Freitag. 2. Oktober 1931
Mittet Heedte 7U*eVMte
Sette S
Vierzehn ernste, erwachsene Männer...
Bilder vom internationalen Schachturnier in Veldes / Kleine Schwächen der großen Meister I
Eigener Bericht der ft. N. N.
größte, international« Schachturnier, das seit i 3a«ien <iu»flefo4ten wurde, ist soeben mit -em Siege
■ von Aliechin abgeschlossen worden. Das nachstehende
g Ltlmmungsbild unseres Mitarbeiters wird stcherlich
k auch Die Nicht-Schachspieler unter unseren Lesern
F interessieren.
Wenn das Auge sich ein wenig an die dicken Rauch- sHtoaden gewöhnt hat, die über dem großen Saale bangen, erkennt man als erstes ein paar riesige Schilcher, die in allen Sprachen der Welt einvring- lichst zur Ruhe mahnen. Aber sehr nachhaltig scheinen ste nicht zu wirken, ein leises Raunen geht durch den Raum, das nur von Zeit zu Zeit durch einen energischen Ruherus für wenige Minuten eingedämmt wird. Heftige Diskuffionen sind offenbar im Gange, man sieht es an »en erregten Gesten, »et auSüruckvollen Mimik, aber — es tst gespenstisch — man hört kein Wort: alles wird geflüstert! Flüsterns werfen sie sich die gröbsten Injurien an den Kopf, ohne sie im mindesten Übelzunehmen, flüsternd beschwören sie einander, doch einzusehen, daß „Weiß" in fcrei Zügen hätte Matt setzen können, wenn . . .
Es kostet einige Mühe, »urch die Publikumsmauer einen Blick auf die Mitte des Saales zu werfen. Da sitzen sie — vierzehn ernste, erwachsene Männer — und spielen Schach. Aber es scheint ihnen nicht gerade großes Vergnügen zu machen. Sie kneifen die Lippen zusammen, fahren sich mit heftigen Bewegungen durch die Haare, manche schneiden verzweifelte Grimassen, andere stützen sorgenschwer den Kopf in beide Hände.
Das ist wahrhaftig kein Spaß mehr, keine harmlose Unterhaltung. Hier geht es um Titel, Ansehen und nicht zum mindesten um Geld: 30 000 Dinar beträgt allein der erste Preis! Das Spiel hat seinen naiven Sinn verloren, es ist ein erbitterter Kampf geworden, ein Kampf aller gegen alle, der mit den raffiniertesten Mitteln moderner Strategie geführt wird. Nicht nur auf »en vierundsechzig Feldern, an denen Vie Blicke des Publikums hängen, wird über Sieg oder Niederlage entschieden. Es ist schon lange nicht mehr so, daß die große Kombination — das magische Zauberwort aller Schachjünger — oder die zähe Verteidigung einer Position, daß Phantasie oder kühl berechnende Logik allein den Ausschlag geben. Der Schacheneister, der nicht zugleich ein psychologisch geschulter Menschenkenner ist, kann heute unbesehen
fein Köfferchen packen. Das Studium des Gegners, das intuitive Erkennen seiner menschlichen Schwächen schafft erst die notwendige Voraussetzung. Daß man sich »abei auch gern einiger Kniffe bedient, die durchaus nicht immer als gerade fair zu bezeichnen sind, wird hier nicht sonderlich übelgenommen.
*
Da sitzt ein Mann mit schmalem Gelchrtenkopf und hoher Stirn, hinter »et goldumrahmten Brille blinzeln die Augen gerötet und angestrengt auf das Brett. Immer wieder sucht er mit fahrigen Bewegungen, »ie rührend hilflos anmuten, die dichten Rauchschwaden ju zerteilen. Aber der dicke, freundlich grinsende Bogoljubow läßt sich nicht im mindesten beirren. Immer wieder pafft er seinem unglücklichen Gegner gewaltige Wolken beißenden Qualms ins Gesicht, er läßt die Zigarre keine Minute ausgehen, obwohl er sonst durchaus kein passionierter Raucher ist, er läßt sich den übelsten Knaster bringen, den man in Veldes auftreiben kann — nur so ist Nirn zowitsch zu schlagen: der berühmte Großmeister ist ungeheuer empfindlich, er kann keinen Rauch vertragen, Zigarren gar sind ihm ein Greuel und nun mutz er diesem Vulkan gegenübersitzen! Seine Nerven sind bis zum Bersten gespannt vor verhaltener Wut, nervös trommelt er auf »er Tischplatte herum, er kann sich beim besten Willen nicht konzentrieren — da ist ihm auch schon eine Gewinnchance entgangen. Aergerlich springt er auf und rettet sich ins Freie, um für ein paar Minuten Luft zu schnappen. Aber schon nach einer Viertelstunde tränen seine Augen wieder, sein Kopf dröhnt, »er nächste Zug kann die Entscheidung bringen. Ist denn die Uhr rasend geworden? Sie tickt und tickt, es ist völlig zum Verzweifeln, nur noch 8 Minuten für 5 Züge, man muß sich entschließen. Und dieser ekelhafte Kerl da drüben grinst über sein breites, klobiges Bauerngesicht. Nun ist das Unglück geschehen — wie man auch eine so primitive Sache übersehen kann! Bogoljubow drückt lächelnd die Zigarre aus, nun ist sie nicht mehr nötig, er macht bedächtig einen Zug und stehl auf. Mitleidig streift sein Blick den Gegner: „Nun?" fragt er lächelnd. „Sie haben recht," antwortet Nimzvwiisch und stellt die Uhr ab. Ein
eifriger junger Mann trägt auf der großen Wand- mbelle ein: Bogoljubow — Nimzowitsch: 1:0.
Aber auch der bei aller Beleibtheit recht tempera- menwolle Bogoljubow — einst Rußlands Stolz, heute nach seiner Naturalisation Meister von Deutsch- land und vor kurzem noch der ernsthafteste Anwärter auf die Weltmeisterschaft — hat seine Achillesferse. Gerade sein unverwüstlicher Optimismus, seine stärkste Waffe, wird ihm mitunter zum Verhängnis. Und niemand versteht es besser, diesen schwachen Punkt zu treffen, als Aljechin, der Weltmeister. Wenn der Dicke mit sieqesficherer Miene die Hände klatschend auf die Schenkel fallen läßt, dann ist die Minute Aljechins gekommen. Aus der bedrängtesten Stellung heraus geht er zmn tödlichen Gegenangriff vor, und ehe Bogoljubow recht begriffen hat, was eigentlich passiert — noch' wiegt er sich im Gefühl des kommenden Triumphs — muß er auch schon die Waffen strecken.
Als einziger, unangreifbar, aus einsamer Höhe thront Aljechin. Nie gibt er sich eine Blöße, nie ^er in eine Falle. Alle Schliche des positionel- ftampfes, alle Kombinationsphantasien prallen an dem festen Bollwerk dieses großen Strategen ab. Es ist, als könnte er jeden Gedanken seines Gegners erraten, mit instinktiver Sicherheit macht er Zug um Zug. Seine Nervosität scheint nichts als Maske zu fein, ein kleiner Trick, der dennoch immer wieder verfängt. Er kommt in Stellungen, die jeder andere ohne Ueberlegungen aufgeben würde, aber in solchen Momenten beginnt Aljechin erst zu spielen. Das hat nichts mit Glück zu tun, er beherrscht das Schachbrett mit einer Souveränität ohnegleichen, die verborgensten Möglichkeiten, die noch in weiter Zukunft schlummern, erkennt er mit totsicherem Instinkt, zielbewußt steuert er auf sie zu und schlägt den Gegner mit dessen ureigensten Waffen.
Unbesiegt — mit Punkten Vorsprung vor Bogoljubow — ist er — ein wahrer Weltmeister — als Sieger aus dem Turnier hervorgegangen. Ein Erfolg, wie er in der Geschichte des modernen Schachspiels einzig dasteht. Niemand, nicht einmal Capa- blanea, der leider in Veldes fehlte, wird ihm in absehbarer Zeit seinen Titel streitig machen können.
Ernst W. Schütte.
Ein Roman unserer Zeit:
Kindesmord aus Liebe
Wien, 2. Oktober.
Vor den Geschworenen des Wiener Landgerichts stand dieser Tage ein blasses, unscheinbares Mädchen, das unaufhörlich vor sich hinweinte. Sie Anklage, die gegen sie erhoben wurde, war schwer genug. Sie hatte das Kind ihrer Dienstgeber mit Leuchtgas vergiftet, weil sie gekündigt worden war unb ohne das von ihr abgöttisch geliebte Kind nicht weiterleben wollte.
Die Verhandlung entrollte ein stilles, ja friedliches Bild aus Kleinibürgerrreisen, das zu der furchtbaren Tat in einem seltsamen Gegensatz stand. Die angeklagte Helene Berger war als Hausgehilfin bei einem Chauffeur tätig, der gut verdiente. Da seine Frau ein Schneider-Atelier hatte, brauchten sie häusliche Hilfe. Helene wurde ihnen von Verwandten empfohlen und schon nach kurzer Zeit gehörte das stille, gutwillige Mädchen ganz zur Familie. Der kleine Heinz, der dreijährige Sohn des Ehepaares, liebte das neue Mädchen abgöttisch. Sie erzog ihn, da die Eltern meist von Hause fort waren, wie eine Mutter. Da sie selbst aus ganz kleinen Verhältnissen stammte — ihr Vater, ein Arbeiter, war seit Monaten arbeitslos — empfand sie die gesick erte Existenz in dem Hause des Chauffeurs mit besonderer Dankbarkeit. Ihr Leben hatte einen Inhalt Sie machte sich über die Zukunft keinerlei Gedanken.
Die Wirtschaftskrise ging auch an diesen fried- kichen Verhältnissen nicht vorüber. Der Chauffeur wurde Plötzlich arbeitslos. Auch das Einkommen der Ehefrau verringerte sich, so daß schließlich nichts anderes übrigblieb, als das Hausmädchen zu entlas
sen. Die Kündigung traf die 19jährige wie ein Blitzschlag. Sie lief tagelang verzweifelt umher. Die Eheleute versicherten ihr, daß sie im Hause wohnen bleiben könnte, bis ste eine neue Stellung gefunden hätte. Aber sie beteuerte den Nachbarn gegenüber nur: .Ich muß mir das Leben nehmen. Ich mag ohne den kleinen Heinzi nicht weiter leben."
Und so geschah das Furchtbare. Das Mädchen blieb Über Mittag mit dem Kind allein in der Wohnung. Als her Vater wiederkehrte, fand er die Woh- nungslür verschlossen. Gasgeruch machte ihn stutzig. Er verschaffte sich mit Gewalt Eingang. Der Anblick, der sich ihm bot, war entsetzlich. Aus dem Erdboden in der Küche lag das Mädchen mit einem Gasschlauch im Munde, neben ihr der kleine Junge. Er war bereits erstickt.
Vor dem Richter wiederholte die Mörderin immer wieder: »Ich habe das Kind so lieb gehabt, daß ich mir das Leben ohne den kleinen Hein, nicht vorstellen konnte. Das Kind war mein Ein und Alles. Aber ich wollte es nicht töten. Ich habe den Gasschlauch in den Mund genommen und geglaubt, ich bin in einer halben Stunde tot. Ich dachte, die Nachbarn würden temmen und uns finden und das Kind könnte gerettet werden, denn es hatte ja keinen Schlauch im Munde. Ich war schon bewußtlos, da hatte der Kleine zu schreien angefangen. Ich bin aufgestanden unb wollte di- Gashähne abdrehen, aber im gleichen Augenblick muß ich wieder zusammenge- sunken und bewußtlos geworden fein."
Die Zeugenvernehmung bestätigte die Angaben des Mädchens. Ergreifend war die Vernehmung der
Eltern. Die Mutter des toten Kindes schrie, als sie die Angeklagte erblickte, verzweifelt: „Wo soll ich mein Recht suchen, wo finde ich mein Recht?" Die Geschworenen verneinten die Hauptfrage aitt Mord und erkannten nur wegen fahrlässiger Tötung aus sechs Monate ^rennen Arrestes.
Zugunglück in Oorimuud
Acht Verletzte. I
Dortmund, 2. Oktober.
Auf dem Güterbahnhof Lütgendortmund entgleiste infolge Schienenbruches vor einer Weiche ein von Dortmund Süd über Dorstfeld kommender Güterzug Die Lokomotive stürzte um, mit ihr vier Güterwagen. Bei dem Unglück wurden vier Personen schwer und vier leicht verletzt. Unter ihnen befindet sich der schwerverletzte Zugführer und der Zugschaffner, der leicht verletzt wurde. Bei den übrigen Verletzten handelt es sich um Rottenarbeiter, die mit Gleisarbeiten beschäftigt und beim Herannahen des Zuges beiseite getreten waren. Die umstürzenden Wagen fielen aus einen Umfriedungszaun der Zeche „Germania". Durch die 'berumftiegenben Eisenteile wurden die Rottenarbeiter verletzt. Der Materialschaden ist ziemlich bedeutend.
Präsident Hoover hat das neue Hotel Waldorf- Astoria eingeweiht. 20000 Personen wohnten dieser Feier bei. Das in der Park Avenue gelegene Gebäude zählt 47 Stockwerke. Die 2200 Zimmer des Hotels sind alle mit einem Fernsehapparat, einem Fernsprechapparat und einem Apparat für Funktelegraphie versehen. Die Baukosten betrugen über 40 Millionen Dollar.
Humor
Zu früh.
Krauses hatten neue Nachbarn bekommen und Frau Krause zeigte reges Interesse für alles, was sie taten.
„Sie müssen sehr verliebt fein!" sagte sie eines Tages zu ihrem Mann. „Er küßt sie jeden Morgen, wenn er geht, und von der Straße aus wirst er ihr noch Handküsse zu! Warum machst du das nicht auch, Hermann?"
„Aber, meine Liebe, ich kenne ste doch noch gar- nicht!"
(ftarttoturen)
Junge Ehe.
„Nun, Schatz!,' wie bist du mit dem Fleischer zufrieden?" •
„Ach Liebling, der ist wirklich riesig zuvorkom- ich zum Beispiel zwei Pfund Rind- schickt er ohne weiteres mindestens
(Tit-Bits) Auch eine Erklärung.
„Papa, was ist denn ein Bankrott?"
„Ein Bankrott, mein Junge, ist, wenn man fein Geld in die Hosentaschen steckt und den Gläubiger die Jacke nehmen läßt!"
(Dit-Bits)
Richt mehr der Jüngste.
„Bon wem stammt denn der Witz, den Sie da eben erzählten?"
„Der ist von mir selber!"
„So? Dann scheinen Sie doch bedeutend Ater zu sein, als Sie aussehen!"
(HuinorM Harter Schädel.
„Herr Krause, Sie sagen, daß der Angeklagte Sie mit einer Brechstange über den Kopf gehauen hat! Der Arzt kann aber nichts finden, keine Verletzung, keine Beule, nichts!"
„So, dann sehen Sie sich doch mal die Brechstange an, Herr Richter!" (Pages Gares)
menb! Wenn fleisch bestelle, vier Pfund!"
„Wer war Columbus?"
„Columbus war ein Vogel!"
„Ein Vogel? Wie kannst du denn so einen Unsinn reden?"
,/Sie haben uns doch aber neulich von dem Ei des Columbus erzählt!"
Die heutige Rümmer umfabt 12 Seilen
Verantwortlich für bett politischen Teil: Dr. Walter Pebnt: für das Feuilleton: German M. Bon au: für den lokalen Teil: Dr. Hans Joachim Glatzer: für bett Heimattetl: fRubolf Gläser: für ©anbei: Dr. Hans Langenberg: für ben Sportteil: Herbert Speich: Photo - Rebakteur: EbuaibSchulz- K e ff e I; für Anzeigenteil: Konrab Wachsmann. — Berliner Schriftleituna: Dr Walter Thum, Berlin SW. 88. — Druck unb Verlag: Kasseler Neueste Nachrichten Ä. m. b. H. Kassel. Kölnische Stratze 10.
Schon unseren, Internen, bei 'Wundsein.
In Apoth. u. Drog.
Berliner Volksschüler spielen Theater
Kaffeier Konzerte
Kammermusik am Marstaller Platz
Da fagt man unserer Zeit nach, daß sie nur materiell sei, und keinen Sinn mehr für Romantik hübe. Doch gibt es noch Romantik in Kassel, auch wenn sie sozusagen auf den Dachboden steigt. Man konnte sich schon in eilte andere Zeit versetzt fühlen, aber jedenfalls war es eine köstliche Künstleridee, die uns auf dem „Dachboden" gute ernste Musik vorsetzte. Gin Dachboden, na es war schon keiner mehr, denn alle Truhen hatten Requisiten zur Verkleidung heraeben müssen, eine ausgeklügelte Beleuchtung stellte die Jetztzeit vor und die Malereien von Hen Reinholt waren auch gatn Jetztzeit, wenn auch ro- mantrschen Einschlags. Aber der Zugang zu diesem Schwabing war Vergangenheit, und so war man in Stimmung, wenn schon ein wenig skeptisch, aber man mußte einfach mit.
Zuerst wurde uns ei« Streichorchester unter Otto Reinholds Leitung vorgesetzt. Sie spielten „Concerto fftofTo* in c-moll von G F. Händel. So dürften vor mehr als 100 Jahren die echten „Dilettanten" der romanckfchen Zett auch gespielt haben: Liebe zur Sache um der Sache willen. Dann folgten Lieder für Sopran, Solo flöte und Orchester von Otto Reinhold (Uraufführung), gefangen von Minna Zülch, Soloflöte Ernst Schug. Die Komposition ist oei Jetztzeit entsprechend noch sehr problematisch. Die vielen Vorhänge ließen die reizende Stimme von Milma Zülch nur schwer ansprechen.
In der Pause hatte mau eZit, die zum Teil recht guten Bilder von Hen Reinhold zu sehen, wer das Bedürfnis hatte, konnte aber auch in einem köstlich improvisierten Foyer eine Stärkuna zu sich nehmen.
Der Höhepunkt des Abends war „BaMen und Bastienne" von Mozatt. (Regie: Henner Krahl — Musikalische Leitung: Otto Reinhold —. Bühnenbilder und Kostüme: Hen Reinhold.) Die Schäferin Bastienw sana Minna Zülch, Bastien, ihr Geliebter, war Walter Bobel, Colas, ein vermeintlicher Zauberer, r Her Daume. Da klappte alles, die reizende SängeRn sand ihr würdige Partner, die Beleuch- tungsefsekte wurden gut bei Colas Zauberszene verwettet, bei der sich sogar die Schafe in Schweine verwandelten und di« Kulissen waren auch ”ut o"ae- pafa. Und die Hauvtsacke: das kleme Orchester unter Otto Reinholds Leituna tat seine -n» schuldiakett Der "ame Abend war wob'net.-naen "an kann ben Künstlern von Herzen allez Gute für ihre weitere Arbeit wünschen.
Robert Adolf Stemmle:
Berlin, 2. Oktober.
R. A. Stemmle ist kein Unbekannter mehr. In seinem bisher achtundzwanzigjährigem Leben hat er uns bereits ein Iugenostück „Hans Dampf", eine Ar- beitslosen-Tragikomödie, ein proletarisches Oratorium eine Berliner Revue gegeben. Und ans dem einstigen Lehrer an einer Versuchsschule ist ein „Conferencier", tote man so schon sagt, in einem Kabarett des Berliner Westens geworden . . . Man muß diese Biographie eines vielseitia begabten, vielseitig sich entwickelnden Vertreters „Kamps um Kitsch" stellen, um zu verstehen, wie es kommen konnte, daß ein seiner Natur nach ehrlich strebender Mensch so völlig in die Gegenwart sich verstricken konnte, bis er blind wurde. Es ist freilich möglich, daß Stemmles Schulstück zuerst, im Manuskript anders aussah und erst in der Regie der Volksbühne zu reinem Parteitheater wurde.
Zweifellos ist es zu begrüßen, wenn ein Dramatiker sich einmal daran macht, uns die heutige Schule in ihrer lebensvollen Nähe von Schüler und Lehrer zu zeigen, einmal mit der alten Lehrervorstellung von „Flachsmann" bis „Professor Unrat" aufzuräumen und die neue Lehrerpersönlichkeit, die mitten unter den Schülern und mit ihnen lebt und arbeitet und von den Schülern als Meister, Freund, Kamerad geliebt wird, zu verteidigen. Es ist gut. wenn wir von den Bühnen herab einmal unmittelbaren Einblick in den modernen Schulbetrieb nehmen, der dazu geführt hat, daß die Kinder gerne in die Schule gehen, sich in der Schule zu Hause fühlen, daß mehr als früher für das Leben gelernt wird.
Aber muß solch anerkennenswerte Absicht nun so parteipolitisch bis zur Verhetzung, bis zur Aufrei- zuna zum Klaffenkampf ausgeführt werden wie bei R. A. Stemmle? Ist es nötig, daß die Einseitigkeit schließlich nicht die Zustimmung, sondern das Mißtrauen der denkenden Zuschauer wachrufen muß? Das Publikum der „Volksbühne" am Bülowplatz feierte freilich ein Familienfest: Waren doch ihre eigenen Kinder, die Schüler und Schülerinnen der Neuköllner Heinrich Zille-Schule und der Gotenburger Schule am Wedding die R«fa''r'’toer auf ber Bühne faselte deck die sozialist.fche Arbeiterjugend das Schulorchester
.Kampf um ft lisch'.
Es war ein geschickter Schachzug des Regisseurs Karl Heinz Martin, der Parteiwirkung erstreben wollte, das Stück nicht auf eine wirkliche Darstellung der neuen Schule und eine ehrliche Auseinandersetzung mit der modernsten Schulidee hin zu inszenieren, sondern als ein, wenn auch einseitig verzeichnetes Bild des realen Lebens! R. A. Stemmle zeichnet eine sozialistisch eingestellte Berliner Schule, tn der der Rektor um seine Kinder auch geschmacklich zu erziehen, ein Kitschmuseum eingerichtet hat, das von den Kindern beliefert wird. Die Kinder mausen daheim hinter den Rücken ihrer Eltern, die ja an den gräulichen „Nippes" hängen, einige Scheußlichkeiten. Daraus entwickelt sich der Konflikt zwischen Elternschaft, Lehrern und Schülern. Die Mißstimmung wächst sich zu einer Bewegung gegen die Schule, ihre Richtung, ihre Reformen aus und will schließlich den von den Kindern geliebten Rektor vertreiben. Da aber stehen die Kinder auf: ste wollen streiken, demonstrieren, um sich ihren Rektor, ihre Lehrer, ihre Schule zu erhalten. Aus dem Streik wird schließlich ein großer Elternabend, an dem die Schüler zeigen, was ihre Schule darstellt und leistet. Der Sieg des Rektors, der Schule, der Schüler ist der Schluß.
Die Volksbühne nutzt diese Handlung zu einer leidenschaftlichen Demonstration gegen den heutigen Lehrerabbau, der gerade die Reformen, die neue Schule vernichten werde, gegen die falschen Ersparnisse im Kulturetat. Sie läßt die Kinder parteipolitisch ebenso diskutieren wie die Stadtverordneten. Das Ganze ein Zeitbild, das nur für sozialistische Parteipolitiker erfreulich sein kann, dem objettiven Menschen aber den Gedanken nahelegt, daß nicht mit Diskussionen und Demonstrationen, sondern nur mit Ordnung und Leistung das Chaos zu überwinden ist. Dafür waren die Mitspieler Beweis genug: die Berufsschauspieler wie Ernst Karchow, Josef Dahmen, Erwin Kleist, Erich Tormann, Inge Conradi u. a. stellten glaubhafte Gestalten des Schullebens mit sympathischer Jdealinerung hin. Die Helden des Abends aber waren die Volksschüler und -Schülerinnen, die unter Führung des jungen Herbert Forner ihre Aufgabe glänzend ftifch und unbefangen lösten. Hanns Martin Elster.
»Nerven!"
Das Bach einer Staffelet Pflegerin.
Nerve«! Beiträge zur Psychologie der Nervcn- vflege. Von Schwester Karla Berthold, Staffel. I. F. Lehmanns Verlag, München 1931. 90 Seiten. Geh. RM. 2.—.
Das Büchlein vermittelt in knavver Form ein tieferes, seelisches Verständnis für die Behandlung Nervenkranker (Gemütskranker). Es enthält aus eigener Krankbelts- und Berufszeit gesammelte beachtenswerte Borschläge für Laien ober für bereits erprobtes Pflegepersonal, ebenso manchen nützlichen Wink für Aerzte unb Anstaltsleiter, ba es nicht nur auf bie altbewährten Pflegeregeln hinweift, sondern auch reformierend dadurch wirkt, bah es bie begangenen Fehler ichonungslos aufbeat. So bringt es viel Neues über Augst, Zwangsvorstellungen, Zwangshanblunge»: Einbil- bungen, Hemmungen: Trotz, Verstellung, Zwangslächeln: Selbstmordversuche, Geräuschempstnblichkeit: Krankenbericht unb Krankengefchtchte ufw. Bei bet groben Verbreitung bei Nerven- unb Gemütskrankheiten verbient bas Buch auch in weitesten Laienkreisen beste Verbreitung. Erst wenn die Umgebung bie verborgenen Beweggründe des Kranken kennt, die ibn zu Handlungen drängen, bie als Launen, Charakterfehler. Einbildung unb Verstellung angesehen werben, erst bann wird der Zustanb innerer Spannung, bei zwischen dem Kranken unb seiner Umgebung so oft herrscht, aufböten.
Seht anregend, wenn auch zum Teil hypothetisch, ffnd einige neuartige Hinweise aur den Versuch einer Klärung gewisser Vorgänge im Krankheitszustand, z. B. des boste- tischen Gebärdemviels durch Atavismus, der Zwangshand- lungen durch Erkrankung des Unterbewuhtseins, der hvste- rifchen Beschwerden Lurch Versagen des (noch zu entdeckende«) elektro-regillatorifchen Apparates, oder auch durch die theoretische Erwägung. Hysterie durch Transplantation des elektrischen Fifchorgans zu beeinfluffen. Das Interesse an diesen Fragen ist auf die Verfasserin anscheinend vererbt worden: tot Grobvater nämlich, der bekannte Physiologe A. Berthold, ein Vorläufer Steinachs, war einer der ersten Gelehrten, der auf die innersekretorische Wirkung der Keimdrüsen hiuwies unb Transplantationen biefet bei Tieren ausführte.
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Fw Verlag Georg Boudi. Berlin, ertoeinen bemnächst zwei wichtige Werke aus beut Kreise der Blätter für bie Kunst: Heinrich Friedemann: „Platon" unb Äcrtholb Val- lentin: .LSinckelmann".
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. I« Qrell Fützli Verlag, Zürich, erscheinen im Herbst die zwei ersten Bande einer Reihe neuer Tierbücher: •£>. M. Batten „Ziere begegnen uns" und F. St. Mars „Tier unter Tieren", beide aus beut Englischen überfetzt unb mit be« eigengearteten, subtilen Zeichnungen von Warwick Reynolbs illustriert: ferner „Das wahre Gesicht ber Astrologie" von Alfreb Fankhauser, ber von ber Jnterv ir- lamentarischerr Union herausgegebene Sammelbanb „Wie würbe rin neuer Krieg augfeben?' mit achtzehn Aussätzen, u. a. von ben Generälen von Metzfch, Reauin, Fuller, von Politis, Sir Norman Angell, Pros. Delaisi und anbere« Wiffenschastern: „Erinnerungen eines alten Bergsteigers" von Charles Simon unb, in einmaliger numerierter Ausgabe. ein Zyklus von Holzschnitten mit begleitenden Gedichten von Fritz Urban „Intel im Strom". Der ednnbüf ■= Beide werben vier weitere Ränbe hinzugesügt und für tue Kinder gibt es brei neue Geschichicnhücher.