Einzelpreis 10 Pfennig
Wckr Neueste Nachrichten
—
1Pntt#dd 78 1931
21 Jahrgang
Nummer 227*
Kaffeler Abendzeitung
erfSetniinalroetre1 mi'Arnm» fed>8m«1 na<6mttto«8 flbonnement8oret8: tth #en Mono, 3JO Jt »ei trttei 8e* ftellung ins Sous hi bei Gclckaiisilelli ibgebolt 2.10 Jt Durch die P->k> monatlich 2.80 Jt auSschlieftllch Zu» ftellunasaebiitn 5n Zöllen von böberei Gewalt Oeftebt kein Anforuch auf Lieferung der Zeitung oder aus Rnckzabluns des Sezuasvreues Lerlag Sdirifllettung und Truderet. Ävlnilchk Liratze 10. - teleoban: Eammelnummn W<Xi itunftikbr Lorechitunden Ttensiag und freitags 17—19 Ubr fiölniftbe Strafte 10 t
HeWche Abendzeitung
«njeteenwetfe? (SttodfrS. und Ihimt!ten-Hn»etgen ote 80 mm. Rette 11 Sfennte «Meine An,eisen enl Rüffel das Won 1 A Auswänige RIetne Anzeigen dte 80 tun. breite Zeile 11 A Anzeigen Im «eklameieil die 78 mm breite Zelle 45 A Cffengebübt 25 A (bet Zustellung -15 Jt. — Kllr das Erscheinen von Anzeigen In bestimmten Ausgaben an besonderen Plätzen und für televbonisch enetlte fluftrige keine Sewäbr Rech, nungebeträae innerbalb von 5 Sagen «ablbat (Serianeitanb Raffel — Bolticheckkonto Arankkurt a M 688a
Doch hochpolitische Gespräche in Berlin!
Hinter den Kulissen der Berliner Besprechungen / Dor der Einberufung des Wirtschafiskomitös / Wahlerfolge der Flügclparteien in Hamburg
Gefahr im Verzüge?
Berliner Schriftleitung.
Von unserer
th. Berlin, 28. September.
Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten Laval und des Außenministers Br i a n d in Berlin kann nach den Eindrücken vom gestrigen Sonntag doch vielleicht eine politisch-historische Tatsache von viel weittragenderer Bedeutung werden, als bisher angenommen wurde. Die Wilhelmstraße, das Hotel Adlon und die französische Botschaft am Pariser Platz stehen seit den gestrigen frühen Morgenstunden in einem ununterbrochenen Verkehr der Diplomaten und der internationalen Presse und sind zu einer großen politischen Börse geworden, wie man sie von den Stätten der internationalen Konferenzen her kennt. Die Berliner Reise der französischen Staatsmänner hat sich bereits gestern als ein Unternehmen von sehr erheblicher politischer Bedeutung herausgestellt, und nachdem der internationale Meinungsaustausch einmal in Gang gekommen ist, ist auch das Geheimnis, das bisher über an Dingen lag, bereits ein wenig gelüftet worden.
Man erkennt, daß diese Berliner Zusammenkunft doch nicht ohne weiteres unter der Parole einer Einschränkung des Verhandlungsprogramms und der politischen Ergebnislosigkeit stehe« wird.
Oie Wirtschaftskommission
gleichzeitig damit eine Vere wigung des B e r - saillerVertragcs in seiner jetzigen Gestalt, insbesondere also den Abschluß eines sogenannten Ost- locarno in die jetzt bevorstehenden Abmachungen anstreben werden.
Diesen f.anzösischen Wünschen muß natürlich von deutscher Seite energisch entgegengearbeitet werden, weil sonst, für. die deutsche Politik die Möglichkeit genommen würde, g'-ien H; Bestimmungen des Versailler Vertrages, die sich auf die Ostgrenze erstrecken, irgendwie zu protestieren oder mit sonstigen diplomatischen oder poU..'chen Mitteln vorzugehen.
Die Zusammenfassung dieser verschiedenen politischen Probleme läßt unschwer erkennen, warum die Franzoesn so großen Wert darauf legten, die Berliner Zusammenkunft als ine ganz harmlose wirtschaftliche Besprechung abzusi.mpeln, während dort in Wirk
lichkeit sehr sch w e r w i e g e n d e P o li t i s ch e Fragen ebenfalls erörterw der,en obgleich natürlich an eine Lösung in diesen Punkten noch nicht zu denken ist.
Deutlich ist dabei das Bemühen der-Franzosen, den- in Washington bevorstehenden Besuch des - Mini-- sterprästdenten Laval v. 'zubereiten, weil die Franzosen sich natürlich darüber klar fein dürften,-daß ohne die Mitwirkung.Amerikas, die von den Franzosen jetzt abermals versuchte Politik der'Verewigung des Versailler Betrags ".'cht durstführbar wäre.
Optimismus in Paris
Paris, 28. September.
Der erste Tag des Berliner Besuches der französischen Minister wird von den Pariser Morgenblät- tern, abgesehen vom „Echo de Paris" und dem „Figaro", sehr optimistisch beurteilt. Man betont, daß der von Laval vorgeschlagene Plan zur Schaffung eines deu:sch-französischen Ausschusses für die Zusammenarbeit der beiderseitigen Industrien keinerlei Schwierigkeiten begegne, und daß eine Verwirklichung nur noch eine Frage von Stunden sei. Einige Blät
ter erklären, daß die Bildung dieses Ausschuffes im Sinne Lavals nur der A n f a n g einer deutsch-französischen-Zusammenarbeit sei Französischerseits denke man daran, die Oefsentlichkeit der beiden Länder zunächst einmal-an. die gemeinsame. Bearbeitung der verschiedenen, weniger heiklen Fragen zu gewöhnen, -um nach, und nach eine gemeinsame Regelung aller derjenigen Probleme zu versuchen, die im Augenblick noch nicht aufgeworfen werden könnten, da sie von vornherein zum Mißerfolg verurteilt sein würden.
Japan protestiert in Nanking
Schanghai, 28. September.
Nach einer M'ldung aus Tokio hat der japanische Außenminister dem chinesischen Botschafter eine Note zur Uebermittluirg an die Nankingregieruna überreicht, in der we^en angeblicher chinesischer Ausschreitungen gegen die .apan'sche Besatzungsarmee in der Mandschurei Protest e"hoben wird. Der Außenminister hat eine Untersuchung verlangt und im Falle der Wiederholung mit strengen Maßregeln gedroht.
Berlin begrüßt die Franzosen
(Sonderbericht für die Kaffeler Neuesten Nachrichten)
Man hat in den letzten Tagen betont, daß nur wirtschaftliche, nicht aber politische Probleme in Berlin erörtert werden sollen, und der französische Ministerpräsident hat ausdrücklich hervorgehoben, daß man gegenwärtig über manche Fragen eben noch nicht sprechen könne, sodaß man auf wirtschaftlichem Gebiete eine vorsichtige Annäherung versuchen mu„e. Man war sich schon vorher darüber einig, daß d s Ergebnis dieser Zusammenkunft die Einsetzung eines deutsch-französischen Komitees für die Behandlung bestimmten Wirtschaftsfragen sein sollte. Nach den Mitteilungen, die von zuständigen Stellen über den Verlauf der ersten gemeinsamen Konferenz gemacht wurden, hat es sich in der Tat vor allem um Wirtschaftsfragen gehandelt, und zwar hat die Elektrizitätswirtschaft und die Chemie im Vordergund gestanden. Für diese beiden Materien sind hervorragende französische Sachver,... dige als Mitglieder der Delegation mit nach Berlin gekommen. Selbstverständlich kann man hier nur vorbereitende Beratungen führen und ac- wissermaßen das ganz weit verzweigte Stoffgebiet ordnen und für die Einzelarbeiten der Kommission vorbereiten.
Heute werden diese Konferenzen fortgesetzt, und es ist anzunehmen, daß imLaufedeshentigen Tages die Kommission gebildet und einberufen wird, sodaß sie alsbald ihre Arbeiten auf dem Gebiete der einzelnen Zwe'ge der Wirtschaft auf- nehmen kann, auf welchen eine engere deutsch-französische Zusammenarbeit erwünscht ist.
politische Gespräh.
Insoweit ist also das Programm nicht geändert worden, und ebenso dürfte fich an der Feststellung nichts ändern, daß auf politischem Gebiet sofort greifbare Ergebnisse nicht zu erwarten sind. Trotzdem wird man — und man hat gestern damit bereits den Anfang gemacht — sich neben den wirtschaftlichen Erörterungen, auch über sehr wichtige politische Probleme unterhalten. Diese Gespräche können und sollen nach der Absicht der Beteiligten, den Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung zwischen Deutschland und Frankreich werden. Man erfährt dazu im einzelnen, daß neben diesen Wirtschaftssrage« gestern auch Probleme erörtert worden sind, die seinerzeit im Layton-Bericht angedeutet, aber nicht int einzelnen behandelt wurden. Da es sich, wie betont wird, nicht um die StUlhalte- aktio« handelt, so bleibt aus dem Laytonbericht nur die Reparationsfrage übrig, die gestern in den Besprechungen zwischen den deutschen und den französischen Ministern bereits eine Rolle gespielt hat.
Die Franzosen dürfte« sich darüber klar fe;n, daß sie in der Reparationsfrage vor die Notwendigkeit eines allmählichen Abbaues gestellt sind, und sie streben offenbar daraufhin, durch Verknüsfung des Reparationsproblems mit der Abrüstungssrage, mit der wirtschaftliche« Zusammmenar- beit und mit der Auswertung der bestehenden politischen Verträge es« Gesamtergebnis herauszuholen, welches für die französische Innen Politik tragbare Ergebnisse erwarten läßt. Hierin liegt für uns ein
großes Gefahrenmoment
weN die Franzosen möglicherweise auf dem Gebiete der Revara onc«. der Burüstuna und der iWrtschaft mancherlei Konzesstonn machen werden, weil sie aber
■
5Sx W
Sy
■
1
y
1- M
MM
ÄWäW
< y
5-M8WOWM
5 v* - p.
M
- ■ - s
x
mH
WA v
-
I
w ■■■ IM
-
«J. 's*
«MS * '* Ä $
■
ayrs«. Sttftenminitter Briand begrübt »am Bülkau des Hotels Adlon bk Berliner —.(Rechts) Briand besucht in Begleiinna des sraurö fische« Bot-
Uniere «ttoer. ix. schüsteröSrüiieois-Poncel das Grab des ehemaligen deutschen Antzenministers «eireiemann.
Ho. Berlin, 28. September. I
Seit 53 Jahren sind heute zum erstenmal führmrde französische Staatsmänner zu einem Besuch ihrer deutschen Kollegen in Berlin eingetroffen--ein Ereig
nis, das unter Umständen schwerwiegende politische Bedeutung haben kann. Kein Wunder also, daß es in den großen Berliner Hotels gegenwärtig wimmelt von ausländischen Journalisten, die versuchen, sich mit aufmerksamen Augen in Deutschland umzusehen, und die weiter versuchen, bedeutsame Aussprüche der gegenwärtig im Mittelpunkt des Weltinteresses stehenden Männer zu erhaschen. In der französischen Botschaft haben sich am Donnerstag und Freitag schon etwa 20 der bekanntesten Leitartikler aus Paris vorgestellt und um Informationen gebeten. Auch eine Reihe der namhaften englischen Publizisten ist in Berlin eingetroffen und hat bereits ihre ersten Eindrücke aus Deutschland in der „Times“ und anderen englischen Blättern veröffentlicht.
Und im „Adlon" Unter den Linden saßen bereits am Sonnabend die Beamten des französischen Sicherheitsdienstes, die gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen Briand, Laval, Berthelot und die übrigen fünf Mitglieder der französischen Delegation während ihres Aufenthalts in Deutschland überwachen sollen...
*
Sonntag früh kurz vor 8 Uhr sind die Vertreter der Weltpresse aus dem Bahnhof Fried
richstraße versammelt. Nach einer Fahrt, die genau doppelt so lange dauert als gewöhnlich, hält der Wagen endlich vor dem Portal, wo eine starke Schupowache zum zehnten oder zwölften Male den für diesen Empfang besonders ausgegebenen Iournalisten- ausweis kontrolliert. Die Straße Unter den Linden ist bis zum Brandenburger Tor abgesperrt, nur der Durchgangsfahrverkehr wird aufrechterhalten. Ebenso ist der ganze Bahnhofsvorplatz abgeriegelt, etwa 5 Polizeihundertschaften tun hier Dienst, die Fußgängersteige sind eingeseilt, der Stadtbahnverkehr ist für die Zeit der Ankunft so gut wie still- gelegt worden.
Während draußen die schweren Aufnahmewagen der verschiedenen Filmgesellschaften anrollen und die Kameramänner ihr kompliziertes Gerät zur Aufstellung bringen, füllt sich der Bahnsteig A langsam mit feierlich schwarz gekleideten Männern im Zylinder und Gehrock. Der Leiter des Bahnhofs Friedrichstraße (ein alter Bekannter des Reichspräsidenten, dem Hindenburg bei An- und Abfahrten niemals Guten Tag zu sagen und die Hand zu schütteln vergißt) meldet sich bei dem Reichskanzler Dr. Brüning, der mit dem Reichsaußenminister Dr. Curtius plaudernd auf und ab geht.
Fast vollzählig find die Staatssekretäre vertreten, ebenso die leitenden Beamten der französischen Botschaft und die Spitzen der französischen Kolonie in
Berlin. Die Preußenregierung vertritt Staatssekretär Weismann.
Pünktlich auf die Sekunde läuft dann endlich der berühmte „Train bleu" („der blaue Expreß“) aus Paris ein, d. h., nur der Teil, in dem die Franzosen Platz genommen haben; die anderen Wagen find in Charlottenburg bereits abgehängt worden und laufen einige Minuten später gesondert ein. Die in offizieller Mission erschienenen Herren auf dem Bahnsteig lüften die Zylinder. Dann öffnet sich die Tür des blauen Luxuswagens und das lächelnde, immer etwas mokante Gesicht des Botfchasters Poncet erscheint.
Nach Poncet klettert der Ministerpräsident Laval auf den Bahnsteig: ein untersetzter breitschultriger Mann mit gelbem Gesicht, in das dicke Strähnen tief- schwarzen Haares hineinhängen. Feierliche Begrüßung, Händeschütteln zwischen ihm und Brüning, während Curtius strahlend seinem alten WidersacherBriand aus dem Wagen hilft. Der „große alte Mann" lächelt--aber doch sieht man diesem kleinen grei
senhaften Manne mit dem scharfgeschnittenen Fuchsgesicht die Anstrengungen der Reise sehr deutlich an. Er sagt nur wenige Worte, die in der allgemeine« Aufregung untergehen. Umso mehr wird er ged7cht haben, denn ein eigenes Gefühl wird es für diese«