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Freitag, den 7. Dezember 1906
15. Jahrgang
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(Hießener Leitung) .
fär DOeeheffe« und die Kreye Marburg und Wetzlar; Lökslameiger für Gießen und Umgebung.
Lachttt «Ke awiti^iw Bttamtam^ungen der Grohh. Bürgermeisterei Siegen, des S»»ih. Pslizeramtes Gießen und anderer Behörden v»n Oderhefstn.
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?schenk
restlichen und
politische Rundschau.
Deutsches Reich«
• Die beendigten Württembergische« LandtagSwahlen haben toS Ergebnis gehabt, daß 19 Kandidaten des Zentrums. 7 Kandidaten der Volkspartei, 7 Kandidaten der deutschen Partei und 7 Kandidaten des Bundes der Landwirte sowie 2 Sozialdemokraten gewählt wurden. Der Bauernbund hat 2 Sitze, daS Zentrum einen Sitz gewonnen, die Volkspartei drei Sitze verloren. Die deutsche Partei hat einen Sitz von der Sozialdemokratie gewonnen. 27 Nachwahlen müssen noch oorgenommen werden.
♦ Die Vollversammlung der westpreußischen Land- wirtschaft- kammer nahm zur Frage deS Landarbeitermangels in Westpreußen eine Resolutton an, worin u. a. aus nationalen H-ründen die Anwerbung von Chinesen alS Landarbeiter als bedauerlich erachtet wird; doch scheine sie unvermeidlich, und der Vorstand werde beauftragt, Vorbereitungen dazu zu treffen.
* Wie Ki den Wandelgiingen deS Reichstags mit grStzta Bestimmtheit verlautete, soll der nachträgliche OrdrmngSruf sie den Abgeordneten Roereu, den ReichStagspräfideut Dallestrem diesem am Tage nach dem Duell Dernburg- 91 oeren erteilte, nicht ohne Beeinflussung durch die Regierung entstanden sein. Die Regierung habe dem Grafen Ballestrem ; unzweideutig kundgetan, mit dem bisherigen freundschaftlichen Verhältnis habe eS ein Ende, wenn eine Zurückweisung der scharfen Aeußerungen RoerenS nicht in entschiedener Form et folge. So meldet unser Berliner OL-Mitarbetter.
Die Wahrheit dieser mit großer Sicherheit auftretenden ioc arM G.erüchte läßt sich natürlich nicht nachprüfen. Jedenfalls 1 b nm scheint der Zusammenstoß zwischen dem stellvertretenden ’ Kolonialdirettor und dem Zentrumsführer noch weitere Folgen z» zeitigen. Man spricht sogar von einem Disziplinarverfahren gegen Herrn Roeren, der bekanntlich OberlandeS- grrichts-Rat in Köln ist. Er hat in der Reichstagsfitzung baun letzten Montag von einem ^jungen grünen Assessor" gesprochen. Der in Frage stehende Beamte soll sich bereits b^schwerdeführend an das preußische Justizministerium gewandt
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halben.
♦ Der in Berlin tagende Landeseisenbahnrat hat zur Firage der Fleischtenerung Stellung genommen. Der Landes- eisenbahnrat beschloß mit großer Mehrheit, der Vorlage der 6 taatsregierung über Ermäßigung der Stückgut- und Wagen- lo dungs-Fracht für Fleisch von frischgeschlachtetem Vieh zu- -»stimmen. — Der Bundesrat hat sich entschlossen, die Fleischnot- Im terpellattonen am Mittwoch, den 12. Dezember, im Reichstage beantworten zu lassen.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 6. Dezember. Das Zentrum beantragt in der Budgetkommission, die Schutztruppe in Südwestafrika tm nächsten Etatsjahr auf 2500 Mann herabzusetzen.
Dresden, 6. Dezember. Die europäische Fahrplankonferenz beschloß, die nächste Konferenz am 12. und 13. Juni nächsten Jahres in London stattfinden zu lassen
Petersburg, 6. Dezember. Eine im russischen Handels- ministerium abgehaltene Konferenz hat sich gegen die Erteilung der Erlaubnis zur Durchfuhr russischen Petroleums aus Baku über die Wolga nach der Ostsee und über die Weichsel »rach Polen ausgesprochen.
London, 6. Dezember. Die Regierung teilt mit, daß die neue Verfassung für Transvaal am nächsten Mittwoch veröffentlicht werden soll.
Newyork, 6. Dezember. Roosevelt beabsichtigt, einen neuen Vertrag mit Japan vorzuschlagen, der die Einwanderung japanischer ungelernter Arbeiter ausschließt.
Peking, 6. Dezember. Stadt und Bezirk Niutschwang •fh offiziell von den Japanern an China zurückgegebW torden.
Tokio, 6. Dezember. Das neue japanische Budget fordert *ne Erhöhung der regulären Armee auf 750 000 Mann- Dadurch würde die militärische Macht Japans um fünfzig Prozent erhöht.
Konstantinopel, 6. Dezember. Aus Nesküb eingetroffene ^oten berichten, bap bi. Bulgaren im Bezirke Kumanovo miie 200 Mann starke Bande gebildet, einige serbenfreundliche Mörser überfallen und in einem Dorfe 60 dort angetroffene Soldaten entwaffnet hätten.
Deutscher Reichstag.
«(135. Sitzung.) Ca Berlin, 6. Dezember.
-^0 Jemer Heuttgen Sitzung beschäftigte sich der Reichstag üner K°n d^n Zentrumsmitgliede Speck eingebrachten ^ lerpellatton, die sich darüber beschwert, daß Gerste, die als Muttergerste zu dem niedrigen Satze von 1 M. 30 Pf. zur Aerczollung gelangt sei, in großen Mengen als Malzgerste, M bie der Zollsatz 4 M. beträgt, verwendet werde. Ab- geoordneter Speck, der Oberzollrat in München, also Sach- ^-.standlaer auf diesem Gebiete ist. begründete sehr ausführ
lich die Interpellation, wobei er auf die Entstehung der be- treffenden Bestimmungen im neuen Zolltarif des Näheren einging. Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel antwortete ebenfalls ausführlich, wobei er mitteilte, daß von einer übertriebenen Nachsicht der Zollbehörden bei Verzollung der Gerste nicht gesprochen werden könne und daß auch von einer übermäßigen Verwendung von Futtergerste als Malzoder Braugerste nichts bekannt sei. Die Frage, welche Gerste als Malz- oder welche als Futtergerste anzusehen sei, richte sich nach dem Preise. Hochwerttge Gerste werde als Malzgerste angesehen, minderwerttge als Futtergerste. Zum Schluffe betonte der Reichsschatzsekretär, es liege kein Grund zum Einschreiten vor, die abfällige Krittk des Interpellanten sei übertrieben. Auf Anttag des Abgeordneten Dr. Schaedler (Zentrum) fand eine Besprechung der Interpellation statt. Der sozialdemottattsche Redner Dr. S ü d e k u m hielt die Krittk deS Abgeordneten Speck für hinfällig; er habe durch fein Vorgehen nur die Gerüenpreise zum Vorteile der Agrarier in die Höhe getrieben. Der Nationalliberale Dr. Paasche bezeichnet dagegen die Stritt! Specks als durchaus berechtigt. Die Erklärung der Regierung stehe im Widerspruch mit früheren Erklärungen Seiner Zeit habe die Regierung zugesagt, daß alle Gerste mit 4 Mark verzollt werden sollte und nur diejenige, die ausschließlich als Futtergerste benutzt wurde, zu dem niedrigen Satze von M. 1,30. Heute habe der Reichsschatzsettetär etwas ganz anderes borgetragen. Der preußische Finanzminister, Freiherr v. Rheinbaben erklärte darauf, er habe sich bei der Verzollung nach der Ver- Ordnung des Bundesrates gerichtet; diese sei gut und bewährt und. verdiene die abfällige Krittk der Interpellation nicht. Wenn Malzgerste zu dem niedrigen Satze für Futtergerste verwandt werde, so müsse die Differenz vergütet werden, aber es sei nicht bekannt, daß dies in größerem Umfange geschehen sei. Der Redner der freisinnigen Volkspartei, Z u n tz betonte, daß er keine Verschärfung der Zollbehand» lung wünsche; die jetzige verstoße schon gegen die Handels. Verträge. Abgeordneter Hufnagel (bayer. Bauernb.) spricht sich im Sinne des Interpellanten aus.
Die Debatte zog sich hierauf noch längere Zeit hin. Abg. G o t h e i n (freif. Verein.) pflichtete dem Abg. Kempf bei. Grade im Interesse der Landwirtschaft müsse die Ein- führung von Gerste wefiXtlich erleichtert werden. Abg. Staufer (Wirtsch. Vereinig.) verlangte Denaturierung aller Gerste, die zu den niedrigen Zollsätzen eingeführt wird. Abg. G a m p erklärte sich im Sinne der Interpellation. Das Gleiche trat Abg. Pohl vom Zentrum. Mit einer Erwiderung des Reichsschatzsettetärs Frhr. v. Stengel, der nochmals seinen Standpunkt betonte, schloß die Debatte.
Soziales Leben«
X Pensionsberechtigung sür die stnatlichen Arbeiter in Bremen. Die Bürgerschaft in Bremen nahm den Gesetzentwurf an, welcher den staatlichen Arbeitern und Angestellten vom 1. April 1907 ab Pensionsberechtigung gewährt.
X Außergewöhnliche Zuwendungen für die Beamten bei Krupp. Die Firma Krupp bewilligte ihren sämtlichen Beamten eine außerordenckiche Zuwendung in Höhe eines Monatsgehaltes. Die der Firma hierdurch erwachsende Ausgabe beträgt etwa zwei Millionen Mark.
Eine ßombcnfabrih in Hamburg.
§ Hamburg, 6. Dezember.
Vor dem hiesigen Landgericht hat heute ein interessanter Prozeß gegen eine Anzahl russischer Revolutionäre begonnen. Angeklagt sind der Maurer Berend Dserwen, der Journalist Karl Sutte, der Maurer Martin Skulte, der Maurer Johann Dauksch, der Zimmermann Robert Graß, der Maurer Karl Grünberg, der Zimmergeselle Johann Witolin, der Zimmerer Peter Graß, der Maurer Jakob Jassis und der Zimmermann Karl Pelekais, sämtlich aus Rußland gebürtig. Ihre Ver- Haftung hat seinerzeit zu dem Gerücht Anlaß gegeben, es sei eine Bombenfabrik entdeckt worden. Tatsächlich scheint es sich nur um einen, allerdings in sehr großem Umfange betriebenen Waffenschmuggel nach den russischen Ostseeprovinzen gehandelt zu haben.
Wie die Ermittelungen ergeben haben, bildeten die Angeklagten zusammen die Abteilung Hamburg der „Lettischsozialdemokratischen Arbeiterpartei" in Deutschland. In der Nacht vom 26. zum 27. August d. J. wurden Dserwen und Skulte festgenommen, weil sie sich durch den Transport von Waffen und Munitton, die sie in großen Paketen versteckt hielten, verdächtig gemacht hatten. Die Pakete enthielten 525 scharfe Patronen im Werte von 88 Mark und 20 Futterale für Mauserpistolen. Am Tage vorher war bereits ein anderer Ruffe wegen Verdachts anarchistischer Umtriebe verhaftet worden, der sich Favart nannte und im Besitze eines ordnungsmäßigen belgischen Paffes befand. Dieser Favart war in Wirklichkeit der Angeklagte Sutte. Ein vierter Ruffe, namens Tiefenthal, der sich der Festnahme durch die Flucht entzogen hatte, hinterließ in seiner Wohnung eine große Anzahl lettischer Schriftstücke und Drucksachen, ferner 4750 Browing- und 750 Mauserpatronen, 20 Entladestöcke usw.
Wie festgestellt wurde, war die Gründung des Geheimbundes von einem russischen Revolutionär in Brüssel bettie
ben worden und der Verein stand mit ähnlichen Verbindungen in Brüssel, Newyork, Boston, London in Beziehungen, die im wesentlichen auf die Unterstützung der rufischen Revolution und den Waffenschmuggel nach den Ostseeprovinzen hinausliefen. Der Angeklagte Skulte erscheint auch als Teil, nehmer an einer in den Ostseeprovinzen verübten Mord, brennerei. Für seine Ergreifung sollen von der rusfichev Regierung 1000 Rubel ausgesetzt sein. Die Angeklagten sind der ihnen zur Last gelegten Vergehen im wesentlichen ge> ständig. Als Verteidiger der Angeklagten fungieren die Rechts« anwäUe Dr. Liebknecht-Berlin und Dr. Hc^-Altona.
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Nab und fern.
t Ende einer Schwindelbank. Die Bücher deS Bankgeschäfts Erich Riedel in Leipzig wurden beschlagnahmt und der Prokurist Dittmann, ein früherer preußischer Polizei- kommissar, wurde verhaftet. Die Firma vermittelte Darlehen. Ihre Tätigkeit, die sich durch Agenten über das ganze Reich erstreckte, bestand aber nur in der Erhebung von Vorschüssen von Darlehnsuchenden.
t Begnadigter Mörder. Der im Juli vom Kieler Schwurgericht zum Tode verurteilte Brudermörder Steffen Karsten- aus Nesserdeich bei Lunden (Dithmarschen) ist vom Kaiser zu lebenslänglicher Zuchthaussttafe begnadigt worden.
t Sturm und Erdbeben. Die Elemente befinden sich in Aufruhr; von überall her werden Unwetterschäden gemeldet und auch die Erde bebt wieder. Folgende Nachrichten liegen vor:
Königsberg t Pr., 5. Dezember. Auf der Kleinbahnstrecke Possindern—Tapiau wurden zwei Eisenbahnzüge umgeweht. Von dem einen Zuge wurden zwischen den Stationen Rachütten und Bulitten ein leerer Wagen, ein Wagen mit 150 Tonnen Zement, der Packwagen und ein Personenwagen durch die Gewalt des Sturmes umgeworfen. Das gleiche Schicksal traf einen entgegenkommenden Zug bei Genditten, der vollständig umgedreht wurde.
R o m i n t e n, 5. Dezember. Im kaiserlichen Jagdrevier hat der Sturm unter den Waldbeständen argen Schaden angerichtet. In einzelnen Schutzbezirken find nach oberflächlicher Schätzung 2000 bis 3000 Meter Holz vom Sturme umgeweht, auch die Telegraphen- und Fernsprech- leitungen in der ganzen Heide find unterbrochen.
Bielefeld, 6. Dezember. Im ganzen östlichen Westfalen sind große Schneemassen niedergegangen, auf weite Strecken sind die Telephondrähte gerissen, in Herford sind zwei Drittel des Stadttelephonnetzes zerstört.
Hannover, 6. Dezember. Heute nacht trat hier her erste starte Schneefall ein. Fast alle Drahtleitungen sind zerstört.
< ü n j o n, 6. Dezember. Ein heftiger Sturm wütet in Nordengland und Schottland und richtet große Verheerungen an. In Arghill wurde durch den Sturm die große Station für drahtlose Telegraphie zerstört. Aus Liverpool konnten selbst große ttansatlantische Dampfer nichl aus dem Hafen.
Newyork, 6. Dezember. In Kingstow (St. Vincent) hat gestern abend ein Erdbeben stattgefunden, das 30 Sekunden anhielt. Diese beispielslose S)auer setzte die Bevölkerung in Schrecken. Das Erdbeben wurde auch auf Barbados und noch heftiger auf Santa Lucia gespürt.
+ Kampf in der Luft. Wuf dem Flur des zweiten Stockes eines Hauses in Berlin waren die Maurer Maticke und Bader in Streit geraten. Maticke schleuderte seinen Gegner über die Brüstung des Flurfensters in den Hof, Bader faßte aber im letzten Moment nach dem Gegner, und so wurde dieser mit in Cie Tiefe gerissen. Bader erlitt bei dem Sturz lebensgefährliche Verletzungen, Maticke kam mit leichteren Kontusionen davon, da er auf Bader gefallen war. Es wurde sofort ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet.
f Die Auslieferung des Rechtölehrers Karl Hau, der unter dem Verdacht, seine Schwiegermutter in Baden-Baden ermordet zu haben, in London verhaftet wurde, konnte bisher noch nicht stattfinden, da das jetzt aus Deutschland ein« getroffene Material gegen Hau noch zu unzureichend für eine AusliewT-nna ist
f Neberfall ht der Wohmmg. Von der VerNner Krlmknab Polizei wurde wegen versuchten Mordes die 24 Jahre alt» Fabrikarbeiterin Emma Holzmann verhaftet. Das Mädchen hat die Witwe Heischke in der Husfitenstraße überfallen unk beraubt. Die Holzmann wurde von den Allgemeinen Elektrizitätswerken, auf denen sie bis dahin arbeitete, entlassen. Da sie nun mittellos war, dachte sie cm Frau Heischke, deren Tochter sie kannte. Sie wußte, daß Frau Heischke immer etwas Geld in der Wohnung hatte und kam auf den Gedanken, sie niederzuschlagen und zu berauben. Diesen Entschluß führte sie aus. Die Festgenommene ist geständig.
t Mysteriöser Doppelselbstmord. In Spandau wurde der Gemeindeschullehrer Franz Stein und seine Frau tot im Bett ihrer Wohnung gefunden. Beide hatten sich vergiftet. Auf einem Tisch lagen Abschiedsbriefe an die nächsten Ver- wandten. Das Ehepaar hatte in geordneten Verhältnißen gelebt. Der Lehrer war sehr nervös und wahrscheinlich lebensüberdrüsfig.
er im CH 6.