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Nr. 233

Donnerstag, ven 4. Oktober 190b

15. Jahrgang

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AMMu»? »»^mvlerv editton: Gießen, SelterSweß 86. ^«ensprr^anschl»^ Nr. 888.

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asb die Gieße»or etfew birst« (wöcheEch).

Unabhängige Iageszertung

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(Lietzener Zeitttng)

für Oserhesien und die Kreise Marburg und Wetzlar; LSkalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. ^âE^^WMM>WWWW»WWWWWMWW>WMMM^MW»»MM^>»W>lEL»>W»WM»WM»0»WM«»M»SkrS«»L»rr»»4«!?L»«L»LL^«r?s^Lk77r««'^'^Lrs'^«'

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Der amerikanische Staatsstreich.

Der Kriegsminister der Vereinigten Staaten, Traft, ha! wie bekannt, die provisorische Regierung der Insel Kubo übernommen. Er ist tatsächlich an die Stelle des Generals Palma getreten, der allem Anschein nach gern die Safi und die Verantwortlichkeit der Herrschaft abstreift. Ihm hat die erforderliche Kraft und Entschlossenheit gefehlt, der Insurrektion entgegenzutteten. Vor ihr kapitulieren wollte et auch nicht das ließ sein Ehrgefühl nicht zu aber dem Vertreter der Vereinigten Staaten gegenüber verzichtet er ohne Bedauern, auf eine Stellung, die ihm nur die Zeichen der Macht, nicht die Macht selbst übertragen hatte. An Herrn Traft ist es nun, dem Ansehen der Vereinigten Staaten auf Kuba Geltung zu verschaffen. In welcher Weise und mit welchem Ziel dies geschehen kann, wird im wesentlichen von den Insurgenten abhängen. Hört der Aufstand auf, wird dieAutoritäl der Q mieten Staaten ohne bemerkenswerte Gegenwehr anerkannt, so ist die Aufgabe Trafts eigentlich schon beendet. Er müßte sich begnügen, die Bewohner des selbständigen Kuba eine neue Regierung wählen zu lassen, diese einzuführen und sich dann zuruckzuziehen, sich und die Truppen, die von den Vereinigten Staaten aufgeboten waren, um die Ordnung auf Kuba mit Gewalt wiederherzustellen. Für iedes andere Verhalten fehlte der Vorwand, von einem Grund gar nicht zu reden. Im äußersten Falle könnte der Kriegsminister der Union rechtfertigen, daß er mit den Truppen auf einige Zeit im Lande bleibt, bis die neue Regierung festen Fuß gefaßt haben würde. Lange dürfte das aber nicht sein, weil er sich sonst dem Vorwurf aussetzen würde, daß er durch die Aus­übung einer fortgesetzten Vormundschaft die Autorität der unter seinem Schutz eingesetzten Regierung selbst untergrübe. Freilich könnte er nicht voraussehen, was etwa nach seinem Rückzug ge­schehen würde. Die Möglichkeit ist nicht zu leugnen, daß das von den Befreiern befreite Land eine Erneuerung der Insurrektion sieht. Aufstände gehören einmal zum kubanischen Staatsinventar, gleichviel wer an der Regierung ist. Kein leisestes Anzeichen spricht dafür, daß diese Landesgewohnheit in berechenbarer Zeit aufgegeben werden wird. Im übrigen gibt es auch keine Sicherheit dafür, daß nicht die unter den Augen des ameri­kanischen Kriegsministers und seines Heeres sich vollziehende Regierungswahl auf die seitherigen Insurgenten fällt. Dann wäre der seltsame Fall eingetreten, daß eine Insurrektion durch Unterwerfung zum Siege gelangt vielleicht die erste Erscheinung dieser Art in der Geschichte irgend eines Landes.

Ob aber die Entwickelung der Dinge auf Kuba diesen Weg nehmen wird, bleibt abzuwarten. Es ist ebenso denkbar, dag die kubanischen Insurgenten von der amerikanischen Macht mcht die gleiche Vorstellung haben wie die Amerikaner selbst der letzten Zeit ihrer Kämpfe gegen die spanische Herrschaft hatten die Spanier auf Kuba ein Heer von

000 Mann und darüber zu ihrer Verfügung und konnten doch des Aufstandes nicht Herr werden. Im Vergleich damit sind die 25 OOO Mann der Vereinigten Staate" hie gegenwärtig

auf kubanischem Boden stehen, keine allzu imposante Kriegsi macht. Es wäre nun ein überaus klägliches Schauspiel, wenn du Amerikaner dazu kämen, das von ihnenbefreite" Land gan; nach dein Muster der Spanier zu bekriegen, von denen dir Kubaner durch Amerikas Hilfe in angeblicher Selbstlosigkcil befreit worden sind. Sogar in Amerika würde man Schwierig, leiten haben, diese Erscheinung zu erklären und zu recht, fertigen. Das Ende könnte in solchem Falle freilich nur di, Annexion von Kuba durch die Vereinigten Staaten sein, Eben weil Amerika die handelnde, aggressive Macht ist. Wärq ein europäischer Staat in der gleichen Lage, so würde es an einer Intervention anderer Mächte, namentlich der Vereinigten Staaten von Amerika, nicht fehlen. Einzig die Vereinigten Staaten von Amerika nehmen für sich das Vorrecht in Anspruch, das ihnen von anderer Seite still­schweigend zugestanden wird, in ihrem Vorgehen sich einzig von ihrem Interesse und ihrem Gutdünken leiten zu lassen. Die Monroe-Doktrin und der Grundsatz Amerika für die Amerikaner" sind dabei längst überschritten. Denn die Philippinen - Inseln gehören in keinem Sinne geographisch zu Amerika. Seit der Annexion dieser Inseln ist die amerikanische Politik offensichtlich eine imperialistische, d. i. eine auf Herrschaft abzielende Ausdehnungspolitik. Wir sind weit davon entfernt, gegen das etwaige Vorgehen Amerikas auf Kuba eine Intervention zu wünschen. Wir haben aber auch keinen Grund, unsern Wunsch zu verhehlen, Kuba möchte seine Selbständigkeit bewahren. Nicht weil wir direkte Interessen auf Kuba hätten, die durch eine Annexion der Insel an Amerika gefährdet wären. Sogar die Zuckerfrage wäre nicht von ausschlaggebender Be­deutung, obwohl die Annexion den mit dem deutschen konkurrierenden kubanischen Zucker zollfrei nach Amerika bringen würde. Wir sind aber grundsätzlich gegen jede länderver­schlingende Politik, denn das ist eine Politik der Beunruhigung, um nicht zu sagen der Bedrohung. In diesem Sinne ist uns Kuba etwas. Das weiß man auch in Amerika recht gut. Dort kennt man nicht minder die weiteren Konsequenzen der imperialistischen Politik. Unter den amerikanischen Staats- männern gibt es nicht wenige, die diese Politik verurteilen. Ob sie jetzt schon hinreichenden Einfluß besitzen, um die An­wendung der imperialistischen amerikanischen Politik auf Kuba zu hindern, ist eine andere Frage, die zu bejahen wir uns nicht getrauen.

. > ' politische Rundschau.

^ p^ 4 'x Deutsches Reich«.

F - * Nach sächsischen Blättern finden auf Veranlassung der preußischen Regierung zwecks Einführung der Schiffahrts- rbgaben Erhebungen über die Höhe der Elbfrachten für die einzelnen Arttkel während der letzten zehn Jahre statt. Das Ergebnis dieser Erhebungen soll dem preußischen Abgeordneten- Hause vorgelegt werden und als Grundlage für die Be- ttieffuna der künftiaen Slüiffabrtsabaaben dienen.

* Der Wirtscyasttiche Ausschuß zur Vorbereitung von Handelsverträgen hat in Berlin seine Beratungen über den deutsch-spanischen Handelsvertrag beendigt. Das provisorische Abkommen zwischen Deutschland und Spanien wird am 31. Dezember 1906 abgelaufen sein.

* Bemerkenswerte Worte über die Aufgaben der Rechts- pflege sprach der Landgerichtspräsident Hegemanii in Bautzen bei der Einweihung eines neuen Justizgebäudes, ^u seiner Festrede sagte der Präsident u. a.:

Mögen in dem neuen Justizbau allezeit walten rechts­kundige, gerechte und starke Richter und Staatsanwälte; möge man aber allezeit von ihnen sagen können: sie urteilen nicht nach dem toten Buchstaben des Gesetzes, sondern sie waren der Entwicklung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit gefolgt, sie standen in Fühlung mit den Anschauungen des Lebens und des Volkes."

Man sieht, daß in unserem viel angefeindeten Richter­stande Männer vorhanden sind, die den Anforderungen der Zeit volles Verständnis entgegenbringen.

* Zu Ehren der Mitglieder der in Berlin versammelten Internationalen Law Assoziation (die größte internationale juristische Organisation) veranstalteten die Berliner drei juristischen Vereinigungen, die Juristische Bereinigung, die Internationale Vereinigung für vergleichende Rechtswissen­schaft und Volkswirtschaftslehre ein Festmahl. Im Namen der preußischen Regierung begrüßte Justizminister Beeseler die Versammlung. Reichsbankpräsident Koch hob hervor, wenn die Verhandlungen dazu dienten, internationale Ver­stimmungen zu beseitigen, so sei das mit großer Freude zu be­grüßen. !Der Kongreß hielt gestern nur eine kurze Sitzung ab, da eine Frühstückstafel im Königlichen Schloß angesagt war. Das Mitglied des Obersten Gerichtshofes in London Kennedy sprach über die Exemption des Privateigentums zur See.

Russland*

** Die neuesten Nachrichten lassen n'chts Gutes erkennen. Es sind wiederum Gewalttaten über Gewalttaten, die in den meisten der folgenden Meldungen berichtet werden.

Petersburg, 3. Oktober. In Kiew ist ein Po­grom im Gange. Die Anhänger der Patriotischen Liga schießen und morden auf den Straßen. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht grenzenlose Panik.

Reval, 3. Oktober. Vergangene Nacht wurde hier die lutherische Kirche ausgeraubt. Den Tätern gelang es, zu entkommen.

P e t e r h o f, 2. Oktober. Neun Leichen, alle fürchter­lich durchschossen und entstellt, wurden ans Land geschwemmt, und zwar gerade vor dem kaiserlichen Palast, der dicht âm Sttande liegt.

B a t n m, 2. Oktober. Der Verwalter der hiesigen Niederlage der Nobelwerke, Hager, der zugleich schwedischer Vizekonsul ist, wurde heute, als er in einem Wagen eine hiesige Vorstadt passierte, ermordet. Die Mörder ent­kamen.

Giessener * * * * * Catern.

Nachdruck verboten.

Heuuk.

Sei merr gegrießt, du Quotscheheunk, Du duffdst so gud aus alle Kiche; Du bißt die idealste Schmier, Holdselig sein merr bei Geriche.

Du bißt's joa werdh, dich zu bedichte, Unn aus deim Schwaddem fliehe uff Föc mich eFille der Gesichte" ....

O Quotschezeit, o herrlich Zeit der Heunkkiche, voll von selige Erinnerunge.

Trotzdem Giesse ewwe bedeutend greeßer, wai freuher, so sinn awwer dai Heunkkiche im Abnemme begriffe unn nor noch in beschränkter Anzahl oazedceffe.

Däi Heunkkiche sein unbedingt noch e Stick vom ahle Giesse unn so e Stick ahldgiesse.cer Herrlichkeit Haww äich die (Donndoagsnacht in deren beste unn biß heud noch wörklich unverfälscht gebliwwene Vörrdel, nemlich in de Mihlgaß, in volle Ziege mitgenosse.

Herr Hott, woar doa uffgedrage, daß sich die Disch geboge hawwe! Ganze Wäge voll Küche, allerhand Sorde,

ganze Gäißkanne voll Kaffee, voll zum Jwweclaafe unn sogar en Kimmel dozwische zur Schoärkung für däi aktiv Bedaahligte an dere Heunkkich, doas haaßt, für däi, dene die zwoar e bissi langweilig, awwer aach mitunnec korzweilig Verflichding oblag, den Heunk ze reuhern.

Unn woaß waar derr erschd en Kranz von wonner- schiene Dame doa!

Merr sellt net glaawe, doaß merr enn seine ahle Doage noch so besckdußt uff däi Weibsleud sei kennt. Es woar awwer aach ah' debbei, däi woar met ehre hibbsche Aage so räächt dezu geschaffe, mei mennliches Herz oawer aach vollschdcnnig enn Flamme Ze versetze, so doaß äich schonnt bei meim Eidritt en doas gastliche Haus mei Haupt in Liewe enbleßt unn uff de ganze Linje kabbiduliert habb. De Omschdand, doaß se en Pefferflecke uffm ahne Backe hoatt, hoatt mich wenig odder goar net scheniert, dann doa betör koam err ehr oachdzehcjehrig Alder als Schdroafmilderungsgrond Widder ze gud unn äich kanns heud noch net vergesse, wäi lieblicb-honigsies die Redd' von ihre purpurne Libbe gefloffe is.

Von de Heunkkicb isses etzt genunk. Deßhalb komme merr etzt en Aageblick uff e anner Thema.

Je greeßer doas Giesse wörrd, je ungemiedlicher wärrn aach die Verhäldnisse. Es joa zwoar net abzuleugne, daß so en Omschdand, däi Kanaliesicung en Gcjeschdand von hechster Wichdigkaad, der nett so schnell von Schdadde geht. Awwer e ganz klaa bissi durfte sich doch die Herrn Unnernemmec eile, um der schont e poar Joahr andauernde Säuerei uff Gießens Stroaße endlich emoal e End ze mache. Jwwer doaß von de ganze Berjerschaft schont lang sehnlichst ebbei- gewönschte End wärrn mer demnechst e Liedche singe.