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Nr. 153

Dienstag, Den 3. Juli 1906.

5. Jahrgang

BferHmk^ei« i Die einspaltige Petitzeile für ganz Dber- WGen, die Kreise Wetzlar und Marburg 16 Psg. tonst 1b u'fg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pig.

Redaktion u. Hauptervedition : Gießen, Selter-weg 88.

Aer»sprech«»schl»ß -tr. $<><.

Wmrac *wc«HHr 4«: abgetzstr monatlich 50 $fq.. in'- H«l- gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljLhrl. Mk. 1.50, LratlSbeilage» : Oker hessische T ili, u yitmtg G ^H^) und die Gießener Eeife«b!a,V« lwöLeniUck). ^

Das Platt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

richten

lchreßener HageStatt) Nnakhängige Hsgrszeitung (Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großb. Bürgermeisterei Gießen, des Grohls Polrzeiamtes Gießen und anderer Behörden »en ObrrheAerr.

Vonng1and zurück.

Die Vertreter der deutschen Treffe sind aus England zurückgekehrt, wo sie königliche Gastfreundschaft, nicht blol von Seiten des Königs Eduard, genossen haben. Die Auf- nähme, die die Herolde der öffentlichen Meinung Deutschlands in London und anderen englischen Städten gefunden haben, war die herzlichste. Mit aufrichtiger Freundschaft ist man ihnen entgegengekommen, und sie können garnicht umhin, die schönste und dankbarste Erinnerung in die Heimat mitzu­bringen. Die Berufsgenossen englischer Zunge wetteiferten miteinander und mit den Autoritäten des Landes, die Gäste mit wohligem Behagen und mit der Ueberzeugung zu durch­dringen, daß das englische Volk dem deutschen Volk gegen­über Gesinnungen hegt, die frei von Mißgunst und Eifer­süchtelei sind. Der eine oder andere deutsche Tagesschrist­steller mag in den festlichen Tagen und ihrer gehobenen Stimmung an manche zurückliegende publizistische Leistung mit einiger Beschämung gedacht und sich vorgenommen haben, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Und auch unter den englischen Gastfreunden ist sicher mehr als nner gewesen, der gern vergaß und vergessen machen wollte, daß er hier und da einmal ein unbedachtes Wort gesprochen hat, das aus veräraertem Gemüt kam und Verärgerung ver­geltend bervorzurusen angetan war. Hoffentlich bleiben beide Teile bei den guten Vorsätzen, die sie gefaßt haben. Unter allen Umständen darf angenommen werden, daß die Nachwirkung geraume Zeit vorhallen wird, daß der gegen­seitige Verkehrston freundlicheren Charakter auf die Tauer behält.

Damit ist schon viel gewonnen. Man würde sich selbst täuschen, , wollte man glauben, daß nun für alle Zukunst jede Meinungsverschiedenheit zwischen der deutschen und englischen Publizistik oder gar zwischen der öffentlichen Meinung Englands und Deutschlands ausgeglichen und un- möglich gemacht sei. Wobl aber dürfte die Neigung schwinden, die^ so manchesmal hüben und drüben hervorgetreten ist, misstrauisch unlautere Motive bei dem andern Teil unlerzu- stellen. Die gegenseitige Achtung erhöht das gegenseitige Zutrauen,erstickt die Mißgunst, stärkt die Verträglichkeit. Freilich dürfen wir uns nicht einreden, ein Monovol auf die englische Zuneigung, gewonnen zu haben. Wir selbst nehmen iür uns in Anspruch, freundschaftliche Gefühle für mehr als eine andere Ration zu hegen mit welchem Recht dürsten ww den Engländern verdenken, auch einem anderen als dem beuchen Vo'k sich freundschaftlich nahe zu fühlen! Wir wollen 'n Frieden sein mit aller Welt und können es deshalb nur zustimmend begrü en, wenn alle Welt miteinander Frieden hält. Mißverständnisse haben uns wiederholt von - ngland getrennt. In der erneuerten Freundschaft wollen mir nicht mäkelnd nachrechnen, auf wessen Seite die Schuld gewesen ist. Wir haben einander in Aufrichtigkeit Amnestie erteil:, und an d eser Aufrichtigkeit wollen wir festbglten. Es hat eine Zeit gegeben, die nicht gar so weit zurückliegt, in der die Mißverständnisse nabe daran waren, zu offenen Mißbelligkeiten zu führen. Wir dürfen wohl nicht ver­gessen, daß ^ in dem Augenblick, da die Gefahr eine be­denkliche Höbe erreicht hatte, im englischen Volk eine spontane kraftvolle Bewegung entstand, die darauf ge­richtet war, alle aus Intriguen emporgestieoenen Uebel zu zerstreuen, daß unter Zustimmuna des ganzen englischen Volkes seine Führer lautes Zeugnis dafür ablegten: sie wollten mit uns nicht im Streit sein. In herzlich brüderlicher Gesinnung haben sie uns die Hände entaeaengestreckt, und w'r haben, von gleicher Gesinnung getrieben, in die Hände eingeschlagen. Diesen Pakt der beiderseitigen Bevölkerung wollen wir halten. In England hat diese deutschfreundliche Gesinnung die neue Legierung bilden helfen, in Deutschland hat die Regierung die englandfreundliche Bewegung unterstützt und ihr zu­gestimmt. Die Einladung der deutschen Pressevertreter nach England und die Annahme dieser Einladung war gewisser­maßen eine Besiegelung eines Bündnisses, das ohne Diplo­matie rind ohne diplomatisches Beiwerk zustande gekommen ist. Es muß sich zeigen, ob die Bevölkerungen hüben und drüben reif genug sind, ihr eigenes Werk zu respektieren und zu wahren. Die Pressevertreter sind gleichsam die Siegel­bewahrer des Paktes, der ungeschrieben ist, wie die englische Verfassung. Tun sie ihre Pflicht, handeln sie nach den Vorsätzen, die sie in der gehobenen Stimmung festlicher Tage gefaßt haben, auch in der nüchternen Alltags- üimmung und unter den Versuchungen unvermeidlicher und imvorbersehlicher Erregung, so wird ihr Pakt unerschütterlich sein, wie die englische Verfassung.

England und Deutschland haben beide eine eigenartige. Entwickelung durchgemacht. Das war nicht ihr Verdienst, !vndern ihr Geschick. Beide können von einander lernen, und beide sind dazu bereit. Doch nicht im Streit darf das geschehen, nur in friedlichem Wetteifer ist das möglich. Die Presse beider Lander hat die Aufgabe übernommen, in diesem Sinne zu wirken. Möge sie hüben und drüben sich dieser schönen und gedeihlichen Aufgabe gewachsen zeigen.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Verhandlungen über Portoherabsetzungen im Postverkehr mit Holland versprechen günstige Resultate. Die deutsche und die holländische Regierung stehen angeblich vor dem Abschluß einer Vereinbarung.

* Gegen die Einführung von Schifffahrtsabgaben er­beben eine An zahl süddeutscher Handelskammern, nämlick Calw, Colmar, Darmstadt, Frankfurt a. M Freiburg, Heidel­berg, Heidenheim, Heilbronn, Karlsruhe, Konstanz, Lahr, Ludwigshafen, Mannheim, f 'bach a. M., Pforzheim, Ravensburg, Reutlingen, Schopf.>eim, Straßburg i. E., Stutt­gart, Ulm, Villingen, Wiesbaden, Worms a. Rh. m einer öffentlichen Erklärung lebhaften. Widerspruch. Die Kammern richten gleichzeitig an ihre Regierungen das Ersuchen, dem Antrag auf Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserstraßen ihre Zustimmung zu versagen.

* ^LDMRußssche Minister des Innern hat eine Verfügung erlassen, welche Die Milderung des bisherigen Verfahrens bei Ausweisung von Ausländern bezweckt. Es ist vorgekommen, daß Ausländer in Polizeihaft festgehalten worden sind, wett die Uebernahme-Erklärung ihres Heimatstaates nicht rechtzeitig einging. Es soll von jetzt an die Ausweisung im Wege des Transportes nur dann stattfinden, wenn angenommen werden muß, daß der Auszuweisende der Ausweisung ohne An­wendung körperlichen Zwanges nicht Folge leisten wird. Hatt soll überhaupt nur angewandt werden, wenn sie zur Auf­rechterhaltung der öffentlichen Sicherheit, Ruhe und Ordnung für notwendig erachtet werden muß.

Oesterreich-Ungarn.

^ In Oesterreich werden die Postgebühren wahr­scheinlich nicht erhöbt. Der lebhafte Einspruch gegen die beabsichtigte VerkehH-Erschwerung hat den Handelsminister zu persönlichem Angreifen veranlaßt. Aller Voraussicht nach wird man den Plan ganz fallen lassen.

Schweiz.

Zwischen der Schweiz und Spanien ist ein scharfer Zollkrieg ausgebrochen infolge des Scheiterns aller ZoÜ- vertragsunterhandlungen und Ablehnung des Provisoriums. Der Bundesrat setzte für spanische Waren Zollansätze fest, die die spanische Einfuhr fast gänzlich ausschließen.

Russland,

In der Reichsduma ist ein Antrag der Regierung eingebracht auf Gewährung eines Kredites von 100 Millionen Rubeln zur Unterstützung der von der Mißernte be­troffenen Kreise. Es handelt sich um 127 .Kreise, die sich auf 27 Gouvernements verteilen, die besonders Saatfrmht! erhalten sollen. In einem Dorfe des Kreises Neu-Ladoga sind sechs Fälle von sibirischer Pest festgestellt worden.

Rof und Gesellschaft

4 Jer Kaiser bat Potsdam bereits wieder verlassen, um seine Nordlandsfahrt anzutreten. Er begab sich mittels Sonderzuges nach Altona und fuhr von dort im Automobil nach Kiel. Nach einer Besichtigung des Panzerkreuzers ,,Prinz Adalbert" begab sich der Kaiser an Bord der Jacht ^Hamburg".

*** Der Präsident des deutschen Reichs-Versicherungs- rmtes, Otto Gaebel, ist an der Blinddarm-Entzündung, die ihn in der vorigen Woche befallen hatte, gestorben.

*** In München beging der Minister des Innern Dr. Nraf von Feilitsch das 25jährige Minister-Jubiläum. Bei der Feier betonte der Minister, wenn es ihm gelungen ei, Erfolge zu erzielen, so sei dies das Verdienst seiner Beamten; er wünsche, die Ehren des heutigen Tages mit ihnen allen zu teilen. Im Namen des Bundesrates und im Auftrage des Reichskanzlers übersandte der Staaissekrelär des Innern Graf v. Posadowsky ein Glückwunschschreiben.

Kaiser Franz Josef hat sich von Wien zum Sommeraufenthalt nach Ischl begeben.

Soziales Leben.

X Zentralverband der Wasch- und Plâttanstalts- beftner. Der Kongreß der Wasch- und Plätianstaltsbesitzer, b?r im Anschluß an die Fachausstellung des Wäscherei- und Pläiiereigewerbes in Berlin tagte, hat einen großen Zentral­verband über gant Deutschland mit dem Sitz in Berlin ge­gründet, der alle Wasch- und Plättanstaltsbesitzer des Reiches umfassen soll.

preußischer Landtag.

Herrenhaus.

(22. Sitzung.) RK- Berlin, 12. Juli.

Nachdem die Verfassungsänderung (gemäß dem Antrag Schiffer) endgültig angenommen war und Minister Studt ihre möglichst baldige Veröffentlichung versprochen hatte, trat hn§ Haus in die zweite Lesung der Schulvorlage ein. Die Verhandluna war heute nur kurz. Den Reden des

Professors Reinke-Kiel und des Oberbürgermeisters Kürschner-Berlin für und gegen die Konfessionsschule lauschte das gut besetzte Haus mit großer Teilnahme. Dann aber beantragte Graf Mirbach, die Sitzung abzubrechen, da seine Fraktion über die Frage der Lastenverteilung noch nicht habe Beschluß fassen können. Daraufhin verschob das Haus die Weiterberatung auf morgen.

Haus der Abgeordneten.

77. Sitzung. ' RK. Berlin, 2. Süll

Eine stille Geschättsfitzung war diese erste nach langer Pause, und nur wenige Volksboten hatten sich dazu einge­funden. Das Gesetz über die pekuniäre Auseinandersetzung zwischen Betriebs- und Wohngemeinden wurde nochmals an das Herrenhaus zurückgeschoben, da man einer Abänderung, die das letztere beschlossen hatte, nicht zustimmen wollte. Der, Antrag des Abg. Mathis (nat.-lib.), die Gerichtssekretäre mit den Regierungssekretären gleich­zustellen, wurde mit großer Mehrheit angenommen, obwohl Minister B e s e ! e r dagegen mit der Begründung Einspruch :rhob, dag dann wieder die Sekretäre an den Oberlandes- ^erichten über dieses Maß hinaus aufgebessert werden müßten. Dchtteßltch erledigte das Haus eine lange Reihe von Petitionen.

Der entgleiste Cxpreßzug.

(Sonder-Bericht.) Loudon, 2. Juli.

Ein schreckliches Eisenbahnunglück, wie es selbst in unserer an^ ähnlichen Katastrophen gerade nicht armen Zeit lange nicht vorgekommen ist, hat die Passagiere des amerikanischen DampfersNewyork" auf ihrer Fahrt von der englischen Küste nach London bei der Station Salisburh betroffen.

Dort befindet sich eine höchst gefährliche föirVe, die in der Form eines S läuft und von den Sachverständigen schon längst als eine höchst prekäre Anlage betrachtet wurde. Als der Schnellzug der Süd-West-Bahn, der die Passagiere des Dampfers von Devonport nach der englischen Hauptstadt führte, mit der üblichen rasenden Geschwindigkeit diese Stelle passierte, geschah, was man schon lange einmal befürchtet hatte: die Lokomotive des Expreßzuges entgleiste, und von den 47 Passagieren des Zuges fanden 22 im Verein mit einigen Babnbeamten auf der Stelle einen qualvollen Tod, während fast alle übrigen Insassen des Zuges mehr oder weniger schwer verletzt wurden.

Erschwert wurde die Katastrophe dadurch, daß die Un­glücks-Lokomotive zunächst auf den Dienstwagen eines entgegen­kommenden Milchzuges fuhr und dann, den sandigen Bahn­steig tief aufwühlend, mit furchtbarem Krachen die Eisen­pfeiler der über die Babngeleise führen Den Fußgängerbrücke fort fegte. Dann überschlug sich die Maschine, es erfolgte eine Explosion, und der Lokomotivführer wie der Heizer wurden in das Feuer geschleudert, wo sie elendiglich ver­brannten.

Die entgleisteLokomotive hatte die nächstfolgenden Waggons au? den Schienen gerissen. Der vorderste stieß ebenfalls gegen einen Brückenpfeiler und wurde in Stücke zerschmettert, der zweite und dritte Wagen überschlugen sich und wurden ebenfalls zersplittert. Nur der letzte Wagen, der die Küche enthielt, wurde gerettet, und das verdanken die Insassen der Geistes­gegenwart des Schaffners, der mittels der Ätotbremse den Wagen zum Stehen brachte.

Durch das Getöie des Zusammenstoßes wurden die Be­wohner Salisburp's au? dem Schlafe geweckt, denn es war 2 Uhr früh, als das N-,glück sich ereignete. Die Dunkelheit erschwerte das Rettungswerk, das alsbald begann. Furchtbar klang da? Stöhnen der in den Trümmern eingeklemmten oder unter ihnen liegenden Passagiere durch die dunkle Nacht. Mit Axt und Säge ging man daran die zum Teil in schrecklicher Weise Verwundeten zu befreien und die Leichen zu bergen, die fast alle gräßlich verstümmelt waren. Die Verletzten schaffte man in das Hospital zu Salis- bum. Entsetzliche Srenen spielten sich auf der Un­glücksstelle ab. Da war ein amerikanisches Brautpaar auf der Hochzeitsreise nach dem Kontinent begriffen. Auf dem Dampfer hatten Mr Cositt und seine schöne junge Frau durch ihr irisches munteres Wesen alle Herzen gewonnen. Als man die verstümmelte Leiche des eben noch so glücklichen Ehe­mannes unter den Trümmern hervorholte verfiel Die neun­zehnjährige Mistreß Cositt, die munberbarer Weise ganz un­verletzt geblieben war, in Wahnsinn. Mit lautem Weh­klagen stand eine Mutter vor einem Haufen Balken, zwischen den ihr zwölfjähriges Töchterchen eingeklemmt war. Mit wahrem Heldenmute war die Kleine nur darauf bedacht, ihr Mütterchen zu trösten, indem sie fortwährend beteuerte, daß sie gar keine Schmerzen empfinde. Als man das Mädchen befreit hatte, war es tot; ein Balkensplitter hatte es buchstäblich durch­bohrt.

Doch ziehen wir den Schleier über diese Bilder des Grauens. Groß ist die Erbitterung über die Bahngesellschaft, die trotz mehrfacher Warnungen eine derartig gefährliche Stelle duldete und die Züge mit der vollen Geschwindigkeit eines englischen Erpreßzuaes darüber Hinwegjagen ließ. Jetzt wird wohl Abhilfe geschaffen werden, aber den Opfern der furchtbaren Katastrophe ist damit nicht geholfen!