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Schlug des ArtikelsVertrauen zum Staat?" tin Ausbauen bestecht, deren Maßnahmen vielleicht zur Reparatur bereits entstandener Schäden, bestimmt aber nicht zur Ausschaltung heraufziehender Gefahren geeignet Jinfo? Ist es nichl vielmehr notwendig, dem Opferwillen auch positive Ziäe zu zeigen, wie es einst der Freiherr vom Stein in einer Zeit, in der die Volksnot nicht geringer war als heule, verstan­den hat? Damals wurde die Not zum Motor gemacht, der das Slaatsschiff zu neuen Aufgaben und neuen Ideen Vorwärtstrieb. Heute hat man noch nicht verstanden, diese Kraft einzuschalten und nutz­bar zu «Nachen, uns auch die neue Notverordnung, die uns Anfang der kommenden Woche beschert wer­den soll, scheint in dieser Hinsicht, obwohl ihr vor Monaten ein wenig voreilig das schmückende und tröstliche BeiwortDas große Wirtschaftsprogramm" beigelegt worden war, leinen Wandel zu schaffen. Steuererhöhungen, Gehalts- und Lohnabbau und Ausgabenkürzungen gewiß, alle diese schmerzhaften Eingriffe in das wirtschaftliche und das private Le­hen mögen im Augenblick unvermeidlich sein, erträg­lich sind sie aber nur dann, wenn hinter ihnen posi­tive Ziele sichtbar werden, wenn zumindest der Ver­such gemacht wird, sich an derartige positive Aufgaben heranzuarbeiten, und wenn sich die Regierungspolitik - nicht nur in den Bahnen bewegt, in denen sie dem geringsten Widerstand begegnet, sondern wenn sie auch mutig gegen die starken Bastionen der Partei- Politik und des Bürokratismus angeht.

Zwei Beispiele für viele andere: Da ist zunächst einmal die viel beredete, aber noch nie ernsthaft in Angriff genommene Verwaltungsreform. "Cvit feder Stadl und fast in jedem S ädtchen sitzen Reichsdehörden, Landesbehörden, Kom>munalbehörden nebeneinander. Das bedeutet Schriftwechsel Akten­notizen, viele unnötigen SckMierigkeiten und Ver­zögerungen. Das schlimmste aber ist, daß sich aus dieser Auflösung der Verwaltungen in den Außen­bezirken immer mehr der Begriff der Verantwortlich­keit verflüchtigt, daß niemand mehr da ist, der für das Ganze verantwortlich ist und sich für das Ganze verantwortlich fühlt. Darin sehe ich den Hauptgrulld daß sich zwischen Staat und Volk eine im» wer tiefere Stuft gräbt, daß unsere Verwal­tung vielfach einen so müden und unproduktiven Eindruck macht; darin liegt auch der Hauptgrund, warum in vielen Dingen unser Volk nicht mehr zu den leitenfoen Beamten des Bezirks, sondern zu einem wi ldsremden, sachkundigen Geheimrat in Ber­lin fahren muß, um dort feine Wünsche vorzutragen". Mit diestm Worten schilderte der Vorsitzende des Er­neuerungsbundes, Otto Götzl er, in feiner Konstan­zer Rede einige der wichtigsten, aber beileibe nicht oEc wichtigen Punkte, die eine Verwaltungsreform zur gebieterischen Notwendigkeit machen; gesprochen werden müßte, Wenn man vollständig fein wollte, ferner von der Aufblähung des Verwalsungsappara- tes. von feinem Leerlauf und von den überflüssigen Kosten, die hier verursacht werden, und es müßte schließlich, wie es GeWer an anderer Stelle tut, auf die enge, die unlösliche Verbindung, die zwischen der Berwaltimgs- und der Reichsreform besteht, hinge­wiesen werden. So dringlich aber auch diese Dinge

Kasseler Neueste Nachrichten

Sonnabend/Sonntag, 5./G. Dezember 1931

Frankreich sperrt Einfuhr

sind, und sie werden, wenn sich im kommenden Jahre dft Finanz- und Eiatschwierigteiien nach des Kanzlers eigener Prophezeiung vermehren, noch dringlicher als heute sein, die Frage, was bisher zur positiven Lösung des Problems geschehen sei, kann trotzdem nur mit einer Fehlanzeige beantwor­tet werden. Und so taucht wieder die Befürchtung auf, daß aud) hier erst dann etwas geschieht, wenn Schaden angerichtet ist, wenn ein paar der leistungs­schwachen Länder ihrnon possumus",wir können nicht mehr weiter" ausgesprochen haben, und wenn dann die auszuwendende Mühe und Arbeit nicht mehr positiven Zwecken dient, soiwern gerade eben zum Ausgleich des Negativen ausreicht.

Aber nicht allein auf diesem Gebiete ist zu bekla­gen, daß die wahrhast aufbauende, die vorwärts- treibende und im Volk neue Kräfte weckende Lei­stung fehlt. Der gleiche Uebelstand muß auch auf ande­ren Gebieten, er muß vor allem bei der Organisation des Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit fest­gestellt werden. Freilich: ftn den Laboratorien der Neunmalklugen mag es in den Retorten noch so sehr brodeln, die Patentlösung ist noch tat keinem Rezepte aufgewiesen worden. Aber es ist überaus bezeich­nend, daß in den Dutzenden von Flugschristen und Broschüren, die jetzt zum ThemaArbeitslosigkeit" veröffentlicht werden, fast immer eine überaus be­rechtigte Forderung wiederkehrt: Die Forderung nämlich, den Dingen auf dsn Grund zu gehen, nicht nur an den betrüblichen Symptomen der Arbeits­losigkeit herumzudoktern, sondern durch Steige­rung der Produktion neue Arbeitsmöglich­keiten und damit wieder zusätzliche Kaufkraft zu schaffen. Die Reichsregierung hat zwar einige Schritte auf diesem Wege gemacht, sie hat die Är- beitslosensiedlung in Angriff genommen und sie hat ferner über die Reichsbahn auch Mittel zur Belebung der Wirtschaft zur Verfügung gestellt, aber wir ha­ben gerade jetzt in Kassel bei der bevorstehenden Schließung der Henschelwerke gesehen, daß diese Mit­tel nicht einmal ausreichm, um eine weitere Beschnei- dung der Arbeitsgelegenheit aufzuhalten. Umso dringlicher ist die Aufgabe, nach neuen Finanzie­rungsmöglichkeiten Ausschau zu halten, alle erfolgver­sprechenden Anregungen, cs sei auf den Vorschlag, bei Einstellung neuer Arbeitskräfte den Unternehmern Prämien zu geben, die durch die in der Arbeitslosen- versichentng eingesparten Beträge gedeckt wären, hin­gewiesen gründlich zu prüfen und, wenn sie der Prüfung standhalten, ihre Verwirklichung vorzube­reiten. Und nichts ist bedauerlicher, als daß auch die kommende Notverordnung offenbar über fiska­lische Gesichtspunkte nicht zu solchen wirtschaftsför­dernden ^Planen vorstößt.

Ein Staat aber, der sich auf das Vertrauen seiner Bürger stützen und der sich dieses Vertrauen trotz der Ansprüche, die er heute an alle Schichten des Vol­kes stellen muß, erhalten will, sollte nicht nur in der Lastenverteilung gerecht fein, sondern er muß vor allem auch, trotz und gerade wegen der großen Nöte die Bahn für positive, für aufbauende Arbeit freimachen. Denn Notverordnungen mögen unvermeid­lich fein. Das letzte Heil kann aber in solchen Maßnah­men, die entstandene Schäden nur wiedergutmachen wollen, nicht liegen.

Schwere Schädigung des deutschen

Paris, 5. Dezember.

Journal Ofsiziel" veröffentlicht ein Dekret, das eine Beschränkung der Einfuhrgenehmi­gungen Vorsicht für Länder, die die Devisenkon­trolle eingeführt haben. Das Dekret lautet: Um die Interessen der französischen Exporteure, die nach den Ländern liefern, die eine Devisenkontrolle eingesührt hoben, zu wahren, wird die Einfuhr aus diesen Län­dern nach Frankreick zum Teil oder ganz von der Bewilligung von Einfuhrgenehmigungen abhängig gemacht, falls die Devisenkontrolle in den betreffen- den Ländern die Regelung der französischen Gut­haben zu beeinträchtigen geeignet ist. Verordnungen seitens der einzelnen Ministerien werden die Länder bestimmen, auf die dieses Dekret Aiiwendung findet, sowie auch die einzelnen Bedingungen festsetzen, unter denen Einfuhrgenehmigungen bewilligt werden.

lieber den Eindruck, den dieser Beschluß in Ber­lin hinterließ, berichten die Blätter: Von der neuen franko*' Yen Verordnung sind die Berliner amtlichen Kre» i>na ugeneh tu berührt. Dieses Geba­ren Frankreichs zeuge davon, daß es eine Verständi­gung mit Deutschland auch in wirtschaftlicher Bezie­hung gar nicht ernsthaft wünsche. Infolgedessen wür­den auch die Verhandlungen der deutsch-französischen Wirtschaftskommission kaum wesentliche Erfolge zei­tigen. Auf der einen Seite verlange Frankreich strikte Einhaltung der Verpflichtungen, die Deutsch­land angeblich übernommen hat, während es sich aus der anderen Seite durch solche Maßnahmen wie die Einfuhrbeschränkung in einen Gegensatz zu den Voraussetzungen des Jjounavlans stellt, der vorsieht, daß die Kontrahenten die Lasten des Roungplans Deutschland erleichtern und ihre Tragung ermög­lichen sollen, indem sie neue Absatzgebiete für deutsche Waren erschließen und die deutsche Ausfuhr nach Möglichkeit fördern.

Oer englisch-französische Zollkrieg

London, 5. Dezember.

_ Das Unterhaus stimmte mit 234 gegen 17 Stimmen den bisher erlaffenen beiden Verfügungen

Handels / Erbitterung in Berlin

des Haichelsminsteriums zu, die gewisse Warm auf Grund des Anridumpinggesetzes mit 50 v. H. Zoll belegen. Der parlamentarische Untersmatssekretär des Handelsministeriums teilte mit, daß die Einfuhr der Waren, die unter die neuen Zollverordnungen fallen, fast vollständig ausgehört habe.

Der Handelsminister R u n c i m a n führte aus, daß England die jüngsten französischen Maßnahmen gegen englische Waren, durch die England sehr stark betroffen werde, nicht einfach übersetzen könne. Er hoffe, daß England und Frankreich ihre unterschied- lichen Auffassungen in freundschaftlicher Weise regeln würden. Jedenfalls aber nehme die englische Regie­rung die französischen Scmdermaßnahmen ge­gen England sehr ernst.

Keine Neuwahlen in Thüringen

Weinmr, 5. Dezember.

Am Freitag abend wurde int Thüringer Land-« tag die Auflösung des Landesparlaments abgelehnt, da sich nur zetzn Stimmen der Kommunisten, Natio­nalsozialisten und Deutschnationalen für die Auflö­sung fanden. Nach der Verfastung wären Ulindestens 27 Stimmen erforderlich gewesen.

Dor Abstimmung ging eine heftige Aus­sprache voraus. Als der Fraktionsführer der Na­tionalsozialisten, Abgeordneter Sauckol, feststellte, daß der anständige Teil des deutschen Volkes in der Be­wegung Hitlers stehe, erhob sich int Hause, vor allein auf der Rechten, ein Sturm der Entrüstung, der schließlich zur Unterbrechung der Verhandlustgeii führte. Der Aeltestenrat beschloß, S a u ck e l auf fünf Tage von den Beratungen des Landtages auszu- schließen, da er sich mit feintr Feststellung einer gröblichen Beschimpfung anderer Parteien schuldig gemacht habe.

Polizeimajor Lewit nach Gleiwitz versetzt. Polizei- major Lewit, der im Anschluß an die Vorfälle nach einer Reichsbannerkundgebimg gestern von seiner Dienststelle enthoben wurde, ist mit sofortiger Wir­kung nach Gleiwitz versetzt worden. Von der Ein­leitung eines förmlichen Disziplinarverfahrens ist Ab­stand genommen worden.

Keine Reichstagseinvernfung?

Oie Entscheidung fällt erst nach Veröffentlichung der Notverordnung Das gestrige Vorspiel: Der kommunistische Einberufungsanttag abgelehnt

Hitler vor der englischen presse

Neues Bekenntnis zur Legalität

London, 5. Dezember.

Die gesamte Londoner Presse mit einer Ausnahme desDaily Herald" bringt in großer Aufmachung eine U n t e r r e d u ng Hitlers mit Vertretern der engli­schen und amerikanischen Presse im Hotel Kaiserhof.

Hitler beschäftigte sich nnächst mit dem Hessen- Dokument und erklärte, fein Wille fei in der Partei allein maßgebend. Er denke nicht daran, in letzter Minute die Grundfätze der L e g a l i t ä t über Bord zu werfen. Es unterliege keinem Zweifel, daß die Partei bald zur Macht kommen werde.

Hitler beschäftigte sich zunächst mit dem Hessen- Gefahr in Deutschland aus, die zum Teil das Hes­sendokument erkläre. Er erklärte die ganze Entschlos­senheit feiner Anhänger mit dem fortgesetzten Klein­krieg der Kommunisten, durch die die Nationalsozia­listen in diesem Jahre 5000 Verwundete und viele Tote verloren hätten. Die Entscheidungsschlacht gegen den Bolschewismus werde in Deutschland ausgefochten werden. Die Nattonalsozialisten wissen, daß es ihre Aufgabe sei, diesen Kampf für die ganze Welt zu ge­winnen, und sie würden ihn gewinnen,

/ Nationalsozialisten und Tributfrage

Hierauf ging Hitler auf die Frage der Kriegs- f ch u l d e n und T r i b u t e ein. Die Nationalsoziali­sten würden die Privatschulden anerkennen, aber sie weigerten sich gang energisch, sich politischen Erpres­sungen zu unterwerfen. Alles hänge davon ab, ob die Welt Frankreich erlauben werde, auf der Priorität der politischen Forderungen zu bestehen. Einigungs­versuche müßten von Frankreich kommen und seien so lange unmöglich, solange Frankreich die 65 Millionen Deutsche noch als eine zweitklassige Nation betrachte.

Auf verschiedene Fragen äußerte sich Hitler dann über die Wirtschaftspolitik. Er stellte dabei folgende Forderungen auf: 1. Rücksichtslose Herabsetzung des großen Verwaltungsapparates in Deutschland, 2. Rücksichtslose Drosselung der Einfuhr und 3. Beseiti­gung aller politischen Verpflichtungen.

*

Berlin, 5. Dezember. In einer öffentlichen Ver­sammlung der NSDAP im Sportpalast, in der gestern abend u. a. der Rerchstagsabg Dr. Goebbels sprechen sollte, wurde zu Segiinn vom Versammlungs­leiter mitgeteilt, daß Dr. Goebbels das Reden polizeilich verboten worden sei.

th. Berlin, 5. Dezember.

Das parlamentarische Schicksal der neuen Notverordnung und damit der Regierung Brüning, läßt sich vorläufig noch nicht übersehen, sondern man wird erst die neue Sitzung des Aeltestenrates in der nächsten Woche abwarten müssen. Die gestrigen Vorgänge im Aeltestenrat waren ein vollkommen be­langloses Vorspiel, weil die Fraktionen erst nach dem Erscheinen der neuen Notverordnung Stellung nehmen werden. Man hat aber vorläufig den Eindruck, daß keine große Wahrscheinlichkeit für die Ein­berufung des Reichstages besteht, denn die So­zialdemokraten, deren Führer gestern eine Unterredung mit dem Reichskanzler hatte, übten zwar Kritik an den Maßnahmen des Kabinetts, aber diese Kritik hielt sich in recht engen Grenzen und erweckte nicht den Eindruck, daß die Sozialdemokraten die Absicht haben, in ra­dikale Opposition überzugehen.

Außerdem ist man sicher, daß die Sozialdemokraten vor allem die außenpolitischen Schwierigkeiten respek­tieren werden, die bei einer Einberufung des Reichs­tages und dem damit verbundenen Sturz der Regie­rung Brüning entstehen würden. Andererseits kann die Einberufung des Reichstages auch ohne die So­zialdemokraten durch eine Mehrheit herbeigeführt wer­den, an welcher sich sämtliche rechts und halbrechts stehenden Gruppen beteiligen würden. Wenn das Landvolk und die Wirtschaftspartei entge­

gen ihrer gestrigen Stellungnahme, in der nächsten Woche f ü r eine Einberufung des Reichstages stimmen sollten, so würde eine Mehrheit Zustandekommen. Aber man dürfte wohl auch in diesen Kreisen wenig Nei­gung haben, den Sturz der Regierung Brüning her­beizuführen. Anderseits wird auch die Rechtsoppost- tion im jetzigen Augenblick, also unmittelbar vor den größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Winters und angesichts der erst beginnenden Auseinanderset­zungen, wenig Interesse daran haben, in einem solchen Augenblick die Verantwortung zu übernehmen.

Ans allen diesen Gründen gilt die Einberufung des Reichstages auch in der nächsten Woche, also nacf Erscheinen der Notverordnung, als unwahrscheinlich

*

Die Freitagsttzung des Aeltestenrates, in der die oben erwähnte Entscheidung gefällt wurde, war des­halb bemerkenswert, weil auch die Rationalsa- zialisten und Deutschnationalen vertreten waren. Die Minderheit, die sich für die sofortige Ein­berufung aussprach, ist insofern interessant, als sich diesmal Nationalsozialisten, Deutschnationale, Kom­munisten und Deutsche Volkspariei hier zusammengc- sunden hatten. Die Vertreter der Wirtschaftspartei und des Landvolks erklärten dagegen, daß sic zur Frage einer Reichstagseinberufung erst nach Bekannt­gabe der Notverordnung Stellung nehmen würden. Es wird deshalb bamit gerechnet, daß die Ko m m u n i - st e n auf Grund des Beschlusses der bcipen zuletzt ge-

Hessische Heimattiieraiur

I.

Eine neue Heimatgeschichte

Eine Darstellung der hessischen Gesamtgeschichte mit dem weit gesteckten Ansprüche, allen Anforderungen der modernen Forsthung zu genügen, gibt es leider heute immer noch nicht, denn die größeren Darstellun­gen von Rommel. Röth-Stamford, Heßler, Münscher u. a. sind in wesentlichen Teilen veraltet. Noch immer harrt der gewaltige Stoff, trotzdem ihm längst in zahl­reichen Einzeluntersuchungen wertvolle neue Ergeb­nisse abgerungen wurden, der kundigen Hand, die hier das Gesamtbild zusammenfaßt und in einheitlicher großzügiger Synthese zur Lebensgeschichte eines Volkes formt, wie Philipp Losch es für die Zeit des Kur­fürstentums getan hat. Dieser Forderung will die neueHessische Heimatgeschichte" von Heinrich Blum" (128 S. Bärenreiter-Verlag, Kassel. Geb. 4,80 M.) noch nicht gerecht werden, das sei gleich vorweg zu ihrer richtigen Beurteilung her­vorgehoben. Sie ist aus der Praxis des Unterrichts an der Volks- und Mittelschule erwachsen und diesen Kreisen vor allem wie der allgemeinen Beschäftigung mit der Geschichte des Hessenlandes will die sorgfältig bearbeitete, mit fachlichem Ernst geschriebene, flüssige und lesbare Schilderung der Ereignisse und Zeitten­denzen in erster Linie dienen.

Sie kann naturgemäß nur eine knappe Ueberficht des Wichtigsten geben, aber sie vermeidet doch jede einseitige, etwa rein politische oder kriegsgeschichtliche Darstellungsweife im alten Stile. Sie läßt durchaus das kulturgeschichtliche, biographische, theologische, wirtschaftliche, kunst-. literar- und geistesgefchichtliche Moment zu seinem Rechte kommen. Etwas mehr hätte in dieser Hinsicht allerdings über Landgraf Wil­helm IV. und seine Beziehungen zu den Großen seiner Zeit oder über Moritz den Gelehrten schon geboten werden können, von dessen musikalischer und theatra­lischer, auch baulicher Tätigkeit man leider nichts er­fährt. Zur Weiterführung des Studiums ist bei den einzelnen Abschnitten die nötige Literatur angegeben, nur stehen hier die Darstellungen unterschiedlichen Wertes und sogar romanhaften Charakters wahllos nebeneinander. Im übrigen ist die Behandlung der Einzelheiten eine sehr glückliche, weil sie stets das An­schauliche z. V. für die Vorzeit die noch heute vorhan- oenen Denkmale oder beim Weltkrieg Armeebericht, Krieasgedicht und Feldpostbrief, gelegentlich auch Anekdoten und Erzählungen in den Vordergrund ruckt,

um so das Typische der Zeit an der quellenmäßig im­mer lebendig wirkenden Besonderheit des Vorganges eindrucksvoll zu illustrieren. Die Durchführung dieser mehr vorbereitenden und gründlich einführenden Art in das bunte Geschehen, die den Leser zu weiterem Studium anregt und dem Lehrer leicht eine weitere Ausgestaltung des Textes ermöglicht, ist dem Ver­fasser vortrefflich gelungen. Da das Buch auch mit einer Reihe von Kartenskizzen und guten Abbildun­gen geschmackvoll ausgestattet ist, wird es schon ein richtiges Hausbuch in hessischen Familien werden, zu­mal es ja in dieser Hinsicht kaum ernsthafte Konkur­renz hat.

II.

Don der hessischen Renitenz

Daß die besondere hessische Kirchenentwicklung, be­dingt durch die neue preußisch-hessische Staatsbildung von 1866, die sogenannte hessische Renitenz und die ihr anhängende Gemeinde durch die aktuelle Frage der Trennung von Kirche und Staat wieder ganz neue prinzipielle Bedeutung gewinnt, zeigen uns die ver­schiedenen Werke, die nun von einem objektiveren Standpunkt, als es bisher möglich war, Vergangen­heit und Gegenwart würdigen und werten wollen. Da sie sich auf genauestes Quellenstudium stützen, so ver­dienen sie als Beitrag zur Heimatgeschichte sowohl wie der religiösen Probleme unserer Tage überhaupt stärkste Beachtung. Das Werk von Karl Wicke, Die hessische Renitenz, ihre Geschichte und ihr Sinn" (194 S. Bärenreiter-Verlag. Geb. 9, M.), gibt endlich einen erschöpfenden Ileberblick über die gesamten kirchlichen Verhältnisse, ans denen di? Bewegung um die Mitte des 19. Jahrhunderts erwachsen ist, wie sie in den 60er und 70er Jahren in Deklarationen Konferenzen und Protestationen ge­worden, wie Die entscheidenden Kämpfe mit der offi­ziellen Kirche, die Maßregelung und Absetzung der Geistlichen zur Trennung geführt hat und über alle Zersplitterung hinweg die Anhänger ausharrten, ins­besondere werden am Schlüsse klar die geistigen Ziele in dogmatischer und praktischer Hinsicht herausgehoben. Neben einigen Urkunden-Anlagen und reichen er­schöpfenden Literaturangaben sind auch einige Por­träts der führenden Persönlichkeiten beigegeben. Das Werk ist umso verdienstlicher, weil es durchaus un­parteiisch und positiv gerichtet ist und mancherlei Miß­verständnisse und Entstellungen beseitigt, denn da die

bisherigen Darstellungen sür die Polemik nicht nur die konfessionellen Streitobjekte heranzogen, sondern oft daneben die politischen und gar parteipolitischen Zusammenhänge viel zu scharf betonten, so ergaben sich einseitige Standpunkte, die dem ehrlichen Elau- benskampse der Renitenten nicht gerecht werden konnten.

Wie weit nun die geistigen Grundlagen der Bewe­gung heute noch, nicht nur in untergeordneten dog­matischen Fragen oder für einzelne kirchliche Hand­lungen sondern für unsere ganze religiöse Einstellung umwälzenden und erneuernden Antrieb besitzen, ver­sucht Otto Reinhold in seinem BucheDie Bedeutung der hessischen Renitenz für die Kirchwerdung der Landeskirchen" (Neuwerk-Verlag. 106 S.) von hohem theologisch-pä­dagogischem und menschlich-bekenntnismäßigem Blick­feld aus ernst und eindringlich zu umreißen. Der einflußreichen, machtvollen Menschenkirche, wie sie sich in den sich überall durchsetzenden llnions- und Alli­anzbestrebungen, in der Stockholmer Konferenz und dem ganzen modernen ökumenischen Kirchentum kund- tut, will er im Sinne der Renitenz die Wiedergeburt der alten freien Ur- und Eotteskirche, der Kreuzes- kjrche Christi in ihrer vollen letzten Erscheinung ent­gegensetzen, die in eigener Hand die geistliche rechte Führung hält und die Laien zu höchster Aktivität auf­ruft. Er übt scharfe Kritik an allen weltlichen staats­politischen Tendenzen, die sich im Laufe der Zeit in der Kirche durchgesetzt haben. Revolution von oben und Revolution von unten umbranden das Glaubens- schiff. Nicht Bürokratie und Hierarchie, sondern er­leuchtete glaubensgewisse Führung, die über Natio­nalismus und Nur-Konfessionalismus, nut Religiös- Sittliches und Bürgerlich-Moralisches hinausstrebt, kann die Kirche retten. Daß bei diesem Gedanken- gange so manches in reiner und abstrakter Ideologie endet, ist unvermeidlich, aber, der Verfasser bringt auch viel Nachdenkliches und Bedeutsames zu der Gestaltung des Bekenntnisses und zu seiner Leibwer- dung in der Kirchenordnung vor, so daß auch der, der andere Lösungen wünscht oder überhaupt auf anderm Boden steht, das Buch nicht ohne innere Bereicherung und bet der sachlich-maßvollen, ethisch hohen und cha­raktervollen Haltung der Schrift nicht ohne tiefere Anregung zu eigener Besinnung aus der Hand legen wird.

-.1.

Wilhelmshöher Romantik

Einen interessanten Ausblick in die hessische Kunst­geschichte eröffnet Karl Paetow mit seiner auf­

schlußreichen bau- und stilgeschichtlichen Untersuchung überKlassizismus und Romantik auf Wilhelmshöhe" (101 S. 12 Taf. Bärenreiter- Verlag, Kassel. Kart. 4, M.j, die eine Würdigung des berühmten Schlosses und seiner eigenartigen Sartenanlagen aus neuer Perspektive anstrebt. Ur­sprünglich eine Doktorarbeit für die Universität Leip­zig bietet sie auch in Buchform durch ihre geschickte Zusammenfassung der Forschungsergebnisse als bilder­geschmückter, übersichtlicher, kunsthistorischer Führer dem Forscher rote dem Heimatsfreunde eine vielseitig fes­selnde Lektüre. Sie hat gewissenhaft alles benutzt, was Vorgänger herausgeoracht haben, oder noch in den Akten zu finden war, sie hat auch alle nicht aus­geführten Projekte berücksichtigt, sie fügt instruktives Abbildungsmaterial aus alten Stichen und Zeichnun­gen bei, läßt auch die allgemeinen Tendenzen der Kunstästhetik nicht außer Acht, soweit sie sich in den höfischen Schöpfungen der klassischen und romantischen Epoche von 1763 bis 1830, diesem Stilgemisch non Tempel, Pavillons, Ruinen, Grotten, Gräben, Tei­chen, -Kaskaden, Wasserkünsten, Chinoiserien, Theater, Turnierplatz, mittelalterlicher Ritterburg und all den Sehnsüchten einer baulustigen Herrscherphantasie aus­wirkten. Sicher wird das heute vorhandene oder noch erkennbare Gebilde der Schloß- und Eartenträumerei in die Zeitumwelt geistig und kulturgeschichtlich ein­geordnet und am plastischen Beispiel von Schloß und Löwenburg die unmittelbare Durchdringung von Klas­sizismus und Romantik als einer interessanten spe­zifisch-deutschen Synthese veranschaulicht. Wer sich also künftighin ernsthaft mit der Wilhelmshöhe be­schäftigen will, wird wie an Heidelbach und Holtmeyer auch an Paetow nicht Vorbeigehen können.

Dr. Gustav Struck.

Die Freiheit des Sol ja Iwanow. Bon Friede H. flraie. 368 Seiten, gebunden RM 5,50. Verlag Bertelsmann. Gü­tersloh. Ein psychologischer Roman aus der Zeit russischer Leibeigenschaft. Gespannt von Anfang bis zu Ende, ver­folgen wir das Leben von Menschen, die nicht da sind, um glücklich zu sein, sondern um zu schaffen. Diese Menschen wachsen in den Grenzen, die ihnen gezogen sind, und schrei­ten doch wie Könige darüber hinaus, sie kommen nicht los von ihrem Mutterboden und sind doch Herren: und so fin­det das Problem der Freiheit eine neue, praktische Lösung: Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, nur, Die lebte Freiheit, sie ist unabhängig von Menschensatzungeu. Der Knecht kann sie besitzen, der Herr kann ihrer erman­geln*. Mit dem Verstand kommen wir letzten Dingen nie­mals nahe:Es gibt zweierlei Liebe die eine ist das grobe Schicksal, dir andere ist Sie grobe Gnade.* p. Hauff.