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Nummer 261*
Freiiag 6 November 1931
21 Zahrgang
Owen young bleibt unbelehrbar
Oer Vater des Loungplanes glaubt immer nech an die Vortrefflichkeit feines Viertes / England und die Reparationefrage / Das Echo der Brüningrede
Nachklänge zur Brüningre-e
(Bon unserer Berliner Schristleilung).
Der Kanzler als Außenminister
Von unserer Berliner Schrift! eitung.
th. Berlin. 6. November.
Die große Rede, die der Reichskanzler gestern im Reichsausschuß des Zentrums gehalten hat (Wir haben im größten Teil unserer gestrigen Auflage darüber bereits berichtet. D. Red.) brachte in sachlicher Hinsicht nicht allzuviel Neues. Der Kanzler hat sich im wesentlichen darauf beschränkt, die politische und wirtschaftliche Gesamtlage in ihrer Entwicklungs- gefchichte und in ihren weiteren Entwicklungsmöglichkeiten zu skizzieren. Ferner konnte man aus dieser Rede gewissermaßen eine Bestätigung des Regic- rungsprogramms entnehmen, über welches in letzter Zeit schon viel gesprochen worden ist. Daß der Kanzler zu diesem Programm die Zustimmung des Zentrums in vollem Umfange finden würde, war von vornherein eine Selbstverständlichkeit.
' Was an dieser Rede in erster Linie Aufsehen er- . regt, ist die Schärfe der Polemik, mit der der Kanzler sich gegen die Opposition wandte, und die schwere Panne, die bei per Berichterstattung über diese Rede vorgekommen ist.
Der Kanzler hat in der an sich langen Ausschußsitzung i« freier Rede gesprochen und deshalb dsuerte es auch mehrere Stunden, ehe die amtliche Fassung des Ausschusses ferttggestellt war, die der Oeffentlichkeit übergeben werden sollte. Eine Nachrichten-Agentur w« jedoch aus Grund einer eigentlich verbotenen Sonderberichterstattung eines Zentrums-Journalisten in der Lage, bereits in den frühen Rachmittagsstunden einen Auszug aus der Kanzlerrede zu veröffentlichen. Als am Abend die amtliche Fassung erschien, stellte es sich heraus, daß recht erhebliche Differenzen zwischen dem ersten und dem zweiten Bericht über die Kanzlerrede vorhanden waren und zwar gerade an einigen nicht un-
derart agitatorische Angriffe erfolg! wären, bie ihr die Fortsetzung jener Haltung unmöglich machen würden."
Nationalsozialisten und Brüning
München, 6. November.
Im „Völkischen Beobachter" wird heute mehrfach zur Rede des Reichskanzlers Stellung genommen. In einem Redaktionsartikel heißt es, ob das Volk die Politik Dr. Brünings als die einzig mögliche betrachte, werde Brüning am 15. November erneut in Hessen feststellen können. In den Augen der Nationalsozialisten sei das einzig Mögliche der Rücktritt des Kabinetts Brüning, das jeder Aenderung der deutschen Außen- und Innenpolitik hemmend im Wege stehe.
In einem Aufsatz des Hauptschriftleiters Rosenberg heißt es am Schluß, trotz aller Zentrumstagungen bleibe nur eine Wahl: Entweder mit Hitler als Führer zu gehen, oder unter die Walze der nationalsozialistischen Volkserhebung zu geraten.
Die Pressestelle der Reichsleitung der NSDAP, endlich schreibt zur Kanzlerrede, die beängstigende Not unserer Tage hätten nicht jene zu verantworten, ine seit Jahren vor der Verelendung de» Volke» durch das System gewarnt haben, sondern die politische Machtgruppe, die die Macht im Staat in oen Händen hielte.
Erneutes Verbot des „Bolksfreunds" in Braunschweig. Der braunschweigische Innenminister Klagges hat das örtliche Organ der S. P. D. den „Volksfreund" erneut aus acht Tage verboten, und zwar, weil in dem Blatt in einem Landtagsbericht unter der Ueberschrift .Minister Klagges provoziert" sich em Zwischentitel befand „Der Minister entschuldigt den Mord an Fischer". Das Verbot trat sofort in Kraft.
Es ist heute noch nicht der Zeitpunkt gekommen, um ein abschließendes Urteil über die Leistungen des Kanzlers Dr. Brüning auszusprechen. Vorläufig befindet sich der Kanzler noch mitten in seiner Arbeit. Er hat vom Parlament abermals eine Schonzeit von mehreren Monaten für die Fortsetzung seines Sanierungsprogramms erhalten, und man wird das Ergebnis seiner Bemühungen abwarten müssen, ehe man beurteilen kann, welche Bedeutung die Aera Brüning für die deutsche Nachkriegspolitik besitzt.
Etwas anderes ist die Sachlage im Hinblick auf die Amtsführung Dr. Brünings als Autzenmini- st e r. Es war bei der Umbildung des Kabinetts zwar begreiflich, daß der Kanzler das Außenministerium zunächst im Nobenamte mitübernahm, weil jede Neubesetzung den damals tobenden parlamentarischen Kamps äußerst erschwert hätte. Diese doppelte Tätigkeit des Kanzlers hätte aber von Anfang an nur als ein möglichst kurzfristiger Uebergangszustand angesprochen werden müssen, und schon in den letzten Wochen hat sich immer deutlicher gezeigt, wie notwendig es ist, bafc der Posten des Außenministers möglichst bald wieder besetzt wird. Der Leiter des Auswärtigen Amtes schlt bei den gegenwärtigen umfangreichen außenpolitischen Arbeiten an allen Ecken und Enden. Das konnte man voraussehen, und man mutz nun versuchen, diesen Mangel möglichst bald aus zuschalt en. Man braucht sich nur vor Augen zu halten, welches enorme Arbeitsprogramm gerade für die nächste Zeit dem deutschen Außenminister zu bewältigen obliegt, um $u erkennen, daß eine nebenamtliche Führung der Außenpolitik aus die Dauer ein Unding ist. Der Reichskanzler hat zwar schon früher starken persönlichen Einfluß auf die außenpolitische Arbeit genommen, aber das ist immerhin noch etwas anderes, als
bedenklichen Punktend Der Kanzler hatte, wenn man der ersten Berichterstattung folgt, die auch mit einigen wenige« Aenderungen von dem dem Zentrum nahestehenden Blatte „Der Deutsche" übernommen wurde, im Anfänge seiner Rede scharfe V o r - würfe gegen die Deutschnationalen und gegen die Deutsche Volkspartei gerichtet. Er hat danach unter anderem gesagt, daß von deutsch- nationaler Seite nach der Bankenkrise der Versuch unternommen wurde, mit Hilfe einer unverantwortlichen Agitation im Volke das Vertrauen zur Reichs- rcgieruna zu erschüttern. Die Tatsachen hätten aber gezeigt, daß das Vertrauen zur Reichsregierung int Volke stärker sei, obwohl das Maß von Unanständigkeit, mit der diese Kreise gefochten hätten, über alles weit hinausgehe. was seit vierzig Jahren an Brunnenvergiftung geleistet worden sei. Ueber die Deutsche Volkspartei habe der Kanzler nach dem gleichen Bericht gesagt, daß der Beschluß der Volkspartei, im Sommer den Reichstag zusammentreten zu lassen, Deutschland an einem einzigen Tage 220 Millionen Reichsmark an Devisen gekostet habe. Man könne mit der Deutschen Volkspartei, wenn sie es wolle, einmal eine recht gründliche Auseinandersetzung vornehmen-
Als am Abend der amtliche Bericht erschien, mutzte man feststellen, datz uttn den Vorwürfen gegen Die Deutsche Volkspartei im amtlichen Text überhaupt nichts enthalten war, während die Auseinandersetzung mit den Deutschnationalen im Tone wesentlich abgemildert war.
Die Deutschnationalen werden als solche überhaupt nicht genannt, sondern es heißt lediglich, daß die großen oppositionellen Gruppen, vor allem der Alldeutsche Verband, aus den Schwierigkeiten der damaligen Zeit eine große Oppositionsbewegung schaffen wollten, und daß dies in einer Form geichehen fei, bte in bei Unnoblesse über alles hinausgehe, was mnn in Deutschland gewohnt sei. Das Wort „Un- anftänbigteif unb das Wort „Brunnenvergiftung" kommt im amtlichen Text nicht vor. Selbstverstandl.ch werden diese Differenzen in der Berichterstattung heute von der rechtsstehenden Presse aufgegriffen und der Kanzler wird z. B. im „Tag" ausgefordert, toenn er es für notwendig hält, seine politischen Gegner anzugreifen, bann wenigstens Tatsachen zu nennen. Auch der Pressedienst bei D. V. P nimmt zu biefen Vorgängen Stellung und schreib: na- Die Deutsche Volkspariei denkt nicht daran, einer Auseinandersetzung mit dem Reichskanzler andern Wege zu gehen wenn et Fe wünscht. Sie hat ihm gegenüber auch in dem Augenblick des Ueberganges zur oppositionellen Haltung unb stets eine loyale Hosting eingenommen. Sie würde es bedauern, wenn
England in Frankreichs Spuren?
Eigener Drahtbericht."
Paris, 6. November.
Der Sonderberichterstatter des „Matin" Stephan Lausanne hat eine Unterredung mitOwenYoung gehabt, ber u. a. bie Ansicht äußerte datz fein Plan auch auf die jetzigen Verhältnisse Anwendung finden könne. Young habe u. a. ausgeführt, datz der Mechanismus des Planes so geschmeidig wie möglich sei und daher den Ereignissen angepatzt werden könne. Seiner Meinung nach sei der Mechanismus auch heute n o ch g u t, wenn man mit gutem Willen an feine Anwendung herangehe. In erster Linie fei notwendig, die Achtung vor den übernommenen Verpflichtungen wieder herzustellen. Wenn man ein Abkommen freiwillig unterzeichnet habe, müsse man es wohl auch getreulich durchführen. Diese Grundregeln seien sowohl auf öffentliche Verträge wie auch auf Privatabkommen anzuwenden. Wenn man diese verletze bestehe auch kein Grund, die anderen zu halten. Aus diese Weise werde der Kredit vernichtet. Ein Moratorium sei ein Ausnahmezustand; unter gewissen Umständen könne der Ausnahmezustand selbstverständlich verhängt werden, doch sei es nicht möglich, normal unter ihm zu leben. Stephan Lausanne rügte hinzu, daß diese Worte Owen Youngs wert seien, in Europa geyört zu werden.
Deutschlands Standpunkt zum Youngplan ist zur Genüge bekannt. Besonders hervorgehoben ist in letzter Zeit, datz der für die Einleitung eines Moratoriums vorgesehene Mechanismus unzureichend ist. Daß Owen Young seinen eigenen Plan nicht bloßstellen wird, leuchtet ein. Zn bedauern ist, daß man seine Aeußerungen auf dem Umwege über ein sachlich stark interessiertes Land erfährt, und datz jeder Hinweis darauf fehlt, wie grundlegend sich bie wirtschaftliche Gesamtlage seit ber — von vielen Seiten schon damals scharf bekämpften Annahme des Youngplanes geändert hat.
Erst Tribute, daun privatschulben?
London, 6. November.
Der Pariser Berichterstatter bei „Morningpost" eifährt aus gutei diplomatischer Ouelle, daß der »lusgabenkreis des für Untersuchung der deutschen Zahlungsfähigkeit vorgeschlagenen Ausschusses groß enug sein werde, um Deutschland die Vorlage aller einschlägigen Angaben zu ermöglichen. Die allgemeine "inanzlage der Welt und ihre Beziehungen zu Deutschlands Zahlungsfähigkeit werde mit in bie Untersuchung einbezogen werden.
Es bestehe Grund zu der Annahme, datz das englische Autzenamt mit der französischen Regierung über die beabsichtigten V e r - handlungsmethvden übereinstimme, und man könne annehmen, datz die deutschen Hoffnungen, die Privatschulden würden den Vorrang vor den Tributen erhalten, enttäuscht werden würden.
Der Berichterstatter bei „Time s" in Paiis er- kläit, es sei noch itnmet unmöglich zu sagen, weiche Zugeständnisse bie Fianzosen machen würden, wenn Deutschland den Vorrang der Tribute vor den anderen Schulden anerkenne. Die Größe der deutschen Privatschulden werde in Frankreich sicherlich nicht übersehen. Laval habe in feinen Befprechungen mit dem Botfchafter von Hoesch darauf hingewiesen, daß die Tributjahresleistungen im Vergleich mit den anderen Schulden tatsächlich zu klein seien und datz ihre Stundung keine Erleichterung bringen würde. In Paris wützte man, daß ein Bankrott Deutschlands für Frankreich ernstere Folgen als nur den Verlust von 320 Millionen Goldmark, bte nach Deutschland verliehen seien, haben würde. '
Der diplomatische Mitarbeiter der „Financial News" weicht in seinen Aeußerungen ziemlich von dem ab, was der Berichterstatter der „Morningpost" sagt. Er ist der Ansicht, daß von den Verhandlungen des deutschen Botschafters mit der französischen Regierung nur wenig zu erwarten sei, da die Verhandlungen in Washington nicht dazu beigetragen hätten, die französische Haltung zu mäßigen.
Manche Kresse hätten gehofft, datz Laval, nachdem er in Washington einen vollkommen diplomatischen Sieg davongetragen hatte, diese Gelegenheft zu einer schönen Geste für eine versöhnlichere Haltung benutzen würde. Diese Hofsnmtg sei jedoch getäuscht worden. Frankreich stehe noch immer auf dem engherzigen Standpunkt, den es während der ganzen Krife eingenommen habe. Die Aufrechterhaltung des deutschen Standpunktes, datz die Privatschulden den Vorrang vor den Tributen haben müßten, habe in der City eine günstige Aufnahme gesunden.
Man hoffe, daß Deutschland die Interessen seiner Privatgläubiger nicht einem sehr fragwürdigen Tributabkommen mit Frankreich opfern werde. Sonst werde es kaum wieder eine Ausländsanleihe erhalten. Das Reich würde dann auch nicht in der Lage fein, die Tributzahlungen wieder aufzunehmen. Es wäre in diesem Falle völlig aus Frankreich angewiesen, um Die Mark stabil zu halten.
wenn er lediglich mit Unterstützung des Staatssekretärs allein die volle Last der Arbeit und der Ber- anrwortung neben dem Kanzleramte zu tragen hat. Auch Stresemann hat diese Doppelfunktion nur ganz wenige Monate erfüllen können, und in einer Zeit, in ber mit Rücksicht auf die überaus drängenden Probleme der Innenpolitik und der Wirtschaftspolitik ber Kanzler ohnedies sehr stark in Anspruch genommen ist, verlangt es das Interesse der Sache, -datz das Auswärtige Amt wieder seinen eigenen Chef bekommt.
Die Rückkehr des französischen Ministerpräsidenten Laval aus Washington hat geradezu eine Periode der außenpolitischen Hochkonjunktur für uns eingeleitet. In der nächsten Zeit wird die dauernde Fühlungnahme nicht nur zwischen Berlin und Paris, sondern auch mit den diplomatischen Vertretern der anderen am Reparationsproblem beteiligten Mächte ein außergewöhnliches Maß von Arbeit bringen. Man sieht jetzt deutlich genug, daß die Differenz der Auffassungen zwischen Paris und Berlin in der Prioritätsfrage zwischen Reparationen und Krediten zu suchen ist. Während die Franzosen nach wie vor die Reparationsfrage in den Vordergrund schieben, mutz von Berlin aus die Linie innegehalten werden, datz dieses Problem nur in Verbindung mit ber Amortisation ber kurzfristigen Auslandsverschul-- b il n g gelöst werden kann. Eine zweite Alternative, die sich mit der ersten in gewissem Sinne durchkreuzt, liegt darin, datz die deutsche Außenpolitik bas Ziel verfolgen muß, sobald als möglich zu einer definitiven Regelung ber Reparationssrage zu gelangen, währenb man in Frankreich wieder einmal Miene macht, ein neues Provisorium einzuschalten, um uns erst bie Möglichkeit einer Regelung unserer Kreditverbindlichkeiten und damit einer Stärkung unserer Leistungsfähigkeit zu geben, ehe man auf einer solchen veränderten Basis an eine für uns dann zweifellos ungünstigere Endlösung des Reparationsproblems Herangehen will. Dabei wird ein spezielles Kampfziel des deutschen Außenministers in ber Widerlegung der zahlenmäßigen französischen Forderungen zu erblicken fein, denn wenn man in Frankreich den Standpunkt gelten läßt, daß die Franzosen vor allem für die eigentlichen Wiederaufbaukosten in den vom Kriege zerstörten Gebieten entschädigt fein wollen, so sind ihre weiteren Forderungen eigentlich gegenstandslos, denn nach neutralen Feststellungen hat Frankreich aus den deutschen Reparationsleistungen bisher bereits rund 18 Milliarden erhalten, während die Wiederaufbaukosten auf nur 16 Milliarde» veranfchlagt worden sind.
Schon diese wenigen Andeutungen zeigen, welche Fülle von Arbeit für einen deutschen Außenminister in der nächsten Zeit vorhanden ist. Dr. Brüning neigt ohnehin dazu, einen großen Teil der Arbeit selbst zu erledigen, bte ein Kanzler eigentlich seinen Mitarbeitern überläßt. Daraus ergeben sich mit Naturnotwendigkeit Hemmungen und Verzögerungen, und wenn in den letzten Monaten selbst aus dem Kreise seiner Anhänger am Kanzler und seiner Tätigkeit Kritik geübt worden ist, so ging sie zumeist in der Richtung, daß Dr. Brüning mit den seit langer Zeit angekündigten Schritten und Maßnahmen zu lange gezögert hat. Eine übermäßige Arbeitsfülle muß zur Zersplitterung führen, und man kann sich schon jetzt schwerlich vorstellen, wie es möglich sein soll, daß der Kanzler als Außenminister an einer voraussichtlich bevorstehenden neuen großen Reparationskonferenz teilnimmt, und damit wochenlang außer Landes bleibt, während wir uns um diese Zeit wahrscheinlich noch mitten in den Schwierigkeiten des Winterhalbjahrs befinden werden, die eine straffe zentrale Leitung der Reichspolitik durch den Kanzler in Berlin verlangen. Keinesfalls dütfen die Pflichten des Außenministers den Kanzler von seiner Tätigkeit als Leiter der Eesamtpolitik ablenken. Hinzu kommt, daß Dr. Brüning auch durch seine Tätigkeit als Zentrumspolitiker in Anspruch genommen wird, unb es bleibt zum Beispiel unter allen Umständen beklagenswert, daß die so dringend notwendigen Arbeiten ber Unterausschüsse des Wirtschaftsbeirates erst Anfang nächster Woche beginnen können, während inzwischen ber Kanzler durch außenpolitische Beratungen und durch den Reichsausschuß des Zentrums in Anspruch genommen war.
Das Gebiet, das in Brünings Händen zweifellos am schlechtesten verwaltet wird, ist die Leitung und Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Hier offen-
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Das Mall des LaildMö
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