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Wr. 233 z Gnundzwanzlgster Jahrgang

Kasseler Neueste Tlachrlchle«

Montag, 5. Ottobsr 1931/1. S-Nage

Neues aus Kassel

55 Jahre Gertrudenstift

Kassel, 5. Oktober.

Helft!

Ausruf zu einheitlicher Winterhilfe.

Dem Beispiel im Reiche folgend, haben sich die un­terzeichneten Verbände der freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossem um im Landkreis Kassel eine einheitliche Winterhilfe in die Wege zu leiten.

Im Einverständnis mit der Kreisverwaltung rufen wir alle Einwohner des Landkreises Kassel zu einer

Winterhilfe

auf. Es gilt, die Not, die diesen Winter größer denn je werden wird, in wirksamer Weise zu bekämpfen.

Auch im Landkreise Kassel ist die Zahl der lang­fristig Erwerbslosen immer größer geworden, die Ar­beitslosigkeit wächst noch immer. Die Sorge um das tägliche Brot, um warme Kleidung und Winterbrand st-mt.

Neben der öffentlichen Fürsorge ist daher die Hilfe privater Wohlfahrt dringend geboten.

Jeder, der heute noch Arbeit und Verdienst hat, muß Helzen, soweit es in seinen Kräften steht, keiner darf zurückstehen.

Geldmittel, Kleidung, Wäsche, Schuhzeug, Lebens­mittel aller Art, jede kleinste Gabe ist willkommen. In jeder Gemeinde wird einOrtsausschuß der Win­terhilfe" gebildet, der in freier Selbstverantwortung die Sammlung und Verteilung durchführt.

Helft alle'.

Bezirksausschuß für Arbeiterwohlfahrt. Vaterlän­discher Frauenverein vom Roten Kreuz. Kreisverband der evangelischen Frauenhilfe, Evangelischer Jugend- und Wohlfahrtsdienst, Kreisoerein vom Roten Kreuz für Stadt und Land, Arbeiter-Samariterbund.

Film Der Anfälle

Bestrafter Leichtsinn. Auf der abschüssigen Land­straße zwischen Hertingshausen und Holzhausen hing der Angestellte eines Marburger Schaustellers den au seinen von Pferden gezogenen Orgelwagen ange- koppclten Planwagen ab und fuhr nun, auf dem Wagen sitzend, den steilen Berg hinab. Beim Aus- bicgen vor einem entgegenkommenden Kraftwagen verlor er die Herrschaft über den Wagen und schmet­terte mit solcher Wucht gegen eine an der Straße be­findlichen Mauer, daß das Vorderteil des Wagens in Trümmer ging und der Wagenlenker erhebliche Verletzungen an beiden Schienbeinen erlitt. Ein vor- bcikommender Kraftwagenführer (Mittglied der Sa­nitätswache Fuldabrücke) legte ihm Notverbände an und brachte ihn zu einem Arzt.

B»in Gastod gerettet. Aus wirtschaftlicher Not versuchte ein Kriegsblinder sich mit Gas zu ver­giften. Die von der sofort erschienenen Arbeiter- samariterkolonnc vorgenommenen Wiederbelebungs­versuche konnte glücklicherweise das fliehende Leben zurückrusen.

Ein Wort für die Jung-Gesellen

der Mctallbcrufe.

Man schreibt uns:

Der 1. Oktober ist der Termin für die Lehrlinge, welche ausgelernt haben und nun als Junggesellen versuchen, Stellung zu erhalten. Wie ungeheuer schwer dieses ist, liegt auf der Hand und unter den heutigen Verhältnissen werden dieselben in die große Armee der Arbeitslosen einqereiht. Irgend eine Unterstützung erhalten sie nicht. Was nun? Die Aus­bildung ist in Gefahr. Kurze Zeit und die muh,am errungene Ausbildung ist zwecklos gewesen. Kann nicht der Staat etwas tun? Kann er nicht den mngen Leuten ohne große Opfer die Ausbildung erhalten? An der Staatlichen Kunstgewerbeschule sind doch Werkstätten für alle Berufe, auch für Schlosser. Es wäre doch ein Leichtes, mit ganz geringen Mitteln, und sei es nur an einigen Stunden des Tages, diese jungen Leute in der Aus und Fortbildung zu erhal­ten Wieviel Sorge und Kunimer wird manchem Vater oder Mutter'erspart, wenn der junge Mann in richtiger Hand und Leitung ist und jederzeit wieder in seinen Beruf eintreten kann und auch das Arbeits­amt, die Jnnungsmeister und Fabriken könnten jeder­zeit manchen dieser jungen Leute auf Anforderung haben.

Erhalten wir den jungen Leuten die Liebe zum Beruf und erhalten wir dieselben dem Staat. Darum ergeht meine Bitte an den Leiter der Staatlichen Kunstgcwcrbeschule, hier doch helfend einzugreisen. Gewiß wird auch der Regierungspräsident sein Mög­lichstes tun. um wirkliche Jugendpflege zu ermög­lichen.

Hilfe tut dringend not!

6elo=Äbenb. Morgen abend gibt der Berliner Cellist Bruno Leehelberasein erstes Konzert in. Kaffcl. Zum Vor­trag kommen Werke von Äoccherinr, Beethoven und Brahms. Am Klavier: Richard Laugs. I

Das am Fuße des Burgberges oberhalb des Dor­fes Großenritte sehr schön am Waldrand gelegene Gertrudenstift kann in diesem Jahre auf sein 55jäb- riges Bestehen zurückblicken. Vom Prinzen Heinrich von Hanau als Jagdschloß begonnen, wurde es spä­ter von Metropolitan Vilmar in Melsungen für die hessische Renitenz erworben, die dort seit nunmehr 55 Jahren eine Pflegestätte christlicher Nächstenliebe für Kranke und Hilfsbedürftige aus allen Volks- und Kirchenkreisen unterhält. In den letzten Jahren hat es sich unter der Leitung von Pfarrer Deichmann und der Hausmutter Fräulein Schilling sehr erfreulich entwickelt. So konnten seit 1926 ein neues Wirtschafts­gebäude (Scheune mit Stall) für den 15 Morgen gro­ßen Besitz und einige Acker Pachtland errichtet und der Umbau des Nebcnhauses, das früher Wohn- und

Wirtschaftszwecken zugleich diente, und der Anbau eines Waschhauses ausgeführt werden. Durch die Schaffung einer Wasserleitung und eines neuzeitlichen Baderaumes wurden die hygienischen Verhältnisse wesentlich verbessert.

Durch die schöne und ruhige Wald- und Höhen­lage mit herrlichem Blick in den schönsten Teil unse­res Hessenlandes, fernab von allen großen Verkehrs­wegen, hat es sich einer zunehmenden Beliebtheit als Sommerfrische zu erfreuen. Eine große Zahl von Gästen insbesondere aus dem nahen Kassel fan­den hier vor den Toren ihrer Heimatstadt und doch abgeschlossen von dem nervenaufregenden Getriebe unserer Tage in der Stille und Schönheit einer reichen Natur Ruhe und Erholung.

Unvergessener Osten

Zn Zeiten wirtschaftlicher und seelischer Not, von denen nicht der Einzelne, sondern das ganze Volk ge­troffen wird, ist es nur zu verständlich, daß sich die Mitglieder der Heimatbünde, besonders der aus ihrer Heimat Vertriebenen, immer enger zusammenschlie­ßen. Wenn nun gar das erste Jahrzehnt der Grün­dung eines solchen Verbandes überschritten ist, tun die Mitglieder Recht daran, sich zu einer Gedenkfeier an die ferne Heimat zusammenzufinden und Not und Sorge für ein paar Stunden einmal zu vergessen.

Die Vereinigung heimattreuer Ost- und West­preußen und Danziger zeigte an ihrem 11. Stiftungs- seste im Stadtparksaale, daß der Geist der Zusammen­gehörigkeit, die Liebe zur fernen Heimatsscholle nicht erloschen ist.

Von diesem Geiste war auch die Festrede des 1. Vor­sitzenden, Rechtsanwalt Koehler, durchdrungen, der in warmen Worten der schönen Heimat gedachte. Weit zurück gingen seine Ausführungen in jene Zeiten vor der Völkerwanderung, in denen schon urdeutsche Stämme den deutschen Osten besiedelten, bevor sie von den Slaven verdrängt wurden. Als vor nunmehr 700 Jahren, im Jahre 1231 Hermann von Salza mit den Ordensrittern mit der lleberschreitung der Weich­sel bei Thorn wieder Besitz von diesem Lande ergrisf, war es nicht, wie die Polen heute glauben machen wollen, ein Einfall in ihr Gebiet, sondern die Gel­tendmachung uralter Rechte an dieses deutsche Land. Mit unendlichem Fleiß und zäher Arbeit haben

deutsche Menschen Ost- und Westpreußen zu dem ge­macht, was es war, bevor seit dem Weltkriege aber­mals slavische Habgier und Willkür dort dank dem Friedens"-Vertrage von Versailles regieren. Was der polnische Korridor, der Hafen Gdingen, der pol­nische Terror wirtschaftlich, kulturell und politisch füt Ost-, Westpreußen und Danzig bedeuten, wurde von dem Redner ausführlich beleuchtet und die Versam­melten ermahnt, auch weiterhin in Treue an dem ver­lorenen, aber von seinen Bewohnern im Herzen nie­mals aufgegebenen Lande festzuhalten.

Nach einer Ehrung der Jubilare und lleberreichung verschiedener Ehrenurkunden wurde den Anwesenden ein in jeder Weise * guter Unterhaltungsteil geboten, der ausschließlich von Mitgliedern des Bundes bestrit­ten wurde.

Außer sehr guten musikalischen Darbietungen der Herren Kaemmerer, Hasselbach und Dumke, Gedichts- vorträgen von Marlies Miethoff und Erika Dumke sei besonders die Heimatdichterin Frau Kreienburg- Paetzold erwähnt, die heitere und ernste Dichtungen bo-trua, die mit Recht lebhaften Beifall fanden.

Der Verein der Bayern, der sich wie mehrere an­dere Landsmannschaften ebenfalls eingefunden hatte, trug mit netten Ländlern und einem original bayeri­schen Watschen-Tanz zur Erhöhung der guten Stim­mung bei, die alle Anwesenden bei frohem Tanz bis in die Nacht zusammenhielt.

Zwei Riesen kollidie­ren. Am Samstag nach­mittag kam es an der Ecke Luisenstratze und Querallee zu einem hef­tigen Zusammenstoß zwischen einem Omnibus und einem LasÄraftwa- gen, bei dem der Last­kraftwagen schwer be­schädig umstürzte und durch die Hauptfeuer­wache in ^stündiger Ar­beit wieder hocbgerich- tet werden mußte.

Phot. Wesemann

*

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Achtung Australien!

Achtung Asten!"

Ein Colin Rost Tonfilm in der Matinv des Ufa-Theaters.

schic. Zwei Erdteile in einem Film: ein Meister­werk der Filmreportage schon in der Bewältigung des riesenhaften Stoffes. Gesehen von einem Welt­reisenden, der mit der ganzen Familie im Auto durch die Gegend kutschiert für den es keine Hindernisse gibt und keinunmöglich". Der mit dem offenen Blick des Journalisten und dem geschulten des Film­operateurs alles das einfängt, was uns arme Mittel- europäer interessieren könnte. Der seine Familien­idylle selbst auf die Gletscher und in die heißen Quellen Neuseelands trügt ein Mensch der losge­löst von den Sorgen des heimatlichen Alltags nichts tut als mit hellen Augen alles sehen, was des Se­hens wert ist.

. So saust sein phantastisch überladener Kraftwagen mit Frau und Kindern, mit Zeltplanen, Materialien, Apparaten, Koffern, Vorräten und Werkzeugen durch das tote Herz Australiens, durch Wüsteneien, Kaktus­felder von Küste zu Küste. Dann geht es nach China aus dem Raum ohne Volk zum Volk ohne Raum: in die Dschunkenstadt mit ihren furchtbaren Wohnverhältnissen und dann ins benachbarte In­dien mit seinen erwachenden Eingeborenen, mit dem Prunk der englischen Herren und den Volksversamm­lungen Gandhis. Ein Abstecher zum Bismarck-Archi­pel Bilder von der Hiri-Erpedition der Lakatoi (die kürzlich im Kasseler Sonntags-Bilderbogen er­schienen) und als grandioses Finale die Erschlie­ßung der Zaubcrwclt Neuseelands. Aus dem Urwald zum Gletscher von der heißen Quelle, dem kochen­den Boden, hinauf zum ewigen Eis; Bildeindrücke, die haften bleiben. Tonlich ist der Film durch Be­gleitmusik, Vortrag und Dialogszenen dem Bedürfnis des Tonfilm-Kinos angepaßt worden.

Oer lächelnde Leutnani"

Ein Lubitsch-Film mit Maurice Chevalier im Palast-Theater.

schic. Nun ist StrausensWalzertraum" zum zweiten Mal verfilmt und dieses Mal griff ihm der Ton unter die Arme und kein Geringerer als Ernst Lubitsch schuf mit sichtlicher Freude aus dieser Operette einen entzückenden Tonfilm aus dem kaiser­lichen Wien der Vorkriegszeit. Die Fabel ist ja be­kannt: der fesche Leutnant, der alle und den alle Mä­dels lieben, wirdzwangsweise", denn er hat siean- gelächelt" mit der Prinzessin von Flausenthurm (mit h") verheiratet kann aber von seiner Geigenkünst­lerin nicht lassen. Bis sich eben diese Prinzessin mit Hilfe der Rivalin in ein so fesches Mädel verwan­delt, daß er blindlings ins Eheglück springt.

Wie das alles gemacht ist . . . und wie Chevalier, der ewig lächelnde, fesche und herzenbrechende, über die Leinwand tanzt wie er seine Lieder schmettert und Feuerblicke wirft, das ist echte Operette voller Tempo und Laune. Ernst Lubitsch läßt sich keine ein­zige Pointe entgehen. Ter Film sprüht von hun­derterlei herrlichen Einfällen, die prompt belacht und begeistert quittiert werden. Dazu eine Musik, nicht nur rassig in der Komposition, sondern auch vortreff­lich aufgenommen und wiedergegeben zwei bild­hübscheMäderln", ein jovialer Liliputkönig viel (und famos glossiertes) höfisches Gepränge, immer mit Geschmack und Humor gegeben klare und pla­stische Photographie kurzum: was Auge, Ohr und Herz begehrt ist zu einem fröhlichen Werk vereint. Den englischen Dialog übersetzen wie gewohnt sinn­gemäß unterschobene Texte.

Im Beiprogramm einer der so netten Schlagerlie- der-Trick-Filme, ein Film vom Rordland und die reichhaltige Ufa-Woche.

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Wie wird das Wetter?

Wettervoraussage bis Dienstag abend:

Vorübergehend stark bedeckt und im Norden noch etwas Rogeuueigung, aber im gangen Fortdauer der trockenen Witterung, bei schwachen, südwestlichen Winden taosüber ziemlich warm, nachts recht kühl und väelsach neblig.

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Wohin gehen wir am Dienstag?

Staaistheater: .Die toten Augen", 20 Uhr.

Stadtvark: Gastspiel der Comedien (armanistS. 4.30 Palast-Theater:Der lächelnde Leutnant".

Universnm-Lichtspiele:Douaumont" (Die Hölle von dun).

Ma-Theater:Die Schlacht von Bademünde".

Ton-Theater:Der Andere",Die Sarma betratet". Heffenland-Perle: Kabarett / Tanz, 16 und 20 Uhr, überdauern: Münchener Lktobcrs-st.

Leiffersche Wies«: Tchaumeffe, ab 15 Uhr.

Mnrhard-Saal: Cello-Abend, 20 Uhr.

Heute Montag?

StoatsSeater: .-Freie Bahn dem Tüchtigen, 19 Uhr. NachtvorstellungWie werde ich reich und glücklich?" _ 22.30 Uhr.

Kleines Theater:Reifeprüfung". 20 Ubr.

Capitol-Licktwiele: Lil Dagover inElisabeth von Oester­reich".

Chaffalla-Lichtfpiele: Jennn Lind inDie schwedische Nach, tiaall"

Leiffersche Wiese: Schanmeff« ab 15 Uhr.

Ockerbaver«: Münchener Oktobers eit.

Bierhans Meiffer. Garde du Korvsvlatz: Unterhaltung »- abend des Hessischen Geschichtsvereins. 20.30 Ubr.

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