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Nr. 159

Dienstag, vm 10. Juli 1906

15. Jahrgang

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tztzedattion u.Haupteipedition: Gießen, Seltersweg 83, Fer«sprecha»schl«ss Nr. 362.

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(Gießener Zeitung)

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(Gießener Gagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wehlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umacknn a. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Grossb. Polizeiamtes Giessen nnb anderer Behörden von Onerbonon

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Kaiser CQilbelm bei König Raakon.

Auf seiner Nordlandsfahrt hat der deutsche Kaiser den bisherigen Shmpathiebeweisen für den jungen König Norwegens und sein Land einen neuen hinzugefügt. Um zwei Uhr nachmittags fuhr dieHamburg" mit dem Kaiser an Bord in Drontheim ein. König Haakon erwartete den Kaiser, der als erster Souverän ihm nach seiner Wahl einen Besuch abstattet. Der norwegische Monarch ließ sich alsbald auf das Kaiserschiff rudern, wo die herzlichste Begrüßung fich abwickelte.

Kaiser Wilhelm, in norwegischer Admiralsuniform, em­pfing den König, her Admiralsuniform mit dem Bande des Schmarren Adlerordens trug, am Fallreep des Schisses. Die Monarchen umarmten und küßten sich wiederholt. Bei dem Empfang salutierten die Schiffe und die Musik spielte die nor­wegische Nationalhymne. Der Kaiser und der König be­gaben sich in die Kajüte derHamburg," wo sie längere Zeit verweilten, und fuhren darauf, von der Bevölkerung stürmisch begrüßt, an Land. Nach dem Abschreiten der hier aufgestellten Ehren komvaanie fuhr der Kaiser mit dem König rach dem Stistshof, wo der Kaiser von der Königin begrüßt wurde. Später besichtigte Kaiser Wilhelm den Dom und die daran vorgenommenen Arbeiten. Nach einem Festmahl im Stiftshose kehrte der Kaiser, von einer großen Menschenmenge begrüßt, an Bord der ...Hamburg zurück. D'e g-genseitiae Bc- aleitung wurde mit Ordensauszeichnungen bedacht, eine be­sondere Ehrung ließ Kaiser Wilhelm dem Norwegerkönig zu­teil werden, indem er ihn â la suite der deutschen Marine stellte.

Bei b-m Galadiner sprach der Kaiser auf eine herzliche, in deutscher Sprache gehaltene, Begrüßungsansprache des Königs Haakon seinen Dank für den Empfang aus, bestätigte, daß er stets mit großer Freude einige Wochen an den Küsten Norwegens verleben könne als Erholung von schwerer Arbeit und fuhr dann fort:

Es ist mir eine besondere Genugtuung, Euere Majestät hier ^als König besuchen zu dürfen in der schönen und ehrwürdigen Stadt Drontheim mit ihrer großen Vergongen- Heit. Euere Majestät treten ein in eine Reihe von Monarchen, die bis hoch hinauf reichen in die Geschichte n~c deren Taten in der Literatur fortleben. Als ich heute mit Eurer Majestät in dem erhabenen Bauwerk des Dome­stand, habe ich beiße Gebete zum Himmel emporgesandt, daß er Euere Majestät schütze und daß es Euerer Majestät gelingen möge, das norwegische Volk zu herrlicher und schöner Zukunft zu führen. Alle meine Wünsche für baé Wob'ergehen Euerer Majestät und des mir so außer­ordentlich sympathischen norwegischen Volkes fasse ich zu­sammen in den Ruk:Der König und die Königin und das norwegische Volk! Hurrah!

D'e Zusammenkunft gew'nnt besondere Bedeutung für ganz Europa, indem dadurch bekundet wird, daß Deutschland den veränderten Stand der Dinge in Skandinavien rückhalts­los anerkennt. Im vorigen Jahre verzichtete Kaiser Wilbe'm auf eine Landung in Norwegen, um in dem schwebenden Auseinandersetzunasversahren nicht irrigen Deutungen Raum zu geben. Nachdem die beiden Länder unter allgemeiner Zu­stimmung in Schweden wie in Norwegen sich friedlich getrennt rmd über das zukünftige nachbarliche Verhältnis geeinigt haben, lag kein Anlaß mehr vor, die bisherige weite Zurück­haltung fortzusetzen. Deutschland bat durch seinen Herrscher bekundet, daß ps die besten Gefinnungen für die Entwicklung her beiden nordischen Königreiche hegt.

jf. biqueme

Öbe!

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politische Rundschau.

DsutseHa Reich.

^ Zurzeit schweben Verhandlungen über Herabsetzung der Telegramm-Gebühren nach Bosnien und der Herze­gowina, zwischen Deutschland und Oesterreich. Die Gebühr toll von 24'/, Centimes auf 18 Centimes für das Tert mott reduziert werden. Die Ausiührung dieser Verkehrserleichlerung hängt nur noch von der endgiltigen Zustimmung der deutschen Reichspostverwaltung ab.

Die zunehmende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern zeitigt sonderbare Erscheinungen. So schicken jetzt Hamburger und Bremer Agenten den Landwirten bereits Neger als Arbeiter zu. Ein Landwirt im Hessischen erhielt kürzlich mit einem Transport Arbeiter vier Neger, einem anderen Landwirte wurden zwei weibliche Schwarze als Tier- fütterer zugeschickt. Ebenso erhielt ein Gutsbesitzer in Lüne­burg zwei Neger und eine Negerin zugesandt, die er in Stellung nahm. In der Provinz Hannover, wo die Land­wirte ganz besonders um Dienstpersonal in Verlegenheit sind, oa die neue Oel- und Kali-Industrie viel männliches Personal beansprucht, ist man fast nur noch auf ausländische Arbeiter angewiesen. So kommt es benn, daß einzelne Gebiete, die sonst nur von niedersächsischen Bauern bewohnt waren, heute eine aanz internationale Bevölkerung aufweisen. Z. B. zählt das

Dori Misburg bei Hannover 3000 Polen, andere Ortschaften im Calenbergisch-n haben mehrere hundert Galizier, Kroaten und Serben. Auch die Industrie bringt ungezählte Massen ausländischer Arbeiter nach Deutschland, eine Tatsache, die jedenfalls andauernde Aufmerksamkeit der maßgebenden Fak­toren ver'angt, da sie für unsere innere Entwickelung von großer Bedeutung werden kann.

* Der neue Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch- Südwestafrika, Oberst von Deimling ist in Swakopmund eingeeroffen. Nachdem er in Windhuk mit dem Gouverneur von Lindeguist konferiert hat, beabsichtigt Herr von Deimling, sich über Lüderitzbucht nach Keetmannshoop zu begeben.

* In Stuttgart wurde der achte deutsche Kongreß für Knaben-Handarbeit abgehalien. Seminardirektor Pabst- Leipzig iprach über die Entwicklung der pädagogischen Idee im Handarbeits-Unterricht, und Direktor Jessen vom Skull, garter Kunstgewerbe-Museum behandelte das Tbema: Die Knaben-Handarbeit im Dienste der künstlerischen Kultur.

* Von dem Inhalt des Abkommens über Abe sturen, das zwischen Italien, Frankreich und England abgeschlossen wurde, bat die italienische der deutschen Regierung nach einer halbamtlichen Meldung vertraulich Kenntnis gegeben.

* Für das Inkrafttreten der Württembergischen Ver- faffungsresorm ist der 1. Dezember 1906 bestimmt worden.

Snglanâ.

»» c»n London befürchtet man den Ausbruch einer großen panislamitischen Beweuvna in Aegypten. Es sind deshalb Befehle nach Malta und Gibraltar gegeben worden, Truppen bereit zu halten. Eine fortwährende Vermehrung der britischen Besatzung in Aegyvten auf eine Stärke, die es mir jeder plötzlich ausbrechendea Revolte aufnehmen kann, wahrscheinlich sobald als möglich stattfinden.

wird

Afrika.

Die englischen Truppen im AmftandKgebiete ^^tos l ab^n im Distrikt Umwoti eine Streitmacht der

hon

Ein-

geborenen vollständig umzingelt und geschlagen. Der Verlust der (s'ngebo^enen t^etrua 547 Tote, unter diesen be'and sich der Häuptling Matschwili; nur sehr wenigen gelang es zu entkommen. Die Weißen bg^- - ^»ue Verlust.-.

Amerika.

Im bevorstehenden Wahlkampf um die Präsident­schaft der Vereinigten Staaten wird der Silberwährungs­mann Bryan wieder auf den Plan treten. William Bryan hat sich ir einem Schreiben an den früheren Präsidenten des demokratischen Nationalkomitees Iones bereit erklärt, seiner Wiederaufstellung als Kandidat für die Präsidentschaftswahl zuzustimmen.

Der famose Präsident Castro hat die Regierung von Venezuela wieder übernommen. Das Ereignis ist in ganz Venezuela festlich begangen worden. Nun können also die interessanten Rempeleien, die Castro gegen alle Welt sich erlauben zu dürfen glaubt, wieder beginnen. Sein großer Bruder in Washington schützt ihn mit dem SchUde der Monroe-Doctrin.

Scbwindel-Krankenka fsen.

Soeben ist wieder einmal eine über ganz Deutschland verbreitete Krankenkasse, dieThalia" in Hannover, in Kon­kurs getreten. DieHerren vom Vorstand" sind geflüchtet und die Mitglieder haben das Nachsehen. So oft in den legten Jahren auch schon vor den sogenanntenwilden Krankenkassen" gewarnt worden ist, immer wieder finden sich Leute, die derartige Unternehmungen ins Leben riren und sich selbst als wohlbestallte Direktoren nicht selten auf Lebenszeit einsetzen. So viel auch Leute, besonders aus kleinen Städten und vom platten Lande, ihr Geld schon bei diesen Gründungen verloren haben, und manchmal infolge ihrer Mitgliedschaft noch große Nachzahlungen leisten mußten, stets finden sich wieder Mitalieder für diese Auch-Kassen, die man am besten mit dem Wort "Schwindelkranken- ^assen" bezeichnet. Ihr Zweck ist nicht die Unterstützung kranker Mitglieder, sondern fie bezwecken nur, den kranken Finanzen ihrerGründer" undDirektoren" aufzubelfen.

Es ist sehr leicht, Mitglieder ür eine solche Kasse an­zuwerben, weil noch immer die meisten Leute, die sich nicht näher um diese Angelegenheit bekümmern, der Meinung find, eine Krankenkasse müsse unter allen Umständen eine reelle Einrichtung sein, weil ein Re-chsgesetz darüber besteht. Dies Gesetz kann aber Wirkungen nur auf die Zwangskassen ausüben, auf die Krankenkassen, denen die arbeitende Be- völlerung auf Grund des Kronkenverfickerungs^eietzes ans gehört. Nebenher gibt es aber hunderte vonfreien" Krankenkassen und gegenüber diesen Kassen haben die Be­hörden nicht das Recht, den Geschästsvlan und die ver- ficherungstechnischen Unterlagen zu prüfen und den Nach­weis eines hinreichenden Betriebsfonds zu fördern. Nun erfüllen zwar auch die meistenfreien" Kassen die ein» gegangenen Verpflichtungen, aber ein Teil ist schwindelhafter Natur. Die Schwindelkassen arbeiten alle mit großer Reklame, fie machen den Mitgliedern die größten Ver­sprechungen. Dann find die Aufnahmebedingungen sehr leicht. Ohne Untersuchung durch einen Arzt, nehmen sie Jung, und

DratiSbeila-e«: Oberhesstsche FamitteUK-it«»- (W und die «iefceeer Geifeublase« (wSchenMch).

Alt auf. Die Vorstondsmitglirder sind fast immer auf lange Reiten und nicht selten unnahbar angestellt, fie beuchen außergewöhnliche Gehälter. Wo olle btefe Merkmale z. treffen, hat man es sicher einer Schwmdelkasse zu tun. Wo aber nur eine* dieser Zeichen zutrisst, ist die arö' tf Vorsicht geboten. Solche Waffen hohen oft in allen Toifm Deutschlands Agenten, welche gegen eine hohe Provision Mitglieder anwerben unh viele Leute aus feineren Orten werden Mitglieder, ohne daß sie auch nur einen Emblick in die Statuten tun.

Der Hergang beim onfnmmcnbrurb einer solchen Kg ne wicke't sich in folgender Welle ab Die Mifglleb^r enterbten regelmäßig ihre Beiträge, nnb hre Herren Direktoren vn* Erfinder verbrauchen ebenso regelmäßig die^e Beiträge, ^ommf bann eine Veiiode, wo eine arö'ere Wntahl non Erkrankungen vorkommen, so werden zunächst allerlei Ausflü^te ncniarht, nm die Mitglieder um ihre moblerworhsme ^ran senilster» Pöhnna zu nre^en. E^ wirb nur irgend einen ^araarabben verw'e'en, den hip krankn Milglieder nrrlpht hohen und we -, wegen sie fpn Krankengeld belehrn fnHen Gshl man sich ^amif wfrphpn, so existiert hie S ^w'n^elkgsie noch ein Weilchen weiter, bestehen dagegen d'e ^itnlieber aufhrem so hnrpst baS Unternehmen zusammen. Die Polizei schlicht die Kalle undeht die Direktoren fest wenn d^eie nicht schon geflüchtet sind.

Dem fPeirbSfpn wurde bere ein Gesetzentwurf hor® gelegt, brr eine hellere Beaufsichtigung her ircien Kassen nn= firebt. Für iebe Neugründung einer Kalle soll na^i d'e ^w Entwurf die Erlaubnis der ^lufsich'sbebörde notwendig rein und diele Erlaubnis W'rd nerfaat, wenri nach hem einae- reirhten Geschästsplan die Interellen der Versicherten nicht hinreichend gewahrt find oder wenn Tafachen vorliegen. Welche d'e Annahme rechtfertigen, daß ein den Gesetzen ober den guten Sitten entivrechender Geschästsbetrieb nicht statt, finden wird. Der Gesetzenlwnrf wurde einer Komm sfion über miesen, in der besonders eine Richtung daran' ahvelt, Besi'mmungen zu treffen, welche die Scbminhcffaüen allein treffen und die soliden freien Kolleg nicht berührten. Da- Gesetz wird voroussichtlich eine Besserung bringen, bis ins Leben tritt ist aber noch größte Vorficht notwendig. Wer sich vor großem Schaden bemahren mill, sehe sich die Kasse jedesmal genau an, der ci freiwillig beitreten will.

Die wiedererwacbte Revolution.

Was funbige Stimmen norhergefagt haben, beginnt ein» zntreffen: Ein neues Aust obern der Cfmböruna in Nussland

ist

an

immer deutlichen zu bemerken. Der Sonntan hat wieder den verschiedensten Stellen wilde Szenen gebracht.

Tumulte in Petersburg.

in

Wie mit einem Schlage wurden an verschiedenen Punkten Petersburg politische Kundgebimaen größeren Stil's nszeniert, bei denen rote Flaggen mitgekübrt und revolutionäre Lieder gesungen wurden. Auf der Nikolg'brücke und an

ruderen Stellen hielten die Man festanten die Straßenbahnen an und verlangten vom Pttblikum, daß es die roten Flaggen und die sre he tliche Bewegung durch Enthlören des Hauptes begrüße. Das Publikum kam der Aufforderung nach. An anderen Stellen wurden die Siraßenbabnwggen mit Steinen beworfen. Kavallerievatroinllen zerstreuten die Unruhestifter.

Nächtliche Straßenkämpfe.

War es während des Tages leidlich gelungen, schwerere Zusammenstöße zu verhindern, so foHe die Dunkelheit auch iol-t.e mit sich bringen. In Pesfi, einem entlegenen Stadt­teile Petersburgs, hatte ein Reserveoffizier eine hobt sehe ede gehalten. Al^ die Vol ^ei ihn verhaften wollte, zotfeie ürf) eine große Menschenmenge zusammen, die einen Steinhagel au' die Polizei und die 'hr zu Hil'e eilenben Kosaken er­öffnete. Die Koiaken erwiderten mit Schüssen, morauf die Menge in die'e flüchtete, lieber die weite eu Vorgänge meldet ein Telegramm aus Petersburg:

Als die in dieHöfe eindrin^enden Kosgken ans den Fenstern mit Steinen bemorfen wurden, begonnen fi- ein heftige® Feuer. Eine gro^c Anzabl Personen murren vr-rha tet. Die Ruhe war erst nach Müternaebt h^rac'fent. Bei dem ganzen Vorkommnis find wieder die Hool' -ans in beu Vordergrund oetr ten, die stur vorder auch ein Vol's- bod in offenbar provozierender Abnebt verwüstet hatten.

Auch sonst nehmen die Plünderungen wieder zu. So find im Kreise Lodz an versch'eden-n Cifen bewaffnete Banden in d'e Monovolläden e'ngebrochen. Im Kampfe mit den die Räuber verfolgenden Kosaken gab es auf beiden Seiten Tote und Verwundete.

Der Streik im Krankenhause.

Ein ganz eigenartiger Ausstand, her in Odessa alle® in Atem hält, bildet ba* neueste Ergebnis der rutschen Re­volution. In dem dortigen großen Hoipital fegte das ge­samte Pflegc-Personal bi- Arbeit nieder, nachdem fie die Medikamente und b-e Instrumente vernichtet und d-e Speisen ungenießbar gemocht. hatten. Dadurch sind 3000 Patienten schwer bedroht, da die wenigen Aerzte zu ihrer Pflege nicht