Wett« 2 — 1 Vellage
Kasseler Neueste Nachnchien
Montag, 30. November 1931
von
Während der Kundgebung des Reichsbanners in der Stadthalle wurden an verschiedenen Stellen des Saales
er ist -er Reiter Deutschlands?
Massenkundgebung und Gauversammlung des Reichsbanners in Kassel
Fest zusammenstehen
Ländliche Genossenschaftswoche
Film Ver Unfälle
Beim Holzholen verunglückte am Steinbruch Dru. feltal ein 26jähriger Dreher P. aus Niederzwehren, als ihm an seinem mit 10 Zentnern Holz beladenen Wagen der Bremsklotz zersprang. Dadurch konnte er und seine Begleiter den Wagen auf der sehr abschüssigen Straße nicht mehr halten. P. stürzte dabei und das schwere Fuhrwerk fuhr über ihn hinweg. Er erlitt außer erheblichen Körperverletzungen einen Bruch des Unterschenkels und wurde von Spaziergängern in das Sanatorium Dr. Ereger geschafft.
Die Pulsader durchgehauen. Ein Gjähriger Invalide wollte beim Rasieren einen rutschenden Spiegel ausfangen und schlug mit dem Unterarm in das vor ihm liegende scharfe Rasiermesser, wodurch ihm die Pulsader durchschnitten wurde. Er fand durch die Arbeitersamariterkolonne Aufnahme im Elisabeth- krankenhaus.
Kasseler Allerlei
Bon der Feuerwehr. Um »in Haar wäre gestern eines der ältesten Stadtteile, die enge Kettengasse mit ihren leicht brennenden Holzsachwerkhäusern, ohne Zutun des Magistrates saniert worden. Kurz vor
wodurch eine große Beunruhigung der Versammlungs- Lesucher hervorgerufen wurde. Drei Personen, darunter eine Frau, wurden von starkem Uebelsein befallen, so daß sie die Hilfe der anwesenden Samariter und eines Arztes in Anspruch nehmen mußten. Vom Saalschutz wurden mehrere verdächtige Personen aus dem Saal entfernt.
Rach der Kundgebung kam es an verschiedenen Stellen der Stadt, so am Hindenburgplatz, in der Westendstraße und am Königsplatz, zu Zusammen st ößen zwischen Reichsbannerleuten und Nationalsozialisten, bei denen es auf beiden Seiten mehrere Leichtverletzte gab. Ein schwerer Zwischenfall ereignete sich Sonntag nachmittag an der Ecke Müllergass« und Pferdemarkt. Dort waren Kommunisten, Reicksbannerleute und Nationalsozialisten miteinander ins Handgemenge gekommen, wobei ein Mann namens B., der Nationalsozialist sein soll, nicht unerheblich verletzt wurde. Er trug eine leichte Gehirnerschütterung und Gesichtsverletzunaen davon und mußte noch Inanspruchnahme eines Arztes in seine
den. 3. Entschiedene Ablehnung jedes weiteren Lohn- und Gchaltsabbaues. 4. Abbau der Preise durch Senkuna der Lcbensmittelzölle und Aufhcbuna der KaNellkonvcntionen. S. Betttändigung mit Frankreich.'
Eine andere Entschließung stellt fest, daß die republikanischen Kreise durch die Praxis des Reichsgerichts in politischen Prozessen und durch das Auftreten des Oberreichsanwalts höchst beunruhigt seien. Der Bundesvorstand wird aufgefordert, die Reicksregierung auf diese Beunruhigung hinzuweisen und Abwehrmaßnah- men zu fordern.
Allerlei Zwischenfälle
Die Kursusarbeit stand unter der Leitung von Oberrevisor Weitzel und Oberrevisor Glitz. In angestrengten Arbeitsfragen wurde die gesamte Buchführung eines ländlichen Spar- und Darlehnskassenver- eins durchgearbeitet.
Ein Vortrag von Professor Dr. Wießmann-Har- leshausen gab ein hochinteressantes Bild von der umfassenden Tätigkeit und Bedeutung der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Harleshausen, die am Schluß des Kursus von den Teilnehmern besichtigt wurde. Ein Lichtbildervortrag zeigte das Leben und Wirken Friedrich Wilhelm Raisfeisens. Weiter vereinigte ein überaus wohlgelungener Familienabend mit musikalischen Darbietungen und Ausführung einer Allegorie über die Raiffeisen'sche Ideenwelt und des Raiffeisen- volksstückes „Auf dem rechten Wege" sowie mehrerer altdeutscher Volkstänze die Kursusteilnehmer und zahlreiche Gäste aus der Stadt. Im Mittelpunkt dieses Familienabends stand ein Vortrag des Leiters der Christlichen Bauernhochschul« in Loshausen, Pfarrer Fritfch, über das Leben und Wirken unserer Christlichen Bauernhochschule in Loshausen.
In der letzten Novemberwoche fand in Kassel der Rechnerkursus des Kurhessischen Verbandes ländlicher Genossenschaften — Raiffeisen — statt. Diese Kurse haben sich voll bewährt.
Verbandsanwalt Schmidt konnte 150 Teilnehmer willkommen heißen. Das sei ein Lichtblick, denn es gelte, die Mittel zu der heute mehr denn je notwendigen Selbsthilfe zu erlernen. Gerade die fehlende Kenntnis von dem wahren inneren sittlichen Kern der ländlichen Genossenschafissache sei gar häufig die Ursache von Fehlschlägen auf gnossenschaftlichem Gebiete gewesen.
Genossenschaftler fein, heiße Kämpfer fein, Kämpfer für das Recht des wirtschaftlich Schwachen, als vollwertiges Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet und behandelt zu werden. Kämpfer gegen Gottlosigkeit, Gleichgültigkeit, Selbstsucht, Sittenlosigkeit, gegen Verschwendung und Erschlaffung, gegen Zwietracht und Klassenhaß, die alle miteinander die Zukunft unseres Volkes zu vernichten drohen. Ern echter Genossenschaftler müsse wissen, daß Handel und Wandel, Wirtschaft und Geschäft ohne Nächstenlrebc und Gemeinsinn aus die Dauer nicht nur zusammenbrechen, sondern vielmehr zur verderblichen Gefahr für das Zusammenleben eines Volkes würden.
Die Menschen seien nicht um der Wirtschaft willen
da, sondern die Wirtschaft ist um der Menschen willen da.
In der Reihe der Begrüßungsansprachen wies Gutsbesitzer Nägel-Crumbach als stellvertretender Präsident der Landwirtschaftskammer und als erster Vorsitzender des Kurhessischen Landbundes auf die hervorragende Bedeutung der genossenschaftlichen Verwertung landwirtschaftlicher Erzeugnisse hin, in der er eins der wirkungsvollsten Mittel der bäuerlichen Selbsthilfe erblicke. Frau von der Malsburg vom Kurhessischen Verband ländlicher Hausfrauenvereine richtete einen warmen Appell an die Kursusteilnehmer, die Frauen zur intensivsten Mitarbeit bei der Ueberwindung der schweren Nöte unserer Zeit heranzuziehen. Namens der Gesellschaft zur Förderung des ländlichen Bildungswesens wies Oberschulrat Bär darauf hin, daß auch auf dem Gebiete des ländlichen Bildungswesens mehr als bisher die Selbsthilfe ge- übt werden müssen, wenn wir das notwendige Bildungsgut erhalten wollten.
Es folgte dann ein Vortrag von Verbandssekretär Dr. Bolte über „Freiherrn vom Stein, ein deutscher Prophet der Selbsthilfe und des Gemeinsinns".
‘ Kassel, 30. November.
®*s Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Gau Hessen-Kassel hielt über Wochenende in Kassel seme diesjährige Gauversammlung ab, die Sonnabend mit einer Massenkundgebung in der Stadthalle eingeleitet wurde. Der Bundesvorsitzende Hör sing, der als Redner angekündigt war, hatte wegen einer plötzlichen Erkrankung absaaen müssen. An seiner Statt chrach an erster Stelle Dr. Schuhmacher, Stuttgart, der sich in recht tempera- menwoller Weise mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte. Faschismus, so sagte er, sei überall dort zu finden, wo die Massen des Volkes im Sinne der Demokratie ihren Anteil an der Ausübung der pöli- tifchen und wirtschaftlichen Macht fordern. In Deutschland habe das Volk noch nicht die volle Reife für den Gebrauch der politischen Demokratie bewiesen. Daher sei es möglich, daß der Nationalsozialismus auf den unaufgeklärten Teil des Volkes Einfluß gewinnen könne. Und zwar glauben diese Massen, im Faschismus einer neuen Zukunftsgestaltung entgegenzueilen, während ihnen in Wirklichkeit von dem Monopolkapitalismus, der hinter dem Nationalsozialismus stehe, Dorgestrigkeiten vorgesetzt werden. In den bevorstehenden politischen Neugruppierungen haben das Reichsbanner und die ihm verbündeten politischen Parteien und Gruppen ein entscheidendes Wort mitzureden. Der Preis für die Tolerierung der Regierung Brüning sei die Fernhaltung Hilgenbergs und Hitlers von der Machtaus- übung. Aber diese Tolerierung habe dort ihre Grenze, wo bte Regierung wirtschaftspolitisch versage. Das Reichsbanner wolle zwar auch den Faschismus von der Macht fernhalten, aber es betrachte es keineswegs als den Weltuntergang, wenn Hitler einmal an die Macht kommen würde. Gegen jeden Terror sei das Reichsbanner vollauf gerüstet. Und im Ernstfall werde sich die Abwehrfront gegen den Faschismus so verstärken, daß seine Herrschaft nicht von langer Dauer sein werde.
Als zweiter Redner sprach Rechtsanwalt Dr. Braun vom Bundesvorstarrd in Magdeburg, der dis Grüße des Bundesvorfitzenden überbrachte. Nach einer scharfen Kritik an der'Politik der NSDAP, erklärte der Redner u. a.: Wir müssen jetzt die Regierung Brüning trotz aller Opfer und Nöte tolerieren und dadurch Hitler von der Macht sernhalten. Wenn die Nationalsozialisten das in die Tat umzusetzen beginnen, was in den hessischen Dokumenten enthalten sei, dann stehe das Reichsbanner auf der Seite der legalen Staatsmacht zur Abwehr bereit.
Mit einem Schlußwort des Eauführers E ö p f a r t h und dem Absingen des Deutschlandliedes nahm die Kundgebung ihr Ende.
*
Die Sonntag vormittag in der Gaststätte ,Lum Ständehaus" abgehalteneLiauversammlung.die von mehr als 200 Deleg«rten besucht war, nahm den Geschäftsbericht der Eauleitung entgegen. Der Bericht verzeichnet ein Anwachsen der Mitgliederzahl um 1000 und fast eine Verdoppelung der Jungbannerabteilungen. Die im Frühjahr dieses Jahres vom Bundesvorstand eingesetzt« provisorische Gauleitung wurde in ihrem Amt bestätigt.
Die Eauversammlung nahm u. a. eine Reihe von Anträgen und Entschließungen an. In einer
Entschließung,
heißt es tt. <l:
.Wir fordern engste Zusammenarbeit aller verfassungstreuen Parreien und Gewerkschalten. Der Ernst der po- litt eben Lage erfordert, datz der Bundesvorstand mit allen ihm zu Gebote siebenden Mitteln darauf hinarbettei, datz die Instanzen, welche durch das Ber rauen der republikanischen Wahlermasten die Verantwortliche StaatSge. walt ausüben, diese konsequent zum Schutze der Republik «insetzen. Wir als Verteidiger der Republik sordern des weiteren: 1. (Sofortige Aushebung des Demonstrations. Verbotes für das Reichsbanner. 2. Schärfstes Vorgehen gegen die Hakenkreuzler in allen deutschen Ländern, insbesondere soweit sie in öfseMltchen Siellen beschäftigt wer
Wohnung gebracht werden.
Die näheren Einzelheiten dieser Zusammenstöße Uhalle wurden an verschiedenen stellen des saaivs und ihre Urheber sollen im Laufe des heutigen Tages politisch Andersdenkenden Stinkbomben geworfen, I von der Polizei festgestellt werden. ., .,
4 Uhr nachmittags wurde nämlich die Feuerwache Mauerstraße und kurz darauf auch, da die Rauchentwicklung und der Funkenflug immer stärker wurde, die Hauptfeuerwache nach Keltengasse 5 gerufen. Glücklicherweise handelte es sich aber nur um einen, wenn auch sehr starken. Schornsteinbrand, dessen Unterdrückung immerhin eine Stunde benötigte. Während dann die Wehren abrückten, blieb der Ret- lungstrupp Mauerstraße noch an dem Brandherd.
Zur Beachtung für Kleinrentner. Vom städt. Presseamt wird mitgeteilt: Die Auszahlung der ersten Hälfte der Unterstützung für den Monat Dezember 1931 findet unter Vorlage der grünen Ausroeiskarte wie folgt statt: Im B o s e h e i m sLuisenstraße 3): Dienstag, den 1. Dezember, Buchstabe A bis F; Mittwoch, den 2. Dezember. Buchstabe G bis K; Donnerstag. den 3. Dezember, Buchstabe L bis R; Freitag, den 4. Dezember Buchstabe 8 bis Z. In den Büroräumen der Rentnerfürsorge (Holländische Straße 19): Dienstag, den 1. Dezember. Buchstabe A bis H; Mittwoch, den 2. Dezember, Buchstabe J bisR; Donnerstag, den 3. Dezember, Buchstabe 8 bis Z. Um Nachzahlungen zu vermeiden, wird ersucht, die W- gefetzten Zahltage unbedingt einzuhalten. Die Kassen find oeöffnet von 8% bis 12% Uhr.
Wichtig für Sozial- und Kleinrentner. Dom städt. Presseamt wird mitgeteilt: Die Ausgabe der Bezugsscheine für verbilligtes Brot findet an folgenden Tagen statt: Im Boseheim: Dienstag den 1. Dezember. Buchstabe A bis H; Mittwoch, den 2. Dezember. Buchstabe J bis R; Donnerstag, den 3. Dezember, Buchstabe 8 bis Z. In den Bürordumcn Holländische Straße 19: Dienstag, den 1. Dezember, Buchstabe A bis D; Mittwoch, den 2. Dezember, Buchstabe E, F, G, J; Donnerstag, den 3. Dezember, Buchstaben und K: Freitag, den 4.Dezember, Buchstabe L bis Z. Die Ausgabe der Bezugsscheine für die Kleinrentner findet an den bereits bekanntgegebenen Zahltagen statt.
Die Ausgabe der Bezugsscheine für Kohlen erfolgt für Verheiratete in der Zeit von Mittwoch, den 2., bis einschließlich Dienstag, den 8. Dezember, für A l l e i nst e h e nd e. die nicht im gemeinsamen Haushalt eines Dritten wohnen, in der Zeit von Mittwoch, den 9., bis einschließlich Dienstag, den 15. Dezember, jeweils am Auszahltag nach Empfang des Unter-- stützungsbetraaes und zwar im Melderaum des Arbeitsamtes. Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Unterstützungsempfänger die Bezugsscheine nur an ihrem Auszahltäg im Anschluß an die vorgeschriebene Zeit der Unterstützungszahlung erhalten.
Wohin gehen wir am Dienstag?
Morgen".
20 Uhr.
Heute. Montag:
Kleines Theater: „WeilmachiseinkSufe und Liebelei" 20 Uhr Stadtvark lkl. Saal): Gvethe-Keier. veranstaltet von der v. Bodenhairsenschen Schauspielschule, 20 Uhr.
Stadtvark: Zanberschan Handv-Bandv. 20.15 Uhr.
Btirgersäle, Ob. Karlstr.: Bortraa „In vier Wochen nicht mehr nervös" iNaturheilverein Kassel). 20.30 Uhr.
Murbardsaal: Konzert Richard Kromer, 20 Uhr.
Hessisches Landesmuseum. Wild. Platz: Professor Dr. Karl Nieffen-Köln spricht über „Die moderne Bübnen- kunft" lKurhessische Gesellschaft für Kunst uni Wissenschaft), 20 Uhr.
Staatstheater: „Ienusa", 20 Ubr.
Palast-Theater: „Bomben ans Monte Carl: Capftol-Lichtspiele: „Trader Horn".
Chasialla-Lichtfviele: „Zwischen Nacht und Uuiversum-Lichtsviele: ..Dienst ist Dienst".
Ufa-Tbeater: „Entfesseltes Afrika".
Schauburg-Lichfspiele: „Stürme".
Hesieulaud-Perle: Kabarett / Tanz, 16 und
vor
Jubiläums-Preise
Ohren • schmuck • Trauringe • Bestoß
Kassel, Ecke Fischgasse
^c?iekM) ......
35.
Eine Viertelstunde später saßen sie in Fosters Büro. Das Fenster ging nach der Themse hinunter und Fosters Blicke schienen, während er sprach, mit angespanntem Interesse der langsamen Fahrt eines Vergnügungsdampfers zu folgen, der an der Landungsstelle unterhalb der Westminstekbrücke anlegen wollte.
Mac Norton saß ihm gegenüber, bleich, aber gefaßt. Seine Züge trugen den bescheidenen und aufmerksamen Ausdruck eines Schülers, der zu Unrecht von feinem Lehrer getadelt wurde. Er wußte seine Worte zu wählen und brachte das. was er zu sagen hatte, in geschickter und einfacher Form vor.
»Sie können es mir nicht Übelnehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich vor einem Rätseil stehe!" schloß Mac Norton seine lange Rede. „Ich bin mir nicht bewußt, irgend etwas getan zu haben, was das Gesetz verletzt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was man gegen mich Vorbringen könnte. Inspektor — ich bade Ihnen, als man mich aus dem Gefängnis entließ, versprochen, mich zu ändern. Ich habe es getan Und Sie haben immer daran geglaubt. Inspektor, sonst hätten Sie mich nicht Direktor Anderson empfohlen!"
.Empfohlen...!" grunzte Foster, die Augen auf den Fuß gerichtet. »Ich habe Sie keineswegs empfohlen. Dirtttor Ailderson trat eines Tages an mich heran und fragte mich, oh ich ihm abraten würde, Sie in feinem Büro anzustellen. Eine Frage, die ich in dieser Form unmöglich mit .Nein" beantworten konnte. Das habe ich nie getan. Und das darf ich auch gar nicht. Ich wünsche keine Konslikte mit dem Verein zur Besserung der Strafgefangenen. — Mac Norton, es tut mir leid, sagen zu müssen, daß Sie mich tief getäuscht haben!"
Mac Norton lächelte versetzt: .Würden Sie die (Säte haben mir mitzuteilen —"
.Sogleich". Foster hotte mit einem kleinen Seufzer einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und zog ein Fach seines Schreibtisches auf. Er warf mit nacklässiger Bewegung ein paar Bogen auf den Tisch
Mac Norton mach e einen langen Hals und richtete seinen Blick auf die Papiere.
.Ich bin heute morgen in Ihrem Hotel am Strand gewesen. Ich hätte e8 schwerlich durchsetzen können einen Haftbefehl gegen Sie zu kriegen, wenn ich daS da nicht gefunden hüt e." Er nahm einen Bogen, breitete ihn zwischen beiden Händen aus und hielt ihn dem anderen vor die Augen. „Kennen eie das?"
Mae Norton verzog keine Miene. .DaS ist — ja, was soll das?" „ _, a t
.Das sicht so auS...", sagte Foster bedachttg — et legte das Papier auf den Tisch, beug e sich darüber und zog an seinem Schnurrbart herum — „das sicht
so auS tote ein Brief, ein sehr alter Brief. Das Papier ist ganz vergilbt und die Handschrift ein bißchen unmodern. Ich schätze, er ist so vor zwanzig Jähren geschrieben worden. Richtig — hier steht auch das Datum —", sagte er strahlend. „Ich kann fein raten, was. Mac Norton? Also sehen wir mal zu, was in dem Brief sicht. Die Unterschrift —", er buchstabierte: „Margaret Gregory... Margaret Gregory! — Das scheint also die erst« Frau von Dr. Gregory zu sein. — Und an wen ist der Brief gerichtet? — „Siebe Betsy!" beginnt er. Er scheint also für die alte Dame bestimmt zu fein, die bei Direktor Anderson die Wirtschaft fuhrt — eine Verwandte, wenn ich mich recht erinnere, nicht wahr? — Und was steht in dem Bries? Enttäuschend wenig... finden Sie nicht auch, Mac Norton? Sie kennen den Brief, ja? Oder -?“
„Natürlich kenne ich ihn, Inspektor Foster!" sagte Mac Nor on, etwas verzerrt lächelnd. „Sie fanden den Brief ja unter meinen Sachen. Wie würde ich dastehen, wenn ich behauptete, ihn nicht zu kennen?"
„Ungemein logisch!... Dann sind wir ja einig!" sagte Foster grinsend. „Wie kommen Sie bloß zu dem Bries?"
„Ich hatte ihn eben!" sagte Mac Norton, zum ersten Male etwas erregt. „Ich habe im Hause An- derfon die Korrespondenzen zu ordnen und das da siel mir in den letz en Tagen in die Hand. Ein Zufall. daß ich es gerade bei mir hatte!"
„Es ist nicht nur einer, Mac Norton — es sind zwei. Hier liegt noch ein anderer der inhaltlich genau so belanglos ist. Eine Mitteilung, die eine Freundin der andern sendet. Haben Sie auch die Briefschaften Tante Be.sys zu ordnen gehabt, lieber Mac Notton?"
„An sich nicht—", sagte der Sekretär kühl. „Aber unter Direktor Andersons Papieren findet sich hier und da auch ein Pr.vatfchreiben, und manchmal auch eins, das an seine Cousine gerichtet war".
„So —", sagte Foster nachdenklich „Sie meinen also, die Dam« wäre nicht erstaunt, zu hören, daß diese Briese in Ihrem Besitz sind? Gut. Wir können Sie ja fragen. Aber ebenso beachtenswert ist das Problem, was einen Menschen von Ihrer Intelligenz wohl an diesen beiden gänzlich unaktuellen, gänzlich bedeutungslosen Briesen in eresfiert hat. Der Inhalt ober — wie?... Wollen Sie mir nicht darüber eine Auskunft geben, Mac Norton?"
Pause. „Ich sagte Ihnen ja schon —"
„Genug!" schnitt ihm der Inspektor das Wort ab. „Wir wollen nicht Thea er spielen. Sie können sich denken, daß ich auch den dritten Brief gefunden habe. Hier ist er!... Oh. meine Augen —!" ächzte er, während er sich einen Kneifer aussetzte. „Es ist zu schrecklich, aber ich werd« alt. Also, ich lese den Brief vor.
Er ist in derselben Schrift wie die beiden andern — mit Bleistift geschrieben.
„Meine geliebte Tochter Janet!
Va.er wird Dir diese Grüße von mir geben, wenn ich ntdjrt mehr bin. Sie sollen Dir nur sagen, wie sehr Dir Deine Mutter Glück wünscht und wie sie allen Segen des Himmels auf Dich herabflöht. Vergiß mich nicht ganz.
Deine Mutter."
Foster blickte auf.
„Nun?" fragte Mac Notton.
„Nun?" wiederholte der Inspektor. „Lag das auch unter Direktor Andersons Papieren?"
Keine Antwort.
Und plötzlich beugt« sich der Inspektor vor. „Sehen Sie mal!" flüsterte er, während er die zweite Seit« dieses Brieses aufschlug: „Sehen Sie mal her — was steht auf der zweiten Seite? Hm?... Genau dasselbe!" Er schlug aus den Tisch. „Was sagen Sie dazu? Genau dieselben Zeilen von „Meine geliebte Tochter" bis „Deine Mutter"! Können Sie mir das erklären, Mac Norton? Wie kann man denselben Brief zweimal hintereinander aus ein und denselben Bogen schreiben?"
Weder keine Antwort.
„Sie sagen gar nichts! Schön! Und sehen Sie sich mal das Papier an! Das der beiden anderen Briefe ist vergilbt — unzweifelhaft alt. Aber dieses hier — irre ich mich? — das ist noch ganz weiß, ganz neu und ", er hielt den Bogen gegen das Lickt, „—ich weiß nicht, ob die Wasserzeichentechnik vor elf Jahren schon so weit war, ich werde einen Sachverständigen konsultieren müssen — Ober wenn Sie mich, Elias Foster, fragen würden, einen Angestellten der britischen Polizei, nicht mehr ganz jung zwar, aber noch mit genug gesundem Menschenverstand, um so ein« heutige und läppische Tinge zu durchschauen — so würde ich. Infpek.or Elias Foster, Ihnen sagen, daß dieser Brief nicht vor elf Jahren geschrieben wurde, sondern vor bedeutend kürzerer Zeit — vor ein paar Tagen etwa, vielleicht gar erst heute nackt... und wenn Sie fragen würden, wer ihn geschrieben hak, bann würde ich mich wahrscheinlich daran erinnern, daß der gewisse Jemand, in dessen Besitz dieses Schreiben gefunden wurde, vor vier Jahren wegen eines ähnlichen Tricks zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Und es wäre gar kein besonders scharfsinniges Kunststück, daraufzukommen, daß niemand anders dieses Schriftstück verfaßt und wer weiß wtoviele Male geübt hat, während der Heber« fahrt über den Kanal oder während der einsamen Stunden zweier Nächte in einem Hotelzimmer am Strand — als mein guter alter Bekannter Michael Mac Norton!"
Mit dem letzten Wott paschte er auf den Tisch, holte tief Atem und sah den Sekretär mit seinen her- vorquellenden Augen starr an.
Mac Norton hatte die Beine übereinandergeschlagen und blickte un er gesenkten Lidern auf die Spitzen seiner Finger, die er um feine Knie gefaltet hatte. Er regte sich lange Zeit nicht.
Dann sagte er — mit bewunderungswürdiger Ruhe ohne auszublicken: „Sehr schön, Inspektor Leider verstehe ick kein Wort. Was für einen Grund solfte Ihrer Me mutig nach dieser Mr. Mac Norton
gehabt haben, sich in der Handschrift der verstorbenen Frau des Syndikus Dr. Gregory zu üben?"
Foster zog listig die Augenbrauen hoch In dem Ton, mit dem er sprach, lag etwas bewußt Naives und Geheimnisvolles — als wenn er einem Kind ein Märchen erzählte: „Aber Mike! Michael Mac Norton! Ich weiß es ja!... Ich kenne ja den Grund... er ist mir so klar wie nur irgendwas. Da —", er grabschte in seiner Westentasche, Mac Norton blickte kühl aus. Foster zog einen flachen Schlüssel hervor und hielt ihm den Sekre.är unter die Nase: „Was ist wohl das, mein Junge?" flüsterte er. „Was mag das wohl sein?"
„Keine Ahnung!" sagte Mac Norton fest. Aber unter dem Vorhang seiner Lider zuckte ein beunruhigter Blick.
„Das ist der richttge Schlüssel, Liebiing, das ist der Schlüssel zum Safe 98".
„Und wie kommen Sie zu ihm?" fragte der Sekretär mit volftommener Höflichkeit.
-3d) habe jemanden festgenommen!" sagte Foster mit einem Ton tiefster Vertraulichkeit. „Einen Einbrecher —"
Ein unwillkürlicher Laut entfurh Mac Norton.
„Merken Sie was? Ja. Mac Norton — die Räubergeschichte der Carger-Bank sttmmt, sie ist wahr — bis aufs i-Tüpfelchen! Es war tatsächlich vor zwei Nächten ein Mann da und der ist nicht in seiner Arbeit gestört worden, wie Carger annimmt, sondern er hat sich — und zwar aus dem Safe 98 — genau das geholt, was er haben wollte... Sie verstehen mich, Mac Norton, wie ich bemerke. Es ist das erste Mal in unserer kurzweiligen Unterredung, datz Sie den Blick zu mir aufgeschlagen haben — wenn auch nur für einen Moment. Sie wissen genau, was der Mann sich geholt hat, nicht wahr?"
„Nein."
„Doch. Er hat die Uhr geholt!"
Und auf einmal war Mac Nortons Gesicht toi« nackt. Unbeherrscht, zerrissen von Unruhe und tödlicher Angst. „Wer was es?" Es war mehr ein Schrei.
Inspektor Foster sah ihn wie fasziniett an. „Wie merkwürdig Sie aus^ehen können!" flüsterte er staunend. „Mac Norton! Mac Nor on! Was für un« ergründicche Geschöpfe die Menschen doch wohl sind!"
„Wer war es, Inspektor? Wer hat eingebrochen?" „9a — wem lag wohl so viel an der Uhr? Wem lag wohl ebensoviel daran wie Ihnen, Kleiner? — Ach, Mac Norton, auch ich bin unergründlich. Denken Sie mal! Ich sage es Ihnen nicht. Ich sage es Ihnen jetzt noch nicht Quälen Sie mich nicht. Sie kriegen es nicht eher heraus, bis ick ez will. — Ich sehe doch aufs Haar so aus wie irgendein Spießer aus der City, nicht? Gutmü ig und beschränkt, ziemlich kräftig noch, obwohl di« ersten Anzeichen des Alters sichtbar sind. Ich bin vergeßlich und da — der Kneifer!" Er nahm ihn eilig ab. „Aber ich will mich interessant macken, Mac Norton. Ich sage ihnen nich', wer der Einbrecher war".
Mac Norton lehnte sich bleich in feinen Stuhl zurück.
„Wollen Sie Wasser?" fragte Foster erschrocken. „Hier ist welches". Er goß aus der Flasche, ine auf dem Tische stand, in ein Glas ein. „Nehmen Sie!"
— lFortfetzung folgte