Einzelbild herunterladen
 
  

Sette r

Kasseler Neueste Nachrichten_________________________________________ Freitag, 4. Dezember mi

Bekenntnis zum Reich

Der österreichische Nationalrat zur Anschlußfrage / Der neue ^Imperialismus^ der französischen Hochfinanz

dieser Vorgang ist, cs hat auch heute nodj recht den Anschein, als ob wir uns dabei an dem Tiefpunkt dieser beklagenswerten Entwicklungskurve befänden.

Diese schliimne Auswirkungen her allgemeinen Wirtschaftskrise sind natürlich nicht ohne p o l t t i s che R ü ck w i r k u n g c n denkbar. Jede Herabsetzung der Gehälter, jede Erhöhung der Steuern und vor allem Maßnahmen wie die Herabsetzung der steuerfreien Einkommensgrenze, Les sogenannten Extstenzmint- mums, muffen in der Bevölkerung selbstverständlich Verstimmung auslösen, die sich aus die politischen Parteien überträgt, und sich dort in der Hinneigung äur Opposition auswirkt. Es ist daher auch sehr fraglich, ob das Reichskabinett bei dem jetzt zu er­wartenden Inhalt her neuen Notverordnung noch auf

Berlin, 4. Dezember.

Wie wir ersahren, werden in absehbarer Zeit die Fnnjpseniligstücke aus dem Verkehr gezogen und da­für Vierpfennig-Stücke geprägt werden. Maßgebend für diese Acnderung ist wohl die Absicht, dem Psennigverkehr und damit dem Spartrieb «ine stärkere Anregung zu geben. Es handelt sich nm eine rein münztechnische Angelegenheit.

Ole Preissenkungsfrage

vor dem Haushaltsausschuß

Berlin, 4. Dezember.

Im Haushaltsansschutz des Reichstags entspann sich am Donnerstag zunächst eine Aus­sprache über die Uebersichten des Finanzmiiristers, die die bisher geleisteten über- und außerplanmäßi­gen Ausgabemittel betreffen. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob bei den langen Pausen in den Arbeiten des Reichstags die hohen Zahlungen an die Reichsbahn für die Freifahrkqrten der Abge­ordneten noch gerechtfertigt sind. Die Uebersichten wurden durch Kenntnisnahme erledigt.

Der Ausschuß beriet dann den ReichsratS einspruch gegen die Abänderung des Brotgesetzes. Der Zentrumsabgeordnete Schlack wies darauf hin, daß keine Konsumgenossenschaft in de; Brotbäckerei zurzeit mit Gewinn arbeite. Von der Aushebung des Rachtbackverbots könne man keine Brotpreissenkung erwarten, sondern höchstens eine weitere Brotpreiserhöhung dadurch vermeiden. Es sei überhaupt ein großer Irrtum, sich immer nur aus die Senkung der Lebensmittelpreise zu versteifen. Der Index für Lebensmittel sei jetzt 190, Dagegen habe alles, was von der öffentlichen Hand bewirt­schaftet werde, einen unendlich höheren Inder. Die Steuern, die öffentlichen Gebühren, die Preise für Gas, Wasser und Elektrizität hätten einen Index­stand zwischen 180 und 250. Die Erhöhung der Umsatzsteuer werde statt einer Verbilligung eine Verteuerung der Lebenshaltung herbei- sühren. Hier müsse man anfangen, di« Preisgrund- lage zu senken.

Die sozialdemokratische Abgeordnete Frau Wurm trat demgegenüber unbedingt für eine Senkung der LÄbeNsnftltelprefse ein. Das beste Mittel für eine Brötprsisssnkung fei die Herabsetzung der Zölle. Ab­geordneter Drewitz (Wirtschastsp.f wandte sich gleich falls gegen ctoe Lockerung des Nachtbackverbots, die nicht zu einer BrotpreiSverbilligung führe. Das Ergebnis der Aussprache war, daß der Einspruch des Rsichsrats durch die inzwischen erfolgten gesetz­geberischen Maßnahmen als erledigt angesehen wurde.

Brüning an den Wohnungsausschuß

Berlin, 4. Dezember.

Der WohnungSausschutz des Reichstags hatte die Reichsregierung in einer Entschließung um ihre Stellungnahme zu den Vorschlägen des Wirt- schaftSbeirats aus deut Gebiet der WohnungSwirt- schäft ersticht. In Beantwortung dieser Entschließung ist dem Wohnungsaueschuß jetzt ein Schreiben des Reichskanzlers zugegangen, in dem miigetetlt wird, datz es der Reichsregierung nach dem gegen­wärtigen Stand der Verhaichlungen nicht möglich sei dem AnSschittz eine sachliche Auskunft auf seine Frage zu geben. Die Reichsregierung sei zurzeit noch mit

eine ausreichende parlamentarische Unterstützung rechnen kann. Man wird sich daher fragen, ob die in dem erwähnten Kommunique gebrauchten Worteum jeden Preis- auch einen politischen Sinn neben ihrer wirtschaftlichen Bedeutung haben.

Tann müßte man sie dahin auslegen, daß das Reichskabmett entschlossen ist, die. schweren Eingrisse die es mit der neuen Notverordnung vornimmt, ohne Rücksicht auf eventuelle parlamentarische und partei­politische Widerstände dutchwführeit. Man kam, da­bei natürlich sehr leicht an die Grenze aewisser ver- faffnngsmähiger Bedenken geraten, und angesichts des krisenhaften Charakters der bevorstehenden Win­termonate wird man sich in der Regierung über den Ernst einer folchen Entwicklung wohl keiner Täu­schung hingeben. Dr. Th.

den Richtlinien des Wirtschastsbeirates beschäftigt und Prüfe dabei auch die Frage, in welchem Umfange die Vorschläge des Wirtschastsbeirats auf dem Gebiete des Wohnungswesens im Wege einer Notverordnung zu regeln sind. Sie müsse sich deshalb Vorbehalten, dem Wohnungsausschuß die gewünschte Auskunft an einem späteren Zeitpunkt zu geben.

Tie Frage des Ausschuß-Vorsitzes wurde am Don­nerstag im Wohnungs-Ausschuß endgültig geregelt. Die Frage war durch das Fernbleiben d«s national­sozialistischen Vorsitzenden entstanden und hatte durch die Wahl des sozialdemokratischen 9£bgeorbneten Li­pinski nur eine vorläufige Klärung erfahren. Vom Reichstagsbüro ist nun die Nachricht eingegangen, daß im Wohttungsausschutz den Kommunisten der Vorsitz zusteht. Der Ausschuß hat daraufhin den kommu­nistischen Abg. Schumann zum Vorsitzenden be­stellt.

Wels gegen weitere Lohnkürzungen

Berlin, 4. Dezember.

Wie derVorwärts" aus Stuttgart berichtet, hat der sozialdemokratische Partsivorsitzende Otto WelS in einer Versammlung in der Stadthalle folgendes ausgeführt: Die Sozialdemokratie habe auf Grund des Ausfalls der Wahl vom 14. September nicht be­stritten, daß von dem Notberorduungsrecht Gebrauch gemacht werden müsse. Wenn aber Brüning jetzt eine neue Notverordnung vorbereite, so sei es nötig, auszusprechen, daß für gewiffe Dinge die Grenze erreicht sei. Jede Absicht tiochmaliger Lohnkürzungen wird auf unseren erbitterten Widerstand stoßen. Wir werden Brüning dann fragen, mit wem et regieren wolle.

Sturm im Berliner Staötparlament

Berlin, 4. Dezember.

In der gestrigen Stadtverordnetenversammlung kam es zu stürmischen Szenen, als der Kommunist Fritz Lange einen Drinalichkeitsanttag seiner Fraktion einbrachte, in dem die Aufhebung ver Kür­zungen der Erwerbslosenunterstützung und die Aus­schüttung einer Weihnachtsbeihilse gefordert wurde.

Der Redner richtete bei der Begründung «des An­trages heftige Angriffe gegen die Natio­nalsozialisten. Ms. ihn der Vorsteher wegen einer beleidigenden Aeutzerung zur Ordnung rief, er­klärte et unter dem Händeklatschen seiner Parteigenos­sen, daß es in der deutschen Sprache kein Wort gebe, das gegen die Nationalsozialisten scharf genüg Mitts. In den Tumult mischten sich auch schrille Pfiffe, unv dir Stadtverordneten der äußersten Rechten und Lin­ken riefen sich alts Mau l!" zu. Die auf der Tribüne anwesenden Erwerbslosen bildeten einen Sprechchor unv riefen:Wir haben Hunger, gebt uns Arbeit und Brot", so daß der Vorsteher mehr- mals mit der Räumung der Tribüne drohen mußte.

Bei der Abstimmung verließen die bürgerlichen Parteien den Saal, was abermals heftige Zwischen­rufe auslöste. Die Sozialdemokraten enthielten sich der Stimme unter großem Lärm des Hauses. Als der Vorsteher die Beschlußunfähigkeit des Houses fest­stellte, begannen die kommunistischen Trwünenbesu- cher erneut zu lärmen. Der Gesang der Internatio­nale, in den auch die kommunistischen Stastverord- ncten einstimmten, Verwünschungen auf die Sozial­demokratie und Rotfrontrufe bildeten den stürmischen Ausklang der Sitzung und nur mit Milbe gelang es den Rathausbeamten, die erregten Tribunenbesucher zum Verlassen des Hauses zu bewegen.

Wien, 4. Dezember.

Die gestrige Nationalratssitzung beschäftigte sich mit dem Budget für 1032, über das Finanz- Minister Dr. Weid en hosfrr ein ausführliches Expose gab. Darin erwähnte er, daß in den letzten Tagen bereits Clearing-Vereinbarungen mit einigen Nachbarstaaten fertiggefteät sein werden. Der Finanz- minister betonte übrigens, daß der Jnlandswert ves Werretchischen Schilling bisher nicht die geringste Einbuße erlitten habe, unv daß die Regierung nach wie vor die Parität des Schilling verteidigen werde. Auf verschiedenen ausländischen Plätzen sei allerdings eine starke Baisse-Spekulation gegen den Schilling im Gange.

In der Aussprache betonte vor allem Abg. Ellenbogen (Soz.), baß gewiffe Kreise Hand in Hand mit der französischen Hochfinanz ar­beiteten, in der der Redner die eigentliche Urheberin derH a ß p o l i t i k" gegen Deutschland sieht. Diese habe das Ziel, so erklärte er, alle Währungen zu untergraben, um dadurch die fremden Industrien, vor allem die deutsche und auch die österreichische, in ihre Hand zu bekommen. Dies sei eine neue Form des Imperialismus. Da diese französische Politik auch die Ablehnung des Mtschlußgedankens enthalte, so werde sie blind von jenen gekennzeichneten Cliquen mitgemacht. Der Regierung sei ihre Schwäche diesen Wühlereien gegenüber vorzuwerfen. Im weiteren Verlaufe feiner Rede lehnte der sozialdemokratische Abgeordnete eine Union mit Ungarn als ein Mittel gegen den Anfchluß ab und erklärte, die Sozialdemo­kraten würden als Bedingung eines eventuellen Ein­tritts in die Regierung die Kaltstellung und Erledi­gung aller dieser Feinde der Republik fordern.

Auch der Landbündlerifche Abg. T a u f ch n i tz befchästigte sich mit den Fragen der Zollunion und Donaukonföderation und betonte, daß Oesterreich n i e einer Kombination zustimmen könne, an der nicht Deutschland führend beteiligt wäre.

Abg. Hampel vom nationalen Wirtschafts block knüpfte an das Wort des früheren Bundeskanzlers Dr. Seipel:Kein Abkommen ohne das Deutsche Reich" an, um gegen den Gedanken einer Donau- födcration entschieden aufzutreten. Für Oesterreich

Oer Staatsrat stimmt zu...

Berlin, 4. Dezember.

Der Preußische Staatsrat stimmte am Don­nerstag der Poltzeiverordnung zu, wonach von 5 Uhr nachmittags RS 7 Uhr morgens Gelände­übungen und ähnliche Veranstaltungen sowie die Vorbereitungen dazu unfc alle Märsche in geschlossener Ordnung unter freiem Himmel verboten werden. Auch gegen die Polizeiverordnung über das Verbot der Abgabe von Hieb- und Stichwaffen an Personen unter 20 Jahren wurden Einwendungen nicht erho­ben. Ohne Aussprache wurde auch der 7. Verord­nung über die Lockerung der Wohnnngszwangswirt- schaft zugestimmt, wonach das Wohnungszwangsrecht für Wohnungen mit etttet Jahresmiete von 1200 Mk. und mehr in Berlin, und von 1000, 700, 500, 300 und 240 Mk. für die Orte der übrigen Ortsklassen ausge­hoben wird.

Oas Hoch auf Braun

Dienstenthebung eines Polizeimajors.

Berlin, 4. Dezember.

Im Anschluß an eine Kundgebung des Reichsbanners im Sportpalast ist es zu einem merkwürdigen Zwischenfall gekommen. Ein Mini- stcrialrat, der tm Reichspostministerium einen füh­renden Posten bekleidet, brachte, als die Teilnehmer an der Kundgebung in dichten Scharen den Ver­sammlungsraum verließen, auf der Straße ein Hoch auf den preußischen Ministerpräsiden­ten Dr. Braun aus. Er wurde daraufhin auf Ver­anlassung des Polizeimajors Lewit. der mit der Aufrechterhaltung der Ordnung intb den polizeiliche« Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit der Kund­gebung beouftraai war, verhaftet. Als der Ministe­rialrat Den Major darauf aufmerksam machte, datz

gebe es nur einen Sieg, den, welcher seinerzeit von Dr. Schober mit Zustimmung der Regierung aufoe- zeigt wurde. Der Redner schloß, indem er der Hoff­nung Ausdruck gab, es werde auch das deutsche Völk in Oesterreich das Recht der Selbstbestim­mung für sich in Anspruch nehmen können und feine Heimat in einem großen deutschen Vaterland« finde». Im gleichen Sinne fprach auch der Redner des Land- bundes, der Abg. Thoma.

Or. pfrimer will sich dem Gericht stellen

Wie», 4. Dezember.

Wie in Grazer Heimwehrkreisen verlautet, b«ab» sichtigt Dr. Pfrimer, der Führer des Heimwehr» putsches vom 13. September, der noch jetzt ehrenhal­ber Landesführer der steirischen Heimwehren ist, sich in den nächsten Tagen man nennt den 8. Dezember dem Landesgericht in Graz zu stellen.

Oer Kampf um das Hooverseierjah''

Neuqork, 4. November.

Mit demZusammentritt des Kongreffes in der nächsten Woche beginnt der Kampf um die Ratifizierung des Hoovcrseierjahres. Der Kampf wird außerordentlich lebhaft werden, da die Gegner, schafi bei bett Demokraten ständig wächst. Schon jetzt wurde durch den Abgeordneten Rankin ein Bprstyß gegen das Feierjahr unternommen in einer Er­klärung, die feinen Antrag «»kündigte, daß der Kon­greß Vie Anleihen amtrikanifcher Privatbanken an datz Ausland prüfen lassen solle, um seftzuftellen, wer den größten Nutzen von der Einstellung der Zah­lungen haben wird.

Rankt» fügte hinzu, daß der Kongreß das Hooper- seierjahr voraussichtlich ahlchnen werde, denn es laufe schließlich aus völlige Schuldenstreichung hinaus.

Die gemeldeten Ausführungen des Abgeordne­ten Rankin gegen das Hooverfeierjahr haben in R t gierungskreisen nur geringen Ein­druck gemacht. Man erklärt dort, daß Hoover Mar starken Widerstano erwarte, aber über eine sichere Mehrheit in dieser Frage verfüge.

es sich nicht um eine anltrepublikantsche Demonstra­tion handele, sondern alle LeuteHoch die Republik undFrei Heil" riefen, foll Major Lewit erwidert haben, daß dadurch die öffentliche Ruh«, Sicherheit und Ordnung gestört würden. Der Ministerialrat wurde auf ein Polizeirevier gebracht und erst nach längerer Zelt wieder entlassen.

Poltzetmajor Lewit ist aufgrund dieser Vorgänge als Letter der Polizeiinspeklion Tiergarten enthoben worden. Ter Minister des Innern hat sich dtfzipli- »arifebe Maßnahmen Vorbehalten.

Zweierlei Maß

Berlin, 4. Dezember.

Der Reichsdund der Höhere» Beamte» hat, tote wir hören, bei einem Empfang beim Reichskanzler darauf hitigewiesen, daß die unterschiedlich« Behand­lung ver Reichs- und Länderbeamten bei fcen Ge­haltskürzungen zu schwersten Bedenken Anlaß gibt. Im Durchschnitt stnb im Reich und i» den Ländern Kürzungen der Beamtengehälter in Höh« von 13 Prozent erfolgt. I» einzelnen Ländern sind die Kür­zungen aber bedeutend höher ausgefallen. So muß­ten j. B. die hessischen Beamten Kürzungen bis zu 30 Prozent uno die sächsischen Beamten solch« bis zu 21 Prozent hinnehmen. Dieser verschiedenen Einstu­fung mutz nach Auffassung des Reichsbundes ein Ende bereitet werden. Man machte dem Reichs kau; ler, wie wir erfahren, konkrete Vorschläge, die der Wiederherstellung einer wirklichen BesoldungSeinYelt dienen.

Prälat Äaa« in Rom. Wie dasBerliner Tage­blatt" aus gutunterrichteter Quelle erfährt weilt der Zentrumsführer Prälat Dr. Äaa» seit einigen Tagen in Rom. Das Blatt vermutet, daß bei seinen Unter­haltungen mit den vatikanischen Stellen auch die poli­tische Situation in Deutschland eine Rolle spielt.

Vier, statt Künspsennigflücke

Dem Pfennigverkehr sollen neue Anregungen gegeben werden

Dr. Anton Mayen

Erinnerungen eines alten Reiters

Als mich mein Vater zum ersten Mal auf einen Gaul stülpte, war ich sieben Jahr: aber «S war kein Ponv, das ich reiten sollte, sondern ein ausgewachse­nes großes Pferd mit fchinalent Rücken, gütkgern Alterstemperament unv noch leidlichen Gängen. ES hieß Caesar, und gehörte in die Reitbahn des längst seligen Hemmerling, eines seltsamen Kauzes, der im Sommer eine Dependance seines Berliner Insti­tutes in Heringsdorf unterhielt; in jenen Tagen lag der Badeort noch wirklich am Meer, und war noch nicht in einem Wust mondäner Tanz-, Kintopp- und anderer sogenannter Vergnügungsstätten utttergegan- gen. Mein Vater nahm seine gute englische Stute, die er damals besaß, für den über den ganzen Sommer ausgedehnten Aufenthalt In Heringsdorf mit; nach einigen in der Bahn absolvierten Stunden kitt ich auf dem braven Caesar, dem ein Kitidersattel aufge­legt worden war, tapfer mit, am Strand entlang und durch die schönen Wälder, welche von Hemmerling manchmal begleitet« er uns befonderS bei unsiche­rem Wetter bevorzugt wurden, weil es, nach seiner mystischen, aber streng sestgehaltenen Meinungm oer Heide nicht regne wie et auf diese» Gedan­ke» gekommen war, hat nie jemand ergründen können.

Pferde und Hunde haben mich durch meine Jugend begleitet, bis ich im zweiten sächsische» Husaren-Regi- ment als Fahnenjunker eintrat, und nun der Ernst der kavalleristischen Ausbildung begann. Die alten Rckrutenböcke hatte» zum Teil schauderhafte harte Gänge und zerschnitten dem unglücklichen Reitadepten mit ihren scharfen Rückgraten beim Auf Decke-Reiten fast den Leid; mein Rlttmeifter, ein äußerst mäßiger Reiter, von dem der Wachtmeister meinte, in Hanno­ver auf Reitschulehabe er nur Babndienst gemacht (d. h. nicht selbst geritten, sondern die Bah» sauber gehalten, also die berühmten Aepfel beseitigt ufro.) -- dieser Rittmeister fah mit Behagen zu, wie wir uns adquälten, und machte sich ein Vergnügen daraus, in ft immer noch schlechtere Pferde zuzuweifen. Nun auch das ging vorbei, schließlich wurde man Mrhter und konnte sich nun von ganzem Herzen Dem gclieb ten Sport, der eigentlich unter die Kunstarten z» rech­nen, von ganzem Herzen widmen. Allerdings durfte man sich etwa beim Schwadronsererzieren nickt all- rn selbstvergessen mit feinem Pferde reiterlich be­schäftigen, sonst roniitc cs wohl Vorkommen, daß ktti Signal überhört oder falsch onsgeftihrt wurde, eine

große Sünde, die mir einmal einen herrlichenAn­pfiff zuzog, als mein Rittmeister nicht der eben erwähnte, auf meine Mufikliebe anfpielend, mir wütend zurief:Herr Leutnant! Von Wagner jeben Ton und von Signalen keene Ahnung! .

Eine ganz ausgezeichnete Ausbildung erhielt der junge sächsische Kavallerieosfizier auf der Reitschule in Dresden, zu der jeder Leutnant nach etwa ein;ah- riger Dienstzeit kommandiert ivurde. Man wurde heftigrangenommen: das tägliche RettpensüM be­stand ans Dem ChargenpferD, das ebenso wie Vas Stammpferd, Stammbulle genannt, auf Tecke^ge- ritten wurde; das eigene Pferd wurde auch auf Zat­tel ohne Bügel mehr ober weniger gemeistert. Vom Oktober bis Mai blieb dies unverändert natürlich bekamen die Tiere nur eine Trense ins Maul. Wir bekamen einen Ball in die Hand, der mit einer Schnur an der Uniform befestigt war, und nun ging es los, durch den Zprunggarten, kreuz und quer übet den Platz nur der Tstentelter hatte die Zügel in der Hand, alles andere spielte Ball und vergaß dar­über völlig, daß man auf dem Pferde saß. So be­kamen wir bald Losgelassenheit und ganz unabhän­gigen Sitz zwei der wichtigsten Dinge, die es fftr Den Retter gibt. Auf der Charge lernten wir das Zuretten: venu diese Tiere warenalte Remonten, also fünfjährig, und »och sehr wenig geritten. Das eigene Pferd wurde zu GelänDeritten benutzt, die sich in der Dresdner Heide mit Ihren stellen Hängen und tiefen Schluchten, wie Dem bekannten Priesnitzgrnnd, manchmal ganz schwierig gestalteten vor allem ohne Bügel und auf Trense. Aber auck diese Hebung war ausgezeichnet, wir lernten vom Bügel ganz un­abhängig zu werden natürlich wurde immer ohne Bügel englisch getrabt und konnten diese, als wir sie im Mai bekämen, absolut nicht halten.

Den drei genannten Pferden schloß sich dann, nach einiger Zeit, noch ein Schulpserd an, die Reltschu.e vesatz, nach Wiener Porbilo, Lipplzaner, auf denen die Gange bet hohen Schule mit viel Mübe und Schweiß begossen wurden es war wirklich kein reines Vergnügen, auf den nur auf sehr starke Hiftcn reagierenDen Tieren eine Passage oder spanischen Tritt herauszuqitetschen. Aber alle diese Muhen san­den ihre herrlichste Belohnung: nämllck in dem ideal sten Kommando Der Welt, im scchswöckentlickcn Herbstausentbalt auf Der Domäne Mühlbach bei Großenhain jum Jagdreiten hinter de» Hunden der

Meute, die derGroßenhainer Hetz-Klub" besaß. Die sorgloseste und schönst« Zett aller längst vergangenen sorglosen und schönen Tage: jepe Woche drei Jagden über prachtvolles Gelände, auf guten Pferden über schwere Sprünge niemand, dem nickt dies höchste reiterliche Glück zu Teil geworden, weiß, welch unbe­schreibliches Hochgefühl, welck wunderbare Lebens­freude den Galoppierenden über das bunte Land trägt, ihn, der ganz der Bewegung des sich streckenden und wieder sich straffenden Pferdeleibes htngegeben, in der Tai die höchste Vereinigung mit der Natur, bet Kunst überlegenen Reitens, dem Licht, dem Bind, bet Weite und bet Freiheit feiert! Gewiß, ein Tier soll sterben, damit wir uns freuen, der Eber hat keine Chance zu entkommen, kann sich abe(. zum Schluß wenigstens wehten; der Fuchs hat einige Möglichkeit, sich zu retten, und von allen Hirschen, die ich bei Großenhain mitgehetzt habe, ist nicht ein einziger ge­stellt worden: sie haben die Hunde völlig aus- distanciett und die meisten Reiter auch. Das Bild der ziehenden Jagd, die gefleckten Hunde, die Piqueurschimmel, das rotröckige oder uniformierte Feld die hellblaue sächsische Kavallerie, di« fairen Hindernisse, wie der große Ralfreutber Gra­ben, lichte Breite etwa 5 Meter, ober di« große Adels­dorfer Hecke, und schließlich das Cutse und die Ver­teilung der Bruche, am Abend aber das Jagddiner im roten Frack: es war unbeschreiblich schon . . .

Millionen im Netz"

Ein interessanter Fall: Ein Mann der Praxis, ein großer norwegischer Sckisssteedet, Sjut Lothe heißt er, erzählt die Geschichte seines llnternehmenr in Roman form (Millionen im Netz. Universitas Deutsche Vetlagsgesellschast. Kart. 3,80 Mark) ein­fach und schlicht,, zugleich aber packend und spannend. Es ist die Geschichte eines einfachen Jungen, der von bet Pike auf in einem großen Schiffahtts- und He- tingsfang-Untetnehmen lernt und es fchlietzlich bis zum Ehef der Firma bringt. Wir hören von einer norwegischen kleinen Stadt, die von Schiffsfrachten und Heringsfang lebt. Tie Erlebnisse der Fischet, die Technik des Heringsfanges sind ebenfp treffend ge­schildert, Wie die GeschäftSgebarunq einer derartigen Firma. Besonders interessant aber ist das Buch da- butck, baß es z»m großen Teil während des Krieges spielt. Wir erfahren hier von einer Seite des Krieges, die uns bisher fast unbekannt geblieben ist: englische nutz deutsche Ankäufer überschwemmen die Stadt, um Heringe aufzukaufen. Tie Deutschen, weil sie sie brauchen, die Engländer. damit sie bie Deutschen Nickt bekommen. Es setzt eine unerhörte Hausse in Heringen ein; ein Rausck des Verdienens, der an den Taumel unserer Inflation erinnert, erfaßt die dis

dahin friedliche und einfache kleine Stadt. Ein un­gewöhnlich farbiges, lebenswahres Buch.

Anton Gabeles zweites Buch

Der arme Mann'" (Mit 17 Holzschnitte» von Professor Gottfried Graf, Verlag I. G. Eotta, Stutt­gart, gellte» 6,80 Mark).

Mit packender Wahrhaftigkeit schildert Anton Ga­bele, der für seinen ersten Romani denJugend- pteis Deutscher Erzähler erhalten hat, in seinem zweite» Buch das schwere Schicksal bei armen Man­nes int schwäbischen Bauernkrieg. Eindrucksvoll ist die Erdverbundenheit der bäuerlichen Bevölkerung gezeichnet. Das Schwanken der aufgewiegelten Men­ge, die sich in den Kamps treiben läßt und die tie­rische Brutalität der entfesselten Masse, die sieges­trunken wild alles zerstört, sich hemmungslos ihren Trieben hingibt uns mit äußerster Grausamkeit gegen die Besiegten vorgeht, bildet den dramatisch bewegte» Hintergrund dieser Erzählung. Mitten hinein in Las unruhvolle Treiben stellt der Dichter ein paar kernige ganze Menschen: die schöne Gestalt des alten Bauern Lchweikart, der still seine Pflicht tut, ackert und!, während sein Sohn ehrlich begeistert, voll großer Hoffnung hinauszieht in den Kampf, um atm und enttäuscht heimzukehren, den gläubigen Bauernsübrer Ulrich und das opserfreudtge kleine Bauernmädchen Ltesele. Schlicht, ohne große Worte und gerade des­halb so ergreifend, wird von dem schweren Erleben dieser Menschen erzählt und rin farbenreiches ein« pragfames Bild der Zeit aufaerollt, die mit ihrem zukunftwetfenden Ringen an die Gegenwart gemahnt.

100 Jahre Meininger Landestheater. Das Meininger Lattdescheater, das durch Herzog Georg II. Weltnchm erlangt bat. kann im Dezember sein lOOjährigeS Be­stehen feiern. Am 17. Dezember 1831 wurde es unter dem NamenTas neue Schauspielhaus eröffnet. Die Erinnerung an diesen Gründungstag wird am glei­chen Tage mit einer Neuinszenierung der OperFra Tiavolo, die auch am 17. Dezember 1831 aufgefuflrt wurde, festlich begangen; das Schaufpiel bereitet meh­rere Festausführungen vor, darunter für den 20. De­zember Die Uraufführung des SchauspielsDie Sie­ben gegen Theben von Max Mell. Die Meininger Schauspielkunst verdankt ihren Weltruhm bett Grund­sätzen Der Ehrfurcht vor Dem Dichterwort und bet unbedingten historischen Treue. Zum ersten Male wurde hier auch im klassischen Drama die aeWoffene Dekoration angewandt, die die bisher übliche» Soffit­ten und Kuliffenbogen ersetzten. Von den Gastspielen, die die Meininger in allen Kulturländern der Gelt gaben, gingen unschätzbare Antegunge» Im I». und Auslände aus.

I