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Nummer 224*

Donnere-taa, 24. Geviember 1031

21 Jahrgang

Gerüchte um den I^eichsaußenminister

Or. Curtius wieder in Berlin / Oie große Notverordnung endlich vor dem Gesamtkabtnett / Vor neuen Zusammenstößen in der Mandschurei

Rücktritt in -en nächsten Tagen?

Don unserer Berliner Schriftleitung.

Pierre Laval

Zur Berliner Reife des französischen Ministerpräsidenten / Von Antonina Vallentin

th. Berlin, 24. September.

Der Außenminister Dr. Curt ins hat gestern Genf verlassen, ist imAuto nach Basel gefahren und hat dann Sen Nachtzug nach Berlin benutzt, wo er heule mittag eintrifft. Er wird heute nachmittag wahrscheinlich Reffortbosprechungen im Auswärtigen Amt führen, wird aber zweifellos morgen an den Kabinettsverhandlungen teilneh- m e n. Von seinem Wunsche wind es im wesentlichen abhängen, ob die Beratungen über das Wirtschafts­programm durch eine Besprechung über die in Genf geführte Politik unterbrochen werden. Es würde auch nur das übliche Verfahren kennzeichnen, wenn »er Außenminister nach feiner Rückkehr aus Genf dem Kabinett und dem Kanzler Bericht erstatten, und wenn dann die in Genf von der deutschen Delegation betriebene Politik von der Reichsregierung bespro­chen würde. Der Reichspräsident Hindenburg fährt erst Sonnabend nach Berlin zurück und wird dann ebenfalls den Vortrag des Außenministers ent- Pegennehmen.

Im Zusammenhang mit der Rückkehr des Außen­ministers aus Genf sind

zahlreiche Vermutungen ansgetaucht, wonach mit dem Rücktritt des Außenministers in den nächsten Tagen zu rechnen sei.

Es wird unter anderem behauptet, daß Dr. Cnr- tius den Kanzler vor die Alternative steilem werde, sich in aller Form mit ihm noch ein­mal solidarisch zu erklären und auch dem Parlament gegenüber die volle Verantwortung für die in Genf betriebene Politik zu übernehmen, oder daß der Au­ßenminister, falls Dr. Brüning eine derartige Er­klärung nicht abgeben will, sofort die Konsequenzen seines Rücktritts ziehen wird. Der Reichskanzler hat »en Standpunkt, daß die Genier Politik, insbe­sondere die mit der Zollunion zusammenhän­genden Vorgänge, der Gesamtverantwortung des Kabinetts unterliegen, wiederholt betont, so daß die Solidarität des Kabinetts mit dem Außenminister als eine Selbstverständlichkeit angesehen wurde. An­gesichts »er parteipolitischen Schwierigkeiten, welche sich neuerdings in Bezug aus die Person des Außen­ministers beim Zentrum und bei der Deutschen Volkspartei ergeben haben, und aus denen sich für die bevorstehende Reichstagssession parlamentarische Komplikationen erwarten lassen.

hegt man in unterrichteten Kreisen Zweifel, ob Dr. Brüning auch jetzt noch die Solidarität mit Dr. Curtius unter allen Umständen und ohne jede Ein­schränkung in der bisherigen Form aufrecht erhal­ten wird. Es handelt sich bei diesen Erörterungen jedoch zunächst nur um Vermutungen, da keinerlei authentische Aeußerungen deS Kanzlers oder Außen­ministers darüber vorliegen, und man erst die viel­leicht schon heute nachmittag bevorstehende Unter­redung zwischen Dr. Brüning und Dr. Curtius abwarten muß. Jedenfalls wird man gut tun, mit der Möglichkeit eines Rück, tritts des Außenministers zu rechnen.

Sollte Dr. Curtius sich bereits in diesen Tagen, also noch vor dem Besuche der französischen Minister zum Rücktritt entschließen, so würde die Nachfol - gerfrage besonders schwierig fein. Ein Partei­politiker irgendwelcher Richtung kommt nicht in Be­tracht, und da auch die Wahl eines Berufsdiplomaten (man nennt immer wieder den Botschafter in Lon­don von Neurath) parlamentarische Schwierigkeiten nach sich ziehen würde, so hält man es für wahrschein­lich, daß für den Fall einer solchen Demission der Reichskanzler persönllch das Außen­ministerium im Nebenamt führen müßte.

Brünings Programm

th. Berlin, 24. September.

Die Beratungen des Reichskabinetts über die fett längerer Zeit in Bearbeitung befindlichen Probleme, die zu dem Wirtfchaslsprogramm des bevorstehenden Winters gehören, werden heute beginnen und werden mehrere Tage in Anspruch nehmen, nachdem gestern die zur Vorbereitung geführten f»genannten Chef- besprechungen abgeschlossen worden sind. Ueber den Inhalt des umfangreichen Wirtfchaftsprogramms welches wahrscheinlich in der nächsten Woche durch Notverordnung herauskommen wird, sind in letzter Zeit schon wiederholt einzelne Mitteilungen gemacht worden. Man rechnet damit, daß dieses Pro - gramm im wesentlichen folgende Punkte umfassen wird:

Zusammenlegung der Ätiftnfürfotge und der kom­munalen Arbeitslosenfürsorge, Siedlungsfrage, Her­absetzung der Hauszmsstener mit dem Ziele einer Senkung der Mieten (während die ursprünglich ge­

, Die Versagerin der nachstebende« effae, Fran An- somi-a Ballenlin. der Bioarapbiu Strescmanns, batte Gelegenheit, den sranzdsiiche« Minifterpräsidcntc» »n mterviewen. Der Aussatz hat also den Borzn«, tiefe er ans persönlichen Eindrücken nnd Erkenntnissen be­ruht. Ans dte politische Bedeutung der Berliner Reise Lavals und Briands werden wir noch zu sprecheu kommen.

ungebrochen erhalten. Doch diese Kraft, die aus ihm ausstrahlt, ist gehalten und gebunden, ein gedrosselter Motor. Es ist fast, als ob er seine eigene Wirkung, die Machtmittel feiner eigenen Natur an die Kette gelegt hätte. Diese Kette heißt Klugheit, Vor­sicht prudence ein Wort, das man oft aus feinem Munde hört.

plante Erhöhung ber Umsatzsteuer wieder in den Hin­tergrund tritt), Sparmaßnahmen bei chen Beamten nicht durch eine einmalige Gehaltskürzung, aber durch eine Aufrückungssperre und durch eine Herab­setzung der Höchstpensionsgrenzen.

Weiterhin kommen im Rahmen dieser Notverord­nung die Einsetzung von Sondergerichten zur be­schleunigten Aburteilung von Gewalttaten in Be­tracht. sowie vor allem die Verlängerung des jetzt lausenden Etats um drei Monate, damit der Reichs­tag nicht erst eine neue Etat-Debatte im Winter zu führen braucht.

Man wird den Verlauf der auf mehrere Tage be­rechneten Kabinettfitzungen abwarten müssen, um endgültig seststelleu zu können, wie sich der Inhalt and das Ergebnis dieser Notverordnung gestaltet.

Deutsch-französische Gespräche

Die Besprechungen, die mit den französischen Mi­nistern in Berlin geführt werden sollen, sind bereits in Genf und Paris vorbereitet worden. Man hält es in maßgebenden Kreisen in Berlin nach wie vor für sicher, daß bei diese» am Sonntag und Montag stattfindenden Unterredungen politische Probleme in den Hintergund gestellt werden sollen, damit man in er st er Linie wirtschaftliche Fragen erörtern kann. Dabei wird es sich um die Erweiterung der deutsch-französischen Handelsverträge, um die das Saargebiet betreffenden wirtfchaftlichen Probleme, um Verkehrsfragen im Eisenbahn- und Schiffahrts- Wesen, um industrielle gemeinschaftliche Interessen auf dem Gebiete des Kartellwesens und um ähnlich ge­lagerte Probleme handeln. Wahrscheinlich wird man eine neuegroße gern einsame Kommission zur weiteren Vertiefung der hierbei berührten Pro­bleme einfetzen, und in dieser Kommission würden neben den Regierungsvertretern auch Vertreter der Wirtschaft sitzen und Stimme haben.

London, 24. September.

Die Genfer Meldung, daß die Japaner Char- biu besetzt haben, findet nach den in London vorlie­genden Nachrichten noch keine Bestätigung. Trotz der offiziellen japanischen Aeußerungen sind aber, wie fast übereinstimmend gemeldet wird, die Japaner über Tschangtschun hinaus in Richtung auf Char- bin vorgestoßen.

Die chinesische Kirin-Armee. die als eine der besten des ganzen Heeres gilt, weigert sich, dem Befehle nachzukommen und sich jeder Kampfhandluug zu ent­halten, sodaß weitere Zusammenstöße un­vermeidlich erscheinen. Insgesamt haben die Japaner jetzt 14 Städte in der Mandschurei besetzt.

Oie Japaner verhaften Geiseln

London, 24. September.

Die japanischen Behörden verhafteten, wie ber Daily Telegraph" meldet, in Mulden mehrere prominente Chinesen als Geiseln für den Fall, daß chinesische Soldaten Japaner ober Koreaner bebroben sollten. Die Japaner verschafften sich außerdem Listen über bie Guthaben reicher Chi­nesen, um nötigenfalls auch finanzielle Garantien zu haben. Tas japanische Kabinett hat 3,4 Millionen Aen für Operationen in ber Mandfchurei bewilligt.

Berichte, baß die japanifche Regierung bereits bie Intervention des Völkerbundes abgelehnt habe, sol­len nach Meldungen desDaily Telegraph" aus Tokio nicht zutreffen.

*

Die Nanking-Regierung hat bie japanischen Re­gierung eine biitte sehr scharfe Rote überreicht, in ber noch einmal bie sofortige Zurückziehung aller japanischen Truppen verlangt wirb. Die Note- be­hauptet, baß bie japanischen Truppen unnötigerweise Zivilisten getötet unb bereit Eigentum zerstört hätten unb klagt Japan an, baß es die internatio­nalen Gesetze verletzt hätte. In Nanking fan­den Massenversammlungen statt, in denen sofortige Mobilisierung gefordert wurde.

Washington greift ein

Washington, 24. September.

Das Washingtoner Staatsdeparte­ment hat an die japanische und chinesische Regierung

Mon Petit Sie haben eine Persönlichkeit. Las­sen Sie Ihre Individualität nicht verkümmern. In

den Jahren, die da kommen werden, . wird es am schwersten sein, sich die zu erhalten.". Es war mit­ten im Kriege, als es derTiger" zu dcm etwa 32- jährigen Pierre Laval sagte, trotzdem dieser damals noch in dem von ©lemenccau so angefeinöeten sozia­listischen Lager stand. Diesen Eindruck der Kraft, den Laval zu jener Zeit vermittelte, hat er sich in »en Nivellierungsjahren der Slachkriegszeit

Noten gerichtet, in denen unter Bezugnahme auf den Kelloggpakt ober ben Neun-Mächtepakt vom Jah­re 1922 in vorsichtiger Form auf bie gefährliche Lage in der Manbschurej hingewiesen wird. Der Inhalt ber Noten, bie bereits am Mittwoch abgegangen sinb, ist unbekannt.

Staatssekretär S t i mson hat in einer persön­lichen Besprechung mit beut japanischen und chinesi­schen Botschafter bie beiöen Sauber aufgeforbert, bie Feindseligkeiten zu beenben.

Das neue englische

Finanzgeseh angenommen!

London, 24. September.

Das Unterhaus bat nach ber dritten Lesung mit 297 gegen 238 St'.nmen bas neue Finanzgesetz ange­nommen.

Rotfront-Kundgebung

vor Königin Wilhelmine

Amsterdam, 24. September.

Als gestern nachmittag bie Königin in Begleitung bes Prinzgemahls unb ber Thronfolgerin zum Besuch in Amsterbam eintraf, ereignete sich auf bent Platz vor dem Königlichen Schloß ein Zwischenfall. Unter ber zahlreichen Menge, bie überall bie Straßen unb bie Nachbarschaft bes Schlosses umsäumte, befanben sich auch mehrere hunbert Kommunisten, dar- unter Mitglieber bes kürzlich gebilbeten Rotfront- kämpferbunbes. Die Kommunisten brachen beim Her- annahen der königlichen Kutsche in Rotfront-Rufe aus und stimmten später, als bie Königin unter ben Klängen ber Nationalhymne von ben Zuschauern be­grüßt. auf dem Balkon bes Schlosses erschien, bie Internationale an. Die Volksmenge wies jeboch ben kommunistischen Störungsversuch zurück, indem sie durch begeistertes Mitsingen ber National­hymne die Internationale übertönte. Die Polizei brauchte nicht einzuschreiten.

Man braucht nicht zu wissen, daß er aus der Au­vergne stammt ein Bauernsohn dieses harten, kar­gen, von erloschenen Vulianen zerklüfteten Landes. Er trägt die Heimat mit sich, besser gesagt unver- schminkt an sich. Mittelgroß, breitschultrig, ein run­des, dunkelhäutiges Gesicht mit einer niedrigen Stirn, über die wolkig das schwarze Haar fällt, tief­liegende Augen, hinter die Festung »er mächtigen Augenbraneubogen verschanzt ein loser Mund und unter dem schwarzen Schnurrbart ein plötzliches Aufleuchten ber Zähne im Lachen, das diesem Ge­sicht einen zigeunerhaften Anstrich gibt. Der lange Weg von ChLteldon im Departement Puy be Dünne bis in »en silbergrünen Salon des Innenministe­riums hat diesem beweglichen Gesicht »er gestrafften Gestalt nichts von der Frische, der Spannung, der Ungezwungenheit nehmen können. Es ist nichts Er­starrtes an ihm, keine Spur von Maske oder Anpas­sung durch Gewohnheit. Auch kein Anflug von Ver- brauchlheit, reizbarer Müdigkeit ober Skepsis. Er ist auch erst 48 Jahre alt unb repräsentiert das junge Frankreich, dem es endlich gelang, die Vorherrschaft ber Greise zu stürzen. Und er ist auch einer von denen, diegekommen sind, um dazu- bleiben. In der Politik Frankreichs ist Laval zu einem bleibenden Faktor geworden auch wenn er einmal in Opposition gehen sollte, bringt ihn die nächste Welle wieder zurück.

Zäh und konsequent arbeitete Pierre Laval an seinem Aufstieg. Der Bauernsohn hatte von früh an das Bewußtsein, daß ihn sein Weg aus dem engen Kreis herausführen würde, in den er durch seine Geburt hereingestellt war. Als er bereits Kar­riere gemacht hatte, erinnerten ihn Kameraden feiner Kindheit daran, daß er ihnen schon immer als etwas Besonderes erschien, erinnerten ihn an Aussprüche und Handlungen, in denen sich sein eigenes Bewußt­sein dokumentierte. Und es waren keineswegs die bei einer solchen Gelegenheit obligaten Redensarten. Schon der Dreizehnjährige kennt seine eigene Kraft. Er lernt allein, verbissen, ohne Führung, ohne Er­munterung mitten in dem harten, kargen Dasein. Einmal gelingt es ihm 18 Monate lang ins Gymna­sium zu kommen. Aber bann setzt er wieder die ein­same, mühevolle Arbeit für das Abitur fort. Und wie er es besteht, da ist der größte Glückstag seines Lebens da. Es ist ihm, als ob auf einmal alle Türen vor ihm offen stünden. Er geht zuerst den Weg, den so viele französische Politiker gingen, um ihn zu ver­lassen unb zu den höchsten Stellungen zu gelangen den Weg zum Sozialismus. Er war jedoch nie ein DoktrinärDas Marxsche Kapital habe ich selbstverständlich nie gelesen" sein Gefühl treibt ihn zum Sozialismus, fein Blut, seine Zusam­mengehörigkeit mit ber Masse. Tenn er ist ber Masse des französischen Volkes ganz nahe näher mit ihm verwachsen, naher mit ihm ver­wandt als bie meisten seiner Kollegen. Der Kon­takt zwischen ihm unb der Seele des französischen Volkes ist weder durch seine Abkehr von dem soziali­stischen Glaubensbekenntnis der Jugend, noch das Emporsteigen auf ber sozialen Leiter abgerissen. Das ist Pierre Lavals Stärke im Innern des Landes. Er kennt sowohl die spontane Großmacht der Masse, wie die Grenzen, die ihr bie Prudence setzt, er kennt so­wohl ihre Leichtigkeit des Verstehens wie ihre Zähig­keit der Zurückhaltung. Bis dahin und nicht weiter denn über die Grenze hinaus beginnt das Land »er Träume.

Unb Pierre Laval ist ein Mann, der mij beiden Beinen fest auf dem Boden der Wirklichkeit steht, i m Konkreten wurzelt, im Heute denkt.Wir Staatsmänner sind keine Dichter" meint er und lächelt. Pierre Laval denkt in Handlungen. Und er handelt sofort oder nie. Denn zu den beiden hevor- stehenden Eigenschaften: der gebundenen Kraft und der auf das Augenblickliche gerichteten Einsicht kommt als dritte, gleichmäßig starke die Unmittel­barkeit Hinz». Zwischen ihm und den Dingen, zwischen ihm uutz den Menschen, denen es gelang, die Wachtposten seiner Vorsickn zu passieren, gibt es keine Distanz. Seine Entschlüsse setzen sich unmittel- var in Talen um. Aus dieser Unmittelbarkeit heraus griff er zum Telephon, um dem Reichskanzler die wahren Gründe »er verzögerten Reife barzulegen, hob so selbstverständlich den Hörer ab un» verlangte --La Ehancellerie d'Cmpir" als ob es die alltäglichste Sache der Wett wäre, während nicht nur die Tele-

Der japanische Vorstoß ans Charbin

Eigener Drahtberichl.