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Kasseler Neueste Nachrichten

278 Einundzwanzigfier Jahrgang

Freitag, 27. November 1931 - 3. Beilage

Internationaler Vorstoß in die Arktis

41 Länder machen mit - nur Deutschland steht abseits

79 Grad 50 Sekunden nördlicher Breite. 60 Grad westlicher Länge. Zwei Männer, vis zu den Ohren in Pölze eingehüllt, stampfen mit schweren Stieseln im Schnee umher. Einer versucht, mit klammen Fin­gern einige Worte niederzuschreiben:.

1. Januar 1874. Franz-Josephsland. Wunder­volles Nordlicht in mäßiger Höhe über dem Hori­zont ..

Aber es entstehen nur unleserliche Hieroglyphen. Wütend steckt er Höst und Stift weg.

«Hat eh keinen Zweck", brummt der andere. Was kommt schon dabei heraus, wemt du jetzt fein säuberlich aufschreiben: 24,4 Grad Kälte, Nordlicht, Windstärke und Barometerstand! Trüben, Hinterm Pol, auf der anderen Seite, mimten gerade jetzt auch zwei sitzen und aufpassen. Auf dem gleichen Breitengrad, so ein Stückel nördlich von der Prinz- PatrichJnsel, da müßten sie achlgeben: wo kommt der Wind her? Und wie kält ist's? Ich möchte wissen, ob die jetzt unser Nordlicht auch gesehen hät­ten! Da könnt' man feine Schlüsse draus ziehen. Aber so: es gibt überhaupt keinen Zusammenhang, hier wurschteln wir mit unserer Expedition herum, dort ein anderer, jeder möcht' möglichst viel für sich allein entdecken, damit er einen noch größeren Orden kriegt, toenn er heimkommt. Was hat das schon für «inen Sinn? Freilich, freilich, wir haben dieses Stückel Land entdeckt, wir haben ihm einen schönen Namen gegeben was können wir aber schon da­von groß erzählen, wenn wir nach Wien zuriickkom- men, vorausgesetzt, daß wir überhaupt zurückkommen Wie weit geht's nach Norden? Ist's eine Insel oder gar ein Zipfel vom großen arktischen Festland. Was bat das ganze Stückwerk schon für einen Zweck? Diese Geschichte gehörte mal ordentlich organisiert!" Dieser Gedanke ließ die beiden nicht mehr los. Als Julius Payer und Karl Weyprecht nach fürchterlichen Schwierigkeiten 95 Tage warm sie von dem entdeckten Franz-Josephs-Lanb mit Schlit­ten und Booten bis Nowaja Sernlja unterwegs gegen Ende des Jahres 1874 von der großen öster­reichischen Polar-ExpMtion heimkehrten, gab es für sie nur dies eine Ziel: die Erforfchung der Arktis mußte aus eine breite Basis gestellt werden. Nur die gemeinfame Arbeit aller interessierten Län­der konnte zu praktischen Ergebnissen führen. Die ungeheure Bedeutung, die eine genauere Kenntnis der meteorologischen Verhältnisse der Polargebiete für die gesamte zivilisierte Welt habm mußte, war ihnen schon damals klar geworden. Ein Deutscher, der damalige Direktor der Hamburger Seewarte von Neumayer, setzte sich mit all seiner Energie und sei­nem ganzen großen Ansehen für die Durchführung der Vorschläge ein, die die beiden Oesterreicher auf dem großen Meteorologischen-Kongreß 1879 in Rom machten. Er war es denn auch, der zum Präsidenten der kurz darauf gegründeten Internationalen Polar- jahr-Kommission gewählt wurde.

Am 1. Ang 1882 begann das erste Internationale Polarjahr, ein grandioses Unternehmen, wenn man bedenkt, daß in jener Zeit die Idee einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit der Nationen noch lange nicht so weit Fuß gefaßt hatte, wie dies heule der Fall ist.

Nach einem einheitlichen Organisationsplan nahm man gemeinsam die Arbeiten in Angriff. Neben den besonders interessierten skandinavischen Ländern errichtetm fast alle Kulturstaaten unter Aufwendung bedeutender Mittel große Beobachtungsstationen so­wohl in der Arktis wie auch in der Antarktis. Die deutsche Regierung rüstete zwei Expeditionen aus, eine nach der Bassins-Insel im Norden, eine andere nach dem Moltkehafen in Süd-Georgien. Außerdem ließen sich Herren Hüter Missionare an der Küste Labradors in nicht weniger als sechs meteoro­logischen Stationen nieder, die noch Jahrzehnte spä­ter ihre Untersuchungen sortsetzten und ungeheuer wichtiges Material über die Wetterverhältnisse an der Nordküste des amerikanischen Kontinents sam­melten. Im ganzen brachte das erste Internationale Poilarjahr seinen Urhebern einen riesigen Erfolg. Die Auswertung der vielfältigen meteorologischen, erdmagnetischen und Polarlicht-Beobachtungen ergab nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praktische Er­folge von außerordentlicher Bedeutung.

Es ist im Grunde unerfindlich, warum diese so ersprießlich begonnene Zusammenarbeit nach Ablauf des Polarjahres nicht fortgesetzt wurde. Mag fein,

daß persönliche Eitelkeitsgründe, daß eine gewisse Prestigepolitik der interessierten Länder eine Rolle spielten. Das Zeitalter der arktischen und antarkti­sche n Entdeckungen hatte begonnen, jeder wollte einen möglichst großen Teil der Ehren für sich selber ein­heimsen. Weder Scott nach Amundsen fiel es auch nur im Traume ein, sich bei ihren großen Südpol-

erpeditonen zusammen zu tun und sich in den Ruhm zu teilen,

jeder wollte als erster die Flagge seines Heimat­landes ins Eis pflanzen.

Von verschiedenen Punkten des antarktischen Konti­nents aus begannen die ihren Wettlauf zum Pol. Und auch als das schreckliche Ende Scotts den Wid: '"nn dieser Methode selbst den eingefleische- teften Per, achtern derartiger Abenteurerfahrten nur zu deutlich vor Augen führte, blieb es weiter dabei.

Erst in den letzten Jahren, seit es nicht mehr all zu viel zu entdecken gibt und die Lorbeeren in müh­seliger wissenschaftlicher Kleinarbeit errungen werden müssen, ist man wieder auf die alte Idee zurückge- kommen. Die ungeheure Bedeutung einer einwand­freien Wettervorhersage für die gesamte Weltwirt­schaft, die Erschließung des Luftweges von Kontinent zu Kontinent, haben das Problem einer inter­nationalen Zusammenarbeit wieder in den Vorder­grund gerückt. Wieder war es die deutsche Seewarte in Hamburg, die die Anregung gab, das Polarjahr nach fünfzig Jahren zu wiederholen.

Vor zwei Jahren wurde eine neue Kommission eingefetzt, die die Vorarbeiten einleiten sollte. Die deutschen meteorologischen Institute traten mit aller Energie für die Verwirklichung des Projektes ein. Und als im Herbst des vorigen Jahres die Vertreter von sieben europäischen und drei außereuropäischen Ländern ju einem Kongreß in Leningrad zusammen- traten, konnte man bereits den Zeitpunkt für den Beginn des Polarjahres sestsetzen und Richtlinien für feine Durchführung ausstellen.

Bor wenigen Wochen wurden in Innsbruck die letzten und endgültigen Beschlüsse gefaßt. Richt

weniger als 41 Länder haben ihre Beteiligung zu­gesagt, die Regierungen erklärten sich bereit, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Rur der deutsche Vertreter mußte di« Erklärung abgeben, daß die ungeheuer schwierige Wirtschaftslage eine Mitarbeit Deutschlands unmöglich mache sofern sich die Verhältnisse in den nächsten Monaten nicht

grunblegcnb ändern sollten. Und dafür besteht leider wenig Aussicht.

Daß diese Mitteilung bei den Kongreßteilnehmern lebhaftes Bedauern auslöste, kann man um so mehr verstehen, als die wichtigsten polaren Expeditionen der letzten Zeit gerade von deutscher Seite aus unter­nommen wurden: die Grönland-Expedition Wege- n ers. die die in ihrer Bedeutung noch gar nicht ab- zuschätzendc Entdeckung Georgis, daß in den meteorologischen Verhältnissen offenbar eine gewisse Gesetzmäßigkeit herrscht, erbracht, und die geophysika­lisch ungemein aufschlußreiche Fahrt Eckeners mit demGraf Zeppelin".

So tvird es denn leider wohl Tatsache werden, daß gerade das Land, von dem die Anregung aus­ging, an diesem größten und umfassendsten Unter­nehmen, das es in der polaren Forschung je gegeben hat, keinen tätigen Anteil nehmen kann.

Pa ul A. Hofer.

Robben am Aequaior

Aus demHandbuch der geographischen Wissenschaft" ^Daß' Seelöwen, See-Elefanten und Pinguine, alles Tsere der Polarzonen, oft bis fast zum Aequator Vor­stößen, durste nicht allgemein bekannt fein. Aber bis weit in südliche Breiten erstreckt sich an der Westküste Südamerikas der kühle Peru-Strom, der ein uner- Paradies |ür fi(Ie ozeanischen Lebewesen 'dar- üellp Ungeheure Massen von Plankton, niederen Krebsen uiw sonstigen Kleiiitieren, tummeln sich in diesen Gewässern als willkommene Nahrung der un­gezählten Fische In deren Gefolge wiederum er­scheinen die Robben und Pinguine und große Scha- ren slschender Vogel wie Kormörane und Pelikane, die feit Jahrhunderten auf den küstennähen Inseln

Oie -ISO-Lahrfeier -es Leipziger Gewandhauses

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Das Leipziger Gewandhaus, eines der ältesten und berühmtesten deutschen Konzertunternehmen, beging die Feier seines 150. Jubiläums. In allen Zeiten seines Bestehens haben dort die berühmtesten Dirigenten Konzerte veranstaltet, und viele Male ist das Orchester zu erfolg­reichen Gastspielen ins Ausland eingeladen worden. Unser Bild: Blick in den Konzertsaal wäh­rend der Jubiläumsfeier. Rechts: Direktor Max Brockt,aus bei der Festrede.

den wertvollen Guano abgelagert haben. So greift dst'cs Tierparadies mit feinen Auswirkungen un- ... eibar in das Wirtschaftsleben Perus ein und liefert dem Staat einen wichtigen Erwerbszweig.

Überhaupt diefes Peru! Wer weiß eigentlich, etwas Genaues von diesen sounauffälligem" und doch so wichtigen und zukunftsirächtigen Staaten Südamerikas: Peru und Bolivien? Rur der Zauber der Geschichte liegt auf ihnen, den Entstchungsgebie- ten der alten Jmkakultur. Wie aber hier moderne Wirtschafts-, Verkehrs- und Bevölkerungsprobleme sich kreuzen, wie diese Anden-Länder geographisch be= schassen sind, welche Politische Bedeutung, welche Struktur sie haben, das liest sich säst wie ein span­nender Reisebericht in der eingehenden Schilderung von Prof. C. Troll, die soeben intHandbuch der geographischen Wissenschaft" (Akademische Verlags- gesellfchaft Athenaion m. b. H. Potsdams erscheint. Diese farbenprächtigen, lebensnahen und mit wissen­schaftlicher Gediegenheit geschriebenen Darstellungen begeistern den Leser immer wieder.

Man nehme als Beispiel aus den neu erschienenen Lieferungen (-2631) nur die Arbeit Alfred Kauss- manns über Aegypten. Unmerklich wird der Leser vom Zauber der Landschaft gefangen und erfährt zu­gleich alles Wissenswerte über Land und Leute, Staat, Wirtschaft und Politck. Auch Europa erhält jetzt seine geographische Darstellung und zwar zu­nächst Süost- und Düdeuropa mit Ungarn und Ru­mänien. Reichhaltig eingestreute Photographien, künstlerisch ausgeführte Farbtafeln und die notwendi­gen Statistiken, Karten und Diagramme beleben und ergänzen auch hier den Text, sodaß für eine um­fassende Kenntnis des Lesers mustergültig Torge ge­tragen ist. Die Welt in ihrer unendlichen Mannig­faltigkeit wird in dieser großen und schölten Pübli- kation in getreuer Spiegelung eingefangen zur Freude und zum Nutzen für alle, die von der Notwendigkeit geographischer Bildung überzeugt sind.

OerWandernde Berg"

Die größte Erdbewegung der Reichsbahn in der Nachkriegszeit.

. Dresden, 27. November.

Ein interessantes und umfangreiches Baitvorhabcn der Deutschen Reichsbahn, die Abtragung desWan­dernden Berges" bei Falkenau, einer kleinen Station bei Chemnitz, wird noch int Lause dieses Jahres zu Ende geführt werden. Bei Falkenau führt die ver­kehrsreiche Eisenbahnlinie Dresden-Chemnitz durch ein stark durchfchnittenes Gelände. Beim Bau dieser Linie mußte, seinerzeit ein steiler Hang, der eine sehr ungünstige Schichtung aufweist, angeschnitten werden, um eine geeignete Führung der Gleise zu ermöglichen. Durch die damals notwendig gewordenen Erdarbeitcu ist der Berg in seinem Gleichgewicht gestört worden, und bereits vor 25 Jahren machten sich Bewegungen der Erdmassett an dem Hange, der die Bahn in einer Länge von 220 Metern begleitet, gelegentlich stärker bemerkbar.

Um einer möglichen Gefährdung der Bahnstrecke rechtzeitig zu begegnen, hat die Reichsbahn die Ab­tragung des in Bewegung geratenen Berghanges be­schlossen. Die zu beseitigenden Massen, etwa 250 000 Kubikmeter, werden zur Schüttung eines Planums für einen neuen dringend benötigten Abstellbahnhof in Chemnitz verwendet.

Deutschland baut Dritteltoupianos für Indien. Um der indischen Musikauffassung zu entsprechen, hat der Pianohändler Albert Schulz in Rheydt ein Drittel­tonklavier mit 16 Tonstufen in der Oktave bauen lassen und damit eine Idee Busonis verwirklicht. Es wäre von grundsätzlicher Bedeutung, wenn es gelingen würde, der brachliegenden deutschen Klavierindustrie hiermit ein neues Absatzgebiet in Indien zu erschlie­ßen, zumal da die Herstellung einfach und im Rahmen jedes Betriebes durchführbar sein soll.

Coffeinfreier Kaffee Hag: niemals sdiädlich, immer vorzüglich.

Coffeinfrei und Hag, darauf kommt's an!

Stephan Berghoff:

Ben Said, der

&

underdoktor

Bon Stromern und Vagabunden" erzäblt nach ihren eigenen Geständnissen Stephan Berghoss in einem soeben bei Herder ,u Mreiburg i. Breisgau erschienenen Buch. Auch von erotischen Ltrahcn bat er einiges vernommen, so z. B. die hier wiederaege- bene Geschichte von einem arabischen Dr. Eisenbart.

Ws mir mein Freund von der Landstraße von ihm erzählte, habe ich lachen müssen wie lange nicht zuvor. Ich denke, es glückt mir -noch, aus der Er­innerung heraus Said, den Wunderdoktor, vor den 'Augen der Lefor erstehen zu lassen. Aber ich wünschte, der Tippelbruder selber könnte ihn mit feiner Fabulierkunst und feinem lebendigen Mienen­spiel vorzaubern.

Sonntag ist's. Die Araber, die mit mir an der tm Bau stehenden Eifenbahnstrecke arbeiten, haben Ruhetag.

Die Kolonne ist in einer Baracke untergebracht. Hier herrfcht reges Leben. Die Leute lassen die Radeln hin und her gehen, um die bei der Arbeit verwundeten Kleider zu heilen. Wer sich im Nä­hen oder im Schustern nickt zu Helsen weiß, bringt seine Sachen zu einem Flickschneider ober Schuster. Natürlich muß die Flickerei bezahlt werden. Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert.

Aber nicht bloß die Flicker suchen ein kleines Verdienst. Hinten am letzten Fenster hat sich Ben Schiri etabliert, der Bart- und Kopsschcrer der Ko­lonnenleute. Aus der Fensterbank liegen uns dro­hen feine Messer. Das sind keine Rasiermesser un­serer Art, sondern cinfacke. Stehmesser, die an der Schneide etwas hohlgeklopft sind. Sie schneiden aber wie Rasiermesser, denn Ben Schutt ist ein Meister im Schleifen.

Seife, Puder, Alaunstein und dergleichen kennt Den Schirt nicht. Zum Einseisen nimmt er klares Wasser, das er mit der hohlen Hand aus einer Kasserolle schöpft, auf den Kops oder den Bart ,sei­nes Klienten träufelt und dort verreibt. Eben steht Beu Schirt hinter dem Rücken eines Kunden, der vor ihm auf dem Boden kniet und den Kops nack hinten legt. Er näßt ihm die linke Backe an. und mit zwei, drei Messerzügen ist die Backe frei. Ge­nau so aesckiehfs auf der reckten Backe und dem Kinn. Der Klient will auch den Kops rauen haben. Er hat fick vorher schon den Kops genäßt, aber Ben Schirt will feine Messer schonen. Er schüttet also

ohne Umstände einen ordentlichen Guß Wasser auf das Haupt seines Klienten und beeilt sich, mit bei­den Händen das Haar zu bearbeiten. Der Kops dreht sich wie ein Ball unter den Händen des Fri­seurs. Jetzt beginnt das Schaben. Immer klein weg, so ähnlich wie bei uns der Metzgermeister den Fleischblock abschabt. Das Messer kratzt und schreit. Denn Beu Schirt hat fein schlechtestes Messer in der Hand. Hin und wieder schüttet er einen Guß Was­ser auf das Kapitol seines Kunden, um das Haar von neuem zu weichen. Tas ablaufende Wasser ver­liert sich im Hemdkragen, läuft und rinnt den Leib herunter und sammelt sich am Boden zu einer klei­nen Pfütze. Doch das ist nebensächlich. Darum kümmern sich weder der Klient noch der Friseur. Der Klient weiß, daß Ben Schirt gründlich fein Geschält verrichtet, und zahlt ihm für Kopf- und Bartscheren gerne zwanzig Centimes. Billiger macht es keiner. Ben Schirt ist zufrieden, daß er einen kleinen Neben­verdienst hat.

Nicht weit von Beu Schirt in der Ecke ist Ben Said, der Wunderdoktor, am Werke. Er bat alle Hände voll zu tun. Gerade bat er eine schwierige Operation. Sein Patient leidet an Zahnschmerzen. Backe und Muuv sin-d so geschwollen, vaß Ben Said nicht den feinen Draht anlegen und mit ihm den kranken Zahn ziehen kann. Aber Ben Said weiß sich zu Helsen. Er -wängt die Läbne seines Patien­ten auseinander und spreizt ein Klötzchen dazwi­schen. Nun geht's. Er legt die Trahtschljnge um den Zabn und bindet bas Ende des Drahts an einen Haken, der solide in Ty» Mauer eingelassen ist. Jetzt befiehlt er dem Patienten, den Kopf so zu halten, daß der Draht aelpannt ist. Davon hängt nämlich der Eriola ab. Ben ~aib schwadroniert draus los. Unversehens greift er nach einer rotglübenbcn lan­gen Nadel und häh sie dem Patienten vor die Auaen Dabei zieht wie er wie ein Teufel der Kölle. Erschrocken fährt der Patient von seinem Sitze zurück denkt an keinen Draht und kranken Zahn und springt wie ein Besessener davon, aber ohne Zahn. Erst nach einer Weile merkt er, daß die Operation gelungen ist. Freudig belohnt er Ben Said für ferne hervorragende Operationsstn'-st

B»n Said ha* bereit« einen anderen Patienten in Behandlung. Dieser hat sich irgendwie eine eiternde Geschwulst unter der S*r{c des rechten

Fußes angeschafft. Er steht auf feinem linken Fuße vor Ben Said, der den rechten Fuß nach hinten ge­hoben in der Hand hält und fachmännisch die Ge­schwulst untersucht. Ben Said schüttelt den Kops. Im Augenblick weiß er für diesen Fall kein radi­kales Mittel. Man merkt es seinen Augen an, baß et in tiefes Nachdenken versunken ist. Mit einem Mal leuchtet es ihm übers Gesicht. Ein sicheres Zeichen, baß ein genialer Gedanke sein Gehirn durch­zuckst. Er greift in seinen Turban, zieht eine Näh­nadel hervor, läßt den kranken Fuß aus der Hand und sticht dem Kranken im selben Augenblick mit einer solchen Wucht die Nähnadel in die linke Wade, baß dieser über den plötzlichen Schmerz feinen kran­ken Fuß vergißt, auf ihn tritt, den linken emvor- 'cknellt '»nd au die Wade greift. Said beruhigt den Brüllenden. Er redet ihm ein, ein Insekt habe ihn gestochen, nimmt den kranken Fuß wieder in feine Hand und stellt zu feiner vollen Zufriedenheit fest, daß die Operation prächtig gelungen ist. Der Pa­tient hat noch bittere Schmerzenssatten im Gesicht. Fürwahr, ein Sprung auf eine Eiterbeule unter der Ferse ist keine angenehme Empfindung. Aber was macht's! Said hat feine Aufgabe gelöst. Der Sckmerz spielt keine Rolle. Said hat das Geld ver­dient.

Der Negro Blanckette meldet sich bei Ben Said. Ihm zieht ein gewaltiges Gewitter durch den Kopf.

Fatale Tacke", meint Said,da ist ein Bluterlaß unbedingt erforderlich." Er setzt Blanchette auf den Boden, legt ihm eine zu einem Strick gerollte Ser­viette um den Hals und beginnt, die beiden Enden ineinander zu drehen. Vorher hat er sich ein ange­spitztes Stückchen Holz handgerecht parat gelegt. Durch das Drehen der Tervieitenensen engt sich der Hals Blanchettes immer mehr in die Schleife der Serviette ein. Said scheint eine regelrechte Strangu­lation an »em armen Blanchette vorzunehmen. Der Kops beginnt rot anzulaufen, die Adern schwellen, die Adern treten aus den Höhlen. Blanchette steht mit Said nicht auf gutem Fuße. Darum vermutet er in seiner Angst, es geschehe an ihm ein Mord. Eben will er mit seinen Händen nach der Serviette greifen, die sich immer enger um den Hals legt und die Zir­kulation des Blutes sperrt, da verläßt ihn die Be­sinnung. Er fällt mit dein Rücken flach auf den Bo­den und gibt keinen Laut mehr von sich.

Aber schon fährt das spitze Stäbchen Saids in seine Nase und ritzt einige Blutäderchen auf. Ebenso schnell wie Said diese Operation vornimmt, beugt er sich über Blanchette und gibt ihm links und rechts eine gut plazierte Backpfeife. Tie Ohrfeigen sollen ' Blanchette znrn Leben wieder zurückrufen. Aber ir« j rum fallen sie so kräftig aus? Ben Said kühlt <

Deutsche Dichterporträts

Annette Kolb,

die Dichterin der zarten RomaneSpitzbögen",Das Exemplar" usw, erhielt den diesjährigen Preis der Gerhart Hauptmann-Stiftung. Unser Bild zeigt eine Porträtplastik der Dichterin von Georg Kolbe.

leine Rache. Wie freute er sich, als ihm Blanchette krank in Die Hände fiel. Den Kerl kann er mal nicht leiben.

Blanchette erwacht und schaut verwundert um sich. Im ersten Moment weiß er nickt. Was geschehen ist. Wie er sich aufrichtet, spiirt er bas Blut, Das seiner mißhanbelten Nase entströmt. Gleich ist er im Bilde. Er weiß, Ben Said hat die Operation an ihm vorge­nommen.

Blanchettes Kopfschmerzen fin© gescknvunden, aber ihm bleiben die Nachsckmerzen Der Operation, und die sind nicht gering. Dafür hat Sa'd Sorge getra­gen. Für die Behandlung und für die zwei Maul­schellen, die als Wahrzeichen auf den Backen vran^en, und für die arme zerschmvcne Ra - hat Blanchette' dem Wunderdoktor Ben Said IHV Franken zu be- zahleil."