Kasseler Neueste Nachrichten
M- 301 / Gnundzwanzigster Jahrgang
Donnerstag, 14. Dezember 1931 /1. Beilage
W für UNS am heiligen Mn- ans -em Posten fin-
Sen vielen gewidmet, denen am 21. Dezember kein Lichlerbaum glänzt
Es sind am heiligen Wend noch mehr Leute auf Sem Poften als Polizei und Feuerwehr, Arzt, Heb- Eme um> Schwester. Alle Verkehrsmittel sind in Netrieb: Tausende von Bahnbeamlen stehen auf ihren Platzen! In den Gasanstalten, in den Elektriziläts- werken — überall dröhnen die Maschinen! Sind uns ^scht heute die K. N. N. gebracht worden? Kam nicht »re Poft an? Kann man nicht telephonieren, wohin man will? „Fröhliche Weihnachten, Fräulein vom ‘amt!"
Fröhliche Weihnachten? Ach nein: Heiligabend --ann man nicht nachholen. Wer am ersten Feiertage tm Morgendämmern erst nach Hause kroch, sich tot- mude tn sein Bett fallen ließ — der wird nicht mehr dieses Verzaubertsein empfinden, das wir heute abend unter dem brennenden Tannenbaum spüren Der ist nun einmal um seinen „Heiligabend" betrogen.
Und den Hunderitausenden in Deutschland, denen es so erging, ihnen gelten die folgenden Zeilen. Wir konnten ja nur wenige, nur ganz vereinzelte Berufsgruppen heraussuchen. Aber wenn wir auch im Trubel des Festes ihrer nicht gedenken, mit diesen Beitragen wollen wir allen denen danken,
die für uns am Heiligabend auf dem Posten waren.
Anderen Freude bringen
Bon Johannes Hein. Feld-Sekretär der Heilsarmee.
Straß auf, Straß ab. Die Menschen in den Straßen haben alle so zersorgte Gesichter, der erbarmungslose Kampf mit den Sorgen spricht aus den Augen. Doch plötzlich geht ein Aufschauen durch die Pafsan- ien. Ein Lied klingt über die Straße. Singend stapft eine Gruppe junger Mädchen durch den Schnee. Kleine Weihnachtsbäumchen tragen sie unter dem Arm und Körbchen, die voll Lebensmittel sind. Rot leuchten von ihren Hüten die Bänder der Heilsarmee Pfadfinderinnen sind es, Mitglieder der Iugendliga Heute, am Heiligabend, wollen sie die Armen besuchen: Alte, Lahme, Gebrechliche; Menschen, die nicht mehr zur Bescherung der Heilsarmee gehen konnten.
Ein dunkler Flur verschluckt die Mädchen. Auf dem Hof sammeln sie sich um ein blindes Kellerfenster. Plötzlich erklingt es: .^Stille Nacht, heilige Nacht" Die Kerzen eines Bäumchens sind angezündet, und gegen die Scheibe« einer trüben Kellerwohnung driik- ken sich feuchte Kindernäschen. Kleine Menschen schauen mit strahlenden Augen auf die Flärnntchen und in die Körbe.
Auch die Pfadfinderinnen strahlen! Ueber alle eigenen Sorgen hinweg trägt sie das Gefühl einer freudigen Dankbarkeit, daß sie heute, zum Christfest, anderen Menschen ein wenig Liebe haben bringen dürfen. Tenn sind sie auch noch jung, Sorgen hat doch schon gar manch eine unter ihnen zu tragen.
Oder meint Ihr vielleicht, das seien keine Sorgen: wenn man mit siebzehn Jahren die Stellung verliert, obgleich die kranke Mutter so sehr aus das Gehalt angewiesen war . . . oder wenn man zum ersten Mal Weihnachten feiert, ohne daß die Schwester dabei ist. So wie es der Schwarzen da geht, bei der es noch kein Jahr her ist, daß ihre Schwester nach einem Streit mit der Mutter auf und davonlies. Sie haben gesucht und geforscht, aber das Mädchen blieb verschollen. Und auch die Kleine dort hat es bitter schwer, ihre Eltern wollen sie trennen von der Hellsarmee. Noch so sehr bitten kann sie.
Noch ein Weihnachtslied erklingt jetzt. Me Körbe sind verteilt. Nach Hause geht es! Heraus aus der Altstadt führt der Weg, vorbei an schönen Häusern wohlhabender Menschen . . .
Durch die trostlose Nacht
Bon U.... B.. „ Schaltwärter am Umspannwerk X.
Wir haben den Namen des Autors fortgelasse», um ihm Schwierigkeiten zu ersparen.
Völlig verlassen sitzt der Schaltwärter in der Nachtschicht, zwölf lange Stunden hindurch. Versorgt euch alle mit elektrischem Strom! Ein paar Handgriffe nur, ein paar Hebel auf „Aus" — und schon wären zehn, zwanzig, hundert kleine Ortschaften ohne Strom sprängen hunderttausend Menschen auf, erschreckt durch die plötzliche Dunkelheit. Ein paar Handgriffe nur, ein paar Hebel auf „Ein" — und ihr hättet alle euer Licht und euer Wohlbehagen wieder.
Weihnachtsnacht des Schaltwärters? Diese „stille und heilige Nacht" ist gerade so still wie all die anderen Nächte aud), in denen ich Dienst habe. Da sitze ich in diesen wetten hohen Riesenräumen. Vor mir das Halbrund der Schalttafeln. Wie Lebewesen, aber stumm und geheimnisvoll bewegen sich daraus die Zeiger, deren Stand ich Stunde um Stunde ablesen muß. Zuweilen schaltet sich an irgend einer Apparatur irgend etwas selbsttätig um — das bleibt dann das einzige Geräusch, das weithin durch die Säle schallt. Kein Mensch ist da, mit dem man ein paar Worte wechseln könnte; einsam schweigt man in sich hinein.
So sitze ich da und warte, ob an dem Leuchttableau eine Schrift aufflammt und „Störung" verkündet, oder ob das Telephon ruft und jemand ein Versagen der Leitung meldet.
Und dann? Dann muß ich, während ein schnell telephonisch herbeigerufener Kollege mich auf meinem Posten vertritt, hinaus in die Nacht, um die Störung zu beseitigen. So wie einmal zu Weihnachten, als eine halbe Fahrstunde (mit dem Motorrad) von uns entfernt ein Baum durch den heftigen Sturm in die Leitung hineingestürzt war und dadurch Erdschluß herbeigeführt hatte. Damals kletterte ich im Frost und Wino hinauf, zerbrach ein paar Aeste. zerrte an der Kiefer, die sich mit oer Krone in den Leitungsdrähten verfangen hatte... — und dann sauste ich mit Dem Baurn in die Tiefe. Glücklicherweise war mir nichts Schlimmes geschehen — Als ich zurückkam. nahm ich wieder meinen Platz am Schreibtisch ein — und alles war so stumm und einsam wie zuvor.
An einem anderen Weihnachtsabend mußte ich zu einem Kleinkonsumenten, dessen Lichtleitung direkt an unser Netz angeschlossen ist. Er hat angerufen und gemeldet: das Licht fei ausgegangen. Da muß ich mich in dieser ruhigen Weihnachtsnacht auf die Beine machen. Laut knattert das Motorrad auf dem fest- gefrorenen weiten Weg Eiskalt schlägt der Sturm den feuchten Schnee gegen das Gesicht.
Endlich, nach vielen Mühen, finde ich das abgelegene Grundstück. Da sitzt die ganze Familie im warmen Zimmer, jetzt nur beim Kerzenlicht des Tannenbaums. So froh und so glücklich. Wie sehr habe ich mir dasselbe für diesen Abend gewünscht Aber ich selbst stehe fremd hier und muß den Schaden fest zustellen fuchen. Und was war geschehen? Die Siche rung war durchgebrannt! Eine Reparatur, die ein Kind vornehmen könnte Und dazu muß ich von so weit her geholt werden
Dann geht's wieder zurück von neuem durch Schnee und Sturm — zurück zu den Schalttafeln, den
tanzenden Zeigern, den Zahlen — zurück zum Schweigen und zum Verlassensein.
Morgens früh um sieben, wenn die Nachtschicht zu Ende ist, geht euer Schaltwärter zu Bett, müde und verdrossen... und verschläft den ersten Weihnachtsfeiertag.
Weihnachten . , .
Das war Weihnachten!
Oer Ofen muß glühen...
Von Adolf D.
Nicht nur im Gaswerk gibt es Oesen, die nicht erlöschen dürfen. Als mir der Meister mitteilte, daß ich am Weihnachtsabend arbeiten müsse, war ich eigentlich froh.
Meine Frau war enttäuscht. Vor drei Jahren hatten wir zum letzten Male den Weihnachtsabend $u
zig. Telephone, — Fernsprechamt, — Mirag Leipzig! --- Verstärkerämter!--„Leitung war soeben noch rein"--Eine zweite Leitung?!--Auch
unbrauchbar, starkes Rauschen! Zwei Minuten noch! — — Lautsprecher: „Deutsche Welle! Auf Wieder- Hören bei der Uebertragung aus Leipzig".--- Mi
rag Leipzig: „Anfang etwas verzögern? — Ausgeschlossen!" — Ruhelampe aus! Pausenzeichen auf dem Sender in Seesen.--Sendung abfahren lassen mit
dem „dicken Ton"? — Unmöglich!!--Da, in letz
ter Minute ertönt das Leipziger Pausenzeichen, klar und rein! — Gott sei Dank!--Rauf damit, auf
den Sender! Es hat geklappt, nichts ist verloren gegangen, die Sendung läuft!
Alle atmen auf, das hätte noch gefehlt, Störungsmeldung am Heiligabend! Es wird ja wieder ein Großkamvftag werden. Wie alle Tage reiht sich auch heute pausenlos eine Veranstaltung an die andere, nur daß heute die Programmfolge noch etwas bunter ist: Reportage, Uebertragung, Kirchenkonzerte,
mit einem Erstickungsanfall. Schon den ganzen Abend har es schwer geatmet, sodaß wir- immerfort nach ihm schauen mußten. — Nun, es ist nicht sehr schlimm; auf einen operativen Eingriff können wir verzichten. Aber eine dauernde Beobachtung des kranken Kindes bleibt notwendig. Da heißt es eben, alle io Minuten nach ihm sehen und im Trabe wieder zur ordentlichen Stationsarbeit hasten.
Immerhin: Wir haben noch weniger Arbeit zu leisten als unsere Kolleginneti auf der Säuglingsstation Der Klapperstorch lennt keine Arbeitsruhe — auch nicht zu Weihnachten. Im Gegenteil: als scherzhafter Geselle liefert er oft die kleinen Menschen, die „fahrplanmäßig" längst hätten eintreffen müssen, gerade am heiligen Abend ab.
Dabei hat ja der Dezember als Geburtenmonat überhaupt seine pspchologischen Uuterftrömungcn. Steht er doch in einem gewissen schrägen Winkel zum Ende des März — und bringt dadurch (ausstrahlende Wärme des Lenzbeginus vermutlich!) fast stets eine gesteigerte Geburtenzahl gegenüber einigen anderen Monaten.
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Weihnachtss glocken
Verschneiter Vogelbeerbaum
Hause verlebt. Die Kinder erzählen noch heute davon. Aber wir rechnen: Es gibt für die Nachtschicht vor Weihnachten einen Aufschlag von 100 und für die Nacht vom ersten aus den zweiten Feiertag von 50 Prozent auf den Lohn. Das macht einen Mehrverdienst von 12 Mark für die beiden Schichten. — Damit war die Frage entfchieden.
Auf der Straße ist es schon leer. Aber je näher zum Werk, umso mehr belebt es sich, und an der Markenkontrolle gibt es ein Gedränge von Herausströmenden. Alle Abteilungen des Werks, durch die ich hindurch muß, liegen schon dunkel und still. Mein Kumpel von der Mittagsschicht wartet schon auf die Ablösung. Die Oesen glühen. Bald bin ich naß von Schweiß. Eine Pfanne nach der anderen füllt sich mit der brodelnden Glut, bis der Strahl dünner wird. „Stopfmaschine her!" Tas Abstichloch wird mit feuerfester Masse zugestopft, und wir machen uns daran, die Rinnen für den Schlackenabstich herzurichten. Dann kurze Pausen, in denen mal das Hemd gewechselt oder ein Schluck Kaffee genommen wird.
Und bann rumort der neue Lohnabzug im Kopfe. Ich kann die rückständige Miete am Ersten wieder nicht bezahlen. Das Schuhzeug muß zuerst in Ordnung gebracht werden. An eine Sylvesterfeier garnicht zu denken.
Aber bald nehmen uns die rotglühenden Massen wieder ganz in Anspruch. Weißer Dampf erfüllt den Gang. Nur Bort, wo der der schmale Schlitz sich öffnet steht ein halbkreisförmiger Schein, der einen strahlenden Hintergrund bildet für die dunklen Gestalten der Kameraden.
So... vergeht... die... Heilige Nacht.
„Brummton aus -er Leitung!"
Von Carl F i n d c i s e n, Techniker des Rundfunks.
„Also, meine Herren, ich bin jederzeit telephonisch zu erreichen; versuchen Sic, Ihrem nüchternen Weihnachtsabend etwas Feststimmung abzugewinnen! Auf Wiederhören!" — Händeschütteln, — „Frohes Fest!" — und der Betriebschef befindet sich auf dem Heimwege.
Augenblicklich herrscht noch Ruhe im Verstärker- Raum. Ein Vortrag: „Weihnachts-Sitten und Gebräuche" geht über die Sendergruppe. Beim Verstärker ist allerdings eine etwas größere Aufmerksamkeit des Technikers erforderlich. Kinder bringen Gedichte und Weihnachtslieder zum Vortrag. Und trotz mehrerer Mikrophonproben glauben einige der kleinen Vortragskünstler — „um auch wirklich im ganzen Reiche gehört werden zu können" —, besonders kräftig deklamieren zu müssen, was natürlich, wenn der Techniker nicht regelnd eingreifen konnte, ganz verzerrt vom Sender ausgestrahlt werden würde.
Die beiden Peranstaltungen gehen zu Ende, als Nächstes soll Beihnachtsinusik folgen: der Deutsch- landsender will aus Leipzig die Weihnachts-Motette des Thomaner-Chors bringen. Die vier Mann starke Besatzung des Verstärker-Raumes steht „auf dem Sprung", um ohne Zeitverlust nach der „Absage" die neuen Darbietungen schalten zu können.
„Starker Brummwn auf der Leipziger Leitung!" — Ach, du Schreck! In vier Minuten beginnt Leip-
Glockengeläut« einblenden, Weihnachtsfeiern, Turm- Blasorchester, Unterhaltungsmusik etc., sodaß cs bis zwölf Uhr nachts noch allerhand zu „zaubern" gibt
Ist bann endlich der ersehnte Feierabend gekommen, ist alles abgejchaltet, die Tagebücher abgeschlossen und alles für den nächsten Frühdienst vorbereitet — Samt trennen sich ein Paar abgekämpfte Männer am Funkhaus und stampfen müde und hungrig durch die Winternacht oft stundenweit nach Hause, denn die letzt« Bahn ist längst fortgesahren.
Stubenmädchen im Hotel
Von Marie T r i e b l e r, ehemals Stubenmädchen.
Daß ich für eine richtige Zeitung schreiben soll, ist doch kornisch — wenn ich auch in meinem Berus an allerlei Ueberraschungen gewohnt war. — Bei uns wohnten meistens die Artisten. — Ich wunderte mich nämlich schon längst nicht mehr, wenn ich einem neuen Gast Wasser ins Zimmer brachte und er kam mir aus den Händen entgegengelaufen ober auf Roll- ichuhen, kurz, wie es gerade zu seiner „Nummer" Paßte, Ich hatte schon eine ganze Hundetruppe als Etagengäste . . . davon könnt« man schon allerlei erzählen.
Am Weihnachtsabend wußten wir alle kaum, wo uns der Kops stand. Sonst war es bei uns im Hotel abends zwischen 6 und 10 mäuschenstill, aber am 24. Dezember war es gerade umgekehrt. Zwei Truppen hatten wir im Hause, und jede halte ihren eigenen Baum und eine besondere Weihnachtsfeier.
Viel Spaß hatten wir auch mit dem Weihnachtslied, das der Kleinste aufsagen sollte. Das Kind konnte es nicht behalten, aber der dressierte Papagei hat während der Bescherung immer gekreischt: „Vom Himmel hoch" und „Frohe Mär" — beinahe das ganze Lied. Viel Zeit hatte ich ja nicht, auf alles zu achten, denn wie gesagt: es gab zu tun!
Die Weihnachtsfeiern waren wunderschön; Lieder wurden gelungen, Geschenke verteilt. Es sind ja wohl alle Mensche« am Heiligabend fröhlich gestimmt, aber die Artisten vielleicht am meisten, weil sie an diesem Tage alle wie eine Familie sind und einmal im Jahr einen freien Abend feiern.
Fünfundzwanzig schreiende Mäuler
Von Schwester Ursula B., Kinderklinik.
Weihnachten in der Kinderklinik. Ich hg«« Nachtwache. Wenn nichts Besonderes geschieht, ist der Dienst um Weihnachten ja ziemlich leicht. Denn kurz vorher beginnt sich die Klinik zu leeren; vor allem Die älteren Kinder sollen das Fest zu Haus« feiern. Trotzdem: Am Weihnachtsabend hat jede Schwester neben der gewohnten Arbeit noch den Kopf voll Sorgen, wie sie die Weihnachtsfeier für ihre Pfleglinge am traulichsten gestalte« konnte. Auch wir Nachtwachen opfern gern eine Stunde Schlaf, um bei Der Bescherung anwesend sein zu können. Aber — schon beginnt der Dienst. Di« Aerzte sind fort. Doch nach wenigen Mi. nuten bereite muß ich ben Diensthabenden hole« Das diphtheriekranke Kind tm Nachbarzimmer ringt
Auch am Heiligabend gibt uns Freund Adebar gern reichlich zu tun; mehrfach gehörte in den letzten Jahren der 24. Dezember zu beit geburtenreichsten Tagen bcs ganzen Winters. Auch Weihnachtspärchen haben sich schon etngefunben. Ahnungslos, baß sie etwas Besonderes sind — richtige kleine „Weihnachts- Puppen" nämlich — liegen bie Neugeborenen in ihren Kissen.
Fast alle Eltern möchten ihren Liebling unterm Christbaum baheim haben; unb wo immer Arzt unb Pflegerin es verantworten können, wirb biefem natürlichsten bet Wünsche stattgegeben. Bis in bie späten Nachmittagsstunben hinein ziehen sich bie Entlassungen hin.
Inzwischen schlafe« unsere Jüngsten frieblich neben ihren Müttern. Die Schwester, ber fein Heilig- abenburlaub beschieben ist, gebt sorgend ab unb zu; der Arzt vom Dienst hat schon längst wieder in einem anderen Raum zu tun.
Wenn die „Heilige Nacht" immer mehr vorschreitet, bleiben die kleinen lebendigen Weihnachtsgeschenke natürlich nicht bei ihren Müttern, die ja Ruhe brauchen. Die „Schwester vom Nachtdienst" nimmt sie vielmehr in einen besonderen Raum hinüber, der beinahe aiisschaut wie ein durch sechs oder acht Facetten widergespiegeltes Bild ber heiligen Nacht. Sorglich in schneeweiße Kissen gebettet schlummert bort junges Leben bem Christfest entgegen. Turch einen Wanb- schirm schützenb abgeblenbet, hat man ber Schwester ein Weihnachtsbäumchen ausgestellt, bas der Sicherheit wegen natürlich elektrische Kerzen aufweist. Die Schwester liest; die Kleinen schlafen, und ganz von fern tönt aus dem Saal, wo die anderen Schwestern Weihnachten feiern, ein Lied herüber:
„Es ist ein Ros, entsprungen,
Aus einer Wurzel zart!"---
Alle Stunden bekommt so ein Säugling seine Flasche, je nach Temperament und Nahrungsvertilguiigs- brang. Und was das heißt, zu zweien 25 junge, aber schon recht kreischkräftige Mäuler zu stopfen, 25 Kinder zwischenhinein trockenzulegen, sich 25 mal bie Hänbe zu waschen, unb, wenn es gut geht, etwa «ach jedem brüten Kinb ben Arbeitskittel zu wechseln: bas kann sich wohl nur vorstellen, wer es einmal mitgemacht hat. Unb gerade jetzt liegen auf der Säuglingsstation wieder einmal ein Paar Kinder mit Ausschlägen; da gilt es doppelt aufzupaffen, immer wieder nachzusehen, ob sie ruhig schlafen oder ob es ihnen nicht etwa gelungen ist, sich die Arme freizumachen und mit mehr Begeisterung als Verstand die verbundenen Stellen zu kratzen.
Zu aller Schrecken wird jetzt auch noch eine Früh- geburt eingeliefert, die sich ausgerechnet den Heilige« Abend ausgesucht hat, um gänzlich programmwidrig — zwei volle Monate zu früh — ihre kleine Nase zum ersten Mal ins Licht der Welt zu stecken. Rasch alles liege« lassen, (mögen bie Kinber schreien — es geht nicht anberS!), Betten unb Leibwäsche für bas gänzlich erfrorene Kinb in der elektrisch geheizten Wanne vorwärmen! Das erfordert viel Vorsicht, damit nicht etwa das Kind überheizt wird und nun auf einmal mit 40 Grad Fieber daliegt.
Daun endlich ein wenig Ruhe, dauernd unterbrochen von schreienden Kindern, die — wieder einmal! — trockengelegt werden wollen... und schon ist es Zeit zur Morgenfütterung. Man besorgt sie . . schon fast mechanisch . . . halb im Dusel. Dann: Ein Bett, in das man sich todmüde hineinsinken läßt. Schlafen, schlafen.
»-Ich muß betteln!"
Bon Peter, genannt der Lange.
Schneien soll es, was es nur schneien kann! Der Wind soll pfeifen, daß wir frieren und klappern. Je kalter das Wetter, umso offener die Hände!
_ Wir brauchen kaum etwas zu faacn. Die Menschen Mb, tote sonst nur Brautpaare auf bem Stanbesamt: j>eber will Gutes tun! Da heißt es, auf bem Posten ft in. Ich. lege mir schon acht Tage vorher einen regelrechten Schlachtenplan zurecht. Ein Adreßverzeichnis wirb notiert. An erster Stelle stehen bie Firmen, bei denen ich mal gearbeitet habe. Die kommen schon am Morgen bes vierunbzwanzigsten bran. Manche sind pleite. Aber wenn der Weihnachtsmann es gut meint, fo kann man auch mal gleich einen Taler aus einmal schnappen.
Am Nachmittag wird dann bei der guten Privatkundschaft kloppen gegangen. Ma« hat ja so seine Adressen. Aber daraus.kommt es heute garnicht an. Ist doch Heiligabend! Selbst der mitrigfte Geizkragen kriegt ein Herz für uns; bie Grünen sehen weg. Tie Dienstmädchen schlagen nicht.die Türen zu, sondern lächeln und geben uns noch einen Groschen ertra.
Die alten erfahrenen Speckjäger aber erst, für bie ift der Tag ganz groß. Ich will ja hier nicht renommieren. Aber bas kann man schon sagen: Es läppert sich so zusammen. Einmal richtig „Fettlebe" machen kann heute jeher.
Dabei wird es so sechs, halb sieben. Die Glocken läuten. Tie Bäume werben angebrannt. Wir würben ja am liebsten die ganze Nacht durch fechten gehen, aber jetzt ist es aus. Es wird beschert — unb ba hat keiner mehr Zett für uns.
Also los. bahin, wo wir diese Nacht schlafen werden, wo man möglichst heute nicht nur umsonst zu Abend essen, sondern sogar umsonst schlafen kann. Ein Baum brennt da auch. Und Lieder werden gesungen.
Wenn wir auch abgebrüht sind gegen manches, da kommt doch so eine Erinnerung. Schließlich, es gab ja doch eine Zeit, ba war man nicht allein zu Weih, nachten Es mag jg schon lange her sein, aber einmal batte man sich doch gefreut . . . einem anderen etwas schenken zu können . ..