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Wckr Neueste Nachrichten

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21 Jahrgang

Nummer 227*

Kaffeler Abendzeitung

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HeWche Abendzeitung

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Doch hochpolitische Gespräche in Berlin!

Hinter den Kulissen der Berliner Besprechungen / Dor der Einberufung des Wirtschafiskomitös / Wahlerfolge der Flügclparteien in Hamburg

Gefahr im Verzüge?

Berliner Schriftleitung.

Von unserer

th. Berlin, 28. September.

Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten Laval und des Außenministers Br i a n d in Ber­lin kann nach den Eindrücken vom gestrigen Sonntag doch vielleicht eine politisch-historische Tatsache von viel weittragenderer Bedeutung werden, als bisher angenommen wurde. Die Wilhelmstraße, das Hotel Adlon und die französische Botschaft am Pariser Platz stehen seit den gestrigen frühen Mor­genstunden in einem ununterbrochenen Verkehr der Diplomaten und der internationalen Presse und sind zu einer großen politischen Börse gewor­den, wie man sie von den Stätten der internationalen Konferenzen her kennt. Die Berliner Reise der fran­zösischen Staatsmänner hat sich bereits gestern als ein Unternehmen von sehr erheblicher politischer Bedeutung herausgestellt, und nachdem der inter­nationale Meinungsaustausch einmal in Gang ge­kommen ist, ist auch das Geheimnis, das bisher über an Dingen lag, bereits ein wenig gelüftet worden.

Man erkennt, daß diese Berliner Zusammenkunft doch nicht ohne weiteres unter der Parole einer Ein­schränkung des Verhandlungsprogramms und der politischen Ergebnislosigkeit stehe« wird.

Oie Wirtschaftskommission

gleichzeitig damit eine Vere wigung des B e r - saillerVertragcs in seiner jetzigen Gestalt, ins­besondere also den Abschluß eines sogenannten Ost- locarno in die jetzt bevorstehenden Abmachungen anstreben werden.

Diesen f.anzösischen Wünschen muß natürlich von deutscher Seite energisch entgegengearbeitet werden, weil sonst, für. die deutsche Politik die Möglichkeit ge­nommen würde, g'-ien H; Bestimmungen des Versail­ler Vertrages, die sich auf die Ostgrenze erstrecken, irgendwie zu protestieren oder mit sonstigen diploma­tischen oder poU..'chen Mitteln vorzugehen.

Die Zusammenfassung dieser verschiedenen politi­schen Probleme läßt unschwer erkennen, warum die Franzoesn so großen Wert darauf legten, die Berliner Zusammenkunft als ine ganz harmlose wirtschaft­liche Besprechung abzusi.mpeln, während dort in Wirk­

lichkeit sehr sch w e r w i e g e n d e P o li t i s ch e Fragen ebenfalls erörterw der,en obgleich natürlich an eine Lösung in diesen Punkten noch nicht zu denken ist.

Deutlich ist dabei das Bemühen der-Franzosen, den- in Washington bevorstehenden Besuch des - Mini-- sterprästdenten Laval v. 'zubereiten, weil die Franzo­sen sich natürlich darüber klar fein dürften,-daß ohne die Mitwirkung.Amerikas, die von den Franzosen jetzt abermals versuchte Politik der'Verewigung des Ver­sailler Betrags ".'cht durstführbar wäre.

Optimismus in Paris

Paris, 28. September.

Der erste Tag des Berliner Besuches der franzö­sischen Minister wird von den Pariser Morgenblät- tern, abgesehen vom „Echo de Paris" und dem „Fi­garo", sehr optimistisch beurteilt. Man betont, daß der von Laval vorgeschlagene Plan zur Schaffung eines deu:sch-französischen Ausschusses für die Zusam­menarbeit der beiderseitigen Industrien keinerlei Schwierigkeiten begegne, und daß eine Verwirklichung nur noch eine Frage von Stunden sei. Einige Blät­

ter erklären, daß die Bildung dieses Ausschuffes im Sinne Lavals nur der A n f a n g einer deutsch-franzö­sischen-Zusammenarbeit sei Französischerseits denke man daran, die Oefsentlichkeit der beiden Länder zu­nächst einmal-an. die gemeinsame. Bearbeitung der verschiedenen, weniger heiklen Fragen zu gewöhnen, -um nach, und nach eine gemeinsame Regelung aller derjenigen Probleme zu versuchen, die im Augenblick noch nicht aufgeworfen werden könnten, da sie von vornherein zum Mißerfolg verurteilt sein würden.

Japan protestiert in Nanking

Schanghai, 28. September.

Nach einer M'ldung aus Tokio hat der japanische Außenminister dem chinesischen Botschafter eine Note zur Uebermittluirg an die Nankingregieruna über­reicht, in der we^en angeblicher chinesischer Ausschrei­tungen gegen die .apan'sche Besatzungsarmee in der Mandschurei Protest e"hoben wird. Der Außenmini­ster hat eine Untersuchung verlangt und im Falle der Wiederholung mit strengen Maßregeln gedroht.

Berlin begrüßt die Franzosen

(Sonderbericht für die Kaffeler Neuesten Nachrichten)

Man hat in den letzten Tagen betont, daß nur wirtschaftliche, nicht aber politische Probleme in Berlin erörtert werden sollen, und der französische Ministerpräsident hat ausdrücklich hervorgehoben, daß man gegenwärtig über manche Fragen eben noch nicht sprechen könne, sodaß man auf wirtschaftlichem Ge­biete eine vorsichtige Annäherung versuchen mu„e. Man war sich schon vorher darüber einig, daß d s Ergebnis dieser Zusammenkunft die Einsetzung eines deutsch-französischen Komitees für die Behandlung bestimmten Wirtschaftsfragen sein sollte. Nach den Mitteilungen, die von zuständigen Stellen über den Verlauf der ersten gemeinsamen Konferenz gemacht wurden, hat es sich in der Tat vor allem um Wirtschaftsfragen gehandelt, und zwar hat die Elektrizitätswirtschaft und die Che­mie im Vordergund gestanden. Für diese beiden Materien sind hervorragende französische Sachver,... dige als Mitglieder der Delegation mit nach Berlin gekommen. Selbstverständlich kann man hier nur vorbereitende Beratungen führen und ac- wissermaßen das ganz weit verzweigte Stoffgebiet ordnen und für die Einzelarbeiten der Kommission vorbereiten.

Heute werden diese Konferenzen fortgesetzt, und es ist anzunehmen, daß imLaufedeshentigen Tages die Kommission gebildet und ein­berufen wird, sodaß sie alsbald ihre Arbeiten auf dem Gebiete der einzelnen Zwe'ge der Wirtschaft auf- nehmen kann, auf welchen eine engere deutsch-fran­zösische Zusammenarbeit erwünscht ist.

politische Gespräh.

Insoweit ist also das Programm nicht geändert worden, und ebenso dürfte fich an der Feststellung nichts ändern, daß auf politischem Gebiet sofort greif­bare Ergebnisse nicht zu erwarten sind. Trotzdem wird man — und man hat gestern damit bereits den An­fang gemacht — sich neben den wirtschaftlichen Er­örterungen, auch über sehr wichtige poli­tische Probleme unterhalten. Diese Ge­spräche können und sollen nach der Absicht der Betei­ligten, den Ausgangspunkt für die weitere Entwick­lung zwischen Deutschland und Frankreich werden. Man erfährt dazu im einzelnen, daß neben diesen Wirtschaftssrage« gestern auch Probleme erörtert wor­den sind, die seinerzeit im Layton-Bericht an­gedeutet, aber nicht int einzelnen behandelt wurden. Da es sich, wie betont wird, nicht um die StUlhalte- aktio« handelt, so bleibt aus dem Laytonbericht nur die Reparationsfrage übrig, die gestern in den Besprechungen zwischen den deutschen und den französischen Ministern bereits eine Rolle gespielt hat.

Die Franzosen dürfte« sich darüber klar fe;n, daß sie in der Reparationsfrage vor die Notwendig­keit eines allmählichen Abbaues gestellt sind, und sie streben offenbar daraufhin, durch Verknüsfung des Reparationsproblems mit der Abrüstungssrage, mit der wirtschaftliche« Zusammmenar- beit und mit der Auswertung der bestehenden politischen Verträge es« Gesamtergebnis herauszuholen, welches für die französische Innen Politik tragbare Ergebnisse erwarten läßt. Hierin liegt für uns ein

großes Gefahrenmoment

weN die Franzosen möglicherweise auf dem Gebiete der Revara onc«. der Burüstuna und der iWrtschaft mancherlei Konzesstonn machen werden, weil sie aber

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ayrs«. Sttftenminitter Briand begrübt »am Bülkau des Hotels Adlon bk Berliner —.(Rechts) Briand besucht in Begleiinna des sraurö fische« Bot-

Uniere «ttoer. ix. schüsteröSrüiieois-Poncel das Grab des ehemaligen deutschen Antzenministers «eireiemann.

Ho. Berlin, 28. September. I

Seit 53 Jahren sind heute zum erstenmal führmrde französische Staatsmänner zu einem Besuch ihrer deut­schen Kollegen in Berlin eingetroffen--ein Ereig­

nis, das unter Umständen schwerwiegende politische Bedeutung haben kann. Kein Wunder also, daß es in den großen Berliner Hotels gegenwärtig wimmelt von ausländischen Journalisten, die ver­suchen, sich mit aufmerksamen Augen in Deutschland umzusehen, und die weiter versuchen, bedeutsame Aus­sprüche der gegenwärtig im Mittelpunkt des Weltin­teresses stehenden Männer zu erhaschen. In der fran­zösischen Botschaft haben sich am Donnerstag und Freitag schon etwa 20 der bekanntesten Leitartikler aus Paris vorgestellt und um Informationen gebe­ten. Auch eine Reihe der namhaften englischen Publizisten ist in Berlin eingetroffen und hat bereits ihre ersten Eindrücke aus Deutschland in der „Times“ und anderen englischen Blättern veröffentlicht.

Und im „Adlon" Unter den Linden saßen bereits am Sonnabend die Beamten des französischen Sicher­heitsdienstes, die gemeinsam mit ihren deutschen Kol­legen Briand, Laval, Berthelot und die übrigen fünf Mitglieder der französischen Delegation während ihres Aufenthalts in Deutschland überwachen sollen...

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Sonntag früh kurz vor 8 Uhr sind die Vertreter der Weltpresse aus dem Bahnhof Fried­

richstraße versammelt. Nach einer Fahrt, die genau doppelt so lange dauert als gewöhnlich, hält der Wa­gen endlich vor dem Portal, wo eine starke Schupo­wache zum zehnten oder zwölften Male den für die­sen Empfang besonders ausgegebenen Iournalisten- ausweis kontrolliert. Die Straße Unter den Linden ist bis zum Brandenburger Tor abgesperrt, nur der Durchgangsfahrverkehr wird aufrechterhalten. Ebenso ist der ganze Bahnhofsvorplatz abgerie­gelt, etwa 5 Polizeihundertschaften tun hier Dienst, die Fußgängersteige sind eingeseilt, der Stadtbahn­verkehr ist für die Zeit der Ankunft so gut wie still- gelegt worden.

Während draußen die schweren Aufnahmewagen der verschiedenen Filmgesellschaften anrollen und die Kameramänner ihr kompliziertes Gerät zur Aufstel­lung bringen, füllt sich der Bahnsteig A langsam mit feierlich schwarz gekleideten Männern im Zylinder und Gehrock. Der Leiter des Bahnhofs Friedrich­straße (ein alter Bekannter des Reichspräsidenten, dem Hindenburg bei An- und Abfahrten niemals Guten Tag zu sagen und die Hand zu schütteln ver­gißt) meldet sich bei dem Reichskanzler Dr. Brüning, der mit dem Reichsaußenminister Dr. Curtius plau­dernd auf und ab geht.

Fast vollzählig find die Staatssekretäre vertreten, ebenso die leitenden Beamten der französischen Bot­schaft und die Spitzen der französischen Kolonie in

Berlin. Die Preußenregierung vertritt Staatssekre­tär Weismann.

Pünktlich auf die Sekunde läuft dann endlich der berühmte „Train bleu" („der blaue Expreß“) aus Paris ein, d. h., nur der Teil, in dem die Fran­zosen Platz genommen haben; die anderen Wagen find in Charlottenburg bereits abgehängt worden und lau­fen einige Minuten später gesondert ein. Die in offi­zieller Mission erschienenen Herren auf dem Bahn­steig lüften die Zylinder. Dann öffnet sich die Tür des blauen Luxuswagens und das lächelnde, immer etwas mokante Gesicht des Botfchasters Poncet er­scheint.

Nach Poncet klettert der Ministerpräsident Laval auf den Bahnsteig: ein untersetzter breitschultriger Mann mit gelbem Gesicht, in das dicke Strähnen tief- schwarzen Haares hineinhängen. Feierliche Begrü­ßung, Händeschütteln zwischen ihm und Brüning, wäh­rend Curtius strahlend seinem alten WidersacherBri­and aus dem Wagen hilft. Der „große alte Mann" lächelt--aber doch sieht man diesem kleinen grei­

senhaften Manne mit dem scharfgeschnittenen Fuchs­gesicht die Anstrengungen der Reise sehr deutlich an. Er sagt nur wenige Worte, die in der allgemeine« Aufregung untergehen. Umso mehr wird er ged7cht haben, denn ein eigenes Gefühl wird es für diese«