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Nr. 283

Erstes Blatt

Samstag, den 1. Dezember 1906

15. Jahrgang

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VratiSbeUage«: Oberhessische Fa»Me«re1t»«s (tigHO und die «tetzener Eeife«blase« (wöchentlich).

MeMfüt. Hrarptexleedttivn: Gieße», Selter-we- 83.

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fkr Okerhefsen und die Kreise MarbArg und Wetzlar; Lökalameißer für Gießm und Umgebung.

GnchLtt alle amtlichen Bek«mtm«hMgen der Grohh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhesfen.

politische Rundschau

Deutschee Reich«

Regierung diese dahin führen wird, Sozialdemo- steten in Zukunft nicht w ieder zu bestätigen. In dieser Hoffnung ist die F aktion bereit und wünscht, mit dem Ministerium die bisherige Zusammenarbeit fortzusetzen.

Im Namen der

Zentrumspartei

begründet der Abg. v. Brentano deren Standpunkt, daß ein Staatsbürger nie wegen seiner politischen Ueber­zeugung von öffentlichen Aemtern ausgeschlossen werden soll, vorausgesetzt, daß seine Persönlichkeit die Garantie bietet, er werde die Gesetze in dem sinne ausfühcen, in dem sie erlassen sind. Diese Garantie kann aber nach der heutigen Stellung der Sozialdemokratie von einem Sozial­demokraten nie gegeben werden. Das hat auch Eißnert durch seine Erklärung bewiesen. Die Antwort der Regierung ist nichts als ein Lerlegen- Heitslaborat. Es ist sehr wohl möglich, daß ein unbe­soldeter Beigeordneter in einer ernsten politischen Situation eingreifen muß, dann muß er versagen. Redner versteht auch die Sozialdemokraten nicht, daß sie einen so unzuverlässigen Beigeordneten duldete. Die Regierung erklärt mit allen gesetzlichen Mitteln gegen Eißnert vorgehen zu wollen, wenn ec anders als nach den Gesetzen handelt. Damit erkennt sie selbst die große Gefahr an, die vom Redner noch an einigen treffenden Beispielen illustriert wird.

Die Bestätigung ist ein Recht der Krone; dieses setzt eine Information nicht nur über die persönlichen Eigenschaften, sondern auch über die Aussichten voraus, in welcher Weise der dazu bestimmte fein Amt aus­üben wird. Eine Orientierung durch vor­herige Information des Ministeriums bei den Vertretern aller Parteien hätte den schweren Fehler vielleicht vermeiden können.

Aber der Fehler des Ministeriums ist in Aner­kennung der schwierigen Lage nicht so schwer, daß wir es wegen dieses vereinzelten Irrtums stürzen wollen. Die Demission des Ministeriums aus Anlaß der Darmstädter Versammlung, auf der, wie Redner über­zeugt ist, die Reden aus innerer Ueberzeugung gekommen, und mit recht scharfe Vorwürfe gegen das Ministerium erhoben worden sind, ist falsch, denn ein parlamen­tarisches Ministerium demissioniert nur dann, wenn ihm von der Mehrheit der Volksvertreter das Ver­trauen entzogen worden ist. Gerade in der jetzigen kritischen Zeit ist es Pflicht des Ministeriums auszu- harren und durch fleißige Arbeit die bedeutenden vor­liegenden Gesetzentwürfe zu erledigen. Abg. v. Brentano gibt folgende

Erklärnng des Zentrums:

Mißbilligung der Bestätiguug, von der sich die Regierung sagen mußte, daß sie damit unge­heueren Zündstoff ins Land werfe. Aber da es eine Einzelfrage ist, kein Mißtrauensvotum!

Hessischer Landtag.

Zweite Kammer.

Darmstadt, 29. November.

Die Besprechung -es Fall Eitznert.

Nachmittagssitzung.

Der Andrang zu den Tribünen ist enorm. Die ältesten Leute im Hause können sich kaum eines solchen großen Tages erinnern. Gleich zu Beginn der Sitzung erhält Abg. Reinhart das Wort zur

Begründung der Interpellation d. nat.-lib. Partei.

Nur von allgemeinen Gesichtspunkten aus, während die Begründung vom juristischen Standpunkt später der Abg. Dr. Gläsfing übernahm. Der Fall Eißnert sei so geartet, daß er zu so großen Meinungsverschieden­heiten zwischen dem Ministerium und der national- liberalen Partei geführt habe, wie sie seit Jahrzenten nicht vorgekommen sind. Im Interesse der staatser­haltenden Parteien muß die Grenze immer enger ge­zogen werden. Es ist der Fall denkbar, daß der sozial­demokratische Beigeordnete zur Ausübung amtlicher Befugnisse gelangt; der Redner kennt aus Worms eine Reihe von^ Fällen, in denen der 2. Beigeordnete solche ausgeübt hat. Die nationalliberale Partei erkennt nach wie vor den Grundsatz an, den sie auch in der Interpellation ausgesprochen hat, daß die Parteistellung für die Bestätigung nicht maßgebend sein darf; solange aber die Sozialdemokratie freiwillig eine Ausnahme­stellung einnimmt, liegt die Tache anders. Wenn einmal der Zukunftsstaat da sein sollte, die Sozial­demokratie die Macht hat, wird ganz gewiß keiner der unseren ein Amt erhalten.

Tatsache ist, daß eine große Anzahl von Menschen durch den Fall Eißnert in ihrer Anschauung irre ge­worden ist, da die Regierung selbst Sozialdemokraten in amtliche Stellungen beruft; auch die große Zahl der Staats arbeiten wird zweifelhaft. Das ist einer der großen Schäden, der offen bekannt werden muß. Wir wünschen die Ordnung, in der wir leben, aufrecht zu erhalten, und deshalb sind wir grundsätzlich dagegen, daß mit amtlichen Stellungen Sozialdemokraten betraut werden. Redner erkennt an die sie ßige positive Mit­arbeit der sozialdemokratischen Kammermitglieder in Hessen, aber schon beim Budget versagt die Sozial­demokratie wieder.

Am Schluffe seiner mit Beifall bei der großen Mehrheit des Hauses aufgenommenen Rede gab Abg. Reinhart eine

Erklärung der nationalliberaLeu Fraktion dahin ab: Die Fraktion steht fest auf dem Standpunkt der Interpellation und bedauert die Bestätigung; sie faßt den gestern schon wiedergebenen Schlußsatz der Regierungsantwort dahin auf, daß die Vorsicht der

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E5^^^ je« Regentschaftsrat liege ein Verzicht des Herzogs von

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Maßgebende Stellen in Braunschweig äußerten sich indessen trhin, daß ein solcher Verzicht nicht vorliegt.

Von vorgeblich zuverlässigster Quelle wird auS Wien

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>erichtet, daß in letzter Zeit neue Vereinbarungen über die Fortdauer deS Dreibundes getroffen wurden; es scheint, daß He Reisen des Staatssekretärs v. Tschirschky nach Wien und Rom doch diesem Zwecke galten. Ein Zeugnis der neuen Vereinbarungen war auch der Depeschenwechsel der Minister Nehrenthal und Tittoni. Ueber den Inhalt der neuen Ab- machung bewahre man strengstes Geheimnis.

Wie in Württemberg von amtlicher Seite bekannt ge­geben wird, soll die Persoueu-Tarifresorm voraussichtlich am 1. Mai 1907 zur Einführung gelangen. Die Kilometer- arundtaxen sollen betragen in der 1. Klasse 7 Pf. pro Kilo­meter, 2. Klasse 4,5 Pf., 3. Klasse 3 Pf., 4. Klasse 2 Pf. Den neuen Fahrkarten wird die für Schnellzugszuschlag unÈ Reisegepäck in Betracht kommende Zone aufgedruckt.

Kleine politische Nachrichten.

Berlin, 30. November. Die Novelle zum Börsengefttz y vom Bundesrat dem Reichstage zugegangen. Sie lehnt »ch im wesentlichen an die Beschlüsse der Kommission des Reichstags an.

Berlin, 30. November. In der Petitionskommission des Sieichstags wurde vom Regierungsvertteter die Mitteilung gemacht, daß die Vorlage über die Verbreiterung des Kaiser- Wilhelm-Kanals dem Reichstage noch in dieser Tagung zu­gehen werde.

Berlin, 30. November. Ueber den Stand der Vorarbeiten für die Strafprozeßreform haben die Nationalliberalen im Reichstage eine Interpellation eingebracht.

Posen, 30. November. Erzbischof von Stablewski hat letztwillig über 8/< Millionen Mark für polnische Legate und Wohltätige Stiftungen hinterlassen.

Posen, 30. November. In der Sitzung des hiesigen Domkapitels wurde zum Verweser der Diözese Posen der Weihbischof Likowski gewählt.

Hamburg, 30. November. Die Reederei Wörmann bat infolge Lösung ihres mit dem Reiche abgeschlossenen Monopol- tverttages den nach Deutsch-Südwestasrika exportierenden Firmen Frachtermäßigungen zugestanden.

Wien, 30. November. Im Abgeordnetenhause kam es anläßlich der Verhandlung über die Wahlkreis-Einteilung zu einer Rauferei zwischen Tschechen und Deutschen, die zur Unterbrechung der Sitzung zwang.

Amsterdam, 30. November. Bei einem Gefecht holländischer Soldaten mit dem Kopfjägerstamm der Alfuren auf 9?eu= Guinea erlitten die Holländer einen Verlust von acht Toten und sieben Verwundeten.

Rom, 30. November. Das italienische Torpedoboot 137 sank infolge des SMrmes bei Tavignana. Die Besatzung konnte sich retten.

Peking, 30. November. Die chinesische Finanzverwaltung fat die Vorarbeiten für eine Währungsreform begonnen.

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stach der Katastrophe.

Die Ruhe deS Todes lagert über den Trümmerhaufen in Irbcp und Annen, weitere Explosionen, die man befürchten p müssen glaubte, find nicht eingetreten. Das Hauptver- lienst, diese drohende Gefahr von Annen abgewandt zu haben, jebührt den Dentzer Pionieren, die mit Todesverachtung die ietzten Roburitbestäude entfernten und aus den Trümmern in Sicherheit brachten.

Mutter Natur leistete auch werkEtige Hülfe, reichliche Regenmassen setzten die Unglücksstätte unter Wasser und wstickten die Flammen und verhinderten so deren Weiler- zlimmen und eventuelle weitere Explosionen.

Die Ursache der Explosion

ist noch immer nicht genügend geklärt. Man vermutet, daß neben den Roburitbeständen Dynamit und Zündhütchen ge­lagert haben, das explodierte und die Roburitmengen mit zur ^plosion brachte. Es heißt, man habe auf der Unglücks­stätte Zündschnüre gefunden und vermutet deshalb Brand­stiftung, die gerichtliche Untersuchung der Ursache der Kata­strophe ist bereits eingeleitet. In der Nahe der Unglücks­stätte stockt jedes geschäftliche Leben, die Verkaufsläden sind geschloffen. Die Familien, die ihr Heim in der Nähe der Fabrik gehabt haben, sind vor Schreck noch wie gelähmt. Außerordentlich zahlreich sind die Gehörschäden infolge des gewaltigen Luftdrucks. Auf allen Wegen trifft man Personen, denen das Trommelfell zerriffen ist.

Der Gesamtschaden

dürste sich auf etwa zwei Millionen Mark belaufen, das

Kruppsche Werk erlitt einen Schaden von 80100 000 Mark, das Annener Gußstahlwerk einen solchen von ca. 20 000 Mark. Die Zahl der Toten konnte immer noch nicht endgültig festgestellt werden, das Publikum in Witten ist der bestimmten Meinung, daß mehr als 80 Personen bei der Katastrophe ihren Tod fanden. Diese Zahl dürfte aber noch zu niedrig gegriffen sein; nach den neuesten Feststellungen find 30 Personen tot und 62 schwerverletzt. Im Marienhospital waren 76 Ver­wundete untergebracht, die jedoch bald, nach Anlegung von Verbänden, entlasten werden konnten. 38 Patienten, die mit Schädelbrüchen und schweren inneren Verletzungen dort eingeliefert wurden, sind von den Aerzten aufgegeben worden. Im Diakouiffenhause find 20 Tote und 40 Schwerverletzte eingeliefert worden, von denen 5 starben. Etwa 200 Personen sind dort verbunden worden. Auch in anderen Hospitälern fordert der Tod täglich neue Opfer und bald wird daher die oben­genannte Gesamtsumme der Toten überschritten sein. Uebrigens sind noch nicht mal alle Leichen geborgen; es ist festgestellt/daß eine Kutscher- und eine Nachtwächterfamilie, die in der Fabrik wohnten, unter den Trümmern begraben liegen. Die ge­borgenen Leichen sind fast alle in Stücke zerrissen oder halb verkohlt, so daß es nur in wenigen Fällen möglich war, die Persönlichkeit der Getöteten festzustellen.

2000 Obdachlose.

Schwer lösbar ist die Frage de-' Unterbringung der Obdachlosen. In Witten wie in Annen und Umgegend find sämtliche Schulen geschloffen worden, um Raum für die Obdachlosen zu schaffen, deren Zahl auf 2000 geschätzt wird, jammervolles Bild bietet der Bahnhof in Annen. Hunderte kampieren in den Wartesälen. In alte Lumpen gehüllt, hocken Kinder, Greise und Kranke am Boden. Die meisten Bewobner von Annen sind leicht verletzt. Lunderte

von FamUlen suchen bet auswärtigen Bekannten und Ver­wandten Zuflucht. Mit jedem Zug werden zahlreiche Kinder befördert, meistens 20 und mehr, unter dem Schutz eines Erwachsenen. Die öffentliche und private Wohltätigkeit regte sich erfreulicherweise sofort nach Bekanntwerden der ganzen Schwere des Unglücks allerorten. In Dortmund konstituierte sich unter Teilnahme der Großindustriellen aus dem Ruhr­gebiet ein Hilfskomitee für die Hinterbliebenen der Opfer der schweren Katastrophe. Bisher sind 200 000 M. gezeichnet.

Neuere Meldungen:

Berlin, 30. November. Die Kaiserin hat einen größeren Geldbetrag aus ihrer Privatschatulle für die Hinterbliebenen der Opfer von Annen angewiesen.

Dortmund, 30. November. Die Staatsanwaltschaft hat sämtliche Bücher der Noburitfabrik beschlagnahmt, weil an­genommen wird, daß in Ardey noch andere Explosivstoffe als Roburit hergestellt wurden.

Göttingen, 30. November. Die Explosionskatastrophe von Witten wurde von dem Göttinger Seismographen als scharfes Beben registriert. Es erfolgten vier Erderschütterungen von je 15 Sekunden Dauer.

Schilderungen eines Rügenzeugen.

K Dortmund, 30. November.

Als in der Nacht zu Donnerstag die Stimme der Dampf- firene schauerlich die Sttlle der Nacht zerriß, ahnte wohl niemand, welche schreckliche Katastrophe durch jene Alarm- zeichen eingeleitet wurde. Der kleine Brand in der Noburit­fabrik Ardey war bald gelö , schon verliefen sich die ^Neu­gierigen, die zur Brandstätte geeilt waren, wieder, als am