Einzelbild herunterladen
 

Nr. 154

Mittwoch, Tien 4. Juli 1906

15. Jahrgang

% Hs

2 ^igs ?

6

- s:^ä

8

Mèe*«e*eRt#Nri» : abgeystt monatlich 50 Pfg., in'S H««< gekracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl. Mk.I.kl. SriMSHetlage«: Qbrrhesfifche Famitte»zeit««g (täßli^) und die Gießener Seifenblase» (wöchentlich ^

DaS Blatt erscheint an nHew Werktagen nachmittag».

^-i^cn u. Hauptervcdition: Gießen, SelterSweg 88.

^er»sprech««schl»ß Rr. S^2.

A^eâWO««etS r Die einspalrige ^eti^ctle für ganz Cber- ^rn, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Psg. sonst 15 Psg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

'-=13

M it ^5

Q O 2 y§ ö-; S» *

<Histze»er T«geöi»r1it

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalarrzeiger für Gießen und Umgebung. EnthÄr alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Groß.^ VolUeiamteè Gießen und anderer Behörden wn Oberhe-e«. , :--.-, UH!!!--1'" .»iWM MM hMMfMBW^MMMWII TM II II lllIIIJI^>ta*sa1mM^^I7?MWnPWn tUHM irMHWimatKgaaMaMMMnMKK WlHil MMm.«»....^/!,.-^,«),

Der jüngste Hohenzollernsprotz

CB. Berlin, 4. Juli, 11 Uhr 12 Min. vorm.

(Telegramm) Die Arovpriurejfin wurde heute Morgen 9.15 Uhr von einem Privz u entbunden.

^-2

2-^2-

- ^§2 2

? S 3

Die Vertagung der friedenökonferenz.

Die zweite Friedenskonferenz im Haag wird in diesem Jahr nicht stattfinden. Die Gründe für die Verzögerung lassen sich nur vermuten. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Rücksicht auf den panamerikanischen Konareß be­stimmend gewesen ist. Vielleicht hat man auch in Rußland, von besten Herrscher der Gedanke der Friedenskonferenz aus­gegangen ist, zur Zeit näherliegende Soraen. Jedenfalls beräumt die Welt nicht viel, wenn die Wiederholung der Konferenz auf einen späteren Termin fällt. Die Angelegen­heiten, die im Haag beraten werden sollen, sind zwar von hoher Bedeutung für die game Menschheit, aber insofern nicht sehr dringlich, als ihre Uebersübrung in das praktische Leben unter keinen Umständen in naher oder auch nur in absehbarer Zeit erwartet werden kann. Man denke an die erste Kon'erenr, die die Einrichtung eines allgemeinen inter­nationalen Schiedsaerichts schaffen sollte. Rußland selbst, ba^ die Konferenz sozusagen berufen hatte, sträubte sich am nachdrücklichsten gegen jeden Versuch, dem Schiedsgerichts­vorschlag sofort praktische Geltung durch die Anwendung auf den russisch-japanischen Streit zu geben. Es erklärte, daß cs iebc solche Zumutung als beabsichtigte Unfreundlichkeit auf­fassen würde. Schon die Andeutung des Anerbietens einer Vermittelung sollte als Beleidigung gelten. Das war freilich

Ss5

IsZ

«3p ro 2

er HZ 5 S§

^

»«v

5« ;§ 5 rs

5

nach der ersten Konferenz. Man ersieht daraus, daß die aufrichtigste prinzipielle Friedensliebe und Schieds- gerichtsfreundschaft zum mindesten keinen Zwang, nicht einmal einen innern Zwang darstellt, in der Praxis nach dem Prinzip zu handeln. Auch waren bet der akademischen Erörterung der Schiedsgerichtsfrage alle Großmächte einig gewesen, daß von Anrufung und An­erkennung eines Schiedsaerichts nur dann die Rede se'n könne, wenn der Gegenstand der Meinungsverschiedenheit nicht die Ebre oder ein Lebensinteresse des Staates angehe. Dabei wurde natürlich stillschweigend vorausgesetzt, daß jeder Staat allein darüber zu urteilen habe, was sein L» bensintereffe ausmache und wann se'ne Ekne enoaniert sei. Jedenfalls hat sich seit der ersten Haager Friedenskonferenz gezeigt, dast einst­weilen der Krieg noch eine völkerrechtliche Institution bleibt. Das hindert nicht, daß der Gedanke der Friedenskonferenz ein guter Gedanke war, und daß aus der Konferenz und ihren Wiederholungen noch recht ersprießliches für die Er­haltung des Friedens bemorgfben kann. Versagt das Schieds­gericht bei schweren Konstikten, so ist doch seine Wirksamkeit bei Meinungsverschiedenheiten von geringerem Belang nicht ausgeschloffen. Wenn diese geringeren Meinungsverschieden­heiten leichteren Ausgleich finden, so ist das immerhin ein Gewinn.

Der panamerikanische Kongreß, der sich vor die zweite Haager Konferenz geschoben bat, wird die Schkedsgerichts- frage gleichfalls behandeln. Aber nicht etwa, um der Ein­richtung der Sch edsgerichte gröbere Ausdehnung zu geben, sondern um für Amerika ein Reservatrecht zu konstruieren. Die europäischen Staaten sollen an einem Schiedsgericht in amerikanischen Angelegenheiten webt mitwirken dürfen. Man steht auch an diesem Beffviel, daß die schönste Solidaritäts- theorie Ausnahmen zuläßt, daß der staatliche Egoismus noch nicht vollständig auf den Aussterbeetat aesetzt ist.

Darum ist es recht töricht, den Abrüstungsvorichlag, der nach dem Wunsch des englischen Parlaments vor die zweite Haager Friedenskonferenz aebracht werden sollte, tragisch zu nehmen und darin einen finsteren Anschlag zu erblicken, der sich gegen die Entwickelung der deutschen Marine richte. Das ist Gespensterseberei. Man hegt im englischen Parlament keine finsteren Pläne gegen Deutschlands Wehrkraft, unb der woh'- gemeinte Abrüstungsvorschlag ist nicht mehr als der Ausdruck eines theoretischen Wunsches. Deutschland könnte dem Vor­schlag ohne Vorbehalt zustimmen es würde bannt allein bleiben. Nicht Frankreich und nicht Rußland werden darein willigen, ihre Rüstungen zu ermäßigen, und niemand denkt daran, niemand sann daran denken, etwa an Deutschland allein ein solches Ansinnen zu stellen. Vor wenigen Jahren bat zwar der damalige russische Finanzminister Witte dem amerikanischen Finanzmann Vanderl'pp gegenüber er­klärt, daß Amerikas wachsende wirtschaftliche lieber3 lkgenheit über Europa, ^us Europas unwirtschaftlichen Aus- aaben für Milstärzwecke berzuleiten fei. Er hat aber nichts getan, um Rußland von diesen Ausgaben freizumachen und dadurch Rußland wirtschaftlich an die Seite Amerikas zu stellen. Auch keinem anderen europäischen Staatsmann ist es eingefallen, au^ diesem Weae die wirtschaftliche Hebuna seines Landes ut versuchen. Kommt die zweite Haager Friedens­konferenz, so wird die englische Ahrüstungsaniegung vor- aetragen werden; aber feder Großstaat w.rd bei aller Sympathie für die Anreguna versichern, daß er in dies r ^Taqc fr de Entscheidung sich selbst vorbehalten müsse. Danach

HLrraöHängige TsgrszeUung

wird alle- beim alten bleiben. Vielleicht kommt es einmal ?ur Abrüstuna. Wenn es aber geschieht, so ist die freie und allgemeine Zustimmung P orausfetzung. Das weiß man in England, das werft man überall das wissen nur unsere Gespensterseher nicht.

politische Rundschau.

Deutsches Rekb.

e Die Aussührungsbestimmungen für die Erhebung des Frachturkunden-Stemvels besagen, daß die Stempelgebühr sowohl im inneren deutschen Verkehr als auch im Verkehr mit dem Auslande, jedoch nicht im Durchgangsverkehr mit diesem, erhoben wird, wenn der Frachtbrief über die Ladung eines Eisenbahnwagens lautet. Im innerdeutschen Verkehr ver­wendet die Eienbahnabsertigunasstelle, die die Fracht erhebt, auch die Stempelmarken und rebt den Stemvelbctrag von dem Frachtzahler ein. Es ist nicht zulässig, daß die Versender selbst Stemvelmar en auf die Frachtbriefe aufkleben. Im Auslandsverkehr verwendet stets die deutsche Eisenbahn- Abß rtigungsstelle die Stempelmarken. Der Stempelbetrag wird bei eingebenden Sendungen im Falle der Frankatur vom Versender, im Falle der Frachtüberweisung durch Nachnahme opm Empfänger eingezogen.

Die in Warschau gefangen gehaltene sozialdemokratische Agitatorin Roa Lurcm urg ist nach viermonatiger Ha^t letzt auf freien Fuß gesetzt worden, nachdem sie eine Kaution von 3000 Rubel hinterlegt batte. Sie wurde von den russischen Behörden polnischer Propaganda und der Führung eines falschen Passes beschuldigt.

* In Travemünde hielt der Deutsche Schulschiffberein unter dem Vorsitz des Großherzogs von Oldenburg seine Hauv Versammlung ab. Vertreten waren dre Reichsmar'.ne, das ^'eichspostamt, die Senate und Handelskammern von Lübeck und Hamburg, der Magistrat von Gkffeth, der Nord­deutsche Lloyd und die Hamburg-Amerika-Linie sowie viele andere Reedereien. Der durch den Geschäftsführer und Vor- vtzenden Professor Schilling erstattete Jahresbericht stellt fest, daß die Besatzungsstärke der Schulschiffe noch nie so stark gewesen ist, als in dem Berichtsfahre. Unter den neuein- getretenen Mitgliedern befinden sich Prinz Eitel Friedrich und die Firma Krupv. Der Verein erhielt in dem ver­gangenen Jahre eine Schenkung von 100000 M.

Schweiz.

00 Gegenüber den andauernden Streikbewegungen gehen einzelne Kantonsregieruügen mit militärischen Maß­nahmen vor. So hat die Regierung des Kantons Zürich angesichts der Bewegung der Maurer und Metallarbeiter drei Ba aiGone Infanterie und eine Schwadron Kavallerie auf- geboten.

Oerterreicb-<Jnsarn.

** D'e von der österreichischen Regierung vorgeschlagenen Heeres-Verftärkttngen haben die parlamentarische Zu­stimmung erhalten. Die österreichische Delegation hat die aufgestellten Forderungen angenommen.

Russland.

Die Duma hat einen Gesetzentwurf auf Abschaffung her Todesstrafe angenommen. Die Beratung gestaltete sich sehr tumultuarisch, indem die Linke der Duma sich weigerte, den wegen der von ihm veiavlaßten Hinrichtungen besonders verhaßten Generalanwalt der Armee Pawlow anzuhören und ihn durch Lärmen zwang, den Saal zu verlaffen. Das degradierte erste Bataillon des Preobraschenski-Regiments wird durch ein völlig neues erstes Bataillon ersetzt, das arrs lauter Rittern des Georgsordens gebildet werden soll. Ein Ukas des Zaren verfügt die Absetzung des Gouverneurs von Bfelostok, Generals Bogojowski, sowie die Verhaftung von zwei Polizeikommiffaren und 14 Polizisten wegen der Teilnahme an den dortigen Iudenmetzeleien. In Warschau wurden zahlreiche Mordanschläge auf Polizisten verübt. Die Polizeiposten wurden durch Militär ersetzt. In der Nähe von Veißloweka beraubten unbekannte Ver­brecher den Kassierer Golirbowsko von der Boquduchow-Berestow- Bergbaugesellschaft, der 22 000 Rubel mit sich führte. Der Kassierer sprang den Räubern aus dem Zl'ge nach; er wurde auf dem Bahngleis ermordet aufgefunden.

Afrika.

Die Verhandlungen über ein englisch - französisch­italienisches Abkommen in der abe'sinrschen Eisenbahnfrage sind nach einer offiziösen französischen Mitteilung zum Still­stand gekommen, sodaß der Abschluß des Abkommens sehr ttveifelhaft geworden ist. Der Hinderungsgrund liegt bei Italien, das sich den englisch-französischen Wünschen nicht ohne weiteres fügen will.

Der Sultan von Marokko ist den Algeciras-Be- schlüffen vorbehaltlos beigetreten, wie der englüche Slaats- selrelär des Auswärtigen im Parlament mitteilte.

(Hießener Zeitung)

Dof und Gesellschaft.

*** Der Kaiser hat gestern auf dem Dampfer Hamburg" die Nordlandsreise von Kiel aus angetreten. Der KreuzerLeipzig" und das DepeschenbootSleipner" begleiten das Kaiserschiff.

*** ^er Fürst zu Schaumburg-Lippe ließ die offiziell festgesetzte Reise nach 'Norderney absagen, nachdem Fürst Leopold zu Lippe-Detmold in Norderney eingetroffen ist. Die Absage erregt ziemliches Aufsehen.

e\ Der langjährige Kurator des Königs Otto von Bayern. General Freiherr Keller v. Schleitheim ist gestorben.

Dccr und flotte.

Berkaus von Militärwaffen. Die Untersuchung wegen der Unterschlagung von Waffen in Spandau zieht weite Kreise. Es finden fortwährend Vernehmungen statt; neuer« dings ist auch die Behausung des in Untersuchungsha t be­findlichen Büchsenmachers Günzel wiederum durchsucht worden; es wurden Gewehrteile und Korrespondenzen beschlagnahmt. G. hat jahrelang in aller Oeffentlichkeit den Waffenhandel in schwunghafter Weise betrieben und dadurch ein Vermögen erworben. Auster ihm sind in Spandau noch zwei Zivilisten und eine Militärperson wegen der Angelegenheit in Unter­suchungshaft.

Hus den Parlamenten.

Annahme der badilchen Schulvorlage. In der zweiten badischen Kammer stand die Schulvorlage zur noch­maligen Beratung. Die Regierung hatte ihre Zustimmung von einer gewissen Erhöhung der Gemeindebeiträge abhängig gemacht. Die Kammer erklärte sich, aut Ausnahme der Sozialdemokraten und der Konservativen, damit einver­standen. Schließlich wurde das ganze Gesetz einstimmig an­genommen.

preußischer Landtag. Derrenhaue.

(23. Sitzung.) RK. Berlin, 3. Juli.

Auch heute dauerte die Sitzung nur zwei Stunden, da wiederum die Vertagung beantragt wurde, um das Schul­gesetz in den Fraktionen vorzuberaten. Aus der Einzel­beratung, die im übrigen ruhig und ohne größere Reden vorwärtsging, ist als Ereignis von politischer Bedeutung nur die Annahme eines Antrages v. K l i tz i n g zu verzeichnen. Fmanzmlnifter v. Rheinbaben widersprach dem Antrag, der dem Kreisausschuß freie Verfügung über die staatlich bewilligten Zuschüsse verschaffen will, und erklärte ihn für unannehmbar. Man beginne immer mehr die Wohl­taten, die der Staat erweist, zu übersehen. Herr v. K l i tz i n g aber erwiderte, der Staat erweise doch seineWohltaten" mit dem Gelde der Steuerzahler und die Regierung solle nicht zu scharf auftreten, wenn sie nicht die ganze Vorlage zum Scheitern bringen wolle. Die Mehrheit des Hauses ließ sich von dieser Stimmung fortreißen und nahm den Antrag an. Nach Erledigung des Gesetzes bis zum § 42 wurde dann die Weiterberatung auf morgen verschoben.

Daue der Abgeordneten.

78. Sitzung. RR. Berlin, 3. Juli.

In dem schwach besuchten Haus, dem nur der Festschmuck des Platzes des Jubilars o. Kardorff heute ein schöneres Aussehen gab, war es wieder sehr still. Die Hauptzeit wurde der Erledigung von Petitionen gewidmet. Vorher gelangten die Lotterteverträge mit Braunschweig und Bremen zur Annahme, wobei Minister v. Rheinbaben erklärte, daß die Waebfrage nach preußischen Losen jetzt bedeutend zu­nehme. Dem Serienlos-Un wesen gehe die Regierung mit Strasaitträgen zu Leibe und werde eventuell zur gesetz­lichen Regelung schreiten.

Riefenbrand in Hamburg.

Eines der hervorragendsten kirchlichen Baudenkmäler Hamburgs, die Michaeliskirche, wurde gestern durch Feu r dern chtet. Die an die Kirche angrenzende Häuserreihe der StraßeEnglische Planke" ergriff das Feuer ebenfalls. Der Brand breitete sich weiter in der Straße aus und ist noch nicht gelöscht.

Trotz angestrengter Tätigkeit sämtlicher Feuerwehren an Homburg und Umgebung konnte das Elemrnt bis Aden nicht bewältigt werden. InfolgeungünstigerWindnchtung ar-ffen die Flammen wie rasend um sich. Es ist wenig Hoffnung vorhanden, die um die Kirche liegenden Gebäude zu retten. Gegen 3 Uhr nachmittags stürzte der wundervolle Turm der Michaeliskirche in sich zusammen, wobei ein großer Teil des brennenden Turmhelmes nach derEnglischen Plante" lyn fiel und dort die Dächer in Brand setzte. Bei dem Einstürze des Turmes lind vier Menschen ums Lebeit gekoinmen, der Fener- Telegraphist, der auf dem Turm Dienst tat, sowie ein Uhr­macher und zwei Mechaniker, die bei der Reparatur der