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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 228*
Dienstag, 29. September 1931
21. Jahrgang
Laval und Briand aus Berlin abgereist!
Oie Aufgaben der neuen deutsch-französischen Kommission / politische Hintergründe / Keine Neuwahlen in England? / Genf und die Rüstungspause
„Die Atmosphäre hat sich gebessert!"
Oie Bilanz zweier Tage
Die pariser presse über das Ergebnis der Berliner Reise
Berlin. 29. September.
DUnisterpräsident Laval und Außenminister Briand sind nach zweitägigem Aufenthalt in der reichsdeutschen Hauptstadt am Dienstaa früh aus Berlin wieder abgereist
Gegen 7,30 Uhr früh verließen Laval und Briand das Hotel Adlon, in welchem sie Während ihres Berliner Aufenthaltes gewohnt hatten. Zu ihrem Abschied *■ 'tten sich Herren des Auswärtigen Amtes eingefunden, darunter Legationssekretär von Mumm, der die französischen Gäste bis zur Grenze begleiten Wird.
Vor dem Bahnhof Friedrichstraße hatte sich wegen der frühen Zeit kaum Publikum eingefunden. Dr. Curt ins erschien schon um 7,30 Uhr am Bahnhof. Kurz darauf fuhren die französischen Gäste vor und wurden vom Reichsaußenminister und dem Chef des Protokolls, Gras Tattenbach, begrüßt. Die Gäste warteten vor dem Bahnhofseinganq auf Reichskanzler Dr. Brüning, der nach knappen 10 Minuten eintraf, worauf sich die Gäste sofort nach dem Fürstenzimmer begaben. Um 7,50 Uhr verließen dann der französische Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand mit den Herren ihrer Begleitung Berlin.
Zum Abschied hatten sich unter Führung des französischen Botschafters die Herren der französischen Bdtschaft und zahlreiche Mitglieder der hiesigen französischen Kolonie sowie deutscherseits außer Dr. Brün:: itiC dem Reichsaußenminister i-cr deutsche Botschafter in Paris von Hoesch und die Staatssekretäre Dr. Pünder, von Bülow und Weismann auf dem Bahnsteig oingefunden.
pariser Zensuren
Paris, 29. September.
Die Pariser Presse sicht größtenteils unter dem Eindruck, daß durch die Berliner Verhandlungstage eine für die Verständigungsarbeit günstige Atmosphäre geschaffen wurde. Die Schaffung eines ständigen deutsch französischen Wirlschafts- komitees findet gute Ausnahme. Man will die Bedeutung einer derartigen Organisation nicht übertreiben, da die politischen Fragen ihrem Aufgabenkreis entzogen sind, aber auch nicht unterschätzen. Sämtliche Blätter kürchigen an, daß Ministerpräsident Laval die
französischen Kommisstonsmitglieder spätestens in zehn Tagen ernannt
haben toerbc._ Der Besuch der französischen Minister bei Reichspräsident von Hindenburg wird als Zeichen der Entspannung besonders hervorgehoben.
Der Sonderberichterstatter der Agentur Havas erklärt, die Schaffung eines deutsch-französischen Wirischaftslomitees beweise materiell den
Willen beider Rationen zur Zusammenarbeit.
Selbstverständlich werde die eingesetzte Kommission nicht die Reparations- und Kreditsragen zu behandeln haben, da diese Probleme nicht nur Frankreich und Deutschland angingen. Ihre Prüfung werde weiter Sache der Regierungen sein. Aus dem gleichen Grunde seien bei den Berliner Besprechungen auch politische Fragen, wie die Abrüstungskonferenz oder Schuldenrevisioa, nicht angeschnitten Mordens?)
„Petit Parisien" betont, die Berliner Begegnung sei in einer Atmosphäre verlaufen, die von Stunde zu Stunde herzlicher geworden sei. „Petit Journal" sagt, der Besuch der französischen Minister bei Hindenburg erteile denen eine Antwort, die behaupten, daß sich seit Versailles nichts geändert habe. „La Republique" schreibt, die Berliner Begegnung zeige beiden Völkern, daß sie keineswegs durch ein verhängnisvolles Geschick zur gegenseitigen Vernichtung bestimmt seien. Man werde den Urhebern dieser Wendung der Dinge einigen Kredit schenken müssen. 9
„Journee Industrielle" macht Vorbehalte. Damit die Zusammenarbeit sich voll auswirke, sagt das Blatt, müßten die politischen Agitatoren daraus verzichten, die Bemühungen all derer zu stören, die im Frieden, in Ruhe und in der Sicherheit der Verträge arbeiten möchten. „Echo de Paris" schreibt sogar, man
dürfe nicht Ergebnisse sehen wollen, die nicht vorhanden seien.
„Figaro" fragt, ob Frankreich nicht etwa zuviel Vertrauen in Berlin bewiesen habe, und nicht etwa zuviel Kredite gewähren werde.
Das Blatt der französischen Sozialisten „PoPula i re" meint, das Schlußkomunique sei ziemlich
platonisch, und was Wer die Schaffung einer deutschfranzösischen Kommission gesagt werde, bleibt ziemlich vage,
Wiederaufnahme
der Kablnettsberatungen
Berlin, 29. September.
Wie wir erfahren, ist das Reichskabinett heute vormittag um %11 Uhr zusammengetreten, um die durch die Tage des französischen Ministerbesuches unterbrochenen Beratungen über das Herbstprogramm wieder aufzunehmeu. Auch für heute nachmittag ist eine Kabinettssitzung vorgesehen, so daß man annehmen kann, daß der Kanzler die Beratungen nun beschleunigt zu Ende führen will.
Die außenpolitischen Fragen, die mit Genf Zusammenhängen, dürften heute wohl noch nicht zur Sprache kommen, zumal ja vorgesehen war, daß sie zunächst noch einmal zwischen dem Reichskanzler und Dr. Cur- tius in einex persönlichen Aussprache behandelt werden.
*
In den Ressorts der Reichs- und der Preußischen Staatsregierung wirb gegenwärtig lebhafte Vorarbeit für die neuen Etats geleistet. Das Reichskabinett hatte bisher noch keine Gelegenheit, sich mit dem Plan des Reichsfinanzministers - auf Verlängerung des Etatsjahres zu beschäftigen; diese Verlängerung wird jedoch schon deshalb für sehr wahrscheinlich gehalten, weil zurzeit eine Vorausschätzung der Einnahmen als unmöglich bezeichnet wird. .
London, 29. September.
Die Kabinettssitzung am Montag hat noch zu keiner abschließenden Entscheidung über die weitere Entwicklung der Innenpolitik geführt, so daß das Kabinett die Beratungen am Dienstag fortsetzen wird.
Die gesamte Lage hat sich durch eine liberale Denkschrift wesentlich verändert, die von Sir Herbert Samuel im Einverständnis mit Lloyd George, Lord Reading und anderen Mitgliedern der liberalen Partei ausgearbeitet und dem Ministerpräsidenten bereits vor seiner Abreise nach Chequers übergeben worden ist. In dem Schriftstück wird eine baldige Neuwahl nicht für wünschenswert erklärt. Es wird eine Reihe von Vorschlägen gemacht, wie die Lage, insbesondere die Handelsbilanz, verbessert werden kann; ein entsprechendes Wiederaufbauprogramm wird vorgelegt.
Die Denkschrift soll auf Macdonald einen starken Eindruck gemacht und die Grundlage der Kabinettsbesprechungen am Montag gebildet haben. „Daily Expreß" zufolge, ist sie mit einigen Abänderungen angenommen worden. Das Kabinett wird nun voraussichtlich als nationales Kabinett mit einem neuen Programm vor das Parlament treten.
Das Programm soll vom Volke ein Mandat verlangen, das der Regierung die Mittel an die Hand gibt, der gegenwärtigen Schwierigkeiten Herr zu werden und eine neue Wiederaufbaupolitik einzuleiten. Es soll der Regierung überlassen bleiben, von den Zolltarifen nach den Erfordernissen Gebrauch zu machen. Dadurch würde sich die Einheit im Kabinett wieder Herstellen lassen, das jetzt infolge der Zollsrage in sich gespalten ist.
Wallstreet in Sorgen
London, 29. September.
Wie der Washingtoner Mitarbeiter des „Daily Telegraph" berichtet, werden in Reuyorker Bankkreisen die Nachrichten über das Fallenlassen der Goldwährung in den verschiedenen Ländern zwar mit äußerer Ruhe ausgenommen, doch ist in Wirklichkeit die Bestürzung ständig im Zunehmen begriffen. Die Wirkungen auf den amerikanischen Außenhandel, Gerüchte für eine Aussetzung der Goldeinlösung auch in Italien, der Zusammenbruch einiger weiterer amerikanischer Banken, die ausstehenden riesigen amerikanischen Kredite in Europa, alles dies
th. Berlin, 29. September.
Der zweitägige Besuch der französischen Kabinettsmitglieder in Berlin ist beendet. Die sachlichen Beratungen waren gestern abend gegen 7 Uhr abgeschlossen unb endeten mit ter Veröffentlichung eines an anderer Stelle wieüergegebenen amtlichen Kommuniques über die Einsetzung einer
deutsch-französischenWirtschaftskommiffion
Schon feie Ausführlichkeit und die genauen Angaben, mit der in diesem Kommunique die Ausgaben der. neuen Kommission umrissen werden, lassen erkennen, daß von beiiden Seiten praktische Arbeit gewünscht Wito. Es wird betont, daß das neue Organ zu greifbaren Ergebnissen führen soll, und der Aufbau dieser Kommission aus Rezierungsvertretern, unter Hinzuziehung von Sachverständigen, loll die technischen Voraussetzungen für eine fruchtbare Arbeit schaffen.
Die Ausgabe der Kommission wird unter anderem darin erblickt, bestehende wirtschaftliche Vereinbarungen zu stärken uns zu festigen und neue Vereinbarungen abzuschließen. In dieser Feststellung dürfte das Kernstück des Kommuniques zu erblicken sein. Man hat darunter zmiächst den Ausbau des deutsch-französischen Handelsvertrages zu verstehen, aber man wird auch Maßnahmen auf dem Gebiete des Kartellwesens, des Verkehrswesens uns auch finanzieller Art zu erwarten haben. Wenn von neuen Organisationsformen die Rede ist, so kann mau z. B. an D a ch- gesellschasten für bestimmte Produktionszweige, die in Deutschland wie in Frankreich heimisch sind, ferner an Finanzierungsgemeinschaften oder auch an Vereinbarungen über die Absatzregelung bestimmter in beiden
soll Wallstreet zu der einstimmigen Ueberzeugung gebracht haben, daß die Streichung der Kriegsschulden das einzige Hilfsmittel aus dem allgemeinen Durcheitiander ist.
Wie es heißt, wird auch von den interessierten Kreisen der schärfste Druck auf die Regierung in Washington ansgeübt, um Schritte zur Einberufung einer internationalen Konferenz über das Währungsproblem zu unternehmen. Hoover zögere in Anbetracht der Kongreßferien, des enormen Haushaltsfehlbetrages und der täglich zunehmenden Arbeitslosigkeit, die Initiative zu ergreifen, doch lägen bestimmte Anzeichen dafür vor, daß ein von einer fremden Macht ausgehender Vorschlag für eine solche Konferenz im Weißen Hause günstig ausgenommen würde.
Oer Abrüstungsausschuß bittet...
den Gedanken einex Rüstungspause zu unterstützen.
Genf, 29. September.
Der Abrüstungsausschuß der Völkerbunds- Versammlung hat gestern in einer eigens anberaumten Nachtsitzung folgenden Entschließungsentwurf über den Rüstungsstillstand angenommen:
Die Versammlung ist davon überzeugt, daß eine Wiederaufnahme des Wettrüstens zwangsläufig zu einer internationalen und sozialen Katastrophe führen würde. Die Versammlmia richtet daher an alle diejenigen, die die Verwirklichung der dem Völkerbundspakt zugrundeliegenden Prinzipien des Friedens und der Gleichheit wünschen, den feierlichen Appell, alle ihre Anstrengungen darauf zu richten, daß eine Weltmeinung entsteht, die stark genug ist, um der allgemeinen Abrüstungskonferenz zu positiven Ergebnissen zu verhelfen. Dazu gehört insbesondere eine schrittweise Einschränkung der Rüstungen bis zur Erreichung des in Artikel 8 der Völkerbundssatzung angegebenen Zieles.
Die Versammlung bittet die zur Abrüstungskonferenz eingeladenen ^Regierungen, dieses Ereignis durch einen Stillstand der Rüstungen vorzubereiten. Sie bittet demgemäß den Völkerbundsrat bei den zu der erwähnten Konferenz eingeladenen Regierungen darauf hinzuwirken, daß sie sich jeder Maßnahme enthalten, die auf eine Vermehrung ihrer Rüstungen hinanslausen, würden. Die Versammlung bittet ferner den Rat, die Regierungen zu ersuchen, bis zum 1. November 1981 sich darüber zu äußern, ob sie bereit sind, auf die Dauer eines Jahres von diesem Zeitpunkt an einen solchen Rüstungsstillstand anzunehmen.
Ländern erzeugter Produkte denken. Im übrigen ist hier ein weiter Spielraum vorhanden, weil die Kommission ihren Ausgabenkreis selbständig bestimmen und erweitern kann.
Zur. Beruhigung anderer Lände sind einige Worte in das Kommunique eingefügt, die den Verdacht der Schädigung dritter Interessenten zerstreuen sollen. In erster Linie sind es England und Rußland, aber auch Amerika, an dessen Adresse die Versicherung gerichtet ist, daß die Berliner deutsch-französischen Beschlüsse sich nicht gegen das Wirtschaftswesen eines anderen Landes richten. Wenn man auf ein gemeinsames Vorgehen auf dem Gebiete der Zölle verzichtet hat, so bedeutet das selbstverständlich nicht die Auferlegung von gewissen Bindungen für die selbständige Handhabung der Zollpolitik im Wesen der beiden Länder. Die Wirtschaftsgebiete, die durch die gemeinsame Arbeit erfaßt werden sollen, sind sehr ausgedehnt, ja beinahe unbegrenzt. Denn wenn schon jetzt die Industrie-Produktion, das Exportwesen, der Verkehr zu Wasser, Land und Lust, weiterhin aber auch die Betätigung in den Kolonien (allerdings ohne grundsätzliche Berührung der politischen Mandatsfragen!) ins Auge gefaßt werden, und wenn die Kommission sich selbst neue Aufgabengebiete erschließen kann, so ist bereits zu erkennen, daß man es mit einem weitschichtig angelegten Projekt zu tun hat. In der Tatsache dieser sehr weit gezogenen Grenze liegt natürlich auch die Gefahr, daß ein allzu umständlicher Apparat aufgezogen wird, der langer Vorbereitungen bedarf. Die Kommission wird etwa Mitte Oktober zum ersten Male zusammentteten, und ihre Tätigkeit ist von Anfang an auf mehrere Jahre berechnet, so daß mau einige Zeit wird warten müssen, bis die ersten Früchte aus diesen Arbeiten geerntet werden können.
Das Komitö als Kulisse
Wenn man auch die Tatsache der Gründung dieser Kommission bereits als einen Fortschritt bewerten mag, so darf natürlich wiederum das Interesse der Franzosen nicht verkannt werden, sich ökonomische Vorteile aus diesem deutsch-französischen Wirtschaftsabkommen zu verschaffen. Das ist in erster Linie auf dem Gebiete der Sachleistungen denkbar, die für die Franzosen anscheinend eine Art Ersatz für den Ausfall der übrigen Reparationsleistungen bilden sollen, denn mit diesem Ausfall muß Frankreich ja nicht nur für die Gegenwart, sondern wohl auch für die Zukunft rechnen.
Damit ist die politische Seite des in Berlin behandelten Problems berührt, denn wenn auch das neu eingesetzte Wirtschaftskommitee für sich allein bereits eine bedeutsame Institution darstellt, so wird man nicht vergessen dürfen, daß e§ zugleich auch oen Charakter einer Kulisse besitzt, hinter der diejenigen politischen Probleme allmählich einer Lösung zugeführt werden sollen, die nicht im gleichen Tempo wie die Wirtschaftsfragen bisher gefördert werden konnten. Von amtlicher Seite wird zwar -betont, daß feie Reparationsfrage und die Abtiistungsftage an feen . beißen Konse- renjtagen nicht als besonderer Punkt auf der Tagesordnung der Unterteilungen gestanden haben. Trotzdem sind diese Fragen selbstverständlich nicht außer Betracht geblieben. Es tourfee bereits auf feie internationalen Ziele hingewiesen, feie die Franzosen mit feer politischen Seite fees Berliner Besuchs an- ftreben, und man weiß, daß damit für uns sehr erhebliche
Gefahrenmomente
verknüpft sind. Diese Gefahren ftnfe offensichtlich von den deutschen Kabtnettsrnitgliedern bei feen Berliner Besprechungen deutlich erkannt worden. Man braucht auch hier wiederum nur an das Wort „O st - locarno" zu erinnern, um die letzten Konsequenzen zu kennzeichnen, die sich aus der Verknüpfung der feeutsch-französischen Gemeinschaftsarbeit mit der Reparationssrage uns den sonstigen schwebenden internationalen Problemen der Europapolitik ergeben.
Insofern ist es auch nicht verwunderlich, daß gestern abend zwar von beiden Seiten die Befriedigung mit dem erzielten Wirtschaftsrefultat ausgesprochen wurde, daß aber bei feen Franzosen doch ein gewisses Unbehagen darüber zu bemerken war, daß man bei der Besprechung der politischen Fragen auf gewisse Hindernisse und Mauern stößt, über die nun einmal eine deutsche Regierung nicht hinwegkornmen kann, weil es sich dabei um die Verewigung und Stabilisierung des Versailler Vertrages gerade in denjenigen Punkten handeln würde, in denen wir auf eine Revision keinesfalls verzichten können.
Für feen französischen Ministetpräsidenten ist die Berliner Konferenz zugleich eine Vorbereitung für
Vollmacht für Kabinett Macdonald?
Eigener Drahtbericht.