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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Kasseler Neueste Nachrichten

Nummer 256

Montag, 7. Dezember 1931

21 Jahrgang

Für und wider die Reichstagseinberufung!

Oie Schicksalsfrage des Kabinetts Brüning / Landvolk und Wirtschaftspartei für Einberufung? / Notverordnung kaum vor Mittwoch / Auftakt in Bafel

Verschiebung der Kräfte?

(Von unserer Berliner Schristleitung).

Los von der Wettwirifchaft?

Eine Umfrage an führende Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft

Berlin, 7. Dezember.

Wie wir erfahren, hat heute vormittag die letzte redaktionelle Ueberarbeitung der 9Zot Verordnung begonnen. In unterrichteten Kreisen rech­net man damit, daß sie im Laufe des Tages abge­schlossen werden kann, sodaß der Reichspräsident am späteren Abend feine Unterschrift geben und die Not­verordnung dann über Nacht in Druck gehen würde.

Die Veröffentlichung dürfte erst Mittwoch früh er­folgen, da der Reichskanzler das Bedürfnis hat, nach der Uebergabe der Verordnung an die Presse selbst das Wort im Rundfunk zu nehmen. Er will offenbar die ungewöhnliche Bedeutung, die dieser Notverordnung zukommt, klarstellen; außerdem liegt es nahe, daß der Kanzler sich u. a. auch zu der Ver­schärfung der politischen Situation äußert, die in den letzten Tagen ganz zweifellos eingetreten ist.

*

Unsere Berliner Schriftleitung meldet uns ferner folgende Ergebnisse:

Am materiellen Inhalt der Notverordnung dürfte sich durch die letzten Beratungen nicht mehr viel Wesentliches geändert haben. Der Reichskanzler wird sich nach der Verkündung der Nowerordnung nun in vollem ^Umfange der parlamentarischen Be­handlung dieser Angelegenheit zu widmen haben. Zu diesem Zwecke wird er

voraussichtlich nach, per Veröffentlichung der Not­verordnung die Parteiführer empfangen,

um mit ihnen sowohl über den Inhalt der Verord­nung, wie vor allem über die Folgen einer evtl, vor­zeitigen Einberufung des Reichstages zu sprechen. In der zweiten Hälfte dieser Woche soll der A e l t e st e n r a t des Reichstages noch einmal zusam­mentreten, um über die Anträge zur sofortigen Ein­berufung des Reichstages zu entscheiden. In der vori­gen Woche hat der Aeltestenrat diese Anträge bekannt­lich mit Mehrheit abgelehnt, aber inzwischen ist

aus den Kreise» der Landvolkpartei und der Wirt­schaftspartei bekannt geworden, daß diese beiden politischen Gruppen in der Sitzung des Aeltesten- rates für die Einberufung des Reichstages stimmen wollen und damit eine Mehrheit von 300 gegen 277 Stimmen für die Einberufung des Parlaments zu- standekäme.

Die Nationalsozialisten, die Kommunisten, die Deutschnationalen, die Volkspartei, die Wirtschafts­partei und das Landvolk Verzügen zusammen über diese 300 Stimmen. Aber man muß dabei doch berück­sichtigen, daß nicht nur die zahlenmäßige Berechnung für die kommende Einberufung des Reichstages maß­gebend ist, sondern daß auch die politischen Erwägun­gen dabei eine Rolle spielen, die unter Umständen zum Gegenteil der ziffernmäßigen Vorausberechnung führen könnte. Es ist in den letzten Tagen bereits darauf hingewiesen worden, daß die Rechtsoppo- sition im gegenwärtigen Stadium der Dinge kein besonderes Interesse daran haben kann, vor dem Be ginn der Auseinandersetzungen über die bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die gesamte politische Verantwortung auf sich zu nehmen, und außerdem ist es selbstverständlich.

zweifelhaft, ob die halbrechtK stehenden bürgerlichen Gruppen unbedingt fest auf ihrem jetzigen Votum beharren, wenn der Kanzler diese Parteien nach­drücklich auf die ernsten Folgen einer sofortigen

Reichstagseinberufung aufmerksam machen wird.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine derar.ige Einberufung des Parlaments das sofortige Ende des Kabinetts Brü-ning und die Ueber nähme der Regierungsgewalt an die oppositionelle Rechte mit sich bringen würde, und deshalb muß es unbedingt noch als fraglich dahin­gestellt bleiben, ob die Rechte und die Halbrechte z. Zt. diese Verantwortung auf sich nehmen wollen.

Im Hinblick auf die Außenpolitik ist es bedauer­lich genug, daß die Nowerordnung nicht wie geplant am heutigen Montag veröffentlicht werden kann, denn es war ja ursprünglich vorgesehen, daß beim Beginn der Baseler Verhandlungen das Verord­nungswerk abgeschlossen sein sollte. Man kann zum Trost lediglich den einen Gesichtspunkt anführen, daß man auch in Basels an den beiden ersten Tagen schwerlich über die Formalitäten der Beratung hin­auskommen wird, und daß man zu dem eigentlichen Kernpunkt der Verhandlungen erst gelange» dürfte, wenn (voraussichtlich am Dienstag) die Notverord- «ung allgemein bekannt sein wird.

Wiggin in Pans

Paris, 7. Dezember.

Entgegen den Erklärungen eines Teils der Soun- tagshlätter berichtet das »Journal" am Montag

morgen, daß der Präsident der Ebase National Bank von Neuvork, Wiggin, seine Reise nach Berlin unterbrochen habe, um am heutigen Montag zusam­men mit dem englischen Finmizmanu Toarks Bespre­chungen mit den führenden Persönlichkeiten der Bangue de L'Aeeeption in Paris abzuhalten. An ihnen sollen noch eine Reihe anderer französischer und ausländischer Finanzmänner teilnehmen

Aufdeckung einer kommunistischen Spionagezenirale

Wien, 7. Dezember.

Ueber eine geheime Spionagezenirale die mit einem Kurzwellensender in Baden bei Wien in Verbindung steht, bringen die Wiener Montagsblätter ausführliche Berichte, denen u. a. zu entnehmen ist, daß die von der Behörde seit einiger Zeit eingeleiteten Erhebun­gen ergeben haben, daß man einer zweifellos inter­nationalen kommunistischen Spionage- z e n t r a l e, der bisher größten Europas, auf die Spur gekommen ist, die mit den modernsten technischen Mit­teln ausgerüstet war, um unabhängig von Post und Telegraph mit ihren Hintermännern in Verbindung zu bleiben.

Ueber die Namen der bisher Verhafteten kann noch nichts mit <ü'stimmtheit gesagt werden. Fest steht nur, daß sie alle über sehr reichliche Geldmittel ver­fügten, die ihnen offenbar vom russischen Geheimdienst zugekommen sind.

S8ir veröffentlichen bcnfc den zweiten Teil bet Antworten bie von fäbrcttben Persönlichkeiten der Wirllchafl auf bie Frage ..Autarkie oder «**? er eilt wurden. (E-vmiM bei Nordische Ge­sellschaft, Lübeck.)

Bernhard Otte, Vorsitzender der Christlichen Gewerkschaften Deutschlands:

Autarkie bedeutet Rückschritt

Die Rückkehr von der Weltwirtschaft zur reinen Nationalwirtschaft würde für Deutschland nicht nur ein Weg ungeheurer Opfer und Entbehrungen sein, sondern er würde zugleich den Hungertod für unge­zählte deutsche Volksgenossen bedeuten. Man braucht sich nur die Ziffern unserer Ein- und Ausfuhr, aus denen die gewaltige Verflechtung Deutschlands mit der Weltwirtschaft hervorgeht, vor Augen führen, um sich klar darüber zu sein, daß der Schritt zur autarken Wirtschaft ohne furchtbare Folgen für das deutsche Volk nicht möglich ist. Gewiß muß es unser Bestre­ben sein, uns, soweit es möglich ist, unab­hängig zu machen, insbesondere auch dadurch, daß wir wieder mehr Menschen auf dem Lande an­siedeln. Das kann aber auch schon wegen des gro­ßen Kostenpunktes nur ein allmählicher Enchwicklungsprozeß sein. Hinzu kommt, daß die Umsiedlung nur für einen Teil wKzer Bevöl­kerung, der heute in Industrie und Handel in den Städten tätig ist, in Frage kommt. Deutschland ist auf Welthandel und Weltverkehr ange-

Nur em Anfang...

Oie englische presse zu den Baseler Verhandlungen

Basel, 7. Dezember.

Der beratende Sonderaussckmß, dessen Einberufung die deutsche Regierung am 19. November beantragt hat, ist heute am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die nach ihrer Satzung den Aus­schuß gemäß dem deutschen Antrag einberufen hat, zusammengetreten. Die für 10/30 Uhr angefetzte Er­öffnungssitzung konnte zunächst noch nicht be­ginne», da bis dahin in den privaten Besprechungen der Delegierten eine Einigung über die Frage des Vorsitzes noch nicht erreicht war. Die Lösung dieser Frage scheint bisher große Schwierigkeiten verursacht zu haben. Die sieben Mitglieder des Aus­schusses waren heute ziemlich früh im Gebäude der BIZ. erschienen, wo sie noch einmal miteinander in Verbindung getreten sind, um sich über die Frage des Vorsitzes und der Zuwahl weiterer Mitglieder des Ausschusses zu besprechen. Das Interesse an der Tagung ist sehr groß und kommt in einer ziemlich starken Vertretung der ausländischen Presse zum Aus­druck.

Basel, 7. Dezember. Der Beratende Ausschuß hat i» feiner Eröffnungssitzung, die mit fast zweistündiger Verspätung begann, das italienische Mitglied des Ausschusses, Professor Beneduce, zum Vorsitzenden gewählt. Professor Beneduce hat an den Verhand­lungen des sogenannten Wigginausschusses, der im August in Basel über die Kreditlage Deutschland be­rate» und eine unter de« Namen Layton-Bericht be­kanntgewordene Untersuchung über diese Frage ver­faßt hat, teilgenommen. Wie verlautet, hat der ame­rikanische Vertreter eine Wahl zum Präsidenten des Ausschusses abgelehnt.

*

London, 7. Dezember. Zum Zusammentritt des Sonderausschusses der B. I. Z. erklärt dieTimes", in einem Leitartikel, Tribute könnten nur bezahlt wer­den, wenn der wirtschaftliche Wohlstand Deutschlands soweit wieder hergestellt sei, daß die Zahlungen ohne Gefährdung der Währung erfolgen könnten, die ihrer­seits von der Wiederbelebung des Vertrauens ab­hängig sei. Zu diesem Zweck müsse Deutschland eine hinreichend lange Atempause gegeben werden.

Es scheine unvermeidlich zu sein, daß der Aus­schuß ein vollständiges Moratorium für alle Tribut zahluugcn erklärt, und zwar solange, bis Deutsch­lands innere Festigkeit wieder hergestellt sei. Ein« Feststellung, welche Zahlungen überhaupt gemachi werden könnten, sei erst möglich, wenn die Weltkrise bcigelegt und die Handelsbedingungen wieder eini- , germaße» normal seien. Aber selbst dann müsse man sicherstellen, daß zukünftige Zahlungen niemals die deutsche Währung gefährden dürften, da sonst das ganze Gebäude des internationale» Kredites erneut in Verwirrung gerate» müßte.

Es bestehe aller Grund zu der Annahme, so sagt dos Blatt, daß die französische Regierung diese Tatsache voll würdige. Die ftanzösischc Forde­

rung nach dem Vorrecht der Tribute sei ganz gut be­gründet, wenn man hierin lediglich einen ganz ver­ständlichen Versuch sehe, die juristische Unverletzlichkeit des Youngplanes aufrecht zu erhalten. Da sich je­doch inzwischen die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt gewaltig geändert hätten, so würde ein star - res Festhalten am Buchstaben den ur­sprünglichen Geist des Houngplanes verletzen.

DieTimes" macht Frankreich erneut für die Schwierigkeiten verantwortlich und weist darauf hin, daß die Handelskredite erhalte» bleiben müßte», um den deutschen Handel zu erhalte». Die Ergeb­nisse der Baseler Beratungen müßten sich zwangs­läufig an den Layton-Bericht anschließen. Sobald die Tatsachen von den Sachverständigen klargelegt seien, sollte es eigentlich der diplomatischen Konfe­renz möglich sein, zu einer praktische» Lösung zu kommen.

Die Tatsache, daß der Poungplan außer Kraft ge­setzt sei, könne, so sagtFinanciel News", von dem Ausschuß nicht übersehen werden. Die Frage der Verteilung der Tribute könne vielleicht wieder zur Erörterung kommen, wenn die aufschiebbaren Repa­rationen abgeschafst würden. Dadurch würde auch die Kriegsschuldenfrage erneut aufgerollt werden. Die Baseler Verhandlungen seien also nur der An­fang einer langen Reihe von Verhand­lungen.

Oer Kongreß ttttt zusammen

Washington, 7. Dc<zember.

Dem heutigen Zusammentritt des Kongresses um 17 Uhr DiEZ. sieht man allgemein mit stärkstem In­teresse entgegen. Im Vordergrund der amerikani­schen Erörterungen stehen jedoch weniger außenpoli­tische als innenpolitische Fragen. Die Hauptfrage, die alle beschäftigt, ist, wie der Wirtschaft in den Ver­einigten Staaten aufgeholfen werden kann. Den drei wichtigsten Kundgebungen Hoovers kommt daher besondere Bedeutung zu. Hoover hat bis in die letzten Stunden hinein mit den beiden Parteiführern der Republikaner im Senat und im Kongreß diese Kungebuugen beraten. Er wird sie am Dienstag in einer gemeinsamen Sitzung beider Häu­ser bekannt geben.

Die beiden Parteien der amerikanischen Parla­mente, die Demokraten und die Republikaner, haben angeordnet, daß jeder Abgeordnete zu erscheinen habe, da die Mehrheit sowohl im Senat wie im Abgeord­netenhaus unter Umständen von einer Stimme ab- bängen wird. Gelingt es den Demokraten, die Mehr­heit tn einem oder in beiden Häusern zu erhalten, was durchaus möglich ist, würde dies weittragende iunerpolitische Folgen ür Amerika hoben.

wiesen. Autarke Wirtschaft bedeutet wirtschaft­lichen Rückschritt, Jammer und Elend. Die gegen­wärtigen Zeitverhältnisse zwingen uns zur Anspan­nung aller Kräfte, zum Opfern und zum Zusammen­stehen. Aber mit verwirrenden Parolen wie:Zu­rück zur Nationalwirtschaft!" ist dem wahren Volks­interesse nicht gedient.

Reichsminister a. D. Hamm, Präsidialmitglied des Industrie- und Handelstages:

Nationalwirtschaft und Weltwirtschaft

Ihre Frage geht dahin, ob ich als Deutscher dem Prinzip der Nationalwirtschaft oder dem der Welt­wirtschaft den Vorzug gebe. Es ist nach meiner Meinung irrig, diese beiden Prinzipien zueinander in Gegensatz zu stellen. Nationalwirtschaft ist in fast allen Ländern der Erde und ganz gewiß in Deutsch­land nicht möglich ohne weltwirtschaftliche Beziehung. Daß die Nationalwirtschaften immer mehr zunächst auf handelspolitischem Gebiete, dann aus dem des Kreditwesens sich voneinander gelöst haben, hat welt­wirtschaftlich und nationalwirtschaftlich den gegen­wärtigen Krisenzustand herbcigeführt. Die Frage ist daher die, wie die Verflechtung von Nationalwirt? schäft und Weltwirtschaft zu finden und wie in ihr das Gewicht nach der einen oder anderen Seite zu verteilen ist; diese Frage bedauere ich in zehn Zeilen nicht beantworten zu können.

Dr. Heinrich Sieveking, Univcrsitätsprofessor, Hamburgs

Hinein in die Welttvirffchafi!

Selbst den Russen ist es heute nicht, möglich, voll­ständig autark zu sein, wieviel weniger könnte das unsere deutsche Volkswirtschaft. Man erinnere sich der Kriegszeit und seitdem sind uns noch wichtige Ueberschuhgebiete verloren gegangen. Wenn wir auch genügend Getreide im Lande erzeugen könnten, wür­den uns die Futtermittel fehlen, und brauchen wir nicht in unserem Klima Wolle, Seide, Baumwolle; auch Häute und Felle aus unserer Wirtschaft würden nicht genügen. Wir sind durch unsere Industrie ex­portfähig, warum sollen wir nicht die Zweige pfle­gen, in denen wir besonders leistungsfähig sind und unsere Mühen aus solche verwenden, in denen wir doch nicht weiterkommen. Ich halte aber nicht nur den Abschluß unserer Wirtschaft für verhängnisvoll, sondern bejahe die Verflechtung der Volkswirtschaft in die Weltwirtschaft, weil es das Ziel der Nation ist, nicht für sich da zu sein, sondern an den Ausgaben der Menschheit mitzuarbeiten.

Othmar Spann, Universitätsprofeffor, Wien: }

Selbstversorgung das oberste Ziel

Nichts kann den Gewinn ersetzen, der darin liegt, daß die Volkswirtschaft mit der Fülle ihrer Sachge­biete auch an Lebendigkeit, Kraft und Gesundheit zu­nimmt. (Othmar Spann, Tote und lebendige Wis­senschaft, 3. Ausl. 1929, S. 130.)

Graf Kauitz, M. d. L.,

Wir müssen uns auf -em Mittelwege hatten

Nach meiner Ueberzeugung ist die handelspolitische und wirtschaftliche Situation Deutschlands derart exzeptionell, daß weder Autarkie noch Frei­handel eine wirkliche Patentlösung wäre. Vielmehr erscheint mir eine wohlüberlegte Verbindung beider Systeme den Anforderungen des deutschen wirtschaftlichen Lebens am meisten gerecht zu werden. Wir müssen uns darüber klar sein, daß Millionen deutscher Menschen zum mindesten einmal für lange Zeit auf ausländisches Kapital angewiesen fein werden, oa mit innerdeutschem Kapital allein ihre Arbeitsstätten z. Zt. leider nicht finanziert wer­den können. Wenn diese Millionen Deutscher aber durch Auslandskredite in Deutschland Arbeit und Be­schäftigung finden oder doch finden müßten, so wird immer ein Teil der von ihnen erzeugten Werte expor­tiert werden müssen, da auch ein gesunder Binnen­markt bestimmt nichi alle diese Produkte aufnehmen könnte. Ich bin weit davon entfernt, den Anteil der Exportindustrie am deutschen Wirtschaftsleben ju überschätzen. Es ist aber immerhin nicht unerheblich und auch wieder die Voraussetzung für eine mehr oder weniger freundliche Kreditgewährung des Aus­landes uns gegenüber. Ein Lano wie Rußland könnte bestimmt Autarkie treiben, weil hier nur wenige Menschen auf großer Fläche wohnen. Wir müssen uns aber, wie das auch bereits vor dem Krieg üblich war, auf dem Mittelwege halten, S. h. durch kluge Voraussicht die Teile des deutschen Wirtschoits-