soldaten begonnen haben, hat der Pöbel vollendet. Es ist festgestellt worden, daß die Soldaten betrunken waren und in sinnloser Wut Schandtaten begangen haben, die jene von Bialystok noch übertreffen.

500 Tote und Verwundete

sind bisher in Siedlce aufgefunden worden. Auch diese Zahl dürfte noch nicht annähernd die Wirklichkeit erreichen. Gestern wurde den ganzen Tag über aus Maschinengewehren und Kanonen geschossen. Einzelne Häuser, in welchen sich die Revolutionäre verbarrikadiert hatten, wurden von den Truppen mit den Bajonetten gestürmt und die Bewohner niedergemetzelt. In drei Straßen wurden alle Häuser in Grund und Boden geschossen. 200 Familien durften fliehen, andere Bewohner wurden durch einen Militärkordon vom Bahnhof abgesperrt und so der Wut der trunkenen Soldateska und der Schwarzen Hundert erbarmungslos ausgeliefert. Den Juden ist das Verlassen der Stadt verboten, sie find wehrlos der Raserei des Pöbels und der Soldaten preisgegeben I Und diese Raserei kennt keine Grenzen.

Losgelaffene Bestien

sind es, die in der Stadt hausen und die armen Opfer nicht nur morden^ sondern vor ihrem Tode furchtbar martern.