Einzelbild herunterladen
 

7fr 292 Einundzwanzigster Jahrgang

Kasseler neueste Nachrichie«

Montag, 14. Dezember 1931 2. Vellage

Schmuggeldampfer im Südweststurm gesunken

Sieben Seeleute ertrunken, vier erfroren

Kopenhagen, 14. Dezember.

Der DampferVenus", der unter bcr flagge Pa­namas fährt gerier vor ber norwegischen Westküste auf offenem Meer in einen furchtbaren Zübweftsturm Er wurde schnell gegen Land getrieben und strandete bei Maalöy zwischen Bergen und Aalesund. Das Schiff kam noch einmal wieder los. war aber bereits leck und begann sofort zu sinken. Die 13 Mann starke Besatzung ging trotz des furchtbaren Seegangs in die beiden Rettungsboote. Ein Boot, in dem sich siebe,l Mann befanden, wurde von einer turmhohen Sturz­see ersaßt,

geriet in de Strudel des sinkenden Dampfers und verschwand mit allen Insassen in die Tiefe.

Den anderen sechs Mann in dem zweiten Rettungs­boot war es nicht möglich, wegen der Dunkelheit und des hohen Seeganges, ihren Kameraden zu helfen Sie gingen gegen 3 Uhr nachts an Land. Rur drei Mann waren noch am Leben. Tie anderen drei waren erfroren. Einer der Geretteten starb wenige Stunden nach der Landung. Bon den beiden noch am Leben Befindlichen ist einer ein Deutscher namens Erhaulr.

Wie aus Osch gemeldet wird, handelt es sich bei dem gestrandeten DampferVenus" um ein Iprit- schmuggelfahrzeug. Wie festgestellt wurde, verließ das Schiff am 1. Dezember Lervik (Schettland-Jnselns mit 18000 Litern Sprit an Bord, der nach Norwegen eingeschmuggelt werden sollte Das Schiff hatte schon seit Tagen versucht, an der Küste anzulegen, wurde aber immer wieder von Zollkuttern Vertrieben. Vor einigen Tagen wurde dieVenus" im Trondjem- Fjord von einem Zollkutter beschossen. Einige Schüsse sollen das Schiff getroffen haben, was wahrscheinlich di:e Ursache sein dürfte, dass es den Sturm der letzten Nacht nicht mehr überstehen konnte. Es bestätigt sich dast von den 13 Mann Besatzung nur zwei gerettet worden sind. Unter den Ertrunkenen befindet sich aitch der Kapitän, der ein Deutscher namens Wis- nargrotski sein soll.

*

Vernehmung der Geretteten.

Wie aus Bergen gemeldet wird, sind die beiden Neberlebendeit des gestrandeten DampfersVenus" vernommen worden. Sie haben eingestanden, daß die

Venus" ein Spritschmuggelschiff war. Die Identität des geretteten Deutschen, der behauptet Georg Erhault zu heißen und in Amsterdam wohnhaft zu sein, wird im übrigen angezweifelt. Die Behörden scheinen der Ansicht zu sein, daß er in Wirklichkeit der Kapitänches Tchmugglersahrzeuges Wisnogrotzkv ist, der dm in­ternationalen Küstenpolizeibehörden von verschiedenen Ichmugglerschiffen her bekannt ist.

Küstenwachtschiff mit 13 Mann gesunken

Paris, 14. Dezember

Ein französisches Wachtschifs für die Ueberwach'ng oer Küstenschiffahrt ist an der nordfranzöstschen K sie mit 13 Mann Besatzung untergegangen. Das Scuiss wurde am Freitag von einem kleinen Marineschlcpper von Bizertc nach Bone geschleppt, als auf halbem Wege infolge der stürmischen See die Schleppleine riß und das Schiff dem Spiel der Wellen preisgegeben wurde. Der Schlepper versuchte vergeblich, sich dem losgerissenen Schiff zu nähern, was ihm aber wegen der hohen See und wegen des Tiefganges in der Rahe der Küste nicht gelang. Nach stundenlangen Be- mühuilgeu verlor der Schlepper das hilflos treibende Schiff außer Sicht und kehrte sofort nach Bizerte zurück, um dort die Hafenbehörden zu alarmieren. Hilfsschiffe wurden ausgesandt, doch rechnet man schon jetzt mit dem Verlust des Schiffes und seiner Besatzung.

25 Grad Frost am Kaspischen Meer

Dampfer mit 11 Mann gesunken.

Kowno, 14. Dezember.

Am Kaspischen Meer herrscht starker Frost, der bereits 25 Grad überstieg. Die Lage der Schiffahrt aus dem Kaspischen Meer ist stark bedroht. Sechs große Fischerdampfer und neun Fischer werden ver­mißt. Außerdem wurden fünf Dampfer mit 80 Mann Besatzung ins Meer abgetrieben. Em großer Fischer­dampfer mit 110 Arbeitern wird gleichfalls vermißt. Die Regierung hat ein Fluggeschwader entsandt, um die Schiffe mit Lebensmitteln zu versorgen. Man befürchtet, daß durch die Katastrophe etwa 6080 Fischer ertrinken. Bis jetzt wurde festgestellt, daß ein kleiner Dampfer mit 11 Mann Besatzung gesunken ist.

Ernst Reins zum Tode verurteil

Berlin, 14. Dezember.

Am Sonnabend, um 18,30, verkündete das Schwurgericht das Utteü itn Reins-Prozeß. Es lautet:

Der Maurer Ernst Reins wird wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todeserfolg zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Die Mitangeklagte Schwester Sophie Reins wird wegen Hehlerei zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Die Mutter,-Frau Ida-Reins, wird frei- gesprochen.

In der Urteilsbegründung

sprach der Vorsitzende zunächst von dem unheilvollen Einfluß, den die Schwestern aus den sicherlich un­glücklichen Menschen Reins ausgeübt hätte. Von einer Notlage könne aber bei Begehung der Tat nicht im entferntesten die Rede gewesen sein. Zweifellos habe sich Reins entschlossen, die Tat auszuführen und er habe den Plan genau zurechtgelegt. Mit Bewußt­sein und mit Vorsatz sei er an die Vorbereitung her- angegaugen und

habe sich dabei unbedingt vorstellen müssen, daß die Tat tödlich verlaufen könne.

Es gebe, so führte der Vorsitzende weiter aus, in der Kriminalgeschichte keinen Fall, wo alle Vorbereitun­gen besser mit Ueberlegung getroffen worden seien wie hier im Fall Reins, wo die Tat bis ins Kleinste überlegt worden sei. Selbst in den Minuten und Se­kunden vor der Tat sei Reins ein ruhiger und ziel- bewußter Mensch gewesen, der alles mit Ueberlegung ausgeführt habe. Wie ein Bandit sei er aus dem Dunkel dem Geldbriefträger Schwan entgegengesprun­gen und habe sich auf sein Opfer gestürzt. Da der

Schlag mit dem Bleirohr, der das Nasenbein zer­trümmert habe, das Opfer nur betäubte, habe Reins den Beamten noch gewürgt. Er müsse mit geradezu bestialischer Straft zngesatzt haben, um diesen Men­schen, diesen einzigen Tatzeugen, zu beseitigen. Er habe ihn aus das Sofa geworfen, daß die Sofabeine abgebrochen wären. Es müsse sich ein ganz entsetz­licher Kamps abgespielt haben. Also sei es vollkommen bewiesen, daß bei der Vorbereitung und der Durch­führung der Tat Reins mit voller Ueberlegung ge­handelt habe.

Wenn dieser Fall kein Mord ist, so gibt es nach An­sicht des Gerichts Überhaupt keinen Mord mehr

Gegen die Mutter Reins habe das Gericht einen schweren Verdacht gehabt. Er reiche aber nicht aus, diese fast 60-jährige, bisher unbestrafte Frau, zu ver­urteilen.

Oer Mädchenmord von Baumgarien

Bapreuth, 14. Dezember.

Heute beginnt vor dem Schwurgericht Bayreuth die Verhandlung gegen den 32-jährigen verheirateten Spinnereiarbeiter Wich aus Baumgarten, der be­schuldigt '' den Mord an der 17-jährigen Landwirts­tochter Margarete Müller von Neufang begangen zu haben. Es sind nicht weniger als 40 Zeugen und vier Sachverständige geladen.

Am Morgen des 18. Februar ds. Js. wurde die 17 Jahre alte Margarete Müller in der Nähe von Baumgarten in einem Wasserloch, in das sie mit be­stialischer Rohheit gezwängt worden war, tot aufge­sunden. Die Müller hatte sich auf dem Heimweg von

Der scharfe Frost der letzten Wochen hat auf den Flüssen in Ostdeutschland und Osteuropa bereits starke Eisstauungen zur Folge gehabt. Auf der Weichsel mußten Eisbrecher in Tätigkeit treten, um für den Schiffahrtsverkehr eine Fahrrinne freizuhalten.

einem Faschingsvergnügen in Oberpurrbach befunden. Als der Tat dringend verdächtig wurde kurz nach Bckanntwerden des Verbrechens der 20 Jahre alte Sohn des Gastwirtes Witzgall verhaftet, da es sich herausstellte, daß er das Acävchen ein Stück des We­ges begleitet hatte. Dem Verteidiger Witzgalls, Dr. Mayer, gelang es jedoch, nach drei Wochen soviel entlastendes Material zusammenzubringeil. daß Witz­gall aus der Hast entlassen werden mutzte. An seiner Stelle wurde dann der jetzige Angeklagte festge- nommen.

An dem Tatort wurden Haare, Wollfasern und Stocksplitter gesunden, die mit Sicherheit die Täter­schaft des Wich zu bewelsen scheinen. Wich ging da­mals von einer Wirtschaft in einem benachbarten Dorfe um die gleiche Zeit nach Haufe, zu der sich der ÜJtorb ereignete.

Der Angeklagte würbe lange Zeit in der psychia­trischen Klinik in Nürnberg auf feinen Geisteszustand beobachtet und befand sich noch zur weiteren Unter­suchung bis vor kurzem in München. Er stellt die Tat nach wie vor in Abrede. Auch sein Verteidiger, Iu- silzrat Klein, ist der Meinung, daß neben den bela­stenden Momenten auch viele Umstände für den An­geklagten sprechen und der Fall noch lange nicht ge­klärt ist. Da aus den damals vorhandenen Spuren zu fchließen War, daß sich ein heftiger Kampf zwischen dem Mädchen und dem Mörder, der vermutlich ein Rotzuchtverbrechen verüben wollte, abgespielt hat, lautet die Anklage auf ein Verbrechen des Notzucbt- versuches in Tateinheit mit einem Verbreche,, des Totschlages. Das Mädchen wurde zwar schwerverletzt, aber noch lebend in das Wasserloch gezwängt, sodatz der Tod durch Ersticken eintrat.

Flvchi aus -em Elend

Eine ganze Familie freiwillig in den Tod gegangen.

Bremen, 14. Dezember.

In den Morgenstunden des Sonnabend wurden in ,dem Hanse Schillingstraße 51 vier Personen tot aufgefunden. Die von Nachbarn gerufene Feuerwehr stellte fest, daß der Tod infolge Gasvergiftung ein­getreten war. Er handelt sich um die Familie des Formers Reimers. Der Mann war seit längerer Zeit arbeitslos. Da sich die wirtschaftlichen Schwie­rigkeiten immer mehr zufpitzten, reifte bei den Ehe­leuten der Entfchluß, gemeinsam in den Tod zu gehen. In der Rächt zum Sonnabend führten sie die Tat aus. nachdem sie auf den Betten in der Küche ihr letztes Lager bezogen hatten. Die beiden Kinder int Alter von 10 und drei "ähren legten sich ebenfalls in der Küche znm Schlaf nieder, während der Mann den Gashahn aufdrehte. Wiederbelebungsversuche, die die Feuerwehr bei allen vier Personen vornahm, waren erfolglos. Aus hinterlassenen Briesen geht hervor, daß die Tat die Folge eines gemeinsam ge­faßten Entschlusses ist.

Tragisches Ende einer Hochzeit

Paris, 14. Dezember.

In einem Ort in der Nähe von Bordeaux fand im Saal eines Kaffeehauses eine Hochzeltsfeierlichkeit statt, während die Gäste des Kaffeehauses über den Saal im ersten Stockwerk Platz genommen hatten. Als die Hochzeitsgäste gerade dabei waren, eine Quadrille aufzuführen, stürzte plötzlich die Decke unter furcht­barem Getöse ein und begrub die Tanzenden und die Gäste der ersten Etage unter ihren Trümmern. Es Würben nicht weniger als 50 Verletzte geborgen. Der größte Teil von ihnen hat schwere Knochenbrüche er­litten. Zehn von ihnen mußten sofort in ein Kran­kenhaus überführt werden, wo man bei einigen der Schwerverletzten jede Hoffnung aufgegeben hat.

Kleine fibronif

In Essen wurde im Verlaufe eines Streites ein Kraftwagenführer von einem Kriminalassistenten er­schossen. Der Kriminalbeamte, der in Begleitung eines Mädchens war und von dem KrastWagenführer zum Essener Hauptbahnhof gefahren wurde, ist nach den Aussagen seiner Begleiterin deshalb mit bem Straft» Wagenführer in Streit geraten, Weil dieser entgegen dem Willen der Fahrgäste in entgegengesetzter Rich­tung seinen Weg nahm. Nach wiederholten Ausforde- rungen, zu halten, habe der Striminatoeamtc sich unter Vorhalten seiner Pistole als Krimi.ralbramter ausge­wiesen und den Kraftwagenführer zum Halten ge­zwungen. Die Streitigkeiten setzten sich aber fort, so­daß der Kriminalbeamte, der von dem Kraftwagen- sührer verfolgt und tätlich angegriffen worben fein will, zur Waffe griff und nach Abgeben eines Schreck­schusses schließlich bcn Autoführer durch einen Schuß löblich verletzt hat.

*

In Heilbronn hantierte ein 28 Jahre alter lediger Sattler in der Wohnung seines Freundes mit einem Kleinkalibergewehr in so unvorsichtiger Weise, daß sich ein Schuß löste, der die 29 Jahre alte Frau seines Freundes in den Hinterkopf traf. Die Frau war auf der Stelle tot. Mit derselben Waffe hat der Sattler sich sodann durch einen Schuß in die rechte Schläfe getötet.

Victor Berge,

Meine erste Liebe

Str geben heute unseren Lesern eine weitere reiz­volle Probe aus dem tm Rlitten u. Loening-Berlag, Frankfurt a. M.< erschienenen abenteuerlichen Buch Der Perlentaucher" von Berge und Lanier. Die Arbeitsteilung der beiden Autoren ist so vorzustellen, üatz Viktor Berge die Erlebnisse batte, während der Amerikaner Lanier fie berichtet. Berge hat sich von einem früh verwaisten schwedischen Zungen über mancherlei Lcbensstationen zu einem berühmten Perlentaucher der Südsee entwickelt. Die Schilderungen Schillers vom Tauchererlebnis werden Überboten durch die Darstellung der Begegnungen, die Berge auf dem Meeresboden mit Riesenvolypen und Haifischen hatte. In einfacher, aber packender Darstellung erzählt La­nier dieses stürmische Lebensschicksal. Wir vermitteln aus dem Buche das Eingangskavitel.

Meine erste Liebe galt einem Segelboot. Heute, nach 30 Jahren, entsinne ich mich nicht einmal mehr seines Namens. Aber sicher War es ein Fall von Liebe auf den ersten Blick. Das ist eine meiner deut­lichsten Erinnerungen aus meiner Kindheit in Schweden.

In Ockelbo, einem Dörfchen in den Fichtenwäldern von Gestrickland, war es, und ich zählte etwa zehn Jahre.

Die Gerberei meines Vaters lag dicht am Ufer des Sees, vielleicht 50 Fuß vom Wasser, Daneben das Haus und der Garten und eine Enlenfarm. Ein kleiner Landungssteg gehörte zur Fabrik.

Ich besaß ein kleines Flachboot, in Dem ich im Sommer herumpaddelte, und stellte mich sehr geschickt dabei an. Auch fischte ich vom Steg aus oder schwamm; denn ich bin seit jeher em und auf dem Wasser zu Hause gewesen.

Als ich eines Tages ans Ufer hinunter kam, sah ich, daß an einer Boje etwas abseits von dem Lan­dungssteg ein merkwürdiges Boot mit einem Mast vertäut war. Noch nie hatte ich etwas Terarnges gesehen; denn auf dem See gab es keine Segelboote. Ich war überrascht und brannte dermaßen vor In­teresse und Aufgeregtheit, daß ich das Ding untersu­chen mußte. Ich ruderte also in meinem Schiss hin und betrachtete es.

Es war wohl 20 Fuß lang, schön geschweift und Mit einem Segel ausgerüstet. Soviel begriff ich, daß M nur dies Segel fein konnte, das das Boot in Be­wegung setzte! Aber wie? Ich ruderte fortwährend darum herum und hätte gar zu gern gewußt, wie es möglich wäre, ein solches Fahrzeug zu führen. Von «nem Ruderboot verstand ich etwas. Oft hatte ich beobachtet, wie schwer die Flößer arbeiteten, Wenn sie Mit Seilen und Winde» die Flöße de» See entlang

zogen, während ein Mann auf seiner Harmonika Lieder spielte, um die anderen Männer beim Ziehen im Takt zu halten. Diese Flußmänner waren meine Freunde und pflegten mir Geschichten von ihrer Arbeit zu erzählen. Dieses Boot aber War etwas ganz Neues. Es ging mich irgendwie etwas an, und ich mußte herausbringen, Was hinter der Sache steckte. Ein paar Tage später geriet ich daher in nicht geringe Aufregung, als mein Vater anfünbigte, die ganze Familie sollte mit einigen Freunden in dem neuen Boot einige Meilen seewärts zu einem Pick­nick auf eine Insel fahren. Das Segelboot War also offenbar nicht für die Zwecke der Gerberei, sondern bloß für Vergnügungsausflüge bestimmt.

Ich war sehr erpicht zu sehen, Wie gesegelt Wirb. Nun sollte ich alles erfahren, Was ich mir selbst her- auszuMstelu versucht hatte.

Ms aber der große Moment kam, begannen die Herren der Gesellschaft zu rudern, anstatt das Segel hochzuziohen. Uns den ganzen Weg zur Insel und zurück ruderten wir! Es war das enttäuschendste Picknick, an dem ich je teilnahm. Ich glaube Wirklich, daß mein Vater nie segeln gesehen und auch sonst niemand eine blasse Ahnung hatte, wie man mit ei­nem Segelboot umgeht. Ich wußte damals nur so­viel, daß alles danebengegangen war.

Dieses geheimnisvolle Boot, das der Wind Vor­wärtstreiben konnte, zog mich unwiderstehlich an. Täglich stahl ich mich in meinem Skiff hinaus, ging an Bord und studierte die verschiedenen Taue. Sehr bald konnte ich die Tauenden lösen und die Gaffel hissen. Das Segel bauschte sich und flatterte, ich gab acht, Wie die Brise es füllte und das Boot durchs Wässer trieb, bis das Ankertau es zum Stehen brachte. Allmählich begriff ich die Sache. Schon nach kurzer Zeit konnte ich die Gaffel durch die Schot wie­der anholen, so daß das Segel der ganzen Länge nach geftrafft war. Da Wußte ich, daß ich für das Eigent­liche reif war.

Ich suchte mir eine Zeit aus, Wo weit und breit niemand zu sehen war, und fuhr zu dem Ding hin, das ich schon als mein Eigentum betrachtete. Durch Spannen und Zerren brachte ich das große Segel hoch. Der Wind ging nordWest. Die Leinwand bauschte sich. Mit manchem bangen Blick aus Haus und Gerberei Warf ich von der Boje los.

Auf einmal Wurde das Boot lebendig. Sachte blähte sich das Segel. Das Boot glitt durch das ge­

kräuselte Wasser, sanft, glatt, lautlos. Ich hätte Heu- len mögen vor Freude über mein Machtgefühl, über meine Abenteuerlust, die den vertrauten See verwan­delte. Die Gefahr, angerufen nno von irgendwem angehalten zu Weiden, bedachte ich freilich. Ich duckte und verbarg mich hinter dem Dollbord, als wir in den See hinausschossen, überlegte aber nicht, daß die große Fläche eines sich bewegenden Weißen Segels ein Auge Weit her auf sich lenken konnte als meine kleine Gestalt an der Ruderpinne.

Wir Waren nun draußen, mit der Breitseite zum Wind, und ich ließ das Boot laufen. Mochten Schelte oder Schläge meiner bei der Heimkehr Warten für den Augeiblick zumindest glitt ich mit jeder Minute immer weiter von allen Unannehmlichkeiten fort, in etwas Neues und Zauherhaftes hinein.

Ich hielt das Segel straff und fuhr darauf los, Wohin mich der Kurs führen Wollte das War zu­fällig geradeaus quer über den See. Leider sah ich bald Stämme vor uns treiben. Tausende schwam­men tm See, bis man sie stromabwärts flößen konnte. Da ich nicht zu kreuzen verstand, wurde die Angele­genheit mit jedem Augenblick ungemütlicher; denn die langen Baumstämme tarnen näher uns näher. Der Wind War nur mäßig. Es gelang mir, mit dem Boot längsseits der außen schwimmenden Stämme zu schieren, dann stieß ich mit aller Macht ab und fuhr nach der anderen Seite Weiter.

Eine Stunde lang experimentierte ich mit eifrigem Bemühen. Ich merkte mir, Was geschah, wenn der Wind das Segel unter verschiedenen Winkeln traf; durch Probieren und Irren bekam ich heraus, Wie Weit ich das Boot am Wind halten durfte, und im­mer wieder holte ich den Bug mit einem Ruder her­um, Wenn ich es falsch gemacht hatte. Nunmehr nä­herte ich mich dem Ende des Sees, das Haus War kaum noch zu sehen. Ich mußte Wcchl an die Rückfahrt denken. Unbeholfen wendete ich den Bug und fuhr vor dem Winde zurück.

Wir fegten so leicht, geschwind und glatt dahin, daß allerhano neue Ideen in meinem Kopf auftauch- ten. Da sah ich, daß jemand in einem Schiff auf mich zuruderte. Er begann zu Winken. Es War mein äl­terer Bruder, den man offenbar ausgeschickt hatte, um mich heimzuholen.

In diesem Augenblick kam eine der Böen aus, de­nen diese Gebirgssee» so ausgesetzt sind; sie machen sie zum Segeln ganz ungeeignet. Ehe ich mich dessen versah, gab es mehrere Windstöße von größter Hef­tigkeit. Selbst Wenn ich gewollt hätte. Wäre es mir Wahrscheinlich nicht gelungen, zu stoppen und meinen Bruder an Bord zu nehmen. Aber ein solcher Ge­danke kam mit garuicht: Aufgelefeu und unter der

Aufficht eines anderen zurückgebracht zu Werden, da­nach verlangte mich nicht. Ich setzte mich Wieder ans Ruder, sah abwechselnd ass das Segel und auf das Ruderboot, hielt Kurs nach Hause und schonß Wie ein Rennpferd an meinem Bruder vorbei. Bei diesem Anblick brach er in ein Gelächter aus, und daraus schloß ich, daß ich später nichts zu befürchten hatte.

Es blies jetzt mächtig. Der Wind sang durch die Taue. Die nachströmenden Wellen schäumten zornig, das ftraffgefpannte Segel sprang während der Fahrt alle Augenblicke vor Wie ein feuriges Pferd. Ich wußte nicht genug, um Angst zu haben. Ich hielt das Boot gerade auf den Landungssteg zu und legte die Entfernung in dem vierten Teil der Zeit zurück, die es gebraucht hatte, um mich den See hinaufzutragen. Schnell näherte ich mich dem Steg, der plötzliche Wind­stoß chatte sich wieder gelegt, ich konnte mit meiner neu erworbenen Geschicklichkeit fn den Wind schießen, die Boje fassen und festmachen. -

Ich stand auf und sah hinüber zum User. Die ganze Belegschaft der Fabrik, der Werkführer pnd die anderen alle, mein Vater und meine Schwestern hat­ten sich in einer Reihe auf Dem Abhang aufgestellt und starrten auf mich herunter. Aus Angst vor dem Kommenden hatte ich Herzklopfen. Ms ich aber einige Leute grinsen sah, ruderte ich in meinem Skiff ans Ufer und stieg Wie ein siegreicher Held den Hügel hinan.

Mein Vater schaute mich streng an, in seinem Ge­sicht arbeitete es. Offenbar glaubte er, streng mit mir sein zu müssen, doch weil er selbst von Booten nichts verstand, konnte er nicht umhin, auf meine Expedition stolz zu sein. Daher wendete er sich gleich ab.

Ich bekam gar keine Strafe. Vermutlich trug das dazu bei, diesen Tag zu einem der größten in meinem Leben zu machen. Ich hatte etwas gefunden, Was ausschließlich mir zu gehören schien.

Obschon ich mir nicht träumen liefe, Wie sehr mein späteres Leben von Segelbooten und vom Meer be­einflußt sein sollte, begriff ich doch, Safe sich eine neue Welt vor mir aufgetan hatte.

Man stelle sich aber vor, dafe die Jahre sogar den Namen dieser ersten Liebe auszulöschen vermochten!

Realistisch.

Maler:Das ist mein neuestes Gemälde: Maurer 'bei der Arbeit. Echt realistisch!" Freund:Aber sie arbeiten ja garnidtt!" Maler:Das ist ja eben das -streng Realistische; streng nach dem geben!"