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Kasseler Neueste Nachrichten
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Nummer 275*
Dienstag. 24. November 4934
24 Jahrgang
Das Kabinett berät die neue Notverordnung
Erhöhung der Llmsah- und Wiedereinführung der Kapitalertragssteuer? / Große außenpolitische Rede Grandis /Leinert wird Landtagspräsident
Rückgriff auf Steuerreserven?
Von unserer Berliner Schriftleitung.
th Berlin, 24. November.
Heute beginnt das Reichskabinett mit den Beratungen über die n e u e N o t v e r o r d n u n g, die sich wenigstens teilweise auf die vom Wirtschastsbeirat ausgegebenen Richtlinien stützen wird. Daneben wird das Reichskabinett aber auch finanzpolitische Maßnahme« ergreifen, die zur Sicherung des Etats dienen. Heute mittag wird auch Reichsfinanzminister Dr. Dietrich im Haushaltsausfchutz des Reichstages voraussichtlich eine umfassende Darstellung der gegenwärtigen finanzpolitischenLagedes Reiches geben.
Die wirtschaftspolitischen Beschlüsse, die das Kabinett fassen wird, werden sich in erster Linie auf die Senkung der Preise und Löhne und auf gewisse Kontrollmaßnahmen gegenüber den Kartellen und Innungen erstrecken, um auf diese Weise zu einer allgemeinen Senkung der Produktionskosten zu gelangen. Außerdem ist mit einigen Bestimmungen über den Abbau der Hauszinssteuer und die Loke- rung der Wohnungszwangswirtschaft zu rechnen. Darüber hinaus
wird die Reichsregierung zur Sicherung des Haushaltsplanes wahrscheinlich auf die bisher unangetastet gebliebenen Steuerreserven zurückgreifen also in erster Linie die Wiedereinfüh rung der Kapitalertragssteuer und voraussichtlich eine Erhöhung der Umsatz« ft e u e r in Betracht ziehen.
Die Kapitalertragsteuer hat vor ihrer Anfang dieses Jahres erfolgten Aufhebung über rund 2 Millionen Mark eingebracht. Sie wird wahrscheinlich ohne Anrechnung auf die Einkommensteuer erhoben werden. Die Umsatzsteuer, die zu 70 Prozent dem Reich und zu 30 Prozent den Ländern zuflietzt, wird gegenwärtig in einer Höhe von 0,85 Prozent erhoben. Der Voranschlag dafür beträgt für das laufende Etatsjahr 1040 Millionen Mark. Das sind 125 Millionen weniger als im vergangenen Jahre. Für den Fall, daß das Kabinett eine Erhöhung der U m s a tz st e u e r beschließt kommt eine Verdoppelung auf volle z w e i P r o z e n t in Betracht, woraus man einen Betrag von einer Milliarde erwarten könnte.
Wenn derartige Beschlüsse gefaßt werden, so will man auch gleichzeitig die Erhöhung auf eine möglichst kurzeDauer befristen und einen allmählichen Abbau der neuen Steuererhöhungen vorschen. Die Maß- nahmen der Reichsregierung, sowohl auf wirtschaftspolitischem wie auf finanzpolitischem Gebiet müssen bis sPätestensAnfang De zember beendet und in Kraft gesetzt sein, weil am 10. Dezember die
Neuyork, 24. November.
Der italienischeAußenministerGrandi hielt am Montag auf einem Festessen des Council of Foreign Relations, einer im politischen Leben Amerikas einflußreichen privaten Körperschaft, eine sorgfältig vorbereitete Rede über die italienische Außenpolitik. Grandi ging davon aus, daß das Werk des europäischen Wiederaufbaues durch schwere Fehler beeinträchtigt worden sei. Ernste politische und wirtschaftliche Störungen hätten durch eine klügere gemäßigtere und großzügigere Politik vermieden werden können. Die vier Hauptprobleme, die die Welt zu lösen habe, seien die Frage der Kriegsschulden, der Sicherheit, der Abrüstung und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Italien halte an dem Grundsatz fest, daß die Tributfrage nicht von der Frage der interalliierten Schulden zu trennen sei. Italien werde stets eine möglichst großzügige Lösung des Kriegsschuldenproblems befürworten und fei bereit, angemessene Opfer zu bringen, falls solche verlangt werden. Ein echter dauerhafter Friede sei nur auf der Grundlage nationaler Sicherheit möglich, aber diese Sicherheit hänge, wie Grandi in deutlichem Gegensatz zur französischen These hervorhob, von der friedlichen Beilegung der internationalen Streitigkeiten und von der Abrüftungssrage ab. Es gebe kein Sicherheitsproblem, das sich von dem Problem der Abrüstung unterscheide. Erft die übermäßigen Rüstungen hätten das Sicherheitsproblem geschaffen nnd gleichzeitig den Gcrechtig- teüsfaut unter den Bälleru abgestumpft.
Beratungen des Sonderausschusses in Basel beginnen und damit die Reparationsdebatte eröffnet wird.
Abmarsch -er Sozialdemokraten?
Diese Entschließungen der Reichsregierung vollziehen sich, innenpolitisch gesehen, deutlich unter dem Zeichen eines drohenden Abmarsches der Sozialdemokraten nach links und damit einer Veränderung der koalitionspolitischen Grundlage des Kabinetts Brüning. Die sozialdemokratischen Führer haben gestern, wie wir auf Seite-2 ausführlich berichten, eine Unterredung mit dem Reichskanzler gehabt. Dabei haben die Sozialdemokraten den Kanzler auch eindringlich davor gewarnt, die Leitsätze des Wirtschaftsbeirates zur Grundlage seiner weiteren Entschließungen zu machen. Der Kanzler und die beteiligten Minister haben zwar den Versuch gemacht, die Sozialdemokraten zu beruhigen, aber der „Vorwärts" kündigt heute an, daß die Zeichen" auf Sturm ständen. Auch die Affäre mit der vom „Abend" veröffentlichten angeblichen Erklärung Eraß- manns (siehe Seite 2!) wird als ein Zeichen für die Verschärfung der Spannung zwischen den Sozialdemokraten und dem Kabinett Brüning angesehen.
Wieder Landtag
Leinert wird wieder Landtagspräsident.
Berlin, 24. November.
Der Preußische Landtag tritt heute mittag 12 Uhr zu einem auf eine Woche berechneten Tagungsabschnitt zusammen. In der heutigen Sitzung wird er in erster Linie Berichte von Untersuchungsausschüssen entgegennehmen. Die nächsten Tage sind hauptsächlich der Beratung der verschärften Geschäftsordnungsbestimmungen Vorbehalten. Ferner steht in dieser Woche auch der deutschnationale Mißtrauensantrag gegen den Kultusminister Grimme zur Erledigung.
Die Wahl des neuen Präsidenten wird am Mittwoch oder Donnerstatz erfolgen. Vor der heutigen Vollsitzung ist die sozialdemokratische Fraktion, die als stärkste Fraktion im Preußischen Landtag den Präsidenten stellt, zusammengetreten, um sich über den von ihr zu benennenden Kandidaten zu entscheiden.
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Berlin, 24. November. Die sozialdemokratische Fraktion des Preußischen Landtages hat beschlossen, dcn Abg. Leinert zum Nachfolger des verstorbenen Präsidenten Bartels vorzuschlagen. Die Koalitions- Parteien solle« bereits ihr Einverständnis mit dieser Kandidatur ausgesprochen haben.
I Italien sei bereit seine Rüstungen zu vermindern I und seinen Heereshaushalt auf das niedrigste Maß herabzusetzen, wenn ein gerechter Ausgleich in der militärischen Stärke der einzelnen Nationen geschaffen werde. Ohne Gerechtigkeit gebe es keinen Frieden und Gerechtigkeit sei nicht der Ausdruck eines bloßen Vertragssystems, sondern sie sei gleichbedeutend mit dem Geiste der Zusammenarbeit.
Rückreise Grandis über Pans?
Paris, 24. November.
Außenminister Briand empfing am Montag nachmittag den italienischen Botschafter Grafen M a n z o n i, der mitteilte, daß die französische Regierung über die Ergebnisse der Washingtoner Reise Grandis unterrichtet werde, sobald dieser aus Amerika zurückgekehrt sei. Es wird außerdem als sehr wahrscheinlich bezeichnet, daß das ursprüngliche Reiseprogramm des italienischen Außenministers geändert wird, und daß er vor seiner Reise nach Rom Paris einen Besuch abstattet, um mit den Führern der französischen Regierung Fühlung zu nehmen.
Vor Lavals außenpolitischen Erklärungen
Paris, 24. November.
In der franzöflschen Kummer wird am heutigen Dienstag die außenpolitische Aussprache beendet. Mil großer Spannung werden vor allem die Erklärungen Lavals erwarte^ zumal der Abgeordnete der
Gruppe Marin Louis Dubois noch in letzter Stunde einen Jnterpellationsantrag eingebracht hat, in dem Aufklärung über den deutschen Antrag für Einberufung des Baseler Untersuchungsausschusses verlangt wird. Man rechnet damit, daß Laval auf alle Fragen ganz ausführlich antworten wird.
Außerdem wird erwartet, daß auch Außenminister Briand am Schluffe der Ansprache das Wort ergreift. Da im Laufe des Nachmittags noch vier Interpellanten sprechen werden und Blum, Herriot und Fränkin Bouillon in die Aussprache über die Tagesordnung eingreifen, ist es nicht ausgeschlossen, daß die Aussprache erst in den späten Nachtstunden beendet wird.
Oer Mißerfolg -er Run-iifchkonferenz
London, 24. November.
Der tatsächliche Mißerfolg der Rundtischkonferenz wird seinen äußeren Ausdruck in einer Gesetzesvorlage über Indien finden, die die englische Regierung Anfang nächster Woche dem Parlament vorzulegen gedenkt. Der Gesetzentwurf sieht zwar, wie verlautet, für die indischen Provinzen ein gewisses Maß von Autonomie vor; jedoch erhält Indien keine Verantwortliche zentrale Selbstregierung, sondern es wird nur das bereits früher gegebene Versprechen über die künftige Errichtung einer verant- worllichen Zentralregierung in einer Präambel der Vorlage wiederholt.
Dieser Beschluß der Regierung soll dem diplomatischen Korrespondenten des Daily Herald zufolge
Es ist ein sehr mageres Ergebnis, das aus den wcchenlangen Arbeiten des mit so vielen Hoffnungen erwarteten Mrtschastsbeirates herausgekommen ist. Mit spürbarer Besorgnis macht die offiziöse Erllärung den Versuch, die schweren Spannungen, die dieses verhältnismäßig kleine Gremium von Sachverständigen erschütterten, zu verbergen. Mer es läßt sich einfach nicht verheimlichen, daß nicht allein die drei landwirtschaftlichen Vertreter, die schon am Freitag zum Abmarsch Vliesen, in der Schlußsitzung fehlten, sondern daß auch die Gewerkschaftler erhebliche Vokbchalte gemacht haben, wenn auch der ungekündigte Vorstoß in der gestrigen Schlußsitzung ausgeblieben ist.
Das ursprüngliche Programm, welches den Arbeite« dieses Beirates zugrunde gelegt wurde, ist zwar ziemlich restlos in die Erörterungen einbezogen worden, aber zu wirklichen Ratschlägen ist der Wirtschastsbeirat nicht gekommen, allenfalls mag man von einer „Meinungsbildung" sprechen. Die Absicht der Regierung ging bekanntlich zunächst dahin, sich durch ein Votum der „Wirtschaft" einen Rückhalt für die in Aussicht sichenden zweifellos uopopnlären Maßnahmen zu schaffen. Die Wirtschaft sollte später nicht mehr sagen können, daß sie vor dem Erlaß dieser Verfügungen nicht gefragt worden sei. Man wollte also einen der gefährlichsten Kritiker von Anfang an ausschalten; wie weit die Regierung in dieser negativen Hinsicht ihren Zweck erreicht hat, bleibt immerhin abzuwarten. Was aber darüber hinaus an Positiven Ergebnissen erwartet wurde, hat sich jedoch, das kann schon jetzt sestgestellt werden, nur in bescheidenen Grenzen und in sehr allgemeiner Form erfüllt. Vor allem fällt auf, daß diese Ergebnisse eigentlich nirgends etwas wirklich Neues bringe«. Einen Nutzen hat freilich die Regierung von den Beratungen des Wirtschaftsbchrates. Sie weiß nun mit größerer Genauigkeit, wie die Widerstände zwischen den einzelnen Wirffchastsgruppen gelagert sind, wo sie Zurückhaltung üben muß, und wo ihr ange- subts der völligen Unmöglichkeit einer geschlossenen wirtschaftlichen Meinungsbildung der Weg für ihre eigene« Entschließungen völlig freigemacht ist. V1" dem einen wie in dem anderen Falle bleiben ihr je= doch, wie sich aus dem Ergebnis des Wirtschaftsbeirates erneut bestätigt, sowohl die Initiative wie die Verantwortung für alle Maßnahmen m vollem Umfang überlassen.
Wenn man die umfangreiche amtliche Mitteilung über die Schlußsitzung des Beirates liest, in der der Reichskanzler die Leitsätze inhaltlich wiedergab, so fällt vor allem die sehr vorsichtige unv sehr allgemeingehaltene Fassung aller darin enthaltenen „Empfehlungen" auf. Tatsächlich ist um diese Formulierung in einer ganzen Reihe von Punkten Wort für Wort gerungen worden. Erfreulich ist zunächst einmal die Entschlossenheit aller Wirtschastsgruppen, gemeinsam mit der Reichsregierung jede Maßnahme entschieden a b z u l e h n e n, die irgendwie an eine I n- flation erinnern könnte. Auch an dem Zusammenhang aller inuerwirtichaftlicheu Maßnahmen mit der
„Unter dem Druck der Tories" gefaßt worden sein. Man folgt damit den Vorschlägen des Simonberichtes und wird die Errichtung einer zentralen Selbstregierung in Indien auf unbestimmte Zeit verschieben. Die Zentralregierung wird somit wie bisher völlig in den Händen des Vizekönigs und des englischen Staatssekretärs für Indien bleiben.
Oer unfähige Völkerbun-
China hat kein Vertrauen mehr zum Völkerbund.
London, 24. November.
Marschall Tschanghsueliang hat eine Bekanntmachung herausgegeben, in der er die Arbeit des Völkerbundes bei der Behandlung des mandschurischen Streitfalles scharf tadelt. Der Völkern bund habe in China sehr viel an Ansehen verloren, weil er auf Räumung der besetzten Gebiete bis zum 16. November durch die Japaner nicht bestanden habe. Man müsse zu der Ansicht kommen, daß der Völkerbund seine Unfähigkeit, eine befriedigende Lösung herbeizuführen, offen bewiesen habe. Wenn der Völkerbund nicht auf einen Rückzug der Japaner bestehe, bevor irgendwelche direkte. Verhandlungen zwischen China und Japan ausgenommen würden, so würde er die Lage, statt sie zu erleichtern, nur noch verschlimmern. Wie könnte man dann noch in der Welt Vertrauen in ein Völkerbundsstatut, in den Kellogg- und den Neun-Mächte- Pakt haben, wenn sie jetzt anscheinend in den Pap'er- | korb geworfen werden sollten.
Reparations- und der Kreditfrage ist man nicht vorbeigegangen. Was aber über die Lockerung der Preisbindungen und der Lohntarifbindungen gesagt wird, trägt in jedem Worte einen ausgesprochenen Kompromißcharakter und der Wert dieser Feststellungen wird zudem durch die Tatsache stark beeinträchtigt, daß ein Teil der Gewerkschaftsvertreter gerade auf diesem Gebiete sich der vom Reichskanzler formulierten Zusammenfassung des Diskuffionsergebniffes nicht anschließen wollte. Auf Empfehlungen allgemeiner Art beschränken sich auch die Erörterungen über die Senkung der Verkehrstarife, die bisher bei jedem Versuch einer allgemeinen Preisermäßigung immer eine hemmende Ausnahmestellung eingenommen haben. Ob man bei der Lockerung der kartellmäßigen Bindungen in der Praxis weit über Kohle und Eisen und einige Markenartikel hinauskommen wird, läßt sich aus dem Gutachten des Wirtschastsbeirates noch nicht erkennen, und der Rat, bzw. die Zustimmung zu dem Plane, die Hauszinssteuer zum Zwecke der Mietensenkung stasfelweise abzubauen, stammt auch nicht gerade von heute und gestern.
Das Ausscheiden der landwirtschaftlichen Vertreter ist keine vereinzelte Erscheinung geblieben, sondern auch die Vertreter der Gewerkschaften hatten eine Sonderstellung eingenommen und sie hatten für die Schlußsitzung auch eine Protesterklärung geplant. Dadurch wird der Wert der Leitsätze natürlich noch weiter beeinträchtigt. Zugleich erkennt man aber daraus, daß die Gegensätze zwischen den verschiedenen Erwerbsgruppen im Wirtschaftsbeirat doch nur äußerst mangelhaft überbrückt werden konnten. Es ist von Anfang an bemängelt worden, daß der Wirtschaftsbeirat überhaupt nur ans Angehörigen der verschiedenen praktischen Berufe bestand. daß darin aber die eigentlichen neutralen Beurteiler, vor allem also die Wissenschaftler, völlig gefehlt haben. Aus dieser Zusammensetzung erklären sich auch, wenigstens zum Teil, die Mängel der Arbeitsweise und des Ergebnifles. Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, daß es eine „Wirtschaftsführung" nur insofern gibt, als der Gesetzgeber den Rahmen abgrenzt, in welchem sich der freie Wirtschasts- ablauf vollziehen soll. Im vorliegenden Falle war nun aber die Wirrschaft berufen, an der Absteckung dieses Rahmens mitzuwirken. Man wird dabei nicht vergessen dürfen, daß die einzelnen Wirtschastsgruppen selbstverständlich innerhalb ihres Interessengebietes aus einen möglichst weiten Rahmen hinstreben,
Ltnser Mitarbeiter 3Rene Kraus
berichtet über die französische Straf« ex-edition auf Korsika.
Heuteerfter Bericht:
„ÖLS Hoiel der Vendetta"
Abrüstung un- Sicherheit
Wie Grandi das Problem sieht
„Zn eigener Verantwortung"