Jtr. 289 ' Ginundzwanzigster Jahrgang
Kasseler Neueste Nachrichte«
Donnerstag, 10. Dezember 1931 / 2. Beilage
Flugzeug der Zukunft?
Groenhoff stellt eine neue Höchstleistung . im schwanzlosen Flugzeug auf
Jin Anfang des Jahres 1930 setzte ein großes norddeutsches Unterneh- men einen Preis für den Flieger aus, der in einem schwanzlosen Flugzeug einen Flug von 303 Kilometer ohne Unterbrechung ausführen könnte.
Heute, fast zwei Fahre später, drei Wochen vor Ablauf der gesetzten Frist, ist es dem Frankfurter Flieger Günther Groen-' hoff gelungen, diesen Flug tadellos selbst unter widrigen Umständen zu Ende zu bringen.
Sein Flugzeug „Hans Huckebein" ist nur 24 PS. stark. Es flog in einer Stunde und 55 Minuten von der Wasscrkuppe im Rhöngcbirge nach dem Flughafen Berlin. Diese Entfernung beträgt an 370 Kilometer. Der Flug wurde ausgeführt bei einem Rückenwind von nur 25 Kilometer. — Richt nur Vie Fachmänner werden staunen, auch wir Laien werden uns wundern. Und vor allem werden wir uns fragen, wie ist das möglich? Eine so schwache Maschine — eine so glatte Leistung! Ein schwanzloses Flugzeug — eine derartig Präzise Maschine! Woran mag das alles liegen?
Das erste Patent für ein schwanzloses Flugzeug stammt aus dem Fahre 1919. Es gehört den Funker-Werden. Zehn Fahre hat es gedauert, daß aus Erwägung«! und Berechnungen Wirklichkeit geworden ist. Zehn lange Jahre mußte man mit der Materie kämpfen. Heute können wir sehen, daß der Kampf sich gelohnt hat.
Was sind die Vorzüge des schwanzlosen Flugzeugs? Zunächst einmal: Es garantiert die Sicherheit des Fluges in weit höherem Maße als alle bisherigen Konstruktionen. Wesentliche Ursachen, die zu Absturzkatastrophen führen können, sind behoben oder in ihrer Wirkung gemildert. Das Flugzeug ist so gut wie trudelsicher. Es gleitet ruhig durch die Luft — „eigenstabil", wie man sagt. — Ern lieber« ziehen des Höhensteucrs, das im gewöhnlichen Flugzeug gefährliche Folgen haben kann, bleibt im schwanzlosen Flugzeug fast ohne Wirkung.
Weiter: Die Belasturrg des schwanzlosen Flugzeugs ist zentral wie iwch nie, Motor. Benzintanks, Ballast, Fracht und Personen sind alle im Mittelstück des Aeroplans untergebracht — im Mitielstück, das zwischen den beiden Flügeln liegt. Sparsamer kann man kaum eine Maschine konstruieren, geschickter kaum einen Raum ausnutzen.
Sehr sparsam ist auch der Mowr des schwanz- losen Flugzeugs im Gebrauch. Auf der einen Seite vertilgt er weniger Brennstoff, aus der anderen erzielt er höhere Geschwindigkeiten mit verhältnismäßig schwächerer Motorenkraft als alle anderen uns bekannten Flugmaschinen. Der vorhin erwähnte Flug von der Wasserkuppe nach Berlin hat dies tatsächlich bewiesen. 370 Kilometer in knapp zwei Stunden bei 25 Kilometer Windstärke und 24 PS.-Motorenstärke — ja, das ist eine Leistung, wie sie in der Geschichte der Luftfahrt wohl überhaupt noch nicht da war:
Schließlich soll iwch ein anderer Vorzug darin bestehen, daß das Nur-Flügel-Flugzeug nur wenig Platz zum Start und zum Landen benötigt. Dieser Vorzug bleibt freilich zunächst nur theoretisch. Groenhosfs Flugzeug steht nicht auf einem fahrbaren Gestell, wie alle gewöhnlichen Maschinen — sondern auf zwei einfachen Schlittenkufen. So haben es die Vorschriften des Wettbewerbs gewollt. Diese Kufen verringern zwar die Bremsbahn des Flugzeugs beim Landen, erschweren aber den Abflug manchmal bis zur Unmöglichkeit, im Falle einer Notlandung, im Falle, daß keine Katapult- Vorrichtungen zur Verfügung stehen. An dieser Stelle wird man wohl nach einer idealen Lösung suchen müssen.
Aber, alles in allem — wir sehen, welche ungeheuren. nickt zu unterschätzenden Vorzüge diese Konstruktioil in sich birgt. Der Fall des Groendoff- schen Fluges hat es bewiesen, das Junkersche Flugzeug G. 38 bewies es schon vor einem Fahr, deutsche und russische Versuche der beiden letzten Fahre haben immer wieder den gleichen Beweis erbracht. Ist tatsächlich die internationale Flugzeugindustrie reif zur Umstellung auf den Bau schwanzloser Flugzeuge? Das wird man an weiteren Versuchen erkennen können. Fedenfalls sind die Anhänger dieses Typs durch die Erfahrung des Fluges Groen- hoffs sicherlich in ihrer Arbeit bestärkt und ange- feucrt worden.
Günther Groenhoff.
Wird Eckener die englischen Luftschiffwersten übernehmen?
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In London sollen, stste unterrichtete Kreise wissen wollen, Verhandlungen zwischen Dr. Eckener (links) und dem englischen Lustfahrtminister (rechts) stattgefunden haben, in denen die Uebernahme der leerstehenden englischen Luftschiffwerften Cardingion und Howdcn durch Eckener besprochen iourde. ü cf eiter soll angeblich die Absicht haben, seine Pläne für die Errichtung eines trans- atlantischen Lirftschifssverkehrs von England aus zu verwirklichen.
Dringt die Nordsee ins Land?
Millimetergeologie an der Nordseeküste
Wie kommt es, daß die Nordsee immer wieder erfolgreich die festen Deiche bekennen kann, daß sie doch immer wieder kostbares Land zu vernichten imstande ist? Sind die Deiche zu schwach gebaut oder liegen hier andere Ursachen vor? Man weiß, daß die Nordsee weite Strecken überflutet hat, die früher Festland waren und in die See abgesunken sind, wie auch Skandinavien sich ins Meer senkte und langsam wieder hob. Große Moore, Waldspuren and reiche FiNdtingsfelder auf dem Grunde der Nordsee beweisen, daß der heutige Meeresboden von der Küste einmal Geeftlandschaft gewesen ist wie das Land weit hinter der Marsch. Die Geologe,! haben augc- sichts dieser beredten Zeugen zugegeben, daß sich das
Land in geologischer Vergangenheit gesenkt hat. Die schwerwiegende Frage ist aber, ob sich die Küste heute noch senkt und dadurch dem Meer immer wieder die Herrschaft gibt, oder ob die zeitweilige Gewalt der See aus anderen Ursachen entspringt.
Fede Zergrabung des Meeresbodens, jede Zer- wühlung und Diefevlegung verursacht unmittelbar, daß die Wellen weniger stark gebremst iverden und daher stärker auf das Land auflaufen können. Tatsächlich haben jahrzehntelange genaueste Pegelbeobachtungen ein Steigen der Flutwelle nachgewiesen. Es liegt aber auch zahlreiches geologisches Material vor. So ist aus den Oberahnschen Feldern, zwei unbe- deichten Fnseln im Fadebnscn, L80 Meter unter dem
Mittelwasser altes Pslungland nachgewiefen, ebenso aus der Hamburger Hallig nördlich von Husum. Dieses Pflugland lag früher sicher höher als die tägliche Flut, weil cs sonst ständig überschwemmt worden wäre. Hieraus ist zu ersehen, daß entweder die Flut gestiegen ist oder das Land sich gesenkt hat.
Um diese für die Küstenbewohner äußerst wichtige Frage endgültig zu klären, hat man nunmehr die Inseln, das Wattenmeer und die Küste mit einem Netz von trigonemetrischen Beobachtungspunkten überzogen. Die einzelnen Vermeffungspunkte sind so aufgebaut, daß sie zum Teil fest im diluvialen Untergrund ruhen, zum Teil nur leicht auf dem loderen Material aüfsitzen. Alle Punkte find genau nivelliert, d. h. auf eine feststehende Höhe eingewogen. So muß es sich zeigen, iK nur das Lockermaterial absinkt oder ob der gesamte Untergrund allmählich tiefer« gelegt wird. Mit den seinen Meßinstrumenten, die heute zur Verfügung stehen, kann auch die geringste Abweichung wahrgenommen werden; vor der objektiven Schärfe der Meßinstrumente werden die Meinungen der Forst' -r verstummen. Fetzt H-" der Feldmesser das Wort, der Geologe steht und wartet auf die Ergebnisse. .Millimetergeologic" lächeln die Kollegen aus den Gebirgen.
Hier aber ist die Millimetergeologie eine Notwendigkeit. Wenn es sich herausstellt, daß sich das Land um mehr als 50 Zentimeter in 100 Fahren senkt— was in kurzer Zeit nachgewiesen sein wird —, müssen für die großen Pläne der Landgewinnung neue Methoden erprobt werden. Dann muß das angeschlickte Land sofort eingedeicht werden, wenn es durch Buhnen und sonstige Fangvorrichtungen über Mittelwasser angewachsen ist. Es kann nicht, wie bisher, solange liegen bleiben, bis es genügend ausge-irock- net ist, weil es sonst durch das Äbsinken des Gesamtlandes wieder verloren ginge, denn dann wäre der Betrag des Anwachsens kleiner als der Betrag des Absinkens. Die aenauen Beobachtungen werden also für die Praxis entscheiden, ob sich die geplanten Eindeichungen überhaupt lohnen werden.
So zeigt sich, daß die Forschung, die zuerst wie überflüssige Beschäftigung aussah, eine ungemein praktische Bedeutung hat. Die Herbststürme dieses Jahres werden für die Nordfeeküste eine Schicksalsfrage entscheiden Helsen, der Menfck steht mit neuem Gerät bereit, sein Land gegen das Meer zu verteidigen.
Dr. W. Dietgens.
Ltnterlaffungssünden in Lübeck
Vernehmung der Sachverständigen
Lübeck, 10. Dezember.
In der Mittwoch-Sitzung des Calmcttc-Priucsses äußerte sich der Sachverständige Professor Dr. Kölle vom Institut für experimentelle Theraphie in Frankfurt am Main dahin, daß eine dringliche Notwendigkeit für die Einführung des Calmette-Verfahrens in Lübeck nicht Vorgelegen habe. Er könne nicht begreifen, daß jemand, der eine Kultur aus Paris beziehe, nicht Tierversuche anstelle, um zu prüfen, ob die Kulturen die behaupteten Eigenschaften haben.
Sachverständiger Professor Dr. Hans Much-Hamburg sagte aus, er habe es nicht glauben wollen, daß Dr. Teycke die Einführung des Calmette-Verfahrens in Lübeck beabsichtigte. Er lehnte die Einführung des Verfahrens vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ab. Die von Paris bezogene Kultnr hätte nachgeprüft werden müssen. Auch nach Ansicht von Professor Dr. Uhlenhut-Freiburg hätten die dreiviertel Jahre zwischen dem Eintreffen der Kultur aus Paris und der ersten Fütterung eine Nachprüfung im Tierversuch vor der Anwendung notwendig gemacht. Daß das nicht geschehen sei, kennzeichnete eine gewisse Sorglosigkeit, worin man eine Unterlassung erblicken müsse. Das Reich werde eine gesetzliche Regelung nach dem Lübecker Prozeß dahin vornehmen, daß eine Abgabe von Impfstoff ohne Prüfung nicht mehr erfolgen könne. Der Sachverständige äußerte noch sein Erstaunen darüber, daß man das Mittel in Lübeck gleich an so vielen Kindern angewandt habe.
Professor Dr. Abel-Jena hielt in Uebereinstim- mung mit den übrigen Sachverständigen vier Versuche für unbedingt notwendig. Die Aufklärung der Eltern durch gelbe Zettel sei ungenügend gewesen. Es hätte auch eine eingehendere Unterrichtung der Hebammen erfolgen müssen. Einen großen Fehler sehe er darin, daß der Impfstoff nicht sofort am 26. April zurückgezogen worden fei.
Sodann vertagte der Vorsitzende die Sitzung auf Freitag.
Personenzug gegen Autobus
Zehn Todesopfer.
Wien, 10. Dezember.
Ein Personenzug stieß bei dem südslavischen Bahnhof von Cilli mit einem städtischen Autobus zusammen und zertrümmerte.den mit 20 Personen besetzten Wagen vollständig. Sieben Personen waren auf der Stelle tot, während die übrigen Insassen mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Drei von den Verletzten sind auf dem Transport ins Krankenhaus gestorben, sodaß die Zahl der Toten bereits zehn beträgt. Einige Schwerverletzte ringen mit dem Tode. Einige Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, sodaß sie noch nicht identifiziert werden konnten.
Kleine Chronik
Ein Pforzheimer Juwelenhändler gab an, daß ihm vor einiger Zeit im Zug nach Heidelberg ei t Koffer mit Steinen int Wert von 20 000 Mark gestohlen worden sei. Die Versicherung zählte zwar die Summe aus, ließ aber gleichzeitig Ermittlungen än- stellen, die ergaben, daß der Händler den Koffer einem jungen Mann gegeben hatte. Beide sind jetzt fcstge- nommen worden.
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Nach dem Muster der Trockenlegung der Zuidersee sind jetzt an einem Mündungsarm der Nogat ins Frische Haff in Ostpreußen durch Schöpfwerke weite Landstrecken gegen die regelmäßige Heber schm emmung geschützt worden. 1500 Hektar Schwemmland wurden in Ackerland verwandelt. Dreißig Bauernwirtschaften sind bereits entstanden, dreißig weitere sollen noch entstehen.
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Den Versuch, mit langfristiger Witterungsvoraussage an die Oeffentlichkeit zu treten, will im tommeu den Jahr die vor zwei Jahren geschaffene Forschungsstelle für langfristige Witterungsvorhersage in Frankfurt a. M. machen; es sollen für Norddeutschland westlich der Oder und für Süddeutschland im Juli und August Voraussagen für die Dauer von jeweils zehn Tagen durch den Rundfunk verbreitet werden.
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Beim Forschungsinstitut für die Fischindustrie in Alrona wird gegenwärtig ein aussichtsreiches Verfahren durchprobiert, Fische nicht ntehr in Eis, sondern in einer besonders präparierten Lake zu konservieren und zu befördern. Es besteht die Hoffnung, die teuren Eis- und Kühlanlagen bei den Fischdampfern und beim Landtransport zu ersparen.
Der deutsche Dampfer „Mildburg", der vor mehreren Tagen in der Nähe der schwedischen Insel Ocland strandete, liegt noch immer fest. Ein schwedisches Rettungsboot hat den größten Teil der Besatzung geborgen, aber der Kapitän und sieben Mann der Besatzung sind noch an Bord, und können wegen schweren Sturms vorläufig auch nicht geholt werden. Der Hamburger Dampfer „Oga" ist an der nordscchve- dischen Küste auf Grund gelaufen.
Fünfzehn Mann Besatzung des an der finnischen Küste gestrandeten schwedischen Dampfers „Inga", die man bereits als verloren betrachtet hatte, wurde, nachdem sie sechzig Stunden lang ohne Essen auf dem mit Wasser gefüllten Wrack zugebracht hatte, von einem Motorboot ausgenommen und gerettet. Viele waren bewußtlos und hatten erfrorene Gliedmaßen.
25 polnische Städte haben sich jetzt zusammenge- schlossen, um gemeinsam eine Wanderoper einzurichten, da wegen der Krise die Aufrechterhaltung eines städtischen Opernhauses selbst in Warschau unmöglich geworden ist.
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Nachforschungen nach den nördlich und nordwestlich von Arras gefaüehcn Soldaten haben neuerdings zur Auffindung von 654 Leichen geführt; es handelt sich um 374 Franzosen, von denen 126 identifiziert werden konnten, und um 280 Deutsche, von denen man nur mehr 17 identifizieren konnte.
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Die erste Auszeichnung, die die spanische Republik verliehen hat, wurde der bekannten Tänzerin Argen- tina zuteil; sie erhielt die Schleife zum Orden Isabella der Katholischen.
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