Sette 3 '
Aus Geiz verhungert
Paris, 2. November.
In Toulouse ist ein 64jähriges Ehepaar aus Geiz verhungert. Die betagten Eheleute wohnten bereits seit Jabren in einer kümmerlichen Dachwohnung im Zentrum der Stadt. Es war kein Geheimnis, daß der Mann vollständig unter dem Einfluß seiner Frau stand, deren Geiz soweit ging, tagelang keinen Pfennig Geld für die notwendigsten Lebensmittel auszugeben. Bereits Mitte Oktober harte der Hausbesitzer das Ehepaar, bis zum Skelett abgemagert, im Zimmer aufgefunden und versucht, die Stau öon chrem krankhaften Geiz abzubringen. Ms er am Freitag wieder die Wohnung betrat, sanü-er die Greisin bereits tot im Bett auf, während der Mann an ihrer Seite nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab- Ein herbeigerufener Arzt stellte fast, daß beide der Unterernährung zum Opfer gefallen waren. Im Schrank fand man ein Sparkaffenbuch, das über einen Betrag von 20 000 Franken lautete.
Er wollte nach Amerika
— und landet in Afrika.
Paris, 2. Skovember.
Die Hafenbehörden von Casablanca wurden dieser Tage davon benachrichtigt, daß ein Faltboot in der Nähe der Küste vor Anker gegangen sei und daß der Insasse mit dem Revolver in der Hand jeden Annäherungsversuch abweise. Ein ausgesandtes Polizeiboot stellte fest, daß es sich um einen Deutschen namens Fritz Engeler handelt, der von Hamburg aus mit einem Dampfer nach Lissabon gefahren war und von dort aus mit seinem Faltboot Amerika erreich«» wollte. Er wurde von einem Sturm getrieben und gelangte so nach Nordafrika, ^ritz Engeler wird Casablanca bald wieder verlassen; er will Amerika unter allen Umständen erreichen.
Gireü um Edisons Erbschaft
Neuyork, 2. November.
William Edison, der zweite Sohn Thomas Edisons aus erster Ehe, hat erklärt, daß er den letzten Willen seines Paters anfechten wird, der den Hauptteil seines 12-Millionen-Dollar-Vermögens seinen Söhnen Charles und Theodore aus zweiter Ehe überlassen habe. William Edison ist der Ansicht, daß die geistigen Kräfte seines Vaters zur Zeit seiner letztwilligen Verfügung bereits geschwunden gewesen seien und behauptet, daß aus seinen Vater von seiner zweiten Frau und von Charles Edison ein ungeheurer Druck ausgeübt worden sei. Ob sich die anderen drei Kinder aus erster Ehe der Klage anschließen werden, ist jedoch noch nicht sicher.
Kleine Chronik
Am stärksten von den deutschen Mittelgebirgen sind die Schneefälle im Schwarzwald. Auf dem Feldberg liegt schon eine Schneedecke von einem Meter, an einzelnen Stellen, wo Verwehungen sind, beträgt sie sogar 21/ Meter.
*
In Schlesien und im Riesengebirge ist sehr kaltes und stürmisches Weiter. Im Gebirge liegen 30 bis 40 Zentimeter Schnee, auf dem Kamm herrschen sieben Grad Källc. Schwerer Sturm hat im Flachland großen Schaden angerichtet. In den höheren Lagen bw stehen schon Sportmöglichkciten.
* . -
In einem Erholungsheim der Berliner Knorr A.«G. in Wvk auf Föhr erschoß ein Gast des Hauses, ein junger Mann, aus Versehen ein Itzjähriges Mädchen, dem er den Revolver erklären wollte. Der Vater des Mädchens ist bei der Berliner Gesellschaft angestellt.
Montag, 2. November 1931
Kasseler Neueste Nachrichten
Aus aller Well
Oer Tod als Spielzeug
Calmette-Proze- auf Mittwoch vertagt.
Lübeck, 2. November.
Am 16. Verhandlungstag im Calmetto-Prozeß sagte die Hebammenschwester Heuer aus, daß in einem Satt ein Kind von der ersten Fütterung nur die älfte erhielt, weil es den Rest wieder ausspie Die anderen Ampullen seien nur noch zum Teil gefüllt gewesen, da die übrigen Kinder der Familie mit den Ampullen spielten und sie ausschütteten.
Bei der Vernehmung einer anderen Hebammenschwester wird bte Tatsache festgestellt, daß von einem Ausgangspräparat vier Kinder gefüttert wurden, aber nur drei starben und daß von einem anderen Präparat sechs Säuglinge Fütterungen erhielten, aber nur vier gestorben sind.
Es wird dann die Hebammenschwester Frau Grammel vernommen. Die Schwester fütterte insgesamt 29 Kinder. Darunter befindet sich ein Kind aus tuberkulösem Milieu, das die Fütterung bereits vor der offiziellen Einführung des 8O6-Verfahrens Anfang Januar erhielt. Diese Fütterung wurde mit Zustimmung des Vaters und auf Antrag der Tuberkulose-Stelle ausgeführt. Das Kind ist nicht erkrankt. Im Laufe der Vernehmung sagt die Schwester aus, daß der zweijährige Bruder eines gefütterten Säuglings nach der Fütterung den Löffel, mit dem das Präparat eingegeben wurde, einmal abgeleckt hat und später daran erkrankt ist.
Professor Ludwig Lange: Sie haben doch von dem Präparat, das an das Kind Stak gegeben worden ist, aus einem Ampulle selbst ein Drittel genommen?
Zeugin: Ja, aber das war wohl nicht ganz soviel.
Prof. Lange: Ich wollte hiermit auch nur feststellen, daß diese Schwester selbst von dem Präparat eingenommen hat und damit beweisen wollte, daß das Mittel unschädlich ist. Zu bemerken ist, daß das Kind Stak an der Fütterung nicht gestorben ist.
Die Verhandlung wird dann auf Mittwoch vertagt. An diesem Tage wird Professor Dr. Schürmann (Berlin) einen Demonstrationslichtbildervortrag über di« verschiedenen Arten der Tuberkulose und über die Sektionsbesunde in Lübeck halten.
Seit 8 Zähren eingesperrt
Irrsinnig aufgefunden.
Darmstadt, 2. November.
In dem kleinen Ort Stockstadt am Rhein wurde von den Einwohnern schon feit einer Reihe von Jahren die Schwester eines Friseurs vermißt. Nachforschungen nach dem Verbleib des Mädchens hatten bislang keinen Erfolg, bis sich jetzt die Kriminalpolizei der Sache annabm und dieser Tage eine Haussuchung bei dem Friseur vornahm. Als die Beamten in eine abgeschlossene Kammer kamen, fanden sie das jetzt 24 Jahre alte Mädchen in völlig verwahrlostem Zustande und bis zum Skelett abgemagert im Bette liegend vor. Das Mädchen war von seiner Mutter fett seinem 16. Lebensjahre in der kleinen üftmmer gefangen gehalten worden, wo es infolge Fehlens jeg- lichen Verkehrs mit anderen Menschen und durch die schlechte Behandlung und Verpflegung geisteskrank geworden ist. Das unglückliche Geschöpf wurde sofort einem Krankenhaus zugeführt. Gegen die schuldigen Angehörigen wurde Strafanzeige erstattet. Wie verlautet, soll das Mädchen von seiner Mutter deswegen eingesperrt worden sein, wett diese ein Verhältnis mit einem Mann unterhielt, bei dem ihr die Tochter im Wege war.
Heimattreu
Amerikaner als Spreewald-Mäzen.
Vetschau. 2. November. '
In Betschau im Spreewald wurde dieser Tage der wiederhergestellte Rittersaal im Schloß feierlich einge- weiht. Die Mittel zur Wiederherstellung stiftete der Neuhorker Kaufmann. Richard Hellmann. Mr. Hellmann, ein gebürtiger Vetschauer, hat seiner Vaterstadt eine größere Stiftung überwiesen, aus deren Erträgniffen auch eine Turnhalle und ein Stadion geschaffen wurden und die Bedürsttgen laufend unterstützt werden können. Reben dem Stadion will Mr. Hellmann noch einen Kinderspielplatz und eine Schmuckanlage errichten lasten, wozu er bereits den Grund und Boden erworben hat. Auch zur Durchführung weiterer städtischer Projekte, der Errichtung einer zentralen Wasterversorgung nebst Kanalisation
und der Schaffung einer direkten Wasserstraße in den Spreewald, beabsichtigt Mr. Hellmann beizutragen. Die Stadt ehrte ihren Wohltäter durch die Ernennung zum Ehrenbürger.
Brandglocke kündet
Bürgermeisterwahl
Ei» alter Brauch i» Münster.
Münster, 2. November.
Akorgen wählt Westfalens Hauptstadt Münster einen neuen Oberbürgermeister. Ein alter Brauch wird an diesem Tage wieder lebendig. Seit Jahrhunderten wird die Wahl des Oberbürgermeisters mit einem feierlichen Gottesdienst in der St. Lamberii- Kir-bc eingeleitet. Hierbei ertönt das Geläute der fög. „Rats- und Brandglocke". Die Glocke hängt auf dem Turm der alten, stolzen Ratskirche St. Lamberti und ist 1594 gegossen worden. Sie hat einen seltsam mißtönenden Klang, der nicht etwa auf einen Sprung zu- rückzusühren, sondern durch die ungewöhnliche Kesselform und den Wunsch, das Geläut als Alarmglocke so charakteristisch wie möglich zu machen, bedingt ist. Das prägt sich auch in der merttoürbigen Inschrift aus: Vocor horribilis tempore periculi cives convo- cans. b. L: Ich heiße die Schreckliche und rufe zur Zett der Gefahr die Bürger zusammen. Außerdem
trägt sie noch das von Löwen getragene Stadtwappen mit der Unterschrift: Des Rades Waben io Munster. 1594. Im Zeichen des modernen Feuermeldewesens hat sie ihre Funktion als Brandglocke längst eingestellt, nur zur Wahl des Oberbürgermeisters wird sie, wie so oft in Jahrhunderten auch am Dienstag, dem 3. November, ihre merkwürdige Stimme erschallen lassen.
Zehn Tote im Schacht
ExplosipnsungMck auf einer schottischen Kohlengrube.
London, 2. November.
Eine schwere Explosion, die sich auf der Bowhill- Zeche in der Grafschaft Fifeshire ereignete, forderte zehn Menschenleben. Mit Ablösung wurde viele Stunden lang gearbeitet, um an die eingeschlossenen Bergleute heranzukommen, aber das AuSströmen tödlicher Gase machte den Abbruch der Rettungsarbeiten erforderlich, fodaß die ganzen Anstrengungen zunächst vergeblich waren. Die Rettungsmannschaft konnte durch einen anderen Schacht ins Freie gelangen, lieber die Ursachen der Explosion ist noch nichts Näheres bekannt. Erst einer zweiten Rettungsmannschaft gelang es viele Stunden später, die völlig verkohlten Leichen zu bergen.
Ein Vermögen für eine Tulpenzwiebel!
Der Tulpenschwindel in den Niederlanden
Dr. E. van H u l st la m p.
Intermezzo.
Im Handumdrehen kamen arm« Personen zu Reichtum. Ein Mann gewann in wenigen Wochen 60 000 Gulden. Im Jahre des Zusammenbruchs des Tulpenschwindels, 1637, wurden zum Nutzen des Waisenhauses in Alkmaar noch 120 Tulpenzwiebeln für 90 000 Gulden öffentlich verkauft. Im Laufe weniger Jahre wurden in einer einzigen holländischen Stckdt mehr als 10 Millionen Tulpen umgesetzt. Es war ein richtiges Börsenfpiel. nur daß die Aktie hierbei Tulpe hieß.
Von den vielen Anekdoten seien zwei besonders charakteristische mitgeteilt: Ein Kaufmann hatte für 500 Gulden eine Tulpenzwiebel gekauft. Kurz daraus brachte ihm ein Bootsmann Waren, und er ließ ihm als Erfrischung einen Hering' und eine Kanne Bier reichen. Der Schisser sah die teure Zwiebel liegen, glaubte, es sei eine gewöhnliche und verspeiste sie zu dem Hering. Dieser Mißgriff kostete den Kaufmann mehr, als wenn er den Prinzen von Oranten bewirtet hätte. —
Ein Engländer fand in einem Garten ein Paar Tulpenzwiebeln, die er zu sich steckte, um naturwissenschaftliche Beobachtungen daran zu machen. Er wurde als Dieb verklagt und hatte schließlich eine ansehnliche Rechnung zu bezahlen.
Der plötzliche Zusammenbruch der Tulpenmanie erfogte 1637. Die wahnwitzige Massenekstase schlug in eine ruinöse Panik um. Die Zwiebeln, deren Gewicht eben noch mit Gold ausgewogen wurde, jmt- ken über Nacht zu wertlosen Knollen herab. Ein „Semper Augustus" kostete jetzt 50 und schließlich nur noch 5 Gulden. Der Traum vom unermeßlichen Reichtum war ausgeträumt. Die Tulpenhändler beriefen öffentliche Versammlungen ein und hielten die schönsten Rehen, worin bewiesen wurde, daß ihre Ware genau so viel wert sei wie ehemals. Die Reden ernteten mächtigen Beifall, aber die Zwiebeln blieben trotzdem wertlos. Die vielen Klagen wegen Kontraktbruchs blieben zunächst ergebnislos, weil die Gerichte sich nicht mit Apiclgeschäften abgeben wollten. So tiefgreifend war die Kluft zwischen dem früheren Enthusiasmus und der jetzigen Panik, daß viele Jahre vergingen, bis das Land sich von diesem Schlag wieder erholte, und bis der Handel von den Wunden wieder genas, die ihm die Dulpen- manie geschlagen hatte. Hatte sie sich doch bis nach London und Paris erstreckt und auch hier der Tulpe einen erdichteten Wert beigelegt, den sie in Wirklichkeit nie befaß.
Die verschiedenartigsten Momente verleihen immer wieder den augenfälligsten Scheinwerten.eine Bedeutung, durch die nicht selten die Wirtschafts- strundlage ganzer Staaten erschüttert wird. Es ist ta ein offenes Geheimnis, daß bei den heutigen Börsenmanövern der suggestive Faktor eine ausschlaggebende Rolle spielt, so sehr, daß sich fast nie- manh seiner Einwirkung entziehen kann. Allerdings ist die Lächerlichkeit der Voraussetzungen selten so klar ersichttich, wie gerade bei diesem holländischen
Die Finanzkrise der letzten Wochen lehrt wieder einmal, in wie hohem Maße die Erscheinung der Massensuggestion Krisen in gefährlichster Art verschlimmern und sogar verursachen kann. In der Geschichte der Völker ist das eine alte Beobachtung, deren man sich allerdings im entscheidenden Augenblick nur zu selten erinnert
. Daß die harmlose Tulpenzwiebel ein ganzes Volk, bte Niederlande, in eine Krise von gewaltigsten Dimensionen stürzen konnte, wird man heute kaum für möglich halten wollen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die Tulpe aus Asten nach Europa gebracht worden. Nachdem ihr Anbau als Zierpflanze Jahrzehnte hindurch ohne besonderes Aufsehen erfolgte, wurde Holland im 17. Jahrhundert mit einemmal von einer solchen Leidenschaft für diese Blume erfaßt, daß sie Gegenstand der wllsten Spekulationen wurde. In Amsterdam, Rotterdam, Utrecht, Leiden, Harlem entstanden große Handelshäuser für Tulpenzwiebeln. Gewissen Spielarten der Tulpe legte man einen phantastischen Wert zu, der ein reiner LiebAkberwert war.
Alle Kniffe der heutigen Börsenmanöver tarnen bei diesen Geschäften zur Anwendung. Man verkaufte Zwiebeln, die man im Augenblick des Geschäftsabschlusses gar nicht besaß, für unerhörte Summen und mit der Lieferungsverpflichtung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Konnte man dann der Verpflichtung nicht rechtzeitig nachkommen, wurde Hab und Gift verlaust, um den Vertrag zu erfüllen. Es handelte sich habet um enorme Summen, denn 200 Aß (die damalige Gewichtseinheit für Zwiebeln) der Varietät „Semper Augustus- galt 5600 Gulden, ja einmal wurde sogar eine einzige Zwiebel dieser Spielart für 13000 Gulden losgeschlagen, ein anderes Mal drei Stück dieser Art für 30000 Gulden! Und es kam gar nicht selten vor, daß Kontrakte abgeschlossen und Taufende von Gulden für Tulpen gezahlt Wurden, die weder die Händler, noch die Käufer gesehen hatten.
Ämgefangen von den Ebelleuten bis zu den Schiftern, Bauern und Knechten gab es niemand, der nicht mit Tulpen handelte. Selbst der nüchterne Holländer träumte damals davon, ein dauerhaftes Glück vor sich» zu sehen. Biedere Leute versilverten ihr Eigentum, Häuser und Besitztümer wurden zu Schleuderpreisen feilgeboten. Man Pflegte die trü» gerrsche Hoffnung, daß die Leidenschaft für Tulpen von unbegrenzter Dauer sein würde. Ein Chronist berichtet: „Ms man erfuhr, daß auch das Ausland von dem Fieber ergriffen wurde, fo glaubte man, daß der Reichtum der Welt sich an den Ufern des Zuydersee konzentrieren und daß hie Armut hin- füro zur Sage in Holland werden würde*.
Daß man sich wirklich ernsthaft diesem Glauben ergab, beweisen die Preise für Tulpenzwiebeln. Es war eine ausgesprochene Manie, denn, wie viele glaubwürdige Zeitgenossen versichern, wurden Güter im Werte von 2500 Gulden für eine Spezies hingegeben, in einem Jolle wurden für eine Tulpe zwölf Acker Land gezahlt.
Vie heutige Wummer umfaßt 12 Seiten
■
Verantwortlich für Jen politischen Teil: Dr. Walter Pehnt: für das Feuilleton: German M. V o n a u: für den lokalen Teil: Dr. Ha ns Joachim ® laber; für den Heimaiteil: Rudolf Gläser: für Handel: Dr. Hans 8 a nä e n 6 e r a: für den Sportteil: Herbe rt s-peich: Photo-Redakteur: Eduard Schulz- Kelf e l; für Anzeigenteil: Sotirad Wachsman«. — Berliner «chriftleitung: Dr Walter Thum. 8er- Un SW. 68. Druck und Verlag: Kasseler Neueste Rachrrchte« G. m. b. H.. Kassel. Kölnische Straße 10.
Zur Erlangung schöner weißer Zähne benutzt man zweckmäßig die bekannte Chlorodont-Zahnpaste. Hüten Sie sich vor billigen, minberoertigen Nachahmungen.
Noel Coward: „Zniimiiä'ien"
Starker Komödienerfolg des Kleinen Theaters.
Kassel. 2. November.
Coward will einen Beitrag zum Eheproblem geben nach dem 3af>: Gleichnamige Pole stoßen sich ab, ungleichnamige ziehen sich an — fragt sich nur, wie lange:
Eine Ehe zwischen zwei mondänen, genießerischen Menschen, Helen und Nennet, ist unter „schlagenden" Begleiterscheinungen auseinandergegangen. Helen hat bei Motor, einem braven, nachgiebigen Jungen, Zuflucht vor ihrer eigenen Unzuvertässigkeit gefunden und ihn geheiratet. Bennett glaubt ebenfalls in einem netten aber hausbackenen Geschöpf, das auf den Vornamen Sibhl hört, das gesunden zu haben, was er bei Helen vermißt, absolute Treue, Haus- fraulichkeit und Zuverlässigkeit. Im gleichen Hotel Zimmer an Zimmer, Balkon an Balkon, wohnen die beiden Paare vor ihrer Hochzeitsnacht
Hier beginnt die Komödie: Abwechselnd verraten die Eheleute auf dem Balkon Intimitäten ans ihrem Leben. In jedem Gespräch spuken bte „erste Frau" und der „erste Mann" herum, wobei aus dem Gegensatz mondän-hausbacken der erste Streit entsteht. Di« Situation vor der Hochzeitsnacht wird rettungslos verdorben, als Helen und Bennett sich sehen. Jeder schlägt nun seinem Ehepartner schleunig« Abreise vor. Die Szene endet mit -Wei verkrachten Ehen und der Flucht von Helen und Bennett.
Im zweiten Akt passiert in der Tat nichts weiter als daß sich di« WiederMfundenen verliebt, sehr verliebt behände^" Es wird geküßt, umarmt, klein gestritten, groß gestritten, wieder vertragen, geküßt, gestritten. Jedenfalls behält das physikalische Gesetz von den gleichnamigen Polen die sich abstotzen, rrchl: Der Akt endet beinahe mit „Mord und Totschlag". In den temperamentvollen Zweikampf der beiden, in em heillos verwüstetes Zimmer platzen die zwei aus den verkrachten Ehen Uebriggebliebenen, Victor und Sibyl, die — im dritten Akt — ihrerseits dem immerhin kultivierten Zweikampf von Helen und Bennert einen mit hausbackeneren Waffen geführten Mampf folgen lassen, dem das wieder versöhnte erste Paar Heimlich in alle Welt entflicht.
Wozu Coward diese Komödie schrieb? Zunächst wohl nur um ein klar gebautes, auf witzige Wiederholungen, auf These und Antithese gebautes Stück zu schreihen. Dann: zu beweisen, daß „Gleich und gleich gesellt sich gern" nicht für Eheleute paßt und
die Physik recht behält. Schließlich: um bas Komische, Kranke, Gemeinschaftsunsähige an nervösen, versnobten, oberflächlichen Großstadtmenschen aufzuzeigen. Daß ihm sein Vorhaben bis zu einem gewissen Grade gelungen ist, zeigt der laute Beifall, den die von Hans von Wild ausgezeichnet 'inszenierte Aufführung der Intimitäten'' in Kassel fand.
*
Das Kleine Theater ist — nach Jahren — wieder in der Lage, Komödien dieser Art zu besetzen. Es hat in Ilse Itraaten eine Schauspielerin verpflichtet, die diesen nervösen, launischen, mondänen Typ der schönen Frau weit besser und echter bar» stellen kann als das wohl je ein Mitglied des Kleinen Theaters, Dörte Varell eingeschlossen, vermochte. Die Tatsache, daß sie sogar den an sich viel zu Ian» gen, in zärtlichen Situationen ausartenden zweiten Mr mit spielerischer Spannung laden konnte, ist gewiß die beste Anerkennung für ihr Können. Freilich ist Hans Kühlewein an diesem Erfolg zur Hälfte beteiligt. Kühlewein beweist feinen sicheren Geschmack vor allem in den .verliebten" Szenen. Seit seiner Gründung hat das Kleine Theater nicht einen so viel verwendbaren „Bonvivant" besessen. So ergibt sich, zieht man in die heutige Wertung den auch in dieser Komödie ausge-^chnet charakterisierenden Heinz Moog und die in ihrer Trockenheit köstliche Annemarie Olbis ein, di« erfreuliche Tatsache, daß das Theater in der Hohenzollernstraße gerade üt seinem schwersten Winter durch fein Ensemble am besten gegen den Publikumsschwund gewappnet ist. Hält das Repertoire für die Folge Niveau, so ist für das Bestehen der zweiten Kasseler Bühne nichts zu fürchten. • V.
OfaaMeater
„Garmen": Liuba Senderowna in der Titelrolle.
Kassel, 2. November.
Nach der packenden fülligen Verkörperung der Amneris durch Ljuba Senderowna war man auf ihre Carmen besonders gespannt: Hier mutzt« ein Temperamentswechsel sich vollziehen, den man auch einer Sängerin vom Format der Lstcha Senderowna nicht ohne weiteres zumuten konnte. Die gestrige Ausführung brachte insoweit eine Uefce$=
raschumg, als etwaige Befürchtungen nach der darstellerischen Seite volttommen zerstreut wurden, weil die Künstlerin ihre Carmen ganz nach einem Willensstärken, suggestiven fast überreifen TVV hinüberspielte, der Zwar im Gegensatz zu dem üblichen Typ her tänzerischen, durch Schönheit und — „Sex appeäl" hinreißenden Ea:men steht, aber — abgesehen von ihrem Aeußeren — überzeugen konnte. Besonders im dritten Aki, der die schicksalhafte Wendung bringt, ist Ljuba Senderowna von geradezu dämonischer Kraft. Gesanglich ist nur Gutes zu berichten: Das köstliche Lied „Da draußen am Wall von Sevilla" wurde mit einer Pianokultur vorgetragen. die ihresgleichen sucht. Im Schlutzduett des vierten Ak.s konnte sich die Größe ihrer Stimme temperamentvoll „e..tladen", befeuert von der ebenbürtigen Leistung Fritz Fitzaus, dessen Jon Jose, hier schon gewürdigt, wieder bestes Zeugnis ablegte für die hohe Stimm- und Spbelkultnr dieses Sängers.
Die Ausführung, noch im alten, aber prachtvoll tarbigen Bühnenbild S^önkes, barte. ab"eseben von „Schönheitsfehlern" des ersten Aktes, ganz großes Format. Der zweite Äfft wurde, angetrieben vom hinreißend schön spielenden Orchester, musikalischer und do-' "'-rischer unjt des Abends. Besonderes Lob verdient wieder der rhytbinisch px- k-bmingte, wundervoll eratte tänzerische Auftakt des Schlußaktes und die Leistung des Chors, der -uch de- neuen, oft schon zu temperamentvoll genommenen Tempi Abravawels spielend folgte. V.
Kasseler Konzerte
SRnftunWbe äBeeMeiet am Mefenaatieeetee.
Eine stimmungsvolle Stunde bot uns Franz und Olga Schulz mit einem Tets, ,brer Schüler in 6er Kirch? zu Kirchditmold. Georg -chmtdr spielte die Orgel, (fr begann mit einem Präludium über das alte Lutberlied ..Eine feste Burg". In seiner vornehmen Art sang Kranz Schulz unendlich zart ,-fietn Halmsetn wächli auf Erden" von Friedemann Bach. Der «chulzsche Frauenchor hat gut klingende Stimmen und sang „Ein feste Burg" als ein rechtes Trublied, wundervoll weich klang dann vom Ehor ..Süßer Christ und Herre mein* aus dem Lochheimer Vie» verbuch. Christa Forkel trug von Mendelssohn vor „eei stille dem Herrn" und „Tenn der Herr vergißt der Seinen nicht", besonders das letzte lag ihrer großen klingende» Altstimme vorzüglich. 8et der Partite diverse sopra „C Gott, du frommer Gott von Zob. Seb. Bach batte Georg Schmidt reckte Gelegenbett, fein großes Können aut der Orgel zu zeigen^— -t-a» «oloauartett litt ein wenig darunter, daß der -voran zu sehr allein stand gegen dte anderen Stimmen. Am beiten gelang davon das „Ave verum" von Mozatt, während die Schüvlch-n Gelänge wohl auch nicht ganz einfach in der Intonation sind. Die Stimmen von Friedel Herzig und Olga klangen dann aber in „Herr, ich hone darauf" Malm 13) von Heinrich Schütz roteba sehr schön zusammen. Barber hatte Kranz
>e-chulz noch von Hugo Wolf „Schlafendes Jesuskind" und „Ach, des Knaben Äugen" gesungen. Bei diesen beiden 8tei)ern hätte man gern etwas mehr Klang gehört. Die nicht lehr große stimme von Franz Schulz wirkt ja immer am besten tm intimen Raum, wo er mit seiner beseelten Vortragskunst alles gibt. Es bleibt noch das „Engels- Terzett aus Eltas" von Mendelssohn zu erwähnen, das der Frauenchor klangschön vortrug. Hng.
Musikalische Kuriosa
Die Frau Johann Sebastian Bachs, des Thomas- kanwrs bei reichen Stabt Leipzig, erhielt keine Witwenpension, fonbern würbe aus Mitteln bet öffentlichen Wohlfahrt unterhalten unb starb im tiefsten Elenb als „Almosenfrau".
*
Hm 18. Jahrhundert war es Zwang, baß beim Freiwerden einer Kantorenstelle der Bewerber bte Witwe seines verstorbenen Amtsvorgängers heiratete. Konnte bet Kunstjünger sich nicht dazu verstehen, würbe seine Bewerbung ausgeschlagen. Man wollte so vermeiden, daß die Witwe der Stadt zur Last falle.
*
Eine der ersten Berliner Konzertkritiken erschien am 26. März 1755. Es wurde in wenigen Zeilen die Uraufführung des Eraunschen „Tod Jesu" durch die Musikübende Gesellschaft besprochen.
*
Die ersten öffentlichen Konzerte gegen Entrse veranstalteten in London Banister und Britton, um das Jahr 1680 herum. In Paris kam es erst tm Jahre 1725 zur Gründung der „Concetts spirituels" durch Philidox, die auf dem europäischen Kontinent die Aera unseres öffentlichen Musiklebens einleiteten.
*
Ein französischer Philosoph wurde der Vater bei französischen komischen Oper. Es war I. I. Rousseau burch seine Komposition „ße devin bu village".
Bereits vor Richarb Wagner war ein Komponist wegen seiner Beteiligung an einem Aufstanb zum ^obe verurteilt worben. Es war bet Italiener Ci- matosa, bet Schöpfer bet .heimlichen Ehe", bet beim Aufstanb in Neapel im Iahte 1798 verhaftet würbe. Man begnabigte Eimatosa unb ließ ihn später wie- bet frei.
*
Bis ins 19. Zahrhunbert hinein waten bei Kor- zertveranftaltungen lautes Sprechen, Kartenspiele unb dicker Tabaksaualm nichts Außergewöhnliches. Nur ganz große Künstler wie Spohr konnten es erreichen, baß bet Hof von Stuttgart ihn anhörte, ohne hüte Gespräche zu führen.