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Nummer 263*
Moniaa 9 November 1931
21 Jahrgang
Wege zur Belebung des Binnenmarktes
Vor Beginn der Ausfchußarbeiten im Wirtfchaftsbeirat / Keine neuen deutschen Vorschlqge zur Reparationsfrage / Das Chaos in der Mandschurei
Kabinett berät Richtlinien
(Von unserer Berliner Schriftlettung).
th. Berlin, g. November.
Zu der heutigen Kabinettssitzung wird das Arbeitsprogramm für die am Dienstag zusam- mentretendeu Unterausschüsse des Wirtschastsrates vorbereitet werden. Es handelt sich dabei vor allem um die Maßnahmen, die zur Senkung der Produktionskosten und zur Belebung des Zn- nenmarktes führen sollen.
lieber diese Maßnahmen ist in der letzten Zeit schon wiederholt gesprochen worden, und man weiß, daß damit nicht nur eine erneute Revision der Löhne und Gehälter in Betracht kommt, sondern
vor allem ich eine Aenderung derjenigen preisbildenden Faktoren, die nicht von der persönlichen, sondern von der sächlichen Seite her mitbestimmend find.
Dahin gehört vor allem die Senkung der Kreditbeschaffungskosten, die Senkung der allzu hohen Zinsen, die Lockerung der kartellmäßigen Bindungen (wobei man sich aber nicht nur aus Markenartikel beschränken wird) und eventuell auch eine Aenderung gewisser Zollsätze, sowie Beeinflussung der sogenannten Preisspannen. Nachdem der Kanzler ausdrücklich betont tzatz, daß die neuen Bemühungen zur Herabminderung der Produktionskosten nicht nur durch eine neue Senkung der Löhne und Gehälter durchgeführt werden dürften, gilt es als selbstverständlich, daß der Wirtschaftsbeirat sein Hauptaugenmerk in erster Linie auf die anderen, oben genannten preisbildenden Faktoren richten wird, so daß die Lockerung der Lohntarife und die damit angestrebte
Senkung von Löhnen und Gehältern gewisier- maßen erst als eine Folge der mit de« anderen Mitteln erzielten Preissenkungen durchgeführt werden sollen. Selbstverständlich wird man diese Dinge nicht schematisch behandeln, und man muß sich darüber klar sein, daß die Maßnahmen der einen oder der anderen Art miteinander Hand in Hand gehen müssen. Deshalb ist es auch verfehlt, wenn ein Berliner Montagsblatt heute als das Ziel der gesamten Aktion einfach eine „Preissenkung um 20 Prozent" hinstellt. Abgesehen davon, daß es sich bei erwähnten Schritten nur um einen Ausschnitt aus den in Betracht kommenden Möglichkeiten handelt. kann man unter keinen Umständen alle diese
schwierigen und komplizierten Dinge auf einen so einfachen Nenner bringen. Auch wenn davon die Rede ist, daß angesichts der Verkürzung der Devisenwerte für die Goldmark die Notwendigkeit einer Wertsteigerung der Mark durch die Senkung aller Preise vorgenommen werde, so kann man doch nicht einfach sagen, daß eine Preissenkung um 20 Prozent in der Praxis die Steigerung der Kaufkraft der Mark um ein Fünftel bedeuten würde. Derartige Maßnahmen würden sich vielmehr auf den verschiedenen Gebieten der Produktion und des Handels ganz verschieden auswirken. Immerhin wird es selbstverständlich das Ziel der Regierung und des Wirtschaftsbeirates sein, die Produktionskosten mit allen in Betracht kommenden Mitteln zu senken, um damit einmal die Kaufkraft der Mark zu erhöhen, zum anderen den Binnenmarkt zu beleben und damit außerdem zu erzielen, daß wir
mit dem vorhandene» Notenumlauf anskommen,
da trotz der Zahlungsmittelknappheit angesichts der zurückgegangenen Golddeckung der Mark unter keinen Umständen an die Mehrausgabe von Papiergeld gedacht werden kann. Welche Maßnahmen die Ausschüsse des Wirtschaftsbeirates jetzt im einzelnen beschließen werden, muß natürlich abgewartet werden und man hofft, daß sie binnen einer Woche zum Ziele gelangen werden.
Oie Arbeitsmethoden
Die Sitzungen der beiden Ausschüsse des Wirt- schafrsbeirats sollen so gelegt werden, daß es ihren Mitgliedern möglich ist, bei dem Ausschuß zu hospitieren, dem sie nicht angehören. Die Arbeitsgebiete beider Kommissionen greisen so ineinander, daß eine solche Orientierungsmöglichkeit wünschenswert erscheint. Deshalb wird der Ausschuß I (für Produktionskosten und Preife), der unter dem Vorsitz des Kanzlers oder des Reichsarbeitsministers tagt, am Dienstag vormittag um 10 Uhr zusammentreten, während die Eröffnungssitzung des Ausschusses II (für Kredit und Zins), dem Reichsfinanz- und Reichswirtschaftsminister vorstehen, erst nachmittags um 4 Uhr beginnt. Jeder der beiden Ausschüsse hat zwölf Mitglieder.
Francois-Poncets Reife nach Paris
Eigener Drahtbericht.
Die außenpolitischen Besprechungen beschäftigen sich weiter mit dem Thema der Zustündigkeitsfeststellung des beratend«» Sonderausschusses der B. I. Z. In diesem Zusammenhänge Hai eine Reise des Berliner französischen Botschafters Francois-Poncet nach Paris gewisses Aufsehen erregt, weil man annahm, daß er neue Vorschläge des Kanzlers an den französischen Ministerpräsidenten mi^enommen habe. Diese Auffassung soll aber nicht zu reffen, sondern es handelt sich dabei lediglich um die erste persönl. Fühlungnahme zwischen dem französischen Ministerpräsidenten und dem französischen Botschafter in Berlin, nachdem Laval wieder aus Amerika zurückgekehrt ist. Ueber den Pariser Besuch Francois-Poncets liggen folgende Meldungen vor:
Paris, 9. November. Ter französische Botschafter in Berlin Francois-Poncet ist Sonntag nachmittag hier eingetroffen. Er hatte bald nach feiner Ankunft eine Inständige Befprechung mit Ministerpräsidenten Laval. Heute wird der Bo schafter vom Außenminister B r i a n d empfangen.
Die Pariser Presse, die den Besuch Francois- Poncets, zunächst mit neuen Vorschlägen der Reichs- rcgierung in Verbindung brachte, berichtigt heute ihre Stellungnahme und betont übereinstimmend, daß der französische Botschafter auf Wunsch des französischen Ministerpräsidenten nach Paris gekommen sei, um Bericht zu erstatten über seine letzte» Besprechungen mit Reichskanzler Brüning und S aats- sekretär vo» Bülow. Bo» neuen deutschen Vorschlägen könne jedoch in diesem Zusammen Hang nicht die Rede fein. Auch die bevorstehende Aufnahme der Arbeit des deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses habe eine genaue Darlegung der Lage in Deutschland no wendig gemacht.
Der „Petit Parisien" erklärt ergänzend, daß Fran eois-Poncet daraus hingewiese» habe, daß die Stirn, mung in Deutschland gegen tre Wiederaufnahme der im Doungplan vorgesehenen Zahlungen gerichtet fei. Es sei daher anzunehmen, daß aus das Hoover-
moratorium zumindest ein Youngmorawrium folge. Die Frage fei augenblicklich nur, welche Rolle in diesem Falle der Basler Untersuchungsausschuß und hie einzelnen Gläubigerregierungen spielen würden. Eine endgültige Lösung sei jedenfalls erft nach langwierige» Verhandlungen möglich, die noch geraume Zeit andauern könnten.
Der „^igaro" behauptet, die Führer der deutschen Politik versuchen aus den Drohungen mit einem Zusammenbruch Vorteile zu schiagen, um eine weit möglichste Herabsetzung der Privatschulden und eine vollkommene Streichung der Reparationen zu erzielen. Die Nachteile eines derartigen Manövers beständen darin, daß eine Katastrophe vielleicht unvermeidlich werde, wenn man dauernd aus sie Hinweise. „Echo de Paris" sagt, daß Doutschland bei seiner Forderung und Aufhebung der Reparationen mit der Unterstützung Englands rechne, dessen Lage sich durch den Pfundsturz wesentlich geändert habe.
Autonomiebewegung
in der Mandschurei
London, 9. November.
Wie Blättermeldungen aus M u k d e n besagen, soll der aus acht Personen bestehende chinesische Ausschuß für öffentliche Sicherheit, der dort am 18. September die Gemeindeverwaltung übernommen hat, eine Proklamation veröffentlicht haben, in der die Beziehungen mit dem Gouverneur der Mandschurei, Tschanghsueliang für abgebrochen erklärt und die Unabhängigkeit der ganzen Provinz von der Nankingregierung verkündet wird. Der Ausschuß, an dessen Spitze Buantschinkai stehe, habe erklärt, er übernehme vorläufig die Verwaltung der Provinz.
Moskau, 9. November. Nach einer russischen Meldung aus Eharbin haben die japanischen Truppen die Eisenüahnbrücke über den Ronnislnß
am Sonntag wieder hergestellt. Sie setzen ihren Vormarsch fort. Der chinesische General Maa hat den Rückzugsbefehl gegeben, um weitere Zusammenstöße zu vermeiden. In Tsitsikar wurde der Belagerungszustand erklärt.
Nach einer weiteren Meldung aus Chardin ist General Maa zurückgetreten. Er soll erklärt haben, er sei nicht meyr in der Lage, dem japanischen Vormarsch Widerstand zu leisten. Eine Bestätigung dieser Meldung von amtlicher chinesischer Seite soll noch nicht vorliegen.
Der Völkerbundsrat tritt, wie offiziell vom Völkerbundssekretariat bestätigt wird, am 16. November in Paris zusammen. Auf den Wunsch der französischen Regierung, die Tagung von Gens nach Paris zu verlegen, haben sämtliche Ratsmächte zustimmend geantwortet. Briand hat in seiner Eigenschaft als derzeitiger Präsident des Völkerbundsrates einen neuen dringenden Appell an die Regierungen von Tokio und Nanking gerichtet und sie ersucht,
ihren Befehlshabern Weisungen zu erteilen, um weitere blutige Zusammenstöße zwischen den beiderseitigen Streitkräften zu verhindern.
Vertagung des englischen Parlaments?
London, 9. November.
Die Blattererwarten, daß das neue Parla- ment, das morgen vom König mit einer Thronrede eröffnet werden wird, sich nach kurzer Sitzung um ungefähr zwei Monate vertagen wird. Während dieser Zeit soll 'bi# Frage untersucht werden, mit welchen Mitteln die Handelsbilanz gebessert werden kann.
In der konservativen Presse wird die Möglichkeit erwähnt, daß die Regierung um Vollmacht ersuchen wird, durch Kahinettsverordnungen die Einfuhr von Luxusgegenständen und solchen Waren, deren Preise mit gleichwertigen englischen Waren ungefähr übereinstimmen, durch Abgaben einzudäm- men oder überhaupt zu verbieten.
„Der beste Klub der Welt"
Von unserem London er G. P. -Korrespondenten.
Das neue englische Parlament wird morgen vom König mit der Thronrede eröss- u e t. Unser Londoner Mitarbeiter ergänzt feine Schilderungen der englischen Parlamentssitte«, die vor einiger Zeit an dieser Stelle erschienen, mit folgenden intereftanten Ausführung««:
G. P. London, 9. November.
England hat in seiner langen und vielbewegten Geschichte nahezu 300 Parlamente erlebt. Die heute geltende Prozedur der Parlamentseröffnung mit all den kuriosen Bräuchen und Zeremonien geht etwa auf das Jahr 1350 zurück. Man hat also genügend Zeit gehabt, sich die große Schau gründlich einzustudieren. Unter den diesmal gewählten Abgeordneten werden mehr als 200 zum erstenmal in Westminster sitzen. Doch sie werden dort 400 erfahrene Lehrmeister vorfinden. Und sie werden gewiß keine sonderlichen Schwierigkeiten haben, sich rasch mit den sonderbaren Sitten und Gebräuchen des „besten Klubs der Welt" vertraut zu machen.
Am ersten Tage des neuen Parlaments, etwa eine Woche vor der feierlichen Eröff- nung durch den König, versammeln sich beide Häuser, jedes in seinem eigenen Sitzungssaal. In der Peerskammer teilt der Lord-Kanzler „dem Hause Ihrer Lordschasten" mit, daß „Seine Majestät geruht haben, hohe Bevollmächtigte zu ernennen, denen es obliegen wird, die Prozedur der Parlamentseröfsnung zu überwachen". Die königlichen Bevollmächtigten find fünf in volle Peerstracht gekleidete Lords, die zwischen dem Thron und dem Wollsack auf einer rotgepolsterten Bank Platz nehmen und dem berühmten „Gentleman Usher of the Black Rod" (dem „Zeremonienmeister des Schwarzen Stabes") Befehl erteilen, die Gemeinden vor die versammelten Peers zu laden. Die Gemeinen knallen vor Black Rods Nase die Türe zu und verrammen sie. Doch nachdem er dreimal geklopft hat, wird die Tür wieder geöffnet, Black Rod kommt herein, entledigt sich seines Auftrages und die Gemeinen folgen ihm in corpore zur Peerskammer. Hier eröffnet ihnen der Lord-Kanzler, daß sie aus ihrer Mitte „eine geeignete Person zu ihrem Sprecher wählen sollen und daß diese Person sich morgen hier einfinden möge, um die Amtsbestätigung Seiner Majestät entgegenzunehmen".
Die Abgeordneten begeben sich zurück zu ihrem Hause und schreiten zur
Wahl des Sprechers.
Dessen Sitz, der „Stuhl", ist noch leer. Eaptain F t tz Roy, der Sprecher des alten Hauses und einzig in Frage kommender Kandidat, fitzt zunächst, ganz wie ein gewöhnlicher Abgeordneter, inmitten seiner Kollegen. Der erste Mann, der stch nun erhebt, sagt kein Wort. Es ist der Generalsekretär des Parlamentsbüros, der „Clerk" (Sir Horace Dawkins). Er weist nur stumm auf den Ehrwürdigsten unter den konservativen Abgeordneten, Sir George Courthope, hin. Sir George darf den Mund öffnen und dieses sind die ersten im neuen Parlament gesprochenen Worte. Er schlägt als Sprecher Captain Fitz Roy vor und wird hierin vom ältesten Labour-Abgeord- neten, Mr. Will Thorne, unterstützt. Die übrigen Mitglieder erteilen ihre Zustimmung durch beifälliges Gemurmel. Nachdem dieses geschehen ist, steht Cap- , tatn Fritz Roy selbst auf und erklärt, daß er „sich dem
Hause unterwerfe". Doch bevor er den Stuhl einnimmt, hat er noch der Sitte gemäß etwas zu. zögern; die beiden Abgeordneten, die ihn vorschlugen, haben ihn quasi mit Gewalt zum Stuhle zu zer- r e n. Dieser Brauch geht auf Jahrhunderte alte Vorgänge zurück, als die Sprecher des Parlaments einst von den englischen Königen verhaftet und gar enthauptet wurden und die zu diesem gefährlichen Amt Gewählten stch allen Ernstes dagegen wehrten, es anzunehmen. Nachdem der Sprecher seine Dankrede gehalten und sich gesetzt hat, kommt endlich der Zepterträger, der „Serjeant-at-Arms" (Sir Lonsdale Webster) aus seinem Verschlag hervor und legt die riesige, goldene Amtskeule auf den Tisch des Hauses. Erst durch diese letzte symbolische Handlung ist aus einer „zufälligen Versammlung von Eentlemen" die Gesetzgebende Volksvertretung des Vereinigten Königsreichs Großbritannien geworden. Am nächsten Tage findet
die feierliche Vereidigung der neuen Parlamentsmitglieder
statt. Nicht weniger als 615 Damen und Herren defilieren vor dem Speaker vorbei und legen den ,H»I- digungseid" ab. Der Speaker hat ein Album vor sich, in dem die Photographien und kurze» Lebensbeschreibungen sämtlicher Abgeordneten enthalten find. Während die 615 vor ihm Revue passieren, merkt er sich ihre Gesichter und behält sie für immer. Captain Fitz Roy ist für sein glänzendes Gedächtnis in England Bereits sprichwörtlich bekannt. Jedes Mitglied hat den Schwur nach einer bestimmten Formel herzufagen. Die Prozedur der Vereidigung dauert mehrere Tage. Kein Mitglied des Parlaments Hal im Sitzungssaal einen bestimmten, ihm zugewiesenen Platz. Daher finden sich am ersten Tage viele Abgeordnete bereits um 5 oder gar um 2 Uhr morgens ein und führen um 8, wenn die Türen geöffnet werden, einen wahren Jndianerkainpf um die besten Sitze auf. Seit vielen Jahren sind Lady Astor und Sir Park (Soff, konservativer Abgeordneter für Chatham, bei diesem sportlichen Ereignis stets die Ersten.
Die feierlich« Parlamentseröffnnng findet h» House of Lords statt.
Der König und die Königin kommen in der goldenen Staatskarosse, in großem Pomp, gefolgt von sämtlichen Würdenträgern und berittenen Truppen in Paradeuniform. Im großen Saal des House of Lords warten die Peers auf das Erscheinen des Königspaares. Endlich wird ihr Kommen angekündigt. Der König ist in großem Krönungsornat und hat die Diamanten besäte Krone Englands auf dem Haupte. Dann kommt das dra- M' i.che und traditionelle Warten des Königs auf das Erscheinen der Gemeinen, die Black Rod vors Angesicht Seiner Majestät befohlen hat, die ihn aber absichtlich einen Augenblick warten lassen, um hierdurch die konstitutionelle Begrenztheit der königlichen Macht anzudeuten. Nach Verstreichen der traditionellen Minute erscheinen die Gemeinen. Doch sie dürfen nicht in den Saal. Die Gemeinen haben an der Schranke halt zu machen. Nun kniet der Lord-Kanzler, der greife Lord Sankey, in goldgesticktem Talar und mit einer riesigen Allongeperücke auf dem Haupte, auf den Stufen des T "vncs nieder und überreicht dem König die jchrijttich abgesagte