Nr. 208 __
Mittwoch. Pen 5. September 190b
15. Jahrgang
^iHm u.HâvptervedMon: Gieße», Selters»e, VS, SrwtfNt€***f*l*N Nr. 36S.
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(chießener TageStE) Ynabhängige Tageszeitung
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(Hießener Zeitung)
str DtttheffM uni> die Kreise Marburg und ^e^lar# Lötülgnzeiger für Gießen und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Grotzk. Velnemmtes Gieben „nh mth^r M-Wh^ ^~<^
Gxzellenz Dernburg.
Vor Jahren schon hat ein kluger Kaufmann dringend geraten, man möchte in der politischen auswärtigen Vernietung des Reichs dem Kaufmann breiten Raum gönnen. Jrtzt ist diesem Rat nach gehandelt worden. Nicht buchstäblich, sondern in eigenartiger Weise: an die Spitze der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts soll ein Kaufmann treten, der seitherige Bankdirektor Bernhard Dernburg. Er ist zum selbständigen Leiter der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, und zwar mit dem Titel eines Wirklichen Geheimen Rates und dem Prädikat Exzellenz ernannt worden. Dernburg ist self-made-man. Dernburgs Vater war früher in Darmstadt Advokat und einer der Führer der nationalliberalen Partei. Als solcher vertrat er zurzeit den Wahlkreis Offenbach, der später an die Sozialdemokraten fiel. Später war Dernburgs Vater Chefredakteur der „Nat.-Ztg." m Berlin und ist jetzt Feuilleton-Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes". Der Ostkel ist der Professor der Jurisprudenz Heinrich Dernburg. Der neue Leiter des Kolonialamtes begann seine Laufbahn als einfacher Korrespondent bei der Deutschen Bank. Bald lenkte er die Aufmerksamkeit Georg von Siemens auf sich, wurde Vorstand der deutschen Treuhand- zesellschaft, leitete dann finanztechnische Operationen in Amerika ^nd wurde 1901 ^-ir Direktor der Darmstädter Bank berufen. £r erweckte das Institut zu neuem Leben und errang bedeutendes Ansehen in der deutschen Finanzwelt durch die unter seinem Eingreifen vor sich gehende Rekonstruktion der in der allgemeinen Krisis wankenden Preußischen Hypothekenaktien- bank, Deutschen Grundschuldbank, Pommerschen Hypothekenbank und Mecklenburg-Strelitzschen Hypothekenbank.
Die Ernennung Dernburgs ist eine Neuerung und ein Vorbild zugleich. Der seitherige Direktor der Darmstädter Bank gibt eine hervorragende, sichere und glänzend dotierte Stellung auf, um gegen geringes Entgelt, in vergleichsweiser Abhängigkeit und jeden Augenblick der Entlassung gewärtig, dimi Reich zu dienen. Gewiß kann es auch einen großen Ehrgeiz befriedigen, die deutsche Kolonialpolitik in die B^hn des Erfolges zu leiten. Aber der Ehrgeiz, der hier in Frage kommt, ist ein idealer und opferwilliger, kein begehrlicher Ehrgeiz. Ihn sollten unsere königlichen Kaufleute sich zum Muster nehmen. Wir verdenken ihnen nicht, daß sie hinausfahren, &üter zu suchen, ihren Besitz zu mehren. Aber sie sollen zugleich dafür sorgen, daß an ihr Schiff das Gute sich anknüpit, daß von ihrem Gewinn ein Teil dem gemeinen Wesen zufließt. Der königliche Kaufmann soll nicht blos an sich und an sein Geschäft, er soll auch an baë Reich denken, und zu Unternehmungen bereit sein, die nicht einzig dem eigenen Vorteil dienen.
Wir zweifeln nicht, daß es auch im heutigen Deutschland solche königlichen Kaufleute gibt. Ihr Eifer, dessen sind wir gewiß, wird ganz besonders dadurch geweckt werden, daß ‘ fernerhin die Kolonialarbeit von einem Kaufmann geleitet wird, d. i. nach kaufmännischen Grundsätzen und mit dem kaufmännischen Blick, der manchmal schärfer ist und weiter reicht, als der Blick des geschulten Diplomaten.
Die Tüchtigkeit des deutschen Kaufmanns ist bekannt. Nicht von heute und gestern. Man mag die staatenbildende straft des englischen Kaufmanns mit vollem Recht rühmen, sein deuttcher Berufsgenosse braucht neben ihm nicht zu erröten. Während die Römischen Kaiser deutscher Natton die toste ihrer Hausmacht und des Reiches in einer undeutschen ober wenigstens außerdeutschen Politik vergeudeten, war es der deutsche Kaufmann, der in den Hansastädten dem deutschen Namen Ehre und Ansehen gewann. Die „Pfeffersäcke" — das war der Spottname des Kaufmanns — waren eine stolze und kriegskundige Gesellschaft, die manchem König Jc^be ansagte, manches Land besiegte und weite Gebiete erobernd sich unterwarf. Namen und Wesen des „königlichen Kaufmanns" hat man in Deutschland zuerst gekannt. Des deutschen Kaufmanns Macht und Ansehen reichten weit über die Grenzen des Reiches hinaus und erwiesen sich zu wiederholten Malen stark genug, die deutsche Königswahl zu be= ftunmen. „Pfeffersäcke" wie die Fugger und Welser waren oortreffliche Diplomaten, deren Geheimnisse sich nicht auf das Neheimbuch im Komptor beschränkten.
Darüber sind Jahrhunderte vergangen, Jahrhunderte des Elends für das Deutsche Reich. Erst unser Geschlecht hat nieder das neuerstandene Reich gesehen, das aus Blut und Eisen emporgewachsen ist. Und sofort war wieder der großzügige deutsche Kaufmann zur Stelle, wagemutig und be= ; saunen, weiten Blickes und vorschauend. In verhältnismäßig wenigen Jahren schuf er die zweitmächttgste Handelsflotte. Dne Welt freilich war fortgegeben, es war ka^m ein Fleckchen . der Erde geblieben, wo die deutsche Flagge hätte aufgepflanzt werden können. Aber der deutsche Kaufmann brach sich überall Bahn, durch eigene Kraft und Tüchtigkeit. Es gelang ihm sogar, hier und da im „dunklen Erdteil" noch ein Stück Landes ausfindig zu machen, das noch frei war und deutsches Schutzgebiet werden konnte. Die deutsche Kolonialpolittk echond. Nach dem Willen des Fürsten Bismarck hätte der 6 ,königliche Kaufmann" vorangehen, das Reich ihm folgen l ioMem Der Kaufmann war dazu bereit. Doch das Reich letvorzugte eine andere Politik. Es gewann Kolonien, die ! es nicht erst durch den Kaufmann bearbeiten ließ, und ver- j faltete sie von Berlin aus. Beamte waren die Leiter der
Kolonien, Juristen, Bureaukraten, WCilitärS. Wir haben damit keine sehr glücklichen Erfahrungen gemacht. Kolonien sind zumeist in erster Reihe wirtschaftliche Unternehmungen, sollen es sein. Daß man nach dieser Regel nicht handelte, hat uns in manche Ungelegenheiten gebracht und uns viele Kosten gebracht. Wir rechnen dazu die Aufstände nicht ganz, denn diese hätten wohl auch unter einem anderen Kolonialregime ausbrechen können. Aber der Beamte, der Jurist, der Bureaukrat, der Offizier, haben nur in den seltensten Fällen kaufmännische Begabung. Man kann sie bei ihnen wenigstens nicht doraussetzen. Der Mangel an solcher Begabung ist sehr empfindlich geworden.
Vrlkânkrieg in Sicht !
Konstcmnnopet ist voller Kriegsgerüchte. Tatsächlich hat die türkische Heeresleitung mehrere Truppen-Abtcilnngcn auf MobilmachungSfnß gestellt und nach der bulgarischen Grenze entsandt. Wiederholt haben militärische Verhandlungen im Ministerrat stattgefunden und das Kriegsministerium ist in fieberhafter Tätigkeit. Vier Divisionen türkischer Landwehr sind zu den Fahnen einberufen worden.
Nach den Ursachen für diese Vorbereitungen braucht man nicht zu fragen angesichts der ziemlich provozierenden Haltung, die Bulgarien in den letzten Wochen angenommen hat. Das Bandenunwesen in dem umstrittenen Macedonicn, an dem Bulgarien und Griechenland in gleichem Maßstabe die Schuld tragen, hat bekanntlich zu einer Spannung zwischen den beiden Miniaturmächten geführt, die jeden Augenblick an den Abbruch der diplomatischen Beziehungen den Beginn offener Feindseligkeiten knüpfen kann. In Sofia wie in Athen möchte man gar zu gern die bisher noch der türkischen Herrschaft unterstehende Provinz als gute Beute dem Großherrn wcg- schnappen und das sogen, makedonische Komitee in Bulgarien hat bereits seit dem Berliner Vertrage von 1878 die „Befreiung" Macedoniens vom türkischen Joch offen auf seine Fahne geschrieben. Fürst Ferdinand von Bulgarien ist ehrgeizig, mit Wonne gäbe er seinem Stammhause Koburg eine neue Königskrone. Bislang fand er mit diesem Plane keine besondere Gegenliebe bei den europäischen Vertragsmächten trotz aller diplomatischen Agitationen und Rundreisen. Hielte er Makedonien in der Hand, würde sich die Sache vielleicht leichter machen. So benutzte er die in diesem Jahre besonders heftigen gewohnten Wirren und schickte seine Soldaten zu „Manövern" an die Grenze. Doch der Sultan hält die Augen offen. Es liegt ihm nicht viel daran, wenn Griechen und Bulgaren sich gegenseitig zerfleischen, dabei kann er nur gewinnen. Doch Makedonien will und kann er nicht verlieren, ohne sein Prestige in der muhammedanischen Welt und die so mühsam sestgehaltene Stallung in Europa einzubüßen, deren Behauptung ihm die Ohnmacht Rußlands erleichtert. Und so setzt man auf die bulgarische Drohung den entsprechenden Trumpf. Offiziell wird zwar erklärt, man denke nicht an Krieg, sondern nehme nur die unbedingt nötigen Sicherheitsmaßregeln vor, welche die Haltung Bulgariens erfordern. Von Sicherheitsmaßregeln, die in Truppensendungen an die Grenze bestehen, bis zum Krieg ist aber nur ein Schritt. Möglicherweise aber dämpfen die Großmächte die Kriegslust der Balkan-Potentaten noch rechtzeitig durch einige ausgibige kalte Wasserstrahlen.
Die weiße Garde.
In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als ob wenigstens die Armee dem Zaren treu geblieben sei, wo alles wankte. Auch diese Hoffnung erweist sich jetzt als trügerisch. Die 'Zersetzung im russischen Heere hat, ohne daß man es merkte, unheimliche Fortschritte gemacht und es ist bisher nur gelungen, einen Teil der revolutionären Organisation unschädlich zu machen, die neuerdings in den großen Garnisonen Anhänger sucht und findet. Das Hauptquartier dieser „weißen Garde" ist Odessa.
Der Terror in der Armee.
Unter den Regimentern in Odessa ist eine terroristische Bewegung im Gange, die sich, nicht mehr verheimlichen läßt. Die Gruppe, die sich „weiße Garde" nennt, hat einen Aufruf mit einem Todesurteil gegen den Stadthauptmann Grigoriew und sämtliche Gegner der Schwarzen Hundert erlassen. Die Behörden sind jedoch einem Teil der Organisation bereits auf die Spur gekommen. Mehrere Mitglieder, ein Arzö Dr. Levenson, der Adlige Leonttew, die Tochter des Obersten Michailova, ein Freiwilliger des Dunai- Regiments, drei Unteroffiziere des Ismail-Regiments und zehn Soldaten von anderen Regimentern wurden verhaftet. Die Bewegung wird jedenfalls schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Odessa ist überhaupt der Herd einer weitverbreiteten revolutionären Organisation, ähnlich wie Sebastopol für die Marine. Aus Sebastopol sind die beiden Torpedoboote, auf denen Geschütze und Munition entwendet wurden, eigenmächtig davon gefahren. Die andern Gouvernements sind täglich Schauplatz der wüstesten Gewalttaten, in denen die Revolutionäre gegen die bestehende Regierung demonstrieren.
Kampf gegen die Obrigkeit heißt überall die Parole. In welcher Weise sie befolgt wird, zeigen folgende Meldungen:
Kasan, 3. September. In dem Dorfe Mamykow griffen 200 Bauern unter Führung eines Priesters und eines Küsters 10 Polizisten an, die in einer Herberge am Tische saßen. Die Polizisten gaben Warnung Feuer, erschossen den Küster und einen Bauern und verwundeten den Priester schwer. Die Bauern verübten dann verschiedene Brandstiftungen, bis sie schließlich auseinandergetrieben wurden. 17 Personen wurden verhaftet.
Nikolajew. 4. September. Gegen den Generalgouverneur Stupin wurden mehrere Ncvolverschüsse abgegeben, ohne zu treffen. Der Attentäter wurde verhaftet.
Petersburg, 3. September. In Woronesh versuchten als Soldaten verkleidete ordnungsmäßig bewaffnete Männer die Wache bei der Rentei abzulösen. Der Wachoffizier bemerkte den Betrug, aber die Leute entkamen.
Es kommt auf einen Menschen nicht an!
Nach diesem Grundsätze handelt die Terroristenpartei, die selbst vor der Ermordung Unschuldiger nicht zurückschreckt. Es kann jedenfalls als sicher gelten, daß die Russin, welche in Interlaken den Rentier Müller ermordete, diesen für Dlirnowo hielt. Dieser hat tatsächlich kurz vor der Tat in Interlaken geweilt, und man fand sein Bild in der Tasche der Mörderin, die noch jetzt nicht glauben wollte, daß sie nicht Durnowo getötet habe. Nachdem ihr der Sachverhalt klargelegt worden war, äußerte sie nur kurz, es tue ihr leid, einen Unschuldigen getötet zu haben; aber in so schrecklichen Zeiten, wie den gegenwärtigen, fontme es auf einen Menschen mehr ober weniger nicht an. Jedenfalls habe sie ihre Pflicht getan.
Die Maßnahmen der Regierung werden gegenüber diesen Gewalttaten immer schärfer. Aus Petersburg ist an alle Gouverneure ein Erlaß ergangen, welcher sie auffordert, verstärkte Maßregeln zur Sicherung ihres Lebens zu treffen. Stolypin hat General Palvlolv beauftragt, eine neue Kriegsgerichtsordnung auszuarbeiten, welche die Behörden der Provinzen und Städte ermächtigt, schon den leichtesten Attentatsversuch mit dem Tode zu bestrafen und die Todesstrafe noch am Tage der Verhaftung ohne Aufschub zu vollziehen. Ueber die Bezirke Telaw, Siguach und Tionetz der Provinz Tiflis ist der Kriegszustand verhängt worden. Und da General Trepow, wie es neuerdings heißt, weder krank noch amtsmüde ist, wird die Diktatur wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Ferner liegen noch folgende Meldungen vor:
Petersburg, 4. September. Auf Befehl des Kaisers werden die Generale Stoessel und Fock sowie Oberst Reiß wegen der Uebergabe Port Arthurs dem neugeschaffenen obersten Militärgericht übergeben werden, falls nicht die mit der Voruntersuchung betraute Behörde nach Abschluß der- fetben einstimmig beschließt, den Proz^ "; einzustellen ober die Schuldigen im Disziplinarwege zu bestrafen.
Petersburg, 4. September. Ein Agent der politischen Geheimpolizei, welcher vor einigen Tagen in trunkenem Zustande gegen die Tür der italienischen Botschaft einen Revolver abgefeuert hatte, wurde auf dem Disziplinarwege nach dem höchsten Strafmaß mit Dienstentlassung und mit drei Monat Gefängnis bestraft.
politische Rundschau.
Deutsobee Reich,
* Es wird jetzt angenommen, daß in die Verhandlungen über den Abschluß eines Handelstarifverttages zwischen Deutschland und Spanien demnächst eingetreten werden wird. Die Vorbereitungen für die von deutscher Seite zu stellenden Anträge sind dem Vernehmen nach so weit gefördert, daß sie in kürzester Frist zum Abschluß gebracht werden können. Bis zum 31. Dezember d. I. stehen beide Länder auf dem Fuße der meistbegünstigten Nationen. Der Abschluß der Verhandlungen bis dahin wäre also zu wünschen.
^ Die Finanznöte des Reichs scheinen teilweise überwunden zu sein. Die jetzt vorliegende Abrechnung ergibt einen günstigen Abschluß des Neichsetats für 1905. Die Reichskasse hat kein Defizit wie in den vorhergehenden Jahren, sondern einen, wenn auch kleinen Ueberschuß von 6 248 000 M. gegen den Voranschlag aufzuweisen. Dieser Erfolg wurde erzielt, obwohl der Ausgabebedarf des Reiches um 9 278 000 M. die etatsmäßigen Bewilligungen überstteg. Der Ueberschuß kommt auch den Einzelstaaten zugute, indem der Ueberschuß auf die gestundeten Matrikularbeiträge verrechnet wird.
* In Wien hält augenblicklich der Verein deutscher Eisen- bahnverwaltnngen feine diesjährige Versammlung ab. Dem Verein gehören vierzig deutsche, zwanzig österreichische und ungarische, fünf niederländische rc., insgesamt 68 Eisenbahnverwaltungen als stimmberechtigte Mitglieder an, und außerdem nehmen 17 Verwaltungen an den Einrichtungen des Vereins teil. Den Vorsitz führt Präsident Behrendt von der königl. Eisenbahndirektion Berlin. Einige Tage später, vom 12. bis 14. d. M., füllet in Lugano die 90. ordentliche Siuuna der ftänbigen Tarifkommission statt, an der Präsident