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Nr. 206

Montag, Pen 3. September 190b

15. Jahrgang

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(Hießensr AeiLnng)

ßlr Overhefsm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lökalauzeiger für Gießen und Umgebung Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des Großb. Volizemmtes Giessen unh rnW - ^Wrh^n sinn ^

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Unabhängige Tageszeitung

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Unser Interesse an Kuba.

In der Provinz Pinar del Rio auf der Insel Kuba sind große Plantagen im Besitze Deutscher. Es heißt, daß die Deutschen die Reichsregierung ersuchen wollen, ein Kriegsschiff üitm Schutze ihrer Interessen zu entsenden, weil die deutschen Besitzungen durch die Unruhen stark gefährdet seien. Es ist nicht zweifelsohne, ob einem solchen Verlangen entsprochen würde. Jedenfalls liegt die Möglichkeit vor, daß der kubanische Aufstand weittragende Wirkungen auf den deutschen Ueber» seehandel und Waarenaustausch ausüben kann.

Präsident Palma, der seit dem Jahre 1902 das Ober­haupt der Insel Kuba ist, hat keine ruhigen Tage. Es hat ihm wenig geholfen, daß er seinen Hauptgegner, den General Josè Gomez, in Gefangenschaft hält. Die Aufständischen 'kommen auch ohne diesen Führer aus. Zwar haben sie die gesetzliche Regierung noch nicht gesttirzt, aber doch hinreichend ins Gedränge gebracht, um ihr den Gedanken einer nach Washington zu richtenden Bitte um Hilfe nahezulegen. Die Vereinigten Staaten von Amerika brauchten eine solche for- rnale Bitte nicht einmal abzuwarten. Nach dem bestehenden Verträge sind sie auch zu unerbetener Intervention berechtigt. Ob sie nun die Zurückhaltung blos zum Schein üben, weil sie wissen, daß die Intervention unter allen Umständen er­beten werden wird, oder ob sie aufrichtig die Intervention benneiben möchten, weil sie daraus kostspielige Verwicklungen besorgen, ist so leicht nicht zu erkennen. Die amerikanische Kolitis ist etwas undurchsichtig, weil sie nicht blos in Was­

hington gemocht wird. Es kann st.br leicht sein, daß das offizielle Amerika von der Intervention nichts wissen will, während die amerikanischen Geschäfts;: olitiker den Aufstand mit Geld Unterstufen, um die Intervention zu erzwingen. Welcher Teil der stärkere ist, muß sich erst erweisen.

Sicher rst, daß die Vereinigten Staaten ziemlich freie Hand haben, auf der Insel Kuba nach ihrem Gefallen vorzu- Kehen, insofern wenigstens, als von keiner andern Macht Ein- .Kiruch erhoben werden wird. Mit den Ausständigen freilich müssen die Amerikaner aus eigener Kraft fertig werden, und (das ist keine geringe Arbeit. Die Spanier hatten mi letzten Jahre ibrer Herrschaft auf Kuba 200 000 Soldaten beisammen, und dieses Heer Ivar nicht imstande, den Kleinkrieg gegen , 14 000 bis 15 000 Insurgenten zu siegreichem Ende zu bringen. Sfttr unmittelbar nach dem spanisch-amerikanischen Kriege, unter der amerikanischen Herrschaft, mar die Insel ruhig. Es ist aber sehr fraglich, ob ein amerikanisches Regiment das ; Ausbrechen der Insurgenten verhindert hätte.

politisches Interesse habe« wir an Kuba natür- I nicht. Ob die Kubaner ihre Selbständigkeit wahren, ob ein anderer Staat über diePerle der Antillen" regiert, kann ' uns sehr gleuhgtltig sein. Ader ein lebhaftes wirtschaft­liches Interesse haben wir an den Zuständen auf Kuba. Wir sind an dem Gedeihen Kubas und somit daran beteiligt, 1 ouf Kuba Ordnung und Frieden wallen, denn wir sind . Kubas gute Kunden und Kuba ist unser guter Kunde. Wer ine crbriung auf Kuba sichert, der erweist uns einen wert­vollen Dienstwofern er sonst unsere wirtschaftlichen Ve- jungen zu Kuba nicht stört. Daß Kuba auf manchem Ge- 6 et linier Konkurrent ist, schadet nichts. Unser Rübenzucker nimmt es mit dem Kubanischen Rohrzucker auf, wofern das ^e Produtt dieselbe Zollbehandlung erfährt wie das andere. Hmfichtlich des Tabaks sind wir Kubas beste Abnehmer. Ein A ä Tabakserzeugnisses der Insel Kuba geht ncch Deutschland. Auch Honig und Eedernhol^ beziehen wir in anse mlichen Quantitäten aus Kuba. Dagegen liefern wir im Austausch Nahrungsmittel, Spirittlosen, Vl^ch-, Metall- und Holzwaaren. Es^ liegt auf der Hand, daß unser Absatz bbrmehren könnte, wenn der öffentliche Frieden auf Kuba nicht qcstort wäre. Dasselbe Interesse wie wir haben d.e Engländer deren Ausfuhr nach Kuba auf 40 Millionen Mark berechnet wird.

.. Wem wir also den Kubanern das Beste wünschen und wünschen muffen, damit unser eigenes Interesse nicht Schaden nehme, so muffen wir gleichzeitig wünschen, dass Kuba seine seitherige selbständige Zollpolitik beibehnlten und nicht etwa der kubanische Zolltarif durch den amerikanischen ersetzt werde. ' v

Einstweilen ist kaum zu besorgen, daß dieser Fall ein» treten wird. Aendern könnten wir freilich auch daran nichts ânn Die Vereinigten Staaten und Kuba sich dahin ver­ständigen wollen, daß Kuba in die Union emttttt, so bat em Einspruchsrecht, muß jeder sich mit den wirt- jGastlichen Folgen abfinden. Doch soweit sind wir eben noch nicht. Die ^nsel Kuba ist ein heißes Essen, das man nicht gern ansaßt. Auch die besonnenen Amerikaner wollen es nicht tun, weil sie eine Politik der Abenteuer überhaupt nicht mögen. Präsident Roosevelt ist Abenteuern iebercfaUâ ab- geneigt, und die Tatsache, daß amerikanische Kapitalisten bei ^asurreftion die Hand im Spiele haben ist Intervention Stimmung zu machen. 2 /an" Intervention kommen, kann sie unab- wnslich werden. Aber von da bis zur Annexion ist noch ein Wetter Weg.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* Durch die Presse ging die Nachricht, der Kommandeur der Schutztruppe in Südwestafrika, Oberst von Deimling habe den Weiterbau der Eisenbahn Lüderitzbucht Kubub bis Keet- manshoop auf eigene Faust angeordnet, obwohl der Reichs­tag den Weiterbau abgelehnt hat. Zu diesen Gerüchten wird offiziös erklärt:

Es ist richtig, daß Oberst b. Deimling wiederholt beim Ober- fommanbo der Schutztruppen und beim Generalstab beantragt hat, die Eisenbahn Lüderitzbucht Kubub sofort nach Erreichung von Kubub als Feldbahn dis Keetmanshoop weiter zu bauen, da er den schleunigen Bau der Strecke KububKeetmanshoop im militärischen Interesse zur Sicherung des Nachschubs für un­bedingt notwendig erachtet. Zugleich hat Oberst b. Deimling um Entsendung des erforderlichen Materials gebeten. Auf diese Anträge ist dem Obersten durch den Gcneralstckb in Ueberein- stimnlung mit dem Herrn Reichskanzler telegraphisch eröffnet worden, daß Material für den Weiterbau der Bahn über Kubub hinaus ohne Bewilligung der Mittel durch Bundesrat und Reichstag nicht zur Verfügung gestellt werden kann.

* Eine Folge der besseren Beziehungen zwischen Eng­land und Deutschland scheint die freundlichere Haltung der kapländischen Regierung inbezng ans die deutschen Interessen in Südwestafrika zu sein. Zwei Europäer, Smith und Huey, sind unter der Beschuldigung, in Port Nolloth an die auf­ständischen Hottentotten auf deutschem Gebiet Munition ver­kauft zu haben, bei den Kapstädter Behörden eingeliefert worden. Namens der deutschen Regierung hat deren gesetzlicher Vertreter der Verhandlung beigewohnt. Die Ange­schuldigten sind in Untersuchungshaft genommen und ihr Gesuch um Haftentlassung gegen Bürgschaft ist abgeschlagen worden.

Russland,

** Die neueren Nachrichten bestätigen, daß überall im Lande die Revolutionäre in voller Tätigkeit sind. In Sebastopol gelang es ihnen, mit Unterstützung der Mattosen, von einigen Kriegsschiffen Kanonen, Kartätschen und Torpedos wegzu­schaffen und mit allen Waffen spurlos zu verschwinden. In Riga brachten sie bei der orthodoxen Kathedrale nachts eine Bombe zur Explosion, und in der Revalstraße eine weitere Bombe. Beide richteten nur geringen Schaden an. In Helsingfors wurde der Eisenbahnkassierer des Wiborger Bahn­distrikts, der den Arbeitern einer Bahnwerkstatt ihren Lohn auszahlen wollte, auf dem Wege dorthin von vier maskierten Männern überfallen und einer Geldsumme von 20 000 Mark beraubt. Die Räuber sind entkommen. Schließlich versuchte eine Bande in Petersburg nachts in die italienische Botschaft gewaltsam einzudringen, wobei sie auf den Schweizer schossen. Als die Polizei erschien, flüchteten die Leute, bis auf einen etwa 40 Jahre alter Mann, der verhaftet wurde.

** In Li bau ist ein Ucbcrfaft auf einen Gefangenen­transport verübt worden. Herbeigeholtes Militär gab mehrere Salven ab, wodurch acht Gefangene getötet, viele verwundet wurden. Mehrere Häuser wurden von Kugeln durchlöchert, wobei eine an den Vorgängen gänzlich unbeteiligte Mutter mit ihrem Säugling, den sie an der Brust trug, getötet wurde. Als der Volizeimeister mit Gehilfen und Soldaten zum Schau­platz des Tumults eilte, wurden sie an der Sttaßenecke nm Nevolversalven empfangen; ein Revieraufseher wurde ver­wundet. Auch an anderen Stellen ttachten zahlreiche Revolver­salven, wobei ein Schutzmann verwundet wurde.

Schweiz,

** Die Verhandlungen über den Handelsvertrag zwischen der Schweiz und Spanien haben ein günstiges Resultat gehabt. Beide Länder werden am 5. September in das Verhältnis der Meistbegünstigung treten. Der abgeschlossene Vertrag soll am 20. November offiziell in Kraft treten.

Kleine politische Nachrichten,

Agram, 1. September. Die Landesregierung hat den Beschluß des Agramer Gemeinderates, nach dem bei Gelegen­heit der Begrüßung Kaiser Franz Josefs in Trebinje dieser um die Vereinigung Bosniens mit Kroatien gebeten werden soll, aufgehoben.

Konstantinopel, 1. September. Der diplomatische Vertreter Bulgariens übermittelte dem ökumenischen Patriarchen auf dessen Protestdepesche wegen angeblicher Griechenverfolgungen ein Telegramm des Fürsten Ferdinand, welches besagt, die Depesche verdiene keine Antwovt, weil sie lügnerisch und ver- läumderisch sei.

Havanna, 1. September. Die Revolution gewinnt an Umfang und die Lage ist sehr bedenklich. Die Provinz Santiago ist in vollem Aufruhr.

Valparaiso, 1. September. Hier verlautet, daß der deutsche Konsul aus Besorgnis vor einer Plünderung des Konsulats eine Abteilung Mattosen vomFalke" landen ließ. Der Kriegsminister soll die soforttge Zurückziehung derMattosen verlangt und erklärt haben, daß die hiesige Polizei vollkommen hinreichend zur Aufrechterhaltung der Ordnung sei.

Soziales Leben,

X Der Ansstand aufRote Erde" dauert fort. Nach­dem seit 14 Tagen 800 Mann der Belegschaft streiken, haben am 1. nach Ablauf der den Arbeitern gestellten Frist, noch 2000 Mann die Abkehr erhalten. Nur etwa 1200 an einem Neubau beschäftigte Arbeiter haben den Vorschlag des Werkes angenommen, unter Ausschluß jeglicher Kündigungsfrist weiter zu arbeiten. In einer von der Lohnko'.nmission der aus­ständigen Belegschaft abgehaltenen und von mehr als 1500 Personen besuchten Versammlung wurde nach Klarstellung der Verhältnisse aufRote Erde" durch die Vertreter der drei beteiligten Metallarbeiter-Organisationen eine Resolution an­genommen, in welcher das Verhalten der Werkleitung scharf gemißbilligt und den ausständigen bezw. ausgesperrten Ar­beitern völlige Unterstützung versprochen wurde.

X Der Verbandslag dcntschcr Mictervereine hat am Freitag in Leipzig seine Verhandlungen ausgenommen. Alle Redner befürworteten einen festeren Zusammenschluß der Mieter und ihre Beteiligung am Gemeindeleben, um einen größeren Einfluß auf die Gestaltung der Wohnungsverhält­nisse zu getoinnen. Die Einführung der Wertzuwachssteuer wurde sehr sympathisch begrüßt.

X Kostenlose Feuerbestattung. In Stuttgart wird durch die Stadt ein Krematorium erbaut. Während nun die Kosten des billigsten Begräbnisses dritter Klasse in Stuttgart bisher rund 85 Mark betragen, hat die Friedhofsabteilung des Ge­meinderats beschlossen, den bürgerlichen Kollegien zu empfehlen, die Benutzung des Krematoriums für die Einwohner von Stuttgart völlig kostenfrei zu machen.

Huf dem Üempelboferseid.

Die Parade des Gardekorps vor dem Kaiser.

Em. Berlin, 1. September.

Die Berliner sind stolz auf den Kreuzberg, neben dem sie den Montblanc alsganz nettes Bergelchen" gütigst noch existieren lassen, stolz auch auf das Tempelhofer Feld, das ja ganzdichte bei" liegt. Auf dem Tempelhofer Feld, diesem ausgedehnten welligen Gras- und Sandplatz, auf dem be­deutend mehr Vegetation Platz hätte, finden alljährlich die großen Frühjahrs- und Herbstparaden vor dem Kaiser und seinen jeweiligen Gästen statt. Da ist die weite Fläche, der sonstZivilpersonen" fern bleiben, weil sie nicht gern gesehen sind, belebt von einer bunt durcheinander kribbelnden Masse von Menschen: den Paradebummlern. Auf den Tribünen sitzen stolz jene, die sich Zehn-, Fünf-, und Drei-Mark-Plätze leisten können. Das Publikum dort oben interessiert heute weniger. Man sieht sich unter den Zaungästen, wenn man sie so nennen darf, etwas genauer um und findet viel Interessantes. In weitem Kreise umspannt eine bald dichtere, bald spärlicher besetzte Kette von Gratis-Zuschauern den Paradeplatz. Wo mans am besten sieht, stehen sie in dichten Massen; mit einer Geduld warten sie im Sonnen­brändebis es los geht", die ein Beweis dafür ist, wie sehr der Berliner und wohl jeder Deutsche soldatisch fühlt und denkt. Wer das mehr als zweifelhafte Vergnügen hat, neben einemSachverständigen" zu stehen, der weiß nach der Parade ganz genau wie die Einteilung unseres Heeres ic. re. nicht ist. Ueberhaupt der Sachverständigeweiß allens" und mit Stentorstimme läßt er alle Umstehenden ob sie wollen oder nicht sich am Born seines Wissens laben. Doch jetzt geht's wirklich los. In die Menschenmauer kommt Bewegung, alles drängt mit unwiderstehlicher Gewalt nach vorn. Wer Hühneraugen hat, wird sie sicher los, wer eines Dampfbades oder kräftiger Massage bedürftig ist, ist auch an die richtige Adresse geraten. Hier werden Energieproben abgegeben, die Erstaunen hervorrufen. Hier hält ein pater famiiias auf dem einen Arm sein Söhnchen, auf dem anderen seine Tochter, auf dem anderen ach so; den kleinsten Sprößling trägt erHuckepack" und er selbst steht aus den Zehen, entweder auf seinen eigenen oder den seines Vordermannes, das ist doch eine Athleten-Leistung. Tsching bum, bum, bum das ist die Garde, die ihren Kaiser liebt" jetzt wogt es heran, aus der Staubwolke blitzt cs schon von Ferne goldig auf, näher und näher tönt die Janitscharen-Musik, jetzt dröhnt der Boden unter den Tritten strammer Grenadiere das ist preußischer Parademarsch. Und kerzengerade ziehen die Regimenter vor ihrem Kaiser vorüber, der mit scharfem Blick die Defilierenden mustert. Der oberste Kriegsherr hat sehr gute Augen. Wenndie Herren Offiziere" zur Kritik gerufen werden, wird manchem schmucken Gardeoffizier der Waffenrock zu enge, dennMajestät" kann sehr deutlich seinem Mißfallen Ausdruck geben. Und dieser Ausdruck des Mißbehagens gleicht einer Lawine, die, je weiter sie hinabrollt, immer stärker und verheerender wird in ihrer Wirkung. Wenn dann Unteroffizier Lehmann seinem Zua erzählt, wieschlapp" marschiert wurde, dann reicht der Bestand des größten Tierparkes nicht hin, um als vergleichende Beispiele zu dienen. Doch auch das schlimmste Unwetter geht vorüber, bald zerteilen sich die Wolken des Unmutes und zurück bleibt die schöne Erinnerung an die P^ade vor dem Kaiser.