Nr. 209
Donnerstag. pen 6. September 190b
15. Jahrgang
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«Mdkiier Tanevt-^t) Nnaöyängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)
Kr Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; ZrälMzeiger für Meßen und Umaebuna Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gieß-?n, des f^ro^h. Wi^arnt?* ^ie^en unh nnW^r ^Mrhon ^ ^-^”-* ^^^^^^^^^^^^^— ^^^^MNWIIIMM>IM^»MI>WIIW>IWV^'' ->MMGVM>^--p»»^'^ââSM»â»««»«-M!«»i-!VM^.' -7^-^:.- v^r»-«r ^»^>^. ^ v!è «^ r^yr ^. »^ mr.: ^sqeLM»^'^^ ,^>- ^^«Ev.v»^'^, ? ^ ^n^^"«^ > .^^ v^^^»^M,^ „^. pt~ uifTTWJ»
Russische ^sugenä von heute.
Von einem objektiv urteilenden hervorragenden ^oH fiter toirb der „Deutschen Reform-Korrespondenz" geschrieben:
Die Mordtaten, mit denen die russische revolutionäre Belegung sich fortgesetzt befleckt, werden meist von jüngeren Leuten beiderlei Geschlechts ausgeführt. Unreife Burschen und unreife Mädchen greifen zu Dolch, Pistole, Bombe und schlach'en Menschen mit einer Kaltblütigkeit ab, die Schaudern Hervorrufen muß. Es kommt ihnen auch gar nicht da- mnf an, völlig Unbeteiligte in Massen abzuwürgen, wenn sie mir hoffen dürfen, den Gegenstand ihres Hasses mitzutreffen. So blindwütig gehen sie bei der Exekution ihrer namenlosen Todesurteile vor, daß sie sich nicht einmal die Mühe geben, die Identität des „Verurteilten" festzustellen. Ministerpräsident Stolypin soll fallen — und sie sprengen ein ganzes Haus voll Menschen in die Luft. General Trepow wird von ihnen zum Tode gezeichnet — und der freiwillige Mörder erschießt einen General, der mit dem „Verurteilten" eine fuchtige Ähnlichkeit hat. In Interlaken erschießt eine Russin einen harmlosen Vergnügungsreisenden, blos weil sie sich ein- Jilbete, er sei Durnowo, dem sie den Tod zugedacht hatte. Daß die Mörder ihr eigenes Leben für nichts achten, ist selbstverständlich. Aus dieser Selbstaufopferung kommt ihnen die Vorstellung von der Berechtigung ihres Tuns.
Die Grundlage des ganzen Jdecnk.eises ist Ueberhebung icnb Wahnwitz. Junge Menschen, die noch nicht gelernt huben, gerade zu denken, sind aus allem Gleichgewicht geraten, heil gewisse Gedanken, die sie hegen, ihnen als die notwendige Voraussetzung und Anleitung zu einer allgemeinen Beglückung erscheinen. Damit die positive Beglückung Wirklichkeit werde, müsse zunächst das Schlechte in seinen Repräsentanten weggerafft werden. Weil sie — unklar genug — von einem besseren Zustand der Dinge geträumt haben, weil sie vielleicht von gewissen Lastern frei sind, unter denen sie und ihre Volksgenossen zu leiden haben, weil sie vielleicht etwas mehr Kenntnisse besitzen als ihre rückständige Umgebung, halten sie sich für intellectuell und sittlich hervorragende Menschen, denen gestattet sei, für ihre Zwecke sich von allen menschlichen und göttlichen Satzungen zu emanzipieren. Größenwahn erfüllt sie und macht ihre angebliche Menschenliebe zur frechen Fratze, zu wirklicher Unmenschlichkeit, verwandelt ihren vermeintlichen Freiheitsdurst zum Blutdurst. Sie sind noch nicht trocken hinter den Ohren; doch das hindert sie nicht, sich für Uebermenschen zu halten, für die seine anderen als die selbstgegebenen Gesetze Geltung haben, die über die natürlichsten Gefühle sich hinwegsetzen dürfen. Sie sind Fanatiker des Wahnsinns, die ihre Zügellosigkeit in ein System gebracht haben.
Die sogenannten „Denker" dieses schmählichen Anarchismus, ebenso unreif wie die Menge der Nachläufer und Nachbeter, bilden sich ein, sie könnten durch Verbreitung des Schreckens Staat und Gesellschaft zur Auflösung bringen und dadurch die Bildung einer Neuordnung nach ihrem Sinne vorbereiten. Sie rufen auch wirklich Schrecken hervor. Doch auf den Schrecken folgt die Entrüstung und auf die Entrüstung die schnelle Notwehr, die dazu treibt, die Schule des Verbrechens zu schließen. Natürlich behält es dabei nicht sein Bewenden. Die notwendige Reaktion greift weiter, viel weiter und wirft zugleich auch alles berechtigte Freiheitsstreben zu Boden.
Die steiheitliche Bewegung in Rußland hat keinen [dämmeren Feind als den Jugend-Schrecken, dessen Taten darum fluch von der russischen Reaktion mit einer gewissen Schadenfreude gesehen werden. Das fühlt man in weiten russischen Kreisen selbst, und darum gibt es in Rußland nicht wenig Leute, die aufrichtig überzeugt sind: zwischen der Re- attion und den Untaten des Jugend-Schreckens bestehe ein enger Zusammenhang, der zugleich erkläre, wie es den Anarchisten gelinge, aller Überwachung spotten. Ob solche Vermutung berechtigt ist, wird vielleicht nKmit Sicherheit festgestellt werden können. Sie ganz in das Reich der Fabeln ru verweisen, geht nicht an, nachdem festgestellt ist, daß beispielsweise der Pope Gapon, der am „blutigen Sonntag" deS vorigen Jahres in Petersburg die unbewaffneten Arbeiter den Engeln der Soldaten entgegenführte, ein Staatspensionär gewesen.
Der russische Jugend-Schrecken, das ist sicher, bedroht die freiheitliche Bewegung in Rußland aufs Aeußerste. Daß er die Sympathien des Auslands nimmt, ist noch der geringste Schaden. Weit bedeutungsvoller ist, daß er in Ruß- LgV t?streite Vevölkerungskreise in das entgegengesetzte
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
^^ch ?bui plötzlichen Wechsel im Kolonialamt Ba« ichastigt sich die Oeffentlichkeit natürlich mit der Möglichkeit n»er anderweiten Verwendung des Erbprinzen zu Hohenlohe- .amgenburg. Man spricht, wie unser S^-Dtitarbeiter erfährt,
davon, daß der Prinz als Nachfolger seines Vaters vlatthalter von Elsaß-Lothringen werden soll. Ob diese uLeldung sich bestätigt, mu§ dahingestellt bleiben.
* In Hannover verlautet, daß eine Aussöhnung mit dem o.mse Cumberland bevorstehe. Prinz Ernst August von tmmberlanb solle demnächst als Offizier in das deutsche Heer
ein treten, und zwar in einem badischen Garnisonsorte. Wenn sich diese Nachricht, die vorläufig noch zweifelhaft klingt, bestätigen sollte, so wäre damit ein Schritt von nicht zu unterschätzender politischer Bedeutung getan.
* Der neue Leiter her Kolonialabteilung, Exzellenz Dern- bürg, hat bereits seine Entlassung aus dem Vorstände der Darmstädter Bank genommen und sich vom Aufsichtsrate der Sans verabschiedet. Gleichzeitig leilte Herr Dernburg mit, daß er die sämtlichen AvrsühtSrats stellen, die er bisher mue- gehabt, niedergelegt habe.
Russland.
Die. Regierung beschäftig: sich jetzt augenblicklich mit der Agrarreform, ist aber zu bestimmten Vorlagen noch nicht gefommen. Dem Gerücht, baß Ländereien der Kosaken auf- geteilt werden sollten, tritt der Ministerrat ausdrücklich entgegen. Im Uebrigcn ist die Lage im Lande noch sehr traurig, wie folgende Meldungen beweisen:
Helsingf 0 rS, 5. September. Maskierte Männer und in das Bureau der Unionbank eingedrungen, töteten den Kassierer und raubten eine große Barsumme. Ein Stäuber wurde verhaftet, die übrigen entkamen jedoch mit dem Gelde.
Riga, 4. September. Gegen einen stark besetzten Straßenbahnwagen wurde eine Bombe geworfen. Ein Passagier wurde tödlich verletzt, ein Schutzmann verwunde:, ein Polizeioffizier vom Wagen geschleudert und der Wagen zertrümmert.
Wenden, 5. September. Der Kommandant ließ drei hiesige Einwohner erschießen, weil sie die Mörder eines in der vorigen Woche erschossenen Polizisten nicht angeben konnten. Er erklärte außerdem, daß beim nächsten politischen Morde neun Einwohner und im Falle eines dritten Mordes 27 Einwohner erschossen werden würden. Und so werde die Zahl von Fall zu Fall in gleichen! Verhältnis steigen.
-riflis, 5. September. In Etschmiadzin hat eine Versammlung eines Teiles der Bevölkerung beschlossen, sich als Volksvertretung zu konstituieren und sich weitgehende gesetzgeberische Rechte zuzulegen. Das bedeutet den direkten Abfall des Kaukasus von Rußland.
Die Demoralisierung ist eben allgemein, noch größer aber Die Furcht der höheren Beamten vor neuen Attentaten. Zahlreiche Kutscher wurden mit Gefängnis bestraft, weil sie sich weigerten, Generale und andere hochstehende Militärs zu wahren. In Odessa stehen die dem Gouverneurpalast benachbarten beiden Hotels, sowie auch eine sonst viel besuchte ^amilicnpcnfion beständig leer. Und es ist nur ein Zeichen Der allgemeinen Verwirrung, daß ein Gerücht Glauben sinder, wonach Graf Witte im strengsten Inkognito in Peterhof eingetroffen sei. Atan denkt sich dabei allerlei.
Balkanstaatcn.
** In Konstanza in Rumänien hat ein lieb erfüll ans den ungarischen Konsul stattgefunden. Dieser hatte zwei ungarische Damen gegen die Insulten des Präsidenten der rumänischen Kulturliga beschützt und den Attentäter zur Rede gestellt. Der Herr Präsident schlug darauf den Konsul ins Gesicht und die Umstehenden stürzten sich auf den Angegriffenen, den erst das Dazwischentreten eines Generals von dem Pöbel befreite. Eine nette Kulturliga!
Amerika.
** Noch vor wenigen Wochen wurde das Bestehen einer Verschwörung gegen die Amerikaner in Mexiko offiziell abgeleugnet. Nunmehr wird aber doch zugegeben, daß der glühende Rassenhaß zwischen Mexikanern und Amerikanern, bei am 1. Juni d. J. zu den entsetzlichen Rassenkämpfen in dem mexikanischen Gruben orts La Cananea führte, bei der mexikanischen Grenzbevölkerung den Plan einer großen Verschwörung zur Vertreibung der Amerikaner auf mexikanischem Boden zur Reife gebracht zu haben scheint. Nachdem die amerikanischen Behörden einem weitverzweigten Komplott mexikanischer Grubenarbeiter in Arizona auf die Spur gekommen sind, befürchtet man, daß die Verschwörer, um dem Einschreiten der Behörden zuvorzukommen, mit der Ausführung ihrer Pläne nicht mehr länger zögern werden. Die Revolution ist bereits in vierzig Städten organisiert, unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung und die Vereinigten Staaten sammeln Truppen an der Grenze. Augenscheinlich Lehen schwere Kämpfe bevor.
Hium
** Die letzten Nachrichten aus Lahore lassen erkennen, daß sich eine starke Gärung in Indien zeigt, die wohl Beachtung verdient. Die feindselige Haltung der Muhammedaner gegen die Agitation der Hindu wegen der kürzlich erfolgten Teilung Bengalands in zwei Provinzen, hat zu einer Bewegung zu gunsten eines großartigen politischen Zusammenschlusses der Muhammedaner geführt. Der Vizekönig hat sich bereit erklärt, am 1. Oktober d. I. eine muhammedanische Abordnung zu empfangen, die ihm die Beschwerden von Millionen Bundesgenossen, die den Erfolg der Agitation der Hindus als eine Bedrohung ihrer Interessen ansehen, zu Gehör bringen will.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 5. September. Oberleutnant August Gademann ist bei Uchanariß in Südwestafrika gefallen.
Weimar, 5. September. Am 30 September und 1. Oktober wird hier der zehnte christlich soziale Parteitag stattfindeu. ”
^utin, 5. September. Im nächsten Oldenburger Landtag wird der nationalsoziale Abgeordnete Voß einen Antrag auf Einrichtung von Simultanschulen stellen.
Budapest, 5. September. Das Ministerium des Innern konstatiert offiziell, daß die Auswanderung aus Nord- und eübsUngam nach Amerika trotz der guten Ernte in den letzten Monaten wieder bedeutend zugenommen habe.
- Caracas, 4. September. Der Zustand des Präsidenten Castro hat sich verschlimmert. Castro hütet das Bett und empfängt niemand. Es heißt, daß er gelähmt sei. Alle Vorbereitungen sind getroffen, damit im Falle einer Kata- ftiuphe die Präsidentschaft auf Gomez übergeht.
Dos und Gesellschaft
*** Das Kaiserpaar trifft heute Donnerstag nach-, mittags 5 Uhr in Breslau ein, wo umfangreiche Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen worden sind.
*** Im Hause des Prinzen Eitel Friedrich von Preußen, des zweiten Sohnes des Kaisers, wird für Dezember ein freudiges Familienereignis erwartet.
*** Auf eine fünfzigjährige Negierungszeit konnte gestern der Großherzog Friedrich von Baden zurückblicken. Eine Feier dieses bedeutsamen Tages ist jedoch unterblieben, mit Rücksicht darauf, daß der Großherzog am 9. seinen achtzigsten Geburtstag und am 20. d. M. seine goldene Hochzeit feiern wird. Die Feier der goldenen Hochzeit des großherzoglichen Paares wird bereits am 16. d. M. ihren Anfang nehmen. Der Kaiser und die Kaiserin werden der Feier beiwohnen.
Am 7. September feiert die Freifrau Charlotte Amalie von Jud, geborene Prinzessin von Schwarz» burg-Sondershausen, ihren neunzigsten Geburtstag. Sie ist das älteste Mitglied aller europäischen Fürstenhäuser.
*** Zur Feier der Enthüllung des K a i s e r - W i l h e l m> Denkmals in Bonn am 16. Oktober werden alle Fürstlichkeiten, die in Bonn studiert haben, vom Festausschuß eingeladen werden. Zum Teil haben sie ihre Teilnahme schon zugesagt. Die Teilnahme des Kaisers, des Kronprinzen und des Prinzen Eitel Friedrich steht fest. Es ist ein großer allgemeiner Studentenkommers in der Stadthalle geplant; der Kaiser wird ihm mit seinen beiden Söhnen beiwohnen.
Deer und flctte.
Großadmiral von Kösters Abschied. "Wie bestimmt verlautet, scheidet nach den Herbstmanövern Großadmiral von Köster aus dem aktiven Frontdienst aus und tritt in den Ruhestand. Aus diesem Anlaß versammelt sich die aktive Schlachtflotte am 14. September, dem letzten Tage der Manöver, auf der Reede von Brunsbüttel, woselbst der Kaiser sich vor dem gesamten Offizierkorps der deutschen Marine bom Großadmiral feierlich verabschi den wird.
Kollision zweier deutscher Torpedoboote. Bei einer Uebung in der Nordsee auf der Höhe von Schillighövn rannte infolge eines falsch verstandenen Kommandos das Torpedoboot „S 30" in das Torpedoboot „S. 31 hinein; dadurch entstand ein so großes Loch unterhalb der Wasserlinie, daß „S. 30" sofort zu sinken begann. Die unter Deck befindlichen Mannschaften konnten sich nur noch mit knapper Not in Sicherheit bringen. Den schnell herbeigeeilten anderen acht Torpedobooten derMinensuch-Division gelang es unter das wegsinkendeTorpedo- boot Trossen hindurchzuziehen, die an jedem Ende von einem Torpedoboot gehalten wurden. So in den Trossen hängend wurde „S 30" nach Wilhelmshaven gebracht. Durch die Kollision hat auch „5 31" erhebliche Schäden erlitten.
Sozialeb Leben.
X ^nfernrütonakr Kongreß für Wohnnngshygiene. Der Kong eß wurde in Genf unter dem Vorsitz des Bundesrates Ruchet eröffnet. Die meisten europäischen Staaten sowie eine Anzahl von Städten haben Vertreter entsandt, so namentlich Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Italien, Belgien, Frankreich, Schweden, Rußland, Spanien, Griechenland, Bulgarien, Serbien und die Schweiz; von Städten u. a. Dresden, Prag, Budapest, Venedig, Rom, Barcelona, Madrid, Lissabon, Paris, Antwerpen, Stodbohn, Moskau. Bundesrat Ruchet sowie der Präsident des Staatsrats Fazv begrüßten den Kongreß im Namen der schweize-rischen und der Genfer Behörden.
X Bom böhmischen Kohlcnjtrcik. In dem Ellyschacht in Seestodtl wurden arbeitswillige Bergleute von Ausständigen übermüen. (Senbannme schritt ein und verhaftete drei der Angreifer. ___
Handwerks- und Gewerbehammertag. ’
(Zweiter Tag.) Sg. Nürnberg, 5. September.
Bei Eröffnung der heutigen, wiederum stark besuchten Versammlung bemerkte man am Tisch der Regierungs- kommissare als Vertreter der Reichsreaierung Geh. Ober-