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15. Jahrgang

Nr. 184

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AnaSüängige Tageszeitung

(Hießenev Aeitunn)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; KokalanZeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Poli^eiamtes Gießen und anderer Behörden non Okx-ri^n

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Das Satyrspid in Bulgarien.

A. Kr- Sofia, 4. August.

Auf der Balkanhalbinsel hat die Gährung neuerdings wieder stark zugenommen. Die Berichte aus Bulgarien wissen von erregten Volkskundgebungen zu erzählen, von entschiedenen Forderungen, die von großen Massen beinahe mit Wildheit an die bulgarische Regierung gestellt würden und die sämtlich darauf hinauslaufen, Griechenland mit bewaffneter Hand an der ferneren Jnsurgierung Mazedoniens zu hindern.

Das klingt sehr bedrohlich, ist auch bedrohlich genug ge­meint aber ganz so schlimm wie es klingt ist es noch lange nicht. Die lärmenden Demonstrattonsversammlungen in Bulgarien sind Schau- und Theaterstücke, auf Wirkung in die Ferne und auf Täuschung in doppeltem Sinne berechnet. Einmal soll den europäischen Staaten vorgegaukelt werden, daß das bulgarische Volk durch keine Beschwichtigungspolitik der Regierung länger im Zaum zu halten sei, und weiter soll die Täuschung erweckt werden, als ob nur Zorn gegen Griechenland, nicht aber Begehrlichkeit nach dem Besitz von Mazedonien dis getreuen Untertanen des Fürsten Ferdinand beseele.

der Mordassäre noch nicht remgewaschen, weil er solange mit den Königsmördern an einem Tisch gesessen. Bleibt nur noch Griechenland, und mit dem hofft man fertig zu werden ihm denkt man den Rang ablaufen zu können.

Der politische Lärm ist bedeutungslos und nichttg, sobald von Europa aus hierher nachdrücklich abgewintt wird. Denn eine Intervention könnte auch einmal von anderwärts her­kommen als von Rußland. Für Bulgarien reicht das rekrutenlose ungarische Heer schon noch aus. Ob man freilich in Europa ernstlich abwinken will, das ist eine andere Frage.

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Schreiber dieser Zeilen ist vor zwanzig Jahren hier ge« wesen, als Fürst Alexander eben von den im russischen Solde stehenden Verschwörern außer Landes gebracht worden war und seine Rückkehr erwartet wurde, die wenige Tage darauf ftattfand. Ich war unter dem Eindruck der Sofioter Mel­dungen hergekommen, daß hier alle Bande frommer Scheu gelöst seien und ein verzweifeltes Volk lieber bis auf den letzten Mann fallen, als von dem Fürsten lassen wollte, den Elwopa ihm gegeben. In der Grenzstadt Zaribrod bekam ich schon einen Vorgeschmack. Illumination und Fackelzug waren vorbereitet. Auf meine Frage, warum man nach herein­gebrochenem Abend noch mit dem Beginn der Feier zögere, erhielt ich den naw-aufrichtigen Bescheid: man warte noch auf Nachricht, wem zu Ehren Fackelzug und Illumination stattfinden sollten, dem zurückkehrenden Fürsten Alexander, oder dem russischen General Kaulbars, oder irgend einem der zahl­reichen interimistischenRegenten" zu Ehren. Von Sofia aber schickte ich ein Telegramm nach Haus, dessen Wortlaut mir im Gedächtnis geblieben ist:Hier herrscht Ruhe und höchste Wurstigkeit." Den Sofioten war es wirklich höchst gleichgiltig, wer im Konak, dem hübschen Fürstenschlößchen, residierte. Die Sofioten kümmern sich auch heute nicht um Mazedonien und nicht um Griechenland. Die Lärmmacher find politische Geschäftsleute, die ganz genau wissen, was bei dem Geschäft für sie herausschaut. Sie find auch keine Unter­nehmer auf eigene Rechnung, sondern die Agenten kundiger Hintermänner oder wenigstens eines Hintermannes, dessen verschlagene Colitis schon einen gewissen Ruf erlangt hat. Gewerbsmäßige politische Lärmmacher sind es, die durch Um- ziige und Versammlungen deren im übrigen die hiesige friedliche Bevölkerung gar nicht achtet auf dem Umwege über Europa in Griechenland eine Gegenstimmung hervorrufen und künstlich den Vorwand für einen Friedensbruch schassen oder konittuieren wollen. Ich halte die Griechen keineswegs öu fromm zu Briganten Unternehmungen in Mazedonien. Aber für zu vorsichtig halte ich sie dazu. Die türkischen Sck)lage aus dem letzten Feldzug sind ihnen in noch zu frischer Erinnerung. ^ch kann mich jedoch der Vermutung nicht ent- jchlagen, daß die angeblichen Griechenbanden, die sich in Mazedonien unnütz machen, und unter politischer Flagge Mayenrauberei treiber, aus verkleideten Bulgaren bestehen, die, wie in einer Operette, bald die Verfolger, bald die Ver­folgten spielen, in jedem Falle aber mitgehen heißen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Der Unfug begann kurz nach Ausbruch des russisch- lapanischen Krieges, genauer: nach den ersten russischen Nieder- lagen, als man in Bulgarien angefangen hatte, denZar- Besreler nicht mehr so sehr zu fürchten. Mit Bedauern

^^^och größerem Erstaunen nahm man hier wahr, daß die Berliner Verttagsniächte nicht ohne weiteres darein willigen mochten, des geschlagenen Rußlands politisches Orientprogramm als überwundenen Standpuntt zu betrachten und zu behandeln. Damals machte Fürst Ferdinand wieder eine seiner bedeutungsvollen politischen Rundreisen. Er halte wieder kein Glück. Er wurde abermals vertröstet. Den bulgarischen Landen in Mazedonien wurde abgewinkt, und die Ruhe kehrte zurück. Inzwischen hat Rußland ' einen Zweiten gefährlicheren Krieg zu bestehen, den Krieg mit der Revolution. Es ist möglich, daß derZar-Befreier" aus diesem Krieg siegreich hervorgeht, wenn es auch nicht gerade wahrjcheinlich ist Aber geschwächt wird er ^ebenfalls sein, un& auf lange Zeit hinaus gehindert, eine offensive Politik nach außen zu führen. Das ist die bulgarische Rechnung, die in ihrem Schluß falsch sein kann, doch insofern richtig ist, w ^g^bu "icht hoffen darf, jemals mit des zarischen Rußland Zustimmung den Besitz von Mazedonien für sich zu erlangen. Darum haben es die politischen Geschäftsniänner Bulgariens etwas eilig. Sie wollen zum Vorgehen ^gezwungen" erscheinen, und sollten sie sich selbst zwingen, ^ie Umstände sind gar zu günstig: Der große Nikolaus in Peterhof ist von seinem eigenen Volk bedroht und seiner Soldaten nicht sicher der kleine Nikolaus «von Montenegro

< hungern, seitdem die Subsidien aus Petersburg ausbleiben der Schwarze Peter von Serbien hat sich von

politische Rundschau.

Deutsches Reid)»

* Der Bundesrat hat beschlossen, die Nebergangsabgabe die bei der Einfuhr von Bier in das Gebiet der Norddeutschen Brausteuergemeinschaft aus Bayern, Baden, Württemberg und den Reichslanden zur Erhebung kommt, auf 2,75 Mark für ein Hektoliter festzusetzen und zwar bis zur einheitlichen Regelung der Uebergangsabgabe im Wege der Reichsgesetz- gebung.

* In Sachen Fisch er-TiPPelskirch nimmt jetzt auch Land­wirtschaftsminister v. Podbielski das Wort. Auf in­direktem Wege, indem er sich von dem Vertreter eines Berliner Blattes interviewen ließ.

Herr v. P. hat als inaktiver General die Firma v. Tippels- kirch & Co. mitbegründet, um unsere Kolonialverwaltung von den englischen Lieferanten unabhängig zu machen. Als er wieder in den Staatsdienst trat, sollte das Geschäft ver­kauft werden; es fand sich jedoch kein Käufer, der die geforderte Summe gezahlt hätte. Und so mußte denn Herr v. P. die Teilhaberschaft seiner Gattin übertragen. Minister v. P. hat niemals von irgend einem Vertrag der Firma v. T. & Co. mit der Regierung Kenntnis genommen oder Einfluß auf Geschäftsabschlüffe geübt. Er war auch niemals in der Kolonialabteilung. Major Fischer ist, nach dem Urteil des Herrn v. P., ein fleißiger, arbeitsamer Mann, der schweren finanziellen Verpflichtungen gegenüberstand. Daß Major F. den Inhaber der Firma V. T. & Co. angeborgt habe, hat der Minister erst aus den Zeitungen erfahren. Die ent­liehenen Summen betragen, wie der Minister jetzt erfuhr, keineswegs 100000 M. Die Anzeige gegen Major F. hat tatsächlich Frau v. T. veranlaßt.

* Ein gerichtliches Nachspiel wird die ReichstngSersatz- Wahl in Hagen-Schwelm haben. Die Staatsanwaltschaft in Bochum hat gegen den Redakteur des sozialdemokratischen Volksblattes", Linxweiler, das Strafverfahren wegen Auf­reizung zu Gewalttätigkeiten eingeleitet. Das Delikt wird in einem zur Hagener Stichwahl veröffentlichten Gedichte ^Zum Sturm" gefunden.

* Der Letzte des Frankfurter Parlaments in der Pauls­kirche, der bayerische Historiker Prof. Dr. Johann Nepomul Sepp feierte Dienstag seinen 90. Geburtstag. Er gehörte zu jenen acht Professoren der Münchener Universität, die sich gegen die Freundin König Ludwigs !., Lola Montez, auf­lehnten, und dafür 1847 ihrer Lehrstühle enthoben worden sind, bis das Jahr 1850 die Wiedereinsetzung in Amt und Würden brachte. 1848 wurde Sepp in das erste deutsche Parlament gewählt, 1849 in den bayerischen Landtag.

Oesterreich-Ungarn,

Die Beziehungen zwischen Oesterreich -Ungarn und Serbien nehmen jetzt immer schärfere gönnen an. In Wien wird behauptet, Der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, welcher sich zurzeit auf Urlaub befindet, werde nicht mehr nach Belgrad zurückkehren, wenn die serbische Regierung ihre Rücksichtslosigkeiten gegen Oesterreich-Ungarn fortsetzen sollte.

England,

** Londoner Blätter berichten von einem Aufruhr in Kapstadt, den Tausende arbeitsloser Europäer heroorgemfen haben. Die Rebellen versuchten, die Menge für einen großen Volksaufstand zu gewinnen. Sie belagerten das Gouvernements­gebäude und verlangten von dem Premierminister Jamesen, daß sämtliche Arbeitslosen von Staats wegen regelmäßige lohnende Beschäftigung zugewiesen werde. Als ihre Forde­rringen unerfüllt blieben, unterriahmen sie einen Sturm auf das Gouvernementsgebäude, plünderten die Läden aus und stießen eine große Zahl der Eigentümer nieder, die sich ihnen entgegenstellten. Die Polizei ist außerstande, die Aufrührer zu bewältigen.

Kleine politische Nachrichten.

Kopenhagen, 7. August. Die Tagung der Jnternattonalen Frauenwahlrechtsvereinigung ist hier heute vormittag eröffnet worden. Vertreten sind fast alle europäischen Länder und die Vereinigten Staaten von Amerika.

München, 6. August. Das Zentrum wird in eine Besprechung der Denkschrift über die Reform der direkten Steuern in Bayern nicht eintreten.

Pof und GefeUrcbaft

*** Der Kaiser besucht nach den jetzt stattsindenden Truppenbesichtigungen in Lannover und Westfalen dfe Familie

Krupp auf Villa Hügel in Esten, woraus er sich nach Wilhelms« Höhe begibt und dort am 10. d. M. abends euitriffL De« Aufenthalt auf Wilhelmshöhe wird durch die Begegnung auf König Eduard in Friedrichshof am 16. d. M. unterbrochen. Das übliche Galadiner zu Ehren des Geburtstages bei Kaisers Franz Joseph am 18. d. M. findet aus Wilhelms« höhe statt.

*** Prinzessin Mathilde von Sachsen. Coburg und Gotha ist in Davos gestorben. Prinzessin Mathilde stand im 29. Lebensjahre und ist bin Tochter des Prinzen Ludwig von Bayern. Seit Mai 1900 war sie mit Prinz Ludwig von Sachsen-Coburg und Gotha vermählt.

*** Für die Taufe des kaiserlichen Enkels ist der 27. d. M. in Aussicht genommen. Die feierliche Handlung wird vom Oberhof- und Domprediger Dr. Dryander im Reuen Palais vollzogen werden. Zur Taufe werden sämtliche Geschwister des Kaiserpaares in Potsdam erwartet; auch die Geschwister der jungen Mutter dürften zugegen sein.

Aus Rom wird gemeldet, daß der Gesundheits­zustand des Kardinals Rampolla zu schweren Bedenken Veranlassung gibt. Der Kardinal leidet seit einiger Zeit schon an fortdauernder Nervenschwäche, Die ihn zur Arbeit unfähig macht.

Reer und flotte.

Die Entlassungen zur Reserve erfolgen in diesem Jahre bei den Garde-Jnfo-^erie-Regimentern schon am Samstag, Den 22. September. Bei den Garde-Regimentern der Kavallerie und Artillerie werden die Reservisten erst einige Tage später entlassen, da sie erst mit der Eisenbahn aus dem ^lanöoer» gelände zurückkehren.

Soziales Leben.

X Das reiche Preußen. Das Wachstum des National« Vermögens in Preußen wird durch die für die Jahre 1905/07 xfolgte Steuerveranlagung zur Vermögenssteuer beleuchtet, seit dem ^ahre 1895 ist die Zahl der zur Vermögenssteuer -erangezogenen Zensiten von 1,15 Millionen auf 1,38 Milli- men, deren steuerpflichtiges Vermögen von 63,8 auf 82,4 Milliarden Mark gestiegen.

X Arbeitgeberverband der Tabakbrauche. Infolge der Hetzereien unter den westfälischen Zigarrenarbeitern und der dadurch auf zahlreichen Betrieben hervorgerufenen Lohn« rrertigkeiten haben sich 126 Firmen des westfälischen Tabak- industriegebiets, das den Regierungsbezirk Minden sowie die mgrenzenden Gebiete (Lippe, Osnabrück usw.) umfaßt, auch die dort fabrizierenden Bremer und Hamburger Firmen, zu einem Arbeitgeberverband vereinigt. Mit dem Bremer und Hamburger Zigarrenfabrikantenverein hat der Westfälisch« erband ein Kartell abgeschloffen.

X 7000 Arbeiter ausgesperrt. Aus Troppau in Böhmen wird berichtet: Die von den Leitungen der Texttlsabriken in Melitz, Biala und Umgebung beschlossene Aussperrung ifl Montag von 55 Unternehmungen durchgeführt worden. Dw durch find W0 Arbeit« ausgesperrt. i

Ghrlicbc fahler.

Die ,,partes der friedlichen Erneuerung Russlands." So nennt sich, wie bekannt, eine neue Partei, die von wohlmeinenden, hochstehenden und hochdenkenden russisches Polittkern angeregt worden ist. Dieser Anregung find Vieh gefolgt, sodaß die Partei, endgilttg gebildet, nun mit ihrem Programm vor die Oeffentlichkeit treten konnte.

Das Programm

betont gleich in der Einleitung, daß die neue Partei der äußersten Linken, wie der reformfeindlichen Rechten fernstehe. Demgemäß wird gefordert:

1. Allgemein: Einengründlichen und sofortigen'1 Umbau aller Teile des sozialen und politischen Lebens. 2. In Justizfragen; Beteiligung der Verteidigung an der Voruntersuchung. 3. In Wahlfragen: Für Städte allgemeines, geheimes, gleiches, direttes Wahl­recht ; für das Land aber ein Zweistufensystem, sowie auch ein Zweikammersystem. 4. Jn der Agrarfrage: Schaffung eines mächtigen Kleingrundbesitzes sowie der Grundlagen für den Uebergang des Landes in den Besitz der Kleingrundbesitzer. Zur Befriedigung der Landnot haben zu dienen Kron-, Apanagen-, Kabinett-, Kirchen- und Klosterländereien, sowie Privatland. 5. Außerdem: Allgemeine Schulbildung und Verbreitung landwirtschaft­licher Kenntnisse, sowie Heranziehung aller Kräfte des Volkes zu gemeinsamer Arbeit an der Einrichtung der Selbstver­waltung in demokratischem Sinne.

Die neue Partei ist bekanntlich von den ehemaligen vumaabgeordneten Graf Heyden, Stachowitsch, Schipow Sutschkow und Fürst Lwow gebildet worden, von Männern llso, die Stolypin für sein Ministerium zu gewinnen be- nübt war.