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Nr. 16 i

Donnerstag, ?n Juli 1906

15. Jahrgang

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eMHSieilaaai : Oberheffische F<mitte»zett««O (ti$W und die Sietze»er Setfe«hl«fe» (wöchentlich).

Wedattion u.Houptervedition: Gießen, Seltersweg 83.

Frnrsprecha»schluss Nr. 362.

(Gießener UageZtatt)

AnaLhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlnr; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörd-n von öbcrWW

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Die Organisation der Arbeitgeber.

Aus industriellen Streifen wird uns geschrieben:

Als der deutsche Arbeitgeberverband sich gründet-» und rasch eine große Gefolgschaft bekam, tauchte auch die Frage nach der Berechtigung dieses Zusammenschlusses auf. Man wollte besonders in Kreisen, die unbedingt auf die Seite der Arbeiterschaft neigen, nicht recht einsehen, daß auch die Unter­nehmer das Recht zur Organisation für sich in Anspruch nehmen könnten, und man sprach vor allem die Befürchtung aus, daß gerade infolge der Orgarwation der Unternehmer in den wirischaftlich-sozialen Kampf noch eine grössere Schärte getragen würde. Man sah in den Unternehmer-Schutzverbänden eine Art von Provokation der Arbeiterorganisationen, und befürchtete erbitterte Kämpfe zwischen den beiden sich gegen- überftebenben Faktoren. Insofern hat man ia allerdings damit nicht so ganz Unrecht gehabt, als der Zusammenschluß der Arbeitnehmer den Aussperrungen, also den Gegenmaß­regeln der Arbeitgeber gegen die Streiks, erst ihren Wert als Kampfmittel ersten Ranges gegeben hat.

Neuerdings haben die Arbeitgeberverbände unter der Leitung und Gl-schästsfübrung der Hauptstell-» Deutscher 'Arbeitgebernnbänd.» einen SRntznerband ge^en Streikschäden gegründet. Die Streikentschädigung ist ja bei den Arbeit- geberner bänden nachts Weue* mehr. Die finanzielle Wirk-^ 'gmkeit dieser Massnahme soll nur dadurch erhöht werden, daß der neugegründete Schutzverband unter bestimmten Vor-^ gustetzungen die Weiterzahlung dieser ^treikentichädigungen übernimmt. Da der Schutzverband bereits 53 Bezirks- und Ortsvereine bei feiner Gründung umschloß, ist mit ihm, als einem wirtschaftlichen Faktor zu rechnen, Schon jetzt gehören tem Schutzverband Arbeitgeber an, die insgesamt an 300 000 Arbeiter und darüber beschäftigen; der Beitritt einer großen Anzabl weiterer Verbände steht zu erwarten.

Ueber die juristische Berechtigung dieses Schutzverbandes lässt sich nicht streiten. Wenn die Arbeiterverbönde Streik- 1 Unterstützungen und Unterstützungen der Arbeiter bei Aus- > iverrungen zahlen, so muß man selbstverständlich den Unter; S nehmen das gleiche Recht einräumen. Nun wird man f natürlich wieder ben Einwand hören, dass diese Maßnahmen . ui gefährlichen Konscguenzen, zu maßloser Verbitterung der Arbeiterschaft usw. führen werde. Unb es ist auch kaum Zweifeln, daß die Gcwerffchaften dem Schutzverband ocn Krieg bis aufs Messer amaaen werden. Wer in Be^ug auf bie Sozialpolitik sich den unbefangenen Blick bewahrt hat, ' iirchf °&er di? Maßnahme begrüßen und keine Konsequenzen r Wir haben in der hohen Politik einen ähnlichen Zustand L v k^nffneten Friedens. Die fortgesetzten Rüstungen kosten ? 0^ dächte allerdings sehr viel Geld, aber sie haben wenigstens ; . bas eine Gute, da st der Friede gesichert bleibt, soweit der ; nemöbnlicbe Sterbliche wenigstens das voraussehen sann. I ^uf sozialem Geb'et haben wir gleichfalls den bewaffneten ^..^bkg mit fortgesetzten Rüstungen in beiden Lagern. Diele Rüstungen haben aber vor den voliti chen ben Vorzug, daß ne nichts ober doch verhältnismäßig wenig kosten, und zu- i gleich, statt zum Kampf zu reimn, vom Kampf abraten und abhalten. Das alte Wort:si vis pacem, para bellum I ; ^enn du den Frieden willst, bereite dich zum Kriege vor!", bewahrt noch immer seine Bedeutung. Stebt die organisierte ibe'f erschuft einem gleich vorzüglich organisierten Unter« f whmertum gegenüber, das noch dazu den Vorteil der , "nanziellen Besserstellung für sich hat, dann wird die i organisierte Arbeiterschaft es sich sehr überlegen, sich in einen ; aussichtslosen Kampf einzulassen.

Es ist aber auch nicht zu fürchten, daß das Unter« ) Armiert um dann feine Uefmrleqenheit mißbrauchen werde. Diescharfmacherischen" Gelüste sind im Zurückgehen, das c sozialpolitische Verständnis ist im Wachsen. Auch der Unter« -ehmer sieht schließlich em, daß ein wirtschaftlich besser ae« 'üllter Arbeiter auch leistungsfähiger ist. Man wird eben dahin kommen, daß, wenn erst die Berufsvereine rechtsfähig geworden sind, unsere ganze Wirtschaftspolitik auf ben Ab- chlun von Tarifverträgen mit möglichst langen Fristen hin- n-m'amt ein Zustand, der sowohl für die Arbeiter wie 'tr die Arbeital-brr nur nortebbaft sein kann. Jeder engere i! Zwawmemchluß, auch des Unternehmertums, ist nur ein weiterer S.!':üi an diesem We^.

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Lenzmantis ptacbfolger.

(Sonder-Bericht.) Iserlohn, 11. Juli.

^0<i der ersten Überraschung die zweite in diesem alten Absitz der harten westfälischen Köpfe und der erbitterten politischen Kämpfe. Der Wahlkreis Altena-Iserlohn, seit der Reichsgründung in liberalen Händen, geht verloren an die Sozialdemokratie. In der gestrigen Stichwahl entschied eine Mehrheit von fast 2000 Stimmen sich für den sozialdemokratischen Bewerber Haberland, dem der Pentiums Kandidat Regierungs-Rat Klocke unterliegen nutzte.. Haberland erhielt 15 884, Klocke 14 068 Stimmen.

Wie war das möglich, fragt sich das ganze politische ^eutzchland, dessen Augen in den letzten Wochen mit ge- w "er Aufmerksamkeit auf diesen industriereichen Teil der Berge Westfalens gerichtet waren. Wie war das möglich

trotz^ des Eintretens der in der Hauvtwahl ausgefallenen Freisinnigen und Nationalliberalen für den bürgerlichen, vom Zentrum vräfentierten Kandidaten? Man muß die Geschichte des Kreises kennen, die Eigenart der Bevölkerung versehen, um das Stichwahl-Resultat nicht so verwunderlich zu finden.

Seit den Tagen der Reichsgründung galt Altcna-J>erlohn als liberale Hochburg und zwar als eine Veste des nach links gravitierenden Liberalismus. Kurze Zeit nur, bei der Sevlenatswahl, gelang es einem Nationalliberalen, das Mandat an sich zu bringen; nach zwei Jahren aber siegte wieder die entschiedenere Tonart. Wenn Iulius . Lenzmanns rötlich umlockter Sigambrer-Schädel im Reichstag sich erhob, wußte man, daß der alte Demokrat bei aller Bonbommie der Form wuchtige und kräftige Schläge auszuteilen liebte. Er wußte sich und seine Wähler in Respekt zu setzen, batte er doch schon durch seine Mitarbeit beim Zustandekommen des Bürgerlichen Gesetz­buches hohes Ansehen bei der Regierung und Achtung bei den politischen Gegnern gefunden. Nun brach er in den Sielen zusammen, sein 1898 mühsam vor dem Kompromiß des Zentrums und der Nationalliberat-'n, 1903 vor dem Ansturm der Sozialdemokratie gerettetes Mandat verlor die beste Stütz-, ibn selbst, der durch Wort und Agitation bei allen Wablkämvfen stets der erste Mann an der Spitze war. Die werbende Kraft seiner. Persönlichkeit war im ent­brennenden Kampf nicht vorhanden. Die Sozialdemokratie bnrcb die zunehmende Industrialisierung mächtig gewachsen, nicht weniger das Zentrum, stark durch peinlichst durchge- kübrte Organisation und Geschlossenheit, obwohl die katholische Ginwobnerschast des Wahlkreises nur 25 vom Hundert beträgt, drangen nor. Die Liberalen, in zwei Flügel zerspalten und mit Hartnäckigkeit sich befehdend, fielen ab Sozialdemo­kratie und Zentrum marschierten an der Spitze. Nun ge­boten die liberalen Vorstände radikaler und gemässig'er Observanz das Eintreten für den bürgerlichen Kandidaten. Doch nur ein Bruchteil der Wähler gehorchte ihnen. Zu lange hatte der Kampf, auch auf kommunal-politischem Gebiet, zwischen Rechts und Links getobt, zu große Gegensätze waren vorhanden. Das sind noch nicht zu lange Zeiten her, daß man um kommunale Ziele, um Schulanaelegenhenen und andere Dinge stritt unter der DeviseHie Rom, hie Witten­berg." Dazu kam der Tropfen demokratischen Oeles, der die'en Abkömmlingen der sächsischen Mannen Witlelinds trotz aller oder gerade wegen ihrer unwandelbaren deutschen Gesinnung in Fleisch und Blut übergegangen ist konnten sie nicht einen Mann ihres Vertrauens in das Reichspar­lament schicken, so blieben sie lieber dem Wahlakt fern oder votierten für den sozialen Gegner in der Hoffnung, daß sie in zwei Jahren wieder einen Vertreter des Liberalismus auf den Schild erheben können.

Nach Lage der Dinge ist dazu alle Aussicht die feind­lichen, Brüder der bürgerlichen Parteien werden gezwungen sein einander die Hand zu geben, wollen sie anders ein Wort bei der Entscheidung mitsprechen. S. F.

politische Rundschau, se^

Deutsch eg Reich.

* Die Forderung eines selbständigen Neichskolonialamts w'rd dem im Herbst zusammentretenden Reichstag erneut vor­gelegt werden. Die Vorarbeiten dam sollen bereits im Gange fein^ Die Nachricht, dass aus der Kolonialabteilung sämtliche Räte bis auf zwei ausscheiden, wird von einer Berliner Korrespondenz bestätigt.

* Nach der Geburt des jüngsten Hobenzollernprinzen in Potsdam war abermals die Rede von einer Amnestie, die aus Anlass des freudigen Ereignisses verkündigt werden sollte. In maßgebenden Stellen ist, wie unser Berliner ^.-Mit­arbeiter schreibt, von der Absicht zu einer Amnestie nichts bekannt. Man beachtet die Geburt des Thronerben zweiter Generaton lediglich als ein Familienereignis, das ebensowenig eine allgemeine Begnadigtingsaktion rechtfertigen würde wie die vor kurzem gefeierte silberne Hochzeit des Herricherpaares.

Frankreich.

eo Die Deputierten kam wer hatte eine heftige Debatte über die Streik-Amnestlevorlg'e. Der Standpunkt der Regierung, welche den Straferlaß anläßlich von Streikunruhen nur für Arbeiter, nicht aber für die Verfehlungen ausständiger Beamter gelten lassen will, wurde auf das schärfste von nationalistischer und sozialistischer Seite bekämpft. Schließlich trat die Kammer mit großer Mehrheit der Auffassung der Regierung bei. Darnach sind die streikenden Briefträger von der Amnestie ausgeschlossen.

_ _ Italien.

. - T^^^H . ^® sich aus Kreta zurückziehen. Die ratlemsche Regierung hat den übrigen drei Schutzmächten ' G* öen Wunsch kundgegeben, bei Gelegenheit der ge- wunschten Reformen durch geeignete Maßnahmen es zu er­möglichen, die ital enischen Offiziere, Unteroffiziere unb 9Rann« Ronen öuruckzuz chen, die gegenwärtig in der kretischen Gendarmerie Dienst tun.

Schweiz.

** Die Schwierigkeiten wegen der Havdelsbezielmnnen zwischen Frankreich und der Schweiz spitzen sich zu. Die Antwort des Bundesrates auf die letzten Handelsvertrags» Vorschläge Frankreichs erklärt diese für unannehmbar. Da Man auch in Frankreich nicht umi Nachgeben geneigt ist, erscheint der Zollkrieg unvermeidlich.

England.

" Im englischen Oberhause gab es eine Debatte über die Vorteile der allgemeinen Wehrpflicht. Mehrere Redner verwiesen auf die Verhältnisse in Deutschland. Lord Milner führte im besonderen aus, baß das deutsche Volk feine Größe und seine Fortschritte auf dem Gebiet des Handels und der Industrie seinem Heerwesen verdanke, und daß die Völker, welche die Mühen des allgemeinen Dienstes bereitwillig auf sich nähmen, diejenigen, die vor der all­gemeinen Wehroflicht zurück» cbreckten n cht bloß im Krieg, sondern auch im friedlichen Wettbewerb überflügeln werden. Andere Redner kritisierten dagegen die allgemeine Wehr» flicht in entschiedener Weise. Zu einer Beschlussfassung kam es nicht.

Spanien.

** Die Polizei in Barcelona bat ein Komplott gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Älaura entdeckt. Maura weilt zur Zeit auf Maforka. Die nach den Balearen abgehenden Schiffe werden scharf überwacht.

Russland.

Das Ministerium will Kenntnis davon erhalten haben, daß die schwarzen Banden wieder am Werke sind, um an vielen Stellen zugleich Pogroms bervorzuruken. Es werden vierzehn Städte genannt, in denen der Losbruch erfolgn soll, darunter Petersburg, Moskau, Warschau und Odessa.

^ Von verschiedenen Gegenden kommt die Nachricht über Aufstände der Bauernschaften. In den Gouverne- ments^Kamencz und Podolsk sehen sich die Gutsbesitzer mit ihren Familien zu schleuniger Flucht gezwungen. Mehrfach kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Bauern und M'litär.

** In Sebastopol wurde ein Attentat gegen den ^dm'ral Tschuknin, den Kommandierenden des Schwarzen Meer-Geschwaders, verübt. Der Admiral wurde verwundet und mußte ins Hospital gebracht werden.

Dos und Gesellschaft.

Der Kaiser hat durch eine Kabinettsordre seiner PachtHoheuzollern" denAltdeutschen Marsch" von Kampfert als besonderen bei Flaggenparade zu spielenden Präsenliermarsch verliehen, zur Erinnerung daran, dass der Kauer den Tag der Geburt seines ersten Enkels auf der Pacht mit Offizieren und Mannschaften gemeinsam aus See verlebte.

*** Die Hochzeit des Prinzen Johann Georg von Sachsen wird am 20. Oktober in Eannes, der Einzug in Dresden am 22. November stattfinden.

Die Gerüchte, nach denen der Großherzog von Lachsen-Weimar sich in nächster Zeit mit der jüngeren Schwester seiner verstorbenen Gemahlin, der Prin­zessin Hermine Reuß ä. L., verloben sollte, werden amtlich dementiert.

Die Exkaiserin Eugenie von Frank­reich kam in Ischl an, um mit Kaiser Franz Josef von Oesterreich zusammenzutreffen. Der Kaiser erwartete die Witwe Napoleons III. am Bahnhof. Die Ursache des Besuchs bildet der Wunsch der ehemaligen Kaiserin, den österreichischen Monarchen noch einmal vor ihrem Ende zu sehen.

Reer und flotte.

Ein deutsches Geschwader in Norwegen, norwegische Regierung hat die Nachricht erhalten, dass

Die Ende

Juli d. I. ein großes deutsches Geschwader von 16 Schlacht­schiffen, 9 Kreuzern und 13 Torpedobooten die Küstenplätze Norwegens besuchen werde.

Die Ostseefahrt der englischen Flotte. Nach einer Bekanntmachung der Admiralität nehmen an der Kreuzfahrt in die Ostsee teil sieben Linienschiffe und sechs Kreuzer. Der Rei'eplan ist folgender: Abfahrt von Port land am 21. Juli, Ankunft in Wingasund 26. Juli, Abfahrt 31. Juli, Ankunft in Libau 2. August, Abfahrt 7. August, Ankunft in Hangö 8. August, Abfahrt JO. August, Ankunst in Kronstadt 11. August, Abfahrt 17. August, Ankunft in Reval 18. August, Abfahrt 24. August, Ankunft in Pillau 26. August, Abfahrt 30. August, Ankunft in der Lübecker Bucht 1. September, Abfahrt 6. September, Ankunft in Jnvergordon 10. September.

Hua den Parlamenten.

Vertagung des Württembergischen Landtags. Nachdem die Kammer der Standesherren zu den Beschlüssen der Abgeordnetenkammer ihre Zustimmung erklärt hatte, wurde der Landtag vertagt. Aus Anlaß des Zustande­kommens der Verfassungsrevision hat der König dem Minister. Präsidenten von Breitling leine Büste mit einem sehr huld- vollen Handschreiben übersandt.

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