Nr. 207
Dienstag, Pen 4. September 190b
15. Jahrgang
M^° 8^3 Mi
MW
Z 2.8 ^ '
? - W
8
ew*i»»Htog««t C>n*«W*« ff»Mfltr»|eitwwg WWW "» VU ei<iteet «e«.»»l<a— (*M«M<I)-
^MtUa u.Hauptexvedikion: Gießen, Selier-wez W.
K<e*sprech«»fchL»ch Nr. 368.
er n £ £ ".
(Gießener TaqektE)
Knakhängige Tageszeitung
(Gießener Weitung)
ß Äff HW - KM ^5=^=; ^■^»S^o : ?ZZ§ZzS
2SE
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; LokKlümrèger für Gießen und Uwebnna alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisters Gieß-n, des ^rnfifi. Velnemmtes (Ziesten unh a^r^ Wr^h^ n™ ^ • "• mmriii ■■■■■■■■■■■————■■■—■■
MM & S£8« »o"«gS _ P in 2: 3? -0:
3 0*0 ^’ *
L^8?»
L Eg'n £ co^m âglM
r? <io—o 55 c jj
gc3ä«J
32='^
2 2='2 «5 2-j
2 $ S&SS
= = 3 Wi
-« 3 3'
£2 05.
0 5 2 0
Der Baubandwerfcer wie er fein soll.
— Zum Handwerks- und Gewerbekammertag in Nürnberg. —
Der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag, der cm Montag in Nürnberg zum siebenten Mal zusammen trat, beschäftigte sich mit mehreren Fragen, die das deutsche Handwerk und sein Interesse sehr nahe berühren. Der Handwerks- unb Gewerbekammertag ist allmählich zur anerkannten Vertretung des gesamten deutschen Handwerks geworden. Die Konsequenz davon ist, daß die Regierung auf sein Gutachten in den Angelegenheiten seines Jnteressenkreises großes Gewicht legt.
@ine alte Handwerkerforderung ist die Einführung des Befähigungsnachweises für Bauhandwerker. Die Reichsregierung hat sich bisher nicht entschließen können, dieser Forderung nachzugeben. In der Novelle zur Gewerbeordnung, die dem Reichstag bereits zur Beratung vorgelegt ist und voraussichtlich im kommenden Winter zur Erledigung kommen wird, hat die Reichsregierung es vorgezogen, zunächst durch Vorschriften über die Sicherung der Bauforderungen von Handwerkern dafür zu sorgen, daß zur Ausübung des Bau- oowerbes nur zuverlässige Personen zugelassen werden. Der Ausschuß des Handwerks- und Gewerbekammertags hat schon im Januar d. I. zu der erwähnten Novelle sich dohin geäußert, daß er in dem Entwurf wohl einen Fortschritt gegenüber dem geltenden Zustand erblicke, doch von den weitergehenden Wünschen, besonders von der Einführung des Befähigungsnachweises für das Baugewerbe nicht absehen könne. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Plenum dem Gutachten seines Ausschusses beipflichten. Es bleibt abzuwarten, ob die Begründung des Gutachtens stark und überzeugend genug sein wird, um den Reichstag und die Reichs- regierung zu weiteren Ergänzungen der Gewerbeordnunqs- vovelle in der angedeuteten Richtung zu bestimmen. Die tsrage ist strittig. Wir gestehen ohne Vorbehalt zu, daß uns nach unserem Laienverständnis die Forderung des Befähigungsnachweises für das Baugewerbe billig erscheint. Schon aus der einfachen Erwägung, daß der Laie nicht imstande ist, die den Vorschriften der Sicherheit entsprechende Ausführung eines Baues zu prüfen, während er gezwungen ist, Leib und Leben dem Bau anzuvertrauen. Wo ein solches Verhältnis herrscht, da scheint es nicht unangemessen, daß zur Ausübung bis betreffenden Gewerbes nur Personen zu gelassen werden, die in einer Prüfung dargetan haben, daß sie die erforderlichen Kenntnisse besitzen. Allerdings läßt sich mich nicht verkennen, daß die bloßen Kenntnisse noch keine Gewähr für eine sachgemäße Ausführung bieten, unb daß man die Kenntnisse auch ohne Prüfung gewinnen kann. . Hier ist vor allem Gewissenhaftigkeit nötig. In dieser liegt weit besserer Schutz, als in einem wohlbestandenen Examen. Andererseits läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Gewissenhaftigkeit durch eine bestandene Prüfung nicht beeinträchtigt wird. Wiederum verdient die Erfahrung Beachtung, daß die große Mehrzahl der Kunst- fehler im Baugewerbe von fachlich wohlunterr chteten Maurern begangen werden, nur ganz ausnahmsweise von solchen Personen, denen es an der nötigen Ausbildung mangelt Solcher Erfahrung gegenüber wäre es verfehlt, weil zu einem trüq- ftchen Sicherheitsgefühl leitend, den Befähigungsnachweis im Baugewerbe als eine Schutzmaßregel zu empfehlen. Es ist pim mindesten denkbar, daß man es für richtiger hält, das Publikum dazu anzuhalten, unter den Personen, denen es Bauausführungen übertragen will, kritische Auswahl zu halten Diese Kritik wird eingeschläfert, wenn jeder Bau- gewerbetreibende auf Grund bestandenen Examens von vornherein als hinreichend tüchtig und qualifiziert angesehen werde» darf.
?3«
mMM i--D- WD : cd" 8^3 $2 ^M’ SH« ^»H mv* AW
K-M
Man sieht aus diesen Anführungen, die das Thema noch keineswegs erschöpfen, daß die Frage so einfach nicht liegt wie es den Anschein hat. Namentlich auf dem flachen Lande dürfen den einfachen Bauausführungen keine verteuernden Schwierigkeiten bereitet werden. Die unmittelbare Folge emer Nichtbeachtung dieser Rücksicht würde sein, daß Reparaturen über Gebühr hinausgeschoben würden. Daß das : unter Umständen recht gefährlich werden und empfindlichen Schaden bringen kann, bedarf keines weiteren Nachweises.
Immerhin haben die Verbündeten Regierungen bisher ( Aon gezeigt, daß sie den Gutachten und Wünschen der . Handwerkervertretung aufmerksame Beachtung zu schenken gewillt sind. Wenn sie einer bestimmten Forderung gegenüber sich ablehnend verhalten, so tun sie das gewiß nicht aus Eigensinn, sondern auf Grund eingefjenber Erwägungen. Das schließt nicht aus, daß man in einem späteren Zeitpunkt Ver- Mudigung über das findet, waZ gegenwärtig noch strittig ist.
* *
*
Zwei bedeutsame Anträge liegen der Versammkung in Nürnberg vor. Der westfälische Handwerkskammertaq stellt bien Antrag zu beschließen:
„Gegen den von der Reichstagskommission zur Abänderung der Gewerbeordnung angenommenen Antrag der Abg. Dr. Hitze, Trimborn und Dahlem betr. Ausübung der Baukontrolle durch Gewerbeinspektoren unter Hinzuziehung gewählter Bauarbeiter in einer Eingabe an Bundesrat und Reichstag mit aller Entschiedenheit Stellung au nehme»-"__ -________ _
Vom geschäftsführenden Ausschuß ist zur Frage der Führung des Titels „Baugewerksmeister" oder „Baumeister" der Versammlung folgender Antrag unterbreitet worden :
„Der 7. Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag erachtet den Umstand, daß die Führung der Titel „Baumeister" und „Baugewerksmeister" in den meisten deutschen Bundesstaaten jedermann freigestellt ist, als geeignet, den Wert des in einem Bauhandwerk aus Grund des § 133 RGO. erworbenen Meistertitels zu beeinträchtigen. Er beschließt deshalb, dahin zu wirken, daß die Berechtigung zur Führung der Titel „Baumeister" und „Baugewerks- meister" in sämtlichen deutschen Bundesstaaten an den Nachweis der Befähigung zur selbständigen Ausführung der Arbeiten des Maurer-, Zimmerer- und Steinmetzen- Haridwerks, sowie der zum selbständigen Betriebe dieser Gewerbe sonst notwendigen Kenntnisse, insbesondere auch in der Buch- und Rechnungsführung, gefnüpft wird."
Nicht mit Unrecht wurde schon vor dem Zusammentritt des „Tages" in Nürnberg eine lebhafte Debatte über vor- fteherrde Anträge erwartet.
Reform der Kolomal-Verwaltung.
Die überaus lebhaften Angriffe, denen die deutsche Kolonial-Verwaltung ausgesetzt war, haben jetzt zu einem Personenwechsel geführt, den man ebenso oft vorausgesagt, wie bestritten hatte. Der stellvertretende Kolonialdirektor Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg ist amtsmüde geworden, wie folgende halbamtliche Meldung ankündigt:
Der mit der Leitung der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts betraute Erbprinz zu Hohenlohc-Landenburg hat gebeten, ihn von dieser Stellung zu entbinden. Es ist in Aussicht genommen, dem Direktor der Bank für Handel und Industrie Bernhard Dernburg die Leitung der Kolonialabteilung zu über- tragen.
Die Nachricht ist in ihrem ersten Teile keine Ueberraschung. Der Erbprinz zu Hohenlohe sollte, wie man weiß, ursprünglich ein selbständiges Reichsamt erhalten. Dem Reichstag wurde in Vorschlag gebracht, die Kolonial abteilung in ein Kolonial a m t umzuwandeln, an dessen Spitze der Erbprinz treten sollte. Der Reichstag hat diesen Vorschlag ab- gelehnt, ja nicht einmal den Titel eines Unterstaatssekretärs für den Leiter, der Abteilung bewilligen wollen. Die mancherlei Wirrnisse haben vermutlich auf den Erbprinzen ermüdend gewirkt und in ihm den Entschluß reifen lassen, aus seinem Amte zu scheiden, das eigentlich noch kein Amt war.
Was nun die Berufung des Herrn Dernburg betrifft, so bildet sie kein vollständiges Novum, und zwar ist es mehr als einmal auch in Preußen vorgekommen, daß Männer, die nicht aus der Beamtenlaufbahn hervorgewachsen waren, an leitende Stellungen gelangt sind. Wir erinnern nur an ben Handels- und späteren Finanzminister von der Heydt, der 18 Jahre in Preußen die Geschäfte leitete und vorher an der Spitze eines Bankhauses gestanden hatte. Wir er- nnern an den ehemaligen Finanzminister Hobrecht, der in das Finanzministerium vom Berliner Rathause aus gelangte, und an Dr. Miquel, der Oberbürgermeister von Frankfurt a. M. gewesen war, bevor er Finanzminister wurde. Das letzte Beispiel war Herr von Möller, der als Groß-Industrieller n die Leitung des Handelsministeriums berufen wurde.
Im Reiche aber war bisher kein ähnliches Beispiel bekannt. Hier ist die Berufung des Herrn Dernburg ein erster Versuch. Es ist schon oft davon die Rede gewesen, daß unseren Kolonieen der Kaufmann eher nötig wäre als der Beamte und selbst der Soldat. Der Alt-Reichskanzler Fürst Bismarck hat mehrfach den Grundsatz aufgestellt, daß in den Kolonieen der Kaufmann voran gehe, der Kaufmann die Kolonieen erst schaffen und einrichten müsse, ehe sie eine Beamtenverwaltung im eigentlichen Sinne erhalten könnten.
Kaiser Wilhelm II. hat den Gedanken in schnellem Entschlusse ausgeführt. Wir wollen hoffen, daß die neue Organisation, die dadurch dem gesamten Kolonialwesen gegeben und der neue Geist, der in die Leitung emzieht, den deutschen Kolonieen zu frischem Aufblühen verhelfen werden.
Die Revolution der Straße.
Nach der Aera ter Attentate scheint nun in Rußland die der Straßenkämpfe zu beginnen. Offenbar gehen die Revolutionäre jetzt zur offenen Gewalttat über und bezeichnender- tveise sind es wieder die Ostseeprovinzen, in denen der erste Ansturm gemacht wird. Die Negierung scheint zwar den Vorgängen in jener Gegend nur wenig Beachtung zu schenken, aber die Lage ist zweifellos ernster, als die Behörden glauben.
Libau im Aufruhr.
Jedenfalls haben sich in Libau Szenen abgespielt, die Zu beschreiben sind. Die lettischen Revolutionäre eröffneten aus Häusern und Barrikaden ein reges Feuer auf die Truppen und die Polizei. Die Truppen gingen zu einer Straßenattacke vor und nahmen mit dem Bajonett Haus auf Laus. Auch Lablreiöbe Stauen kämpkten auf den Barrikaden.
Die Schlacht dauerte zwei Stunden,' und zahlreiche Tote bedeckten die Straßen. Eine Rotte metzelte bestialisch den hochgeehrten Probst Zimmermann mit seiner Familie nieder. Trotz Flehens des Bedauernswerten verschonten sie niemanden. Auch der Rappelsche Pastor wurde tödlich verwundet. Mehrere andere Pastorate wurden gebrandschatzt. In der Nacht wurde aus in der Nähe des Gefängnisses gelegenen Häusern aus einen Militärkonvoi geschossen. In der Gospodskajastraße wurde auf eine Polizeipatrouille geschossen und dabei ein Polizeibeamter verwundet. Das herbeigerufene Militär umzingelte die Häuser unb gab mehrere Salven ab. Das beidseitige Feuern währte anderthalb Stunden. Von den Soldaten wurde keiner verwundet; von Privatpersonen wurden 4 getötet. Außerdem erlagen zwei Zivilisten den erhaltenen Wunden. Verhaftet wurden 32 Männer und 29 Frauen. . In Lennewarden bei Riga ist der lutherische Pastor mit seiner Frau ermordet worden.
Gegen die Steuern.
Die Eintreibung der Steuern hat in vielen Gegenden Krawalle verursacht. In den Dörfern um Odessa haben sich die Bauern erhoben und zahlreiche behördliche Organe und Polizisten getötet und verwundet. Militär ist nach'den auf- rührerischen Dörfern abgegangen. Aehnlich liegen die Ver- tiltniffe in Polen und anderen Gouvernements. In Zyrandow kam es gelcgentli< $*3 Begräbnisses einas vom Militär erschossenen A * T^rs zu Ruhestörungen. Das Militär gab eine Salve ab, durch die sechs Personen getötet und ungefähr zwanzig verletzt wurden. Die Regierung scheint sich über die ferneren Maßnahmen noch nicht klar zu sein.
Diktatur in Sicht?
Es heißt, daß ein Ministerrat in den nächsten Tagen die Frage erörtern soll, ob wieder eine Diktatur eingerichtet werden soll. Im Widersprüche bannt steht allerdings die Reibung, ^afj der als Diktator am besten geeignete General Prepow beim Zaren vollständig in Ungnade gefallen ist. Der Zar hat ihn auf die Liste der Staatsdiener gesetzt, deren Entlassung in Aussicht genommen ist. Als seine Nachfolger werden bie Generäle Kleighers und Kyraposoff in erster Linie genannt Die nächsten Tage werden hierüber vielleicht Klarheit bringen.
Ferner liegen noch folgende Meldungen vor:
Helsingfors, 2. September. Der Kommandeur des 22. Armeekorps hat die über den Rest der Sveaborger Meuterer vom Kriegsgericht ausgesprochenen Todesstrafen für einen Sol- daten in lebenslängliche, für drei in zwanzigjährige, für sechs in fünfzehnjährige, für die übrigen Soldaten und zwei Bauern in zwölfjährige Zwangsarbeit verwandelt.
Tula, 2. September. Der Präsident des Tulaer Bezirksgerichtes Remezoff wurde in seiner Villa durch acht Revolverschüsse ermordet. Die Täter entkamen.
politische Rundschau.
Deutschste Reich.
* Entgegen den tnelfc^ laut gewordenen Gerüchten, durfte es als sicher gelten, daß der Kaiser nicht nach Amerika geht. Der Kaiser selbst hat bei der Audienz, die er Herrn Francis, Präsident der verflossenen St. Louiser Welt, ausstellung, gewährte, auf dessen Einladung erwidert, er freue sich sehr über das Interesse, das das amerikanische Volk an seiner Persönlichkeit nehme, und würde die Ver- einigten Staaten sehr gern einmal sehen. Aber er habe zu Hause zu viel zu tun."
/* Zu dem angeblichen Zwischenfall, der durch die Landung deutscher Matrosen in Valparaiso hervorgerufen sein sollte, wird jetzt festgestellt, daß der Kommandant des Kreuzers „Falke" unbewaffnete Mannschaften des Schiffes in Valparaiso an Land geschickt hat, um bei der Errichtung von Zelten zur Unterkunft für die deutsche Kolonie behilflich zu sein.
* Von Tanger aus wird das in bet französischen Presse verbreitete Märchen von einer marokkanischen Gesandtschaft nach Berlin energisch zurückgewiesen. Es sei eine lächerliche Erfindung, daß der deutsche Gesandte Rosen in Fez auf die Entsendung einer Gesandtschaft gedrungen habe.
Gurken
** In Konstantinopel ist das dreißigjährige NegierunqS- jubiläum des Sultans festlich begangen worden. Die Stadt war reich geflaggt; abends fand eine große Illumination 'tatt. Am Tage der Thronbesteigung wurden in gewohnter Weise die Glückwünsche der Missionschefs durch die ersten Dragomane sowie die der geistlichen und weltlichen Würden- •Täger im Yildis dargebracht. Das Befinden des Sultans bessert sich nach offizieller Meldung andauernd.
Dos und Gesellschaft.
*** Die Abreise des Kaiserpaares in das Manövergelände ist auf Donnerstag, den 6. d. M., vor- mittags IOV2 Uhr festgesetzt. Der Sonderzug bringt das • Kaiserpaar von der Station Wildpark bei Potsdam zunächst nach Breslau, wo auf dem dortigen Bahnhöfe eine Begrüßung durch die ftäb tilgen Behörden stattkindet.