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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 255*

Kreiiag 30. Oktober 1031

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Die Mparationsftage vor dem Kabinett

Botschafter von Hoefch nach Berlin berufen / Der Wirtschaftsbeirat bildet drei Unterausschüsse / Die ersten plane des neuen englischen Kabinetts

französischeAnregungen" (Von unserer Berliner Schristlettung).

Aeu-Chinas Zeugen

Von Dr. Paul Rohrbach/

th. Berlin, 30. Oktober.

Während durch die Beratungen des Wirtschafts- beirates die wichtigen innenpolitischen und wirt­schaftspolitischen Arbeiten in Gang gekommen sind, hat sich die R e i ch s r e g ie r u n g bereits wieder den außenpolitischen Beratungen zugewandt.

Auf Grund des negativen Ergebnisses der Washingtoner Konferenz zwischen Laval und Hoover war innerhalb der Reichsregierung bekanntlich die Ueberzeugung verstärkt worden, daß die nächsten Schritte zu einer Neuregelung der Reparationsfrage auf dem Wege einer direkten Verständigung zwischen Paris und Berlin erfolgen müßten. Die Reichsregre- rung will jedoch ihre Entschließungen erst fassen, wenn sie über die Ergebnisse der Washing­toner Konferenz genau informiert ist. Dazu bedarf sie der Berichte ihrer Botschafter sowohl aus Washington wie aus Paris. Der Bericht des deutschen Botschafters in Washington ist inzwischen in Berlin eingegangen, aber der deutsche Botschafter in Paris wird mit dem französischen Aiinisterpräsi- denten Laval erst Fühlung nehmen können, wenn sich Laval.wieder in Paris befindet. Infolgedessen ist der Botschafter von Hoesch jetzt nach Ber­lin berufen worden, wo er heute eintrifft, um im Auswärtigen Amt die Wünsche zur Kenntnis zu nehmest, die das Reichskabinett in Bezug auf die In­formierung durch den französischen Ministerpräsiden­ten hegt.

Gestern abend hat eine Ministerbe­sprechung über diese Frage stattgefunden. Es er­gaben sich verschiedene Möglichkeiten, um zu einer Neuregelung der Reparationsfrage zu gelangen. Man kann im Rahmen des Younplanes sowohl den be­ratenden Ausschuß der Bank für inter­nationalen Zahlungsausgleich in Basel anrufen oder ein Moratorium erklären. Man kann aber auch außerhalb des Young-Schemas nach einer neuen internationalen Repara­tionskonferenz hinstreben.

Von französischer Seite wird auf die Reichsregie­rung ein deutlicher Druck in der Richtung ausge­übt, den Baseler Sonderausschuß anzurufen. Also man steht in Berlin auf dem Standpunkt, daß darin nur ein Umweg zu erblicken ist.

Der Ausschuß hat nach Artikel 199 des Young- Planes lediglich die Funktion, die Frage $lu prüfen, ob durch die weiteren Zahlungen der Reparations­leistungen die Wirtschaftslage und die Währungslage in Deutschland gefährdet werden könnte. '

In einer Situation, in der überall vorbehaltlos anerkannt wird, daß Deutschland seine Reparations­zahlungen auf keinen Fall wieder aufnehmen kann, würde sich die Prüfung einer derartigen Frage in der Praxis erübrigen, und das einzige, was not tut, ist eine neue Konferenz, die zu neuen Beschlüssen über die anderweitige Regelung der Reparationsfrage kommen könnte. Wenn es dagegen, wie man an­nimmt, doch noch zu einer Einberufung des beraten­den Sonderausschusses in Bafel kommt, so würde man darin wohl nur einen Uebergangzu einer solchen neuen Konferenz zu erblicken haben.

Das Ziel: Preissenkung

Die Beratungen des Wirtfchastsbeirates.

th. Berlin, 30. Oktober.

Die Beratungen des neuen Wirtschaftsbeirates, die gestern morgen vom Reichspräsidenten von Hin­denburg eröffnet worden sind, wurden gestern nach­mittag fortgesetzt und werden auch heute nachmittag in Form einer Generaldebatte fortgeführt wer­den. Erst dann wird man Mr Bildung von drei Unterausschüssen schreiten, von denen sich der erste mit der Frage der Preise und Löhne, der zweite mit dem Diskontsatz und dem Bankwesen, der dritte mit der Frage der Arbeitsbeschaffung befassen soll.

In der Generaldebatte, in der nach der Begrü­ßungsansprache des Reichspräsidenten von Hinden­burg, der Reichskanzler, der Frnanzminister, der Wirtschaftsminister und der Reichsbankpräsideni dcn Mitgliedern des Beirates einen Ueberdlick über die gegenwärtige Wirtschaftslage gegeben haben, hatte es sich vor allem darum gehandelt, einen ersten Mei­nungsaustausch allgemeiner Art vorMnehmen. Die einzelnen Arbeiten werden dann in den Unier- ausschüssen geleistet werden, und in der übernächsten Woche glaubt man, die Ergebnisse der Ausschußbe­ratungen wieder in einer Vollsitzung besprechen zu können.

Der ursprüngliche Plan, dem Wirtschaftsbeirat ein vom Kabinett ausgearbeitetes, fertiges Pro­gramm vorzulegen und die Meinung des Beirates dazu einzuhclen, ist fallen gelassen worden, und man hat sich statt dessen zu der Methode entschlossen, dem Wirtschaftsbeirat durch die oben erwähnten Vorträge

des Kanzlers und seiner Minifierkollegen lediglich ein umfassendes und wahrheitsgetreues Bild unserer Wirtschaftslage. vorzulegen, damit der Wirt­schaftsbeirat dann auf Grund der Diskussion aus sich heraus die notwendigen Folgerungen ziehen und zu einem Arbeitsprogramm gelangen kann Dieser Weg hat sich als der bessere erwiesen, weil andernfalls der Wirtschaftsbeirat wahrscheinlich die Verantwortung sür ein von der Regierung bereits ferttggestelltes Programm abgelehnt haben würde.

In den Darlegungen der Regierung haben selbst­verständlich die bekannten Schwierigkeiten die Haupt­rolle gespielt, die seit längerer Zeit für unser Wirt­schaftsleben ausschlaggebend sind, und der Hauptton liegt an der Ankurbelung des inneren Marktes, da der Export größtenteils bereits for­ciert ist. Alan ist sich in Regierungskreisen darüber Kar, daß diese Belebung des Jnnenmarktes nur auf dem Wege einer Preissenkung möglich sein wird, und der Kanzler hat keinen Zweifel daran ge­lassen, daß diese Preissenkung nicht nux von der Seite der Lohnsenkung her in Anspruch ge­nommen werden darf, sondern daß dadurch auch die anderen preisbildenden Faktoren, wie z. B. die Zin- fensenkung und Frachtenermäßigung. Rohstosszölle, BetflüteruFgsPrämien. vox allem aber eine großzügige Entschuldungsaktion für Landwirtschaft und Industrie mit ins Auge gefaßt werden müßten.

« Dr. Pank Rohr- 6t von seiner gro- cr bisher über die «r javanischen Po- c stch diesmal mit hma in der jüng-

Wsnn einer im Lauf einer einzigen Woche aus dem Himmelsaltar in Peking, am Konfuziuszrab in Küsu gestanden hat, wenn er dazu noch das alte kaiserliche China gekannt hat und >s jetzt mit dem neuen vergleicht, so hat er das Gefühl einer u iv ermeßlichen weltgeschichtlichen Wand­lung, und unwillkürlich fragt er stch: Wie kommt den Menschen, die heute in China leben, das alles zu Gemüte? Begreifen sie überhaupt, was mit ihnen geschieht?

Vor mehr als zwanzig Jahren besucht» ich in T s i n a n f u den damaligen kaiserlichen Gouver­neur von Schantung, Sun-Pao-tschi, und bat ihn, nachdem wir lange über Deutschland und China gesprochen hatten, um einen Spruch zum Abschied. Er dachte eine kleine Weile nach und sagte dann: »Auf den Opfern und den Waffen ruht der Staat!" Ich schrieb das Wort nieder, und als ich, heimgekehrt in Deutschland daran ging, meine kleineGeschichte der Menschheit" auszuarbeiten, habe ich es als ein Bekenntnis auf die erste Seite gesetzt.

Auf den Opfern und den Wessen ruh- der Staat! An diese Sentenz des gelehrten Konfuziäners, des hohen Beamten der alten Zeit, dachte ich, als ich

Notstands-Zolltarife in England?

Eigener Drahtbericht.

London, 30. Oktober.

Einer der ersten Schritte, die das neue englische Kabinett unternehmen wird, um Maßnahmen zum Ausgleich der Handelsbilanz zu ergreifen, wird die Einsetzung eines Unterausschusses des Kabinetts fein, der sich aus Vertretern aller Regierungsparteien zu- sammensetzen und zur Einführung von Z o l l t a r i - fen Stellung nehmen soll. Der Ausschußbericht soll dann dem Kabinett vorgelegt werden, das sich vom Parlament die nötigen Vollmachten zur Durchführung der Empfehlungen geben lassen will.

Da jedoch die Minister fürchten, daß die Zwifchen- zeit für die Einfuhr großer Warenmengen ausgenutzt werden könnte, besteht die Möglichkeit, daß sie sich so­fort vom Parlament besondere Vollmachten geben lassen werden, um dem entgegenzutreten. Dies bedeu­tet, derDaily Mail" zufolge, daß ein Notstands- zolltaris geplant ist und dessen sofortige Einfüh­rung auf Grund des Gesetzes, das die Regierung zu Notstandsverfügungen ermächtigt, gefordert wird.

DerTimes" zufolge wird die englische Regierung eine Einladung Kanadas zur Teilnahme an einer Weltwirtschaftskonferenz in Ottawa an­nehmen. Sie dürfte jedoch voraussichtlich Vorschlägen, daß die Zusammenkunft nickt sofort zu Beginn des neuen Jahres, sondern erst etwas später stattfindet, um allen Regierungen des britischen Reiches hinrei­chende Zeit zu den nötigen Vorbereitungen zu geben.

Dor einer Umbildung

des englischen Kabinetts

London, 30. Oktober.'

Sämtliche Kabinettsmitglieder haben dem Ministerpräsidenten Macdonald ihre Rem­ter zur Verfügung gestellt, so daß er jetzt völlig freie Hand für die Bildung seines Kabinetts hat.

Rach derTimes" legt Baldwin keinen Wert darauf, seinen gegenwärtigen Posten als Staatsrats- präfident abzugeben. Die Presse nimmt an, daß Snowden, der den Titel eines Viscount er­halten soll, große Anwartschaft aus den Poste» eines Lordfiegelbewahrers hat.Daily Telegraph" hält es für möglich, daß der Außenminister Lord Reading aus dem Kabinett ausscheidet.

*

London, 30. Oktober. Am Donnerstag wurde die Wahl eines wetteren Simon-Liberalen bekannt. Die Nationalregierung verfügt nunmehr über 555 von den 615 Sitzen.

Deutschland soll Initiative ergreifen

Reuqork, 30. Oktober.

Ein längerer Washingtoner Bericht der »Herold Tribüne" betont aufgrund von Informationen aus höchste« Rogierungskreiseu be« dringenden Wunsch

der Regierung, daß Deutschland ohne Säumen die I n i t i a t i v e zur Aenderung des Rcparattons- abkommens durch den Youngplanapparat ergreife. Gleichzeitig wird erneut versichert, die Regierung werde die Revision der Kriegsschulden unter Zu­grundelegung der Zahlungsfähigkeit anstreben, un­geachtet des Widerstandes aus Kongreßkreisen gegen weitere Konzessionen. Als Beispiel dieses Wider­standes bringen die Blätter die unten mitgeteilte Rede des Kongreßmitgliedes Mc. Fadden.

Kritik an Hoover

Der Youngplan eine Folgeerscheinung des Ber brechens von Versailles".

London, 30. Oktober.

Der Vorsitzende des Bank- und Währungsaus­schusses des amerikanischen Abgeordnetenhauses Mac Fadden sagte am Donnerstag abend in einer Rede in Elmira (Vereinigte Staaten), Frankreich versuche unter dem Deckmantel einer Verständigung zwischen Laval und Hoover den Vereinigten Staaten deutsche Reparationsbonds im Werte von zwei Mil­liarden Dollar zu verkaufen. Mac Fadden fügte hin­zu, daß Laval, falls der amerikanische Kongreß dies nicht verhindern sollte, aus Washingwn ein festes amerikanisch-französisches Politisches Bündnis mit nach Hause nehmen werde, das dem ehrgeizigen Frankreich Mr Weltvorherrschast verhelfen würde.

Hoover habe Laval bestätigt, daß der Young- plan auch von Amerika voll anerkannt werde, daß Frankreich alle ihm erforderlich scheinen­den Nachprüfungen in Deutschland vornehmen könne und daß es dazu sogar die militärische Un­terstützung Amerikas besitze. Der Youngplan sei eine verhängnisvolle Folgeerschei­nung des Verbrechens von Versailles.

Dieses alte Drama sollte aber eine rein europäische Angelegenheit bleiben, denn in der Younganleihe sei das Blut und der Schweiß eines Volkes kapitalisiert, das nicht ehrlich besiegt, sondern bettogen, verraten und durch Aushungern versklavt worden sei. Deutsch­land werde mit aller Kraft versuchen, das ihm auf­erlegte Joch abznfchütteln. Dabei werde es den Frie­den Europas stören, bis ihm Gerechtigkeit wider­fahren sei.

Wenn die Vereinigten Staaten schon Deutsch­land nicht aus den Klauen seiner Feinde befreiten, so sollten sie sich wenigstens nicht mit diesen verbünden. Amerika sollte sich weigern, Frankreich die Aufrechterhaltung des Versailler Ver- ttages zu gewährleisten. Frankreich habe bisher ab­sichtlich drei europäische Rationen und zwar Oester­reich, Deutschland und Großbritannien an den Rand des Abgrundes getrieben, um seine politische Selbst­herrschaft aufzubaue«.

heute einem modernen Chinesen gegenüber saß, einem Manne, Ende der Dreißig, Professor der Philosophie, in Amerika gebildet, unabhängig von dem Nankinger Schema und von der Jugend als ein Führer bettach- tet. Er lehnte den Konfuzianismus rund und ganz ab, und als ich ihn fragte, welche religiöse Idee er an die Stelle setzen wolle, antwortete er:Gar keine! Ich sehe, daß von den Menschen, die an Geister oder an Götter oder an das Karma, oder an die Seelen­wanderung, oder an Gott glauben, ebenso Verbrechen begangen werden, wie von denen, die keine Religion haben. Wozu also einen Ersatz?"

Konfuzianismus", fuhr biefer chinesische Pro­fessor fort,wird in Europa viel zu sehr idealisiert.

Praktisch gesprochen, bedeutet er doch nur, daß die Familie zum Zentrum alles Denkens und Handelns gemacht wird. Wenn ich ein guter Konfuzianer bin, so denke ich beim Erwerb von Stellung, Rang und Titel zuerst an meinen Vater, Großvater und Ur­großvater, die meinen Rang nachträglich mit auf ihre Grabsteine geschrieben bekommen; meine Ahnengeister werden mit erhoben, und bom Standpunkt der Pie­tät ist dies meine wichtigste Pflicht. Wenn ich ein Amt und ein Einkommen habe, so ist meine Familie im weitesten Sinne, meine ganze Sippe, nicht :hva nur meine Kinder, berechtigt, den Nutzen davon zu ziehen, und ich bin verpflichtet, für sie alle zu sorgen, gleichviel, ob sie etwas wert sind oder nicht. Das ist Konfuzianismus, wie er wirklich ist. Unsere mo­derne Aufgabe aber ist, dies ausgeartete Familicn- prinzip zu zerschlagen, und den Staatsgedanken an seine stelle zu fetzen".

Eine Debatte übet das seltsame Religionsargu­ment wäre zwecklos gewesen. So unlogisch und ober­flächlich es ist, so wird es doch von bet ganzen mo­dernen chinesischen Jugend geteilt, soweit nicht der Einfluß der amerikanischen Missionen einzelne zur Taufe bewogen hat. Auch Tschiang-Kaischek, der Chef der Regierung, ist neulich amerikanischer Methodist geworden. Ein besonderer Einfluß auf sein Verhalten wird davon nicht ausgehen. Mit der Eegenüberstellung des Familienprinzips und des Staatsprinzips ist allerdings ein Kernproblem des heutigen China getroffen. Ich habe neulich das Wort eines aktiven chinesischen Staatsmannes von hohem Rang mitgeteilt bekommen:

Alles, was nicht zur Familie gehört, ist bei uns vogelfrei!",

das heißt, daß es für das durchschnittliche Gefühl des Chinesen außerhalb der erweiterten Familiensphäre, der Sippe, keine eigentlichen Eewissensbedenken gibt, und dementsprechend auch kein höheres allgemeines Pflichtgefühl. Dieser Satz ist für das Verständnis der heutigen chinesischen Zustände fundamental. Es hat gar keinen Zweck, sich in Deklamationen dar­über zu verlieren, daß es in China wenig Ehrlichkeit gegenüber öffentlichen Geldern, wenig Eemeingeist, ein llebermaß von Begünstigungswesen und derglei­chen gebe. Auf diesem ganzen Gebiet ist das chine­sische Durchschnittsempsinden noch gar nicht erzogen und kann auch nicht in kurzer Zeit erzogen werden. Im alten kaiserlichen China galt die feste Regel, daß ein Statthalter niemals aus der Provinz sein durfte, die der Kaiser ihm zur Verwaltung übertrug weil es als selbstverständlich angesehen wurde, daß im entgegengesetzten Fall Mißstände eintreten würden.

Auch das jetzige Regime in China ist ein Fa- nrilienregime. Es stützt sich auf eine sehr reiche, in Shanghai und Kanton ansässige chinesische Vankiers­familie Sung. Deren Regentin wat bis zu ihrem vor einigen Monaten erfolgten Tode die alte Frau Sung in Shanghai. Ihr einer Schwiegersohn war der verstorbene Sun-Yat-sen, der Gründet der Kuomintang-Partei; der zweite ist Tschiang- K a i - s ch e k, der Staatspräsident und Generalissi­mus in Nanking; eine dritte Tochter (alle drei seht kluge Frauen) ist auch einflußreich verheiratet, und ein Sohn ist Finanzminister. Das große Kapital der Sung-Familie und der mit ihr verbundenen Häuser bildet den Rückhalt der Regierung Tschiang-Kai-scheks, und umgekehrt wird diese private Eeldmacht durch ihre Verbindung mit der obersten Staatsgewalt be­vorzugt und gespeist.

Wenn ich die Summe aus meinen vielen Unter­haltungen mit Chinesen und Nichtchinesen in Peking, in Nanking und in Schanghai ziehe, so möchte ich sagen, haß ich im einzelnen viel Interessantes, Aus- schlußreiches zu hören bekam, namentlich von moder­nen. gebildeten Chinesen es gibt freilich nur noch moderne" Persönlichkeiten, die alten Konfuzianer haben sich alle ins Dunkel zurückgezogen, daß mir aber sehr selten eine Msammenhänaende Auf- saffung der vielen Probleme und ein Anpacken an der Wurzel, bei der Volksbildung, begegnete.

Es gibt in China eine lächerliche Anzahl von Uni- versitäteu" und Hochschulen", etwa 200 (!), 'meist